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Sonntag, 27. September 2015

Warum und wie Hochmut blind macht

Warum dieser Artikel?

Gerade heute wieder musste ich eine Erfahrung machen, die mich sehr schmerzte. Eine Erfahrung, die mich an bereits Bekanntes erinnerte und mich aufs Neue lehrte, was es mit den gesunden und auch ungesunden Formen der Kommunikation auf sich hat. Darüber, was die Grundvoraussetzungen für Kritikfähigkeit und damit für Buße und echte Umkehr sind. 

Diese Erfahrung möchte ich teilen. Denn es scheint mir grundlegend wichtig, die Mechanismen zu durchschauen, mit denen der Feind Gottes uns davon abhalten will, uns selbst im Lichte Gottes zu erkennen und das zu tun, was für den Erhalt Seiner allein lebensspendenden Gnade Grundvoraussetzung ist: Die Erkenntnis unserer Sünden. 

Ich möchte beleuchten, welches systematische Kommunikationsverhalten dazu geeignet ist, das Licht der Wahrheit - über die Wirklichkeit um uns herum aber auch über die Wirklichkeit unsere Fehler in uns selbst - von uns fern zu halten. Und zwar auf eine Weise, die es, zumindest für den Betroffenen, sehr schwierig, wenn nicht gar unmöglich, macht, sie zu durchschauen. Weil sich alles so richtig anfühlt.

Doch der Reihe nach. Was war geschehen? Und welche Erkenntnisse ergeben sich aus dieser Begebenheit? Und inwiefern sind diese für uns alle von Belang?


Der Anlass

Der Anlass war simpel: der Inhaber einer frequentierten christlichen Facebookseite lehnte einen von mir angemeldeten Blogbeitrag ab. Dabei ging es um einen, in dem rennomierten "Tabletalk" Magazin erschienenen und von mir übersetzten Artikel von R.C. Sproul jr., dem Sohn des Gründers des weltweit operierenden Werkes 'Ligonier Ministries' und dem 'Reformation Bible College', welche es sich zum Ziel gesetzt haben, die Herrlichkeit Gottes möglichst vielen Menschen nahe zu bringen.

Warum mich das schmerzte? Wer nun glaubte es läge daran, weil der von mir - mit ach so viel Mühe übersetzte - Artikel nicht gepostet wurde, dem ginge es so, wie dem Inhaber der Facebookseite: er läge falsch.

In dem Artikel mit dem Titel "Von der Gefahr des Hochmuts in theologischer Rechthaberei" (nachzulesen hier) geht es um den Hochmut der Besserwisserei - gerade auch in der Theologie. Ich hatte ihn - mein erster Fehler - auf eben dieser Facebookseite posten wollen, weil mir der Inhaber durch sein von sich selbst in unguter Weise überzeugtes, rechthaberisches und allem Anschein nach unkorrigierbares Verhalten gegenüber anderen Mitgliedern dieses Forums aufgefallen war. 

Natürlich hatte ich damit gerechnet, dass der Artikel nicht zur Veröffentlichung freigegeben werden würde. Doch hatte ich - mein zweiter Fehler - zumindest darauf gehofft, mit dem Betreiber der Seite daraufhin in einen Dialog treten zu können, der, wie ich mir wünschte, am Ende vielleicht doch dessen Einsicht, Reue, Umkehr und Busse, also seine Heiligung zum Ziel haben könnte.


Der Verlauf

Doch weit gefehlt: Was sich aus meiner Nachfrage nach der Begründung für die Ablehnung meines Posts ergab, war mehr als nur ernüchternd. Es war erhellend. Schmerzhaft, aber erhellend. 

Schmerzhaft, weil es mir erneut die Unmöglichkeit vor Augen hielt, einen Dialog zu führen, in dem die Kommunikation von den hier noch im Detail aufzuzeigenden Mängeln geprägt ist. Schmerzhaft, weil diese Mängel es mir unmöglich machten, einem Menschen zu einer gewinnbringenden Erkenntnis zu verhelfen; zu einer womöglich lebenswichtigen Erkenntis. Schmerzhaft auch, weil dieser Prozess von Unterstellungen, Beleidigungen und irrigen Behauptungen nur so strotzte. Und erhellend, weil mir - noch klarer als bisher - deutlich wurde, mit welchen Finten uns der Feind ins Bockshorn jagt und uns für die Erkenntnis der Wahrheit verblendet.

Dabei fing alles ganz harmlos an. In der initialen Antwort auf meine Frage, warum der Artikel nicht gepostet wurde, waren unter anderem folgende Aussagen zu lesen: "Der Artikel ist per se nicht schlecht. Das Problem ist nur. Mit dieser Argumentation kann man auch jegliche biblische Diskussion totschlagen und das erlebe ich seit Jahren regelmäßig sowohl im Internet als auch im realen Leben." Dann folgte die Begründung, dass "ich diese Argumentation nicht so übernehmen kann obwohl sicher richtige Aspekte dabei sind. ... Der Artikel könnte hier verunsichern weil es ohnehin schwer ist gesunde Lehre in der heutigen Zeit richtig rüberzubringen."

Wer den Artikel gelesen hat - und ich bitte meine Leser, dies zu tun - wird schnell feststellen, dass es in dem Artikel beileibe nichts gibt, was verunsichern könnte. Auch nichts, was einen etwa falschen Aspekt beinhalten würde, der dazu geeignet wäre, die gesunde Lehre zu trüben. Es wird ihn ihm lediglich sehr klar aufgezeigt, wie heimtückisch der Feind Gottes ist, indem er selbst noch unser Bemühen um theologische Korrektheit mit der Sünde des Hochmuts verdirbt. 

Ein sehr ernüchternder, demütigender und lehrreicher Artikel also.

Meine Rückfrage, was denn konkret an dem Artikel "verunsichernd" sei oder gar "falsche Aspekte" beinhalte, stellte ich dabei nicht "einfach so", sondern stellte, um eine gemeinsame Basis herzustellen, erst einmal unsere Gemeinsamkeiten heraus: die Liebe zum Wort Gottes, das Faktum, dass biblische Lehre heutzutage nicht mehr allerorten gern gehört wird und meine Bestätigung der Überzeugung meines Gegenübers, dass es zuweilen auch notwendig ist, Korrektur zu üben. Allein darauf wies ich hin, dass - meiner Erfahrung nach und auch im Einklang mit der Schrift - alle Korrektur in Liebe und Demut zu geschehen habe, nicht in besserwisserischem Hochmut, wie es ja auch der zur Veröffentlichung angefragte Artikel selbst es schon beinhaltete und wie ich es in seinen Antworten auf seiner Facebookseite schon zu lesen vermeint hatte.

Meine Fragen waren klar und bezogen sich dabei auf die Ermittlung von Fakten: Inwiefern der Betreiber der Seite in dem von mir geposteten Artikel eine Gefahr sehe? Und welche spezifischen Gedanken oder Aussagen des von mir übersetzten Artikels mein Gegenüber denn konkret als geeignet betrachte, Menschen zu verunsichern oder gar in eine unbiblische Irre zu leiten?

Die erste Antwort auf diese Fragen war noch sachlich, lenkte aber von den Fragen ab und suchte - mit der Frage, wer die Kirchenväter seien (die ich unter anderem mit dem Namen 'Augustin' beantwortete) - einen Nebenkriegsschauplatz zu eröffnen. Ich blieb jedoch beständig und bat, im Sinne des Dialoges, nochmals höflich und herzlich um die Klärung der noch offenen Fragen. 

Was dann folgte war, gelinde gesagt, interessant: Das Spektrum der Antworten reichte von belehrenden Imperativen "Also wachse im Wort und lerne das was du gelernt hast zu behalten..." bis hin zu noch weiter vom Thema (wir erinnern uns an die eigentlichen Fragen: "Was konkret an dem Artikel ist verunsichernd?" "Oder gar zur Irreführung geeignet?") ablenkenden Behauptungen, wie "Augustin ist ein Irrlehrer und ... hat den Startschuss für satanische Irrlehren gegeben ... für mich ist er kein Kirchen Väter eher ein Irrlehrer des Teufels" und gipfelte in der daraus abgeleiteten Begründung "deswegen veröffentliche ich solche scheinheiligen Ausführungen nicht". Was also zu Anfang noch ein Artikel war, der "per se nicht schlecht" ist, war nun in den Augen meines Gegenübers bereits zu "scheinheiligen Ausführungen" mutiert. 

Nach einer kurzen Klarstellung meiner sehr hohen Sicht von Augustinus (mit dem Verweis auf die grundlegende Biblizität seiner Lehre und vor allem der Vorbildlichkeit seiner, Gott über alles liebenden, Frömmigkeit) machte ich nochmals auf meine Intention aufmerksam und wies darauf hin, dass meine Fragen nicht ohne Grund gestellt seien, sondern ich vielmehr überzeugt sei, dass sich in dem betreffenden Artikel nichts widerbiblisches finden lasse. Und bat nochmals höflich um Beweise anhand von Zitaten und diesen widersprechenden Belegen aus der Heiligen Schrift. Auch verlieh ich meiner zunehmenden Sorge um die Korrigierbarkeit der Ansichten meines Dialogpartners Ausdruck.

Nun wurde der Ton schärfer: Meine Worte wurden als "Unsinn" hingestellt und dieser "Unsinn" dann (obwohl ich gar nicht mehr danach gefragt hatte) als neueste Begründung für die Nichtveröffentlichung des Artikels verwendet. Inzwischen schien meinem Gegenüber klar, wer ich sei: Worte, wie "Oberlehrer", "Heuchelei" und "Lüge" kamen ins Spiel, gekrönt von dem Vorwurf, der "Gesetzlichkeit" vorschub leisten zu wollen.

Unter Gebet mühte ich mich weiter um Liebe, Demut und Wahrhaftigkeit und wies auf die Tatsache hin, dass meine Fragen noch immer nicht beanwortet seien und dass, neben immer neuen (und großteils unhaltbaren) Behauptungen, nun auch noch Beleidigungen und Unterstellungen hinzugekommen seien, gegen die ich mich - noch immer höflich und unter Hinweis auf mein wahres Wesen - verwehrte. 


Das Problem 

An dieser Stelle wurde mir klar, wo eigentlich das kommunikatorische Problem lag: Es lag nicht in unserem Willen zum Dialog. Auch nicht daran, dass der eine nicht hätte verstehen können, was der andere sagte. 

Das Problem lag tiefer: es lag in der dem Dialog zugrunde liegenden Systematik.

Aus Vermutungen, Hypothesen und Annahmen wurden - ohne weitere Prüfung - in den Augen meines Gegenübers Fakten. Statt konkreter Antworten kamen weitere Behauptungen. Und aus den Behauptungen wurden - wieder ohne weiteres Zutun - in den Augen meines Gegenübers Beweise. Und so wurde der Dialog quasi zum diadischen Monolog. Wir redeten aneinander vorbei. Jeder von uns am anderen.

Die Schwierigkeit scheint mir dabei eine epistemologische zu sein. Und genau hier setzt der Feind an: indem er uns die Wahrheit verdunkelt und damit die Erkenntnis. Und zwar nicht nur die Erkenntis des wahren Gegenstandes des Dialoges. Sondern auch und vor allem die Selbsterkenntnis darüber, dass mir eben diese Wahrheit verdunkelt ist. 

Unser Feind ist dabei so gerissen, dass er uns auch noch dieses Faktum, diese mangelnde Erkenntnis unserer Blindheit, mit einem Pseudo-Wissen verdeckt. Wir haben doch schließlich unsere eigenen Hypothesen klar erkannt? Schließlich haben wir doch allen Grund für unsere Behauptungen? Wozu noch Fragen beantworten, wenn alles so klar scheint?

Und hier liegt die Crux. Wie schon Wittgenstein sagte: "Wahrheit ist alles, was der Fall ist." Wahrheit ist immer kongruent mit der Realität. Wahrheit beruht auf Fakten, nicht allein auf Eindrücken oder Vermutungen. Wahrheit aber erschließt sich uns durch Fragen, auf die Antworten gefunden werden, nicht durch Eindrücke oder Meinungen, die als Fakten gesetzt werden.

Wo ein Dialog jedoch die Fragen des Gegenübers nicht mehr wahrnimmt, sondern sich in immer neuen Behauptungen ergeht, die in der jeweiligen Vorstellungswelt nur als Annahmen ihren Grund haben, nicht aber in der faktischen Realität, kann keine Erkenntnis mehr geschehen. Ja, nicht einmal mehr der Beweis dieses Mangels ist möglich - denn auch dieser müsste sich ja auf Fakten stützen. Fakten die - ob in Form von Fragen und Antworten oder in Form des Beweises von Behauptungen - sich dem Zugriff des Verblendeten entziehen: Wozu noch Antworten oder Beweise, wo doch die eigene Welt schon fertig scheint? 

Statt Frage und Antwort, Gegenfrage und Gegenantwort, statt These und Antithese und letztendlich Synthese, biegt der Dialog nach der Frage ab und ergießt sich in Behauptungen. Behauptungen, die sich aus der eigenen Vorstellungswelt speisen durch Vermutungen, Annahmen, Hypothesen und Ideen. Behauptungen, die, nach dem Beweis ihrer Faktizität befragt, nur noch weitere Behauptungen zur Antwort bekommen. Der Dialog dreht sich nicht einmal mehr im Kreis sondern verhindert sich selbst.

Das Wesentlichste aber ist: auf diese Weise ist es unmöglich! zweierlei zu erkennen: die Fehlerhaftigkeit der eigenen Schlüsse als auch die Fehlerhaftigkeit der eigenen Annahmen. Und so ist der Mensch ausgeschlossen von der Erkenntnis der Wahrheit  des Gesprächsgegenstandes und von der Erkenntnis der Wahrheit, dass er von dieser Wahrheit ausgeschlossen ist - und hat doch den Eindruck, alles sei beim Besten.


Die Strategie

Somit ist die Strategie des Feindes, die er dazu benutzt, uns zu blenden und uns im Hochmut unserer vermeintlichen Besserwisserei gefangen zu halten, klar:

1. Halte Deine Annahmen, Ideen, Hypothesen und Vermutungen für Fakten
2. Halte Deine darauf basierenden Schlüsse und Behauptungen für Beweise
3. Halte Deine Beweise für Begründung genug, keine Fragen zu beantworten
4. Beantworte keine Fragen sondern stelle immer neue Behauptungen auf
5. Spicke alles (ad hominem!) mit Angriffen auf die Integrität Deines Gegenübers
6. Wenn Dein Gegenüber noch mmer nicht locker lässt: breche den Dialog ab

Ihnen allen zugrunde liegt die Wurzel des Hochmuts: zu meinen, bereits zu wissen, was Faktum ist und es nicht mehr nötig zu haben, sich einem fragenden Dialog zu stellen. Es nicht mehr nötig zu haben, nach der Wahrheit zu suchen. Wie unendlich grotesk solcher Hochmut ist, wird uns vielleicht erst dann klar, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass es Jesus Christus selbst war, der von sich sagte, Er sei die Wahrheit in Person (Joh 14,6). 


Fazit

Der Glaube daran also, die Wahrheit bereits so vollständig erkannt zu haben, dass ich mich keiner Frage oder Rückfrage mehr zu stellen brauche, keinem beständigen Suchen nach Fakten, um aus Hypothesen Wissen zu gewinnen, kommt dem Anspruch gleich, den allmächtigen, allweisen und unendlichen Gott selbst verstanden haben zu wollen.

Diese Annahme, dieser Hochmut, macht uns - auf die oben gezeigte Weise - blind. Gott bewahre uns in unseren Gesprächen vor dieser Strategie des Feindes. Gott gebe uns, dass wir demütig genug bleiben, die Fragen unserer Dialogpartner ernst zu nehmen und sie zu beantworten und unsere eigenen Ideen und Annahmen zu hinterfragen - anstatt zu glauben, wir wüssten alle Antworten schon. Denn eben dieser Glaube ist Hochmut und führt nicht ins Licht, sondern in die Finsternis. Er macht uns blind für unsere eigenen Irrtümer und Fehler; im Reich Gottes, das auf Umkehr und Gnade ruht, der folgenschwerste Fehler überhaupt.

Samstag, 26. September 2015

Von der Gefahr des Hochmuts in theologischer Rechthaberei



TABLETALK FEBRUARY 2012, S. 27 

Von Dr. R.C. Sproul. jr.

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Michael Künnemann 

Überlasse es den reformierten Menschen, den Punkt zu verfehlen. Wenn Paulus den Leib Christi als einen Körper beschreibt, der zum Teil aus Händen, Ohren und so weiter besteht, sind wir schnell dabei unser Revier abzustecken - wir sind das Gehirn der Kirche. Wir sind diejenigen die mit Fug und Recht so besorgt um unsere Theologie sind. Die großen Denker der Kirche waren reformiert und man könnte sicher behaupten, dass der größte Denker, in theologischer oder anderer Hinsicht, der jemals die Küsten Nordamerikas beehrte, Jonathan Edwards war.


Es steht außer Frage, dass dieser Mann einen überragenden Intellekt hatte. Wir wären gut beraten, uns zu seinen Füßen zu setzen und von ihm zu lernen. Edwards über den Willen ist unwiderlegbar genial. Edwards über die Trinität wird Dich ganz wirr im Kopf machen. Edwards war ein gigantischer Geist, dessen Brillanz nur noch von seinem aufrichtigen und leidenschaftlichen Herzen überstrahlt wurde. Sollten wir die theologische Weisheit Edwards' zu eigen machen? Natürlich, auf jeden Fall. Es wäre jedoch noch besser, wenn wir vom Hingegebensein seiner Seele kosten würden.

Natürlich erhöhen wir die Inbrunst unserer Gefühle nicht, indem wir die Aufnahmefähigkeit unseres Gehirns herunterfahren. Noch werden wir jemals die Frucht des Geistes tragen, wenn die Saat des Wortes nur in den felsigen Boden unserer Gehirne, statt in den fruchtbaren Boden unserer Herzen pflanzen. Sicher müssen wir Ihn kennen um Ihn zu lieben. Sicher müssen wir Ihn studieren, um Ihn zu kennen. Doch niemand hat Ihn gründlicher studiert, als der Teufel und es hat ihm nicht im Mindesten gut getan. 

Erst vor einigen Wochen, während ich schreibe, öffnete das Reformation Bible College seine Türen zum ersten Mal. Der erste Kurs, den ich lehrte, hat einen ziemlich pompösen Namen: ST101 Theologische Prolegomena. Diese hochgestochene Überschrift bedeutet so ungefähr "Einführung in die Systematische Theologie". Es ist das Studium, welches wir betreiben, bevor wir unser Studium beginnen. Geschichtlich gesehen würde ein solcher Kurs, einleuchtender weise, mit der Lehre der Offenbarung beginnen, untersuchend, wie Gott Sich Selbst in Seinem Wort und der Natur offenbart. Er würde Kernpunkte des Kanons berücksichtigen und verschiedene Theorien der Inspiration. Wir werden, letztendlich, zu diesen wichtigen Punkten kommen. In einem anderen Semester werden wir unsere Aufmerksamkeit dem zuwenden, was wir "Theology Proper" [d.i. "Vom Wesen Gottes", ein Teilbereich der Systematischen Theologie, Anm. d. ÜS.] nennen, dem effektiven Studium des Wesens und der Eigenschaften Gottes. Ungeachtet des Unterrichtsstoffes dieses künftigen Kurses, begannen wir diesen ersten Kurs mit einem klassischen Werk, The Holiness of God.

Meine Befürchtung, im Blick auf diesen ersten Kurs war, dass wir in die Falle gehen würden, in die schon so viele reformierte Menschen tappten. Ich befürchtete, dass wir, selbst mit den herrlichen Wahrheiten der Schrift, dabei landen würden, den Ohren zu schmeicheln. Ich wäre schuldig, den Ohren zu schmeicheln, wenn ich, in meiner Lehre, die Studenten dazu ermutigte zu dem Schluss zu kommen, "Was für ein pfiffiger Mensch ich doch bin!" anstatt: "Was für ein herrliches Evangelium hat einen so elenden Sünder wie mich gerettet." Ich wollte uns, durch das gemeinsame Studium dieses Buches, ermöglichen, in den Spiegel Seines Charakters und Seiner Herrlichkeit zu sehen, um zu erkennen, abscheulich wir sind. I wollte, dass wir etwas vom Umfang Seiner Transzendenz verstehen auf dass wir jemals versucht wären, zu dem Schluss zu kommen, dass unsere Studien in den Himmel reichten, wie der Turm zu Babel. Ich hatte Angst um meine Studenten, gerade weil ich mich erinnerte, wie ich als Student so war. Mit was für einem cleveren Teufel wir doch kämpfen, der unser Studium einwandfreier Theologie in eine Gelegenheit zum Stolz verwandeln kann. 

Wir werden nicht gesund werden, bis wir diese offenkundige Wahrheit annehmen: Pfiffig zu sein ist keine der Früchte des Heiligen Geistes. (Hervorhebungen durch den ÜS.) Natürlich haben wir Gott mit unserem ganzen Verstand zu lieben. Doch wir sollen Gott mit all unserem Verstand lieben, Ihn nicht bloß verstehen. Wenn unser Wissen die Distanz von unseren Köpfen hinunter zu unseren Herzen nicht durchqueren kann, leiden wir unter geistlicher Leere. Wir werden nicht anfangen gesund zu werden, bis wir diese offenkundige Wahrheit annehmen: Wir kommen ins Königreich nicht als Wissenschaftler oder Studenten, sondern als Kinder.

Kurz: Wir werden nicht gesund werden wenn und bis wir nicht lernen aufzuhören, akademischem Respekt nachzulaufen, und zu beginnen, das Königreich Gottes und Seine Gerechtigkeit zu suchen. Wir sollen alle irdische Sorge hinter uns lassen. Wir sollen aufhören, zu suchen, was die Heiden suchen. Die Frucht der Liebe, ist letztendlich die Frucht des Geistes. Liebe zeugt Liebe. Liebe bringt Freude hervor. Liebe spendet Frieden. Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstdisziplin: all diese brechen hervor wie die großen Reben voll Trauben, welche die Israelitischen Späher im Gelobten Land fanden. Keine von diesen kommt jedoch hervor von dem unfruchtbaren Boden unserer intellektuellen Neugier, viel weniger noch von der verbrannten Erde intellektuellen Stolzes.

Edwards war ein großer Mann Gottes. Das war er jedoch, weil er erstrebte, ein Mann Gottes zu sein, anstatt ein großer Mann zu sein. Dass seine Nachkommenschaft Senatoren und Gouverneure waren, Professoren und Universitäts-Rektoren, bedeutete ihm gar nichts. Dass sie demütig dem Sohn des Zimmermanns aus Galiläa folgten - das war, was er hoffte und wofür er betete und arbeitete. Das ist die Frucht der Nächstenliebe.
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Dr. R.C. Sproul Jr. ist Lehrbeauftragter bei Ligonier Ministries, Gründer von Highland Ministries und Autor von Bound for Glory: A Practical Handbook for Rainsing a Victorious Family. Folge ihm auf Twitter @RCSproulJr.

Sonntag, 9. August 2015

Vom verlorenen Schaf (Mt 18:10-14)

Text

10-11 Seht zu, daß ihr nicht einen von diesen Kleinen verachtet. Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel sehen allezeit das Angesicht meines Vaters im Himmel. 12 Was meint ihr? Wenn ein Mensch hundert Schafe hätte und eins unter ihnen sich verirrte: läßt er nicht die neunundneunzig auf den Bergen, geht hin und sucht das verirrte? 13 Und wenn es geschieht, daß er's findet, wahrlich, ich sage euch: er freut sich darüber mehr als über die neunundneunzig, die sich nicht verirrt haben. 14 So ist's auch nicht der Wille bei eurem Vater im Himmel, daß auch nur eines von diesen Kleinen verloren werde.


Kommentar

Zusammenfassung

Unsere Geschwister zu verachten heißt, ihrer Verführung zur Sünde des Abfalls vollkommen gleichgültig gegenüber zu stehen. Dies soll nicht so sein. Vielmehr sollen wir uns an Gottes Liebe orientieren, die uns am Bild des sorgenden Schäfers verbildlicht wird, und unseren irrenden Brüdern und Schwestern so lange nachgehen, bis wir sie voller Freude wieder in unsere Arme schließen können; in der Gewissheit, dass es Gottes unumstößlicher Wille ist, endlich jeden zu retten, den er einmal erwählt hat.


Struktur

10-11 Wir sollen unsere Geschwister, deren Engeln allezeit Gottes volle Aufmerksamkeit geschenkt ist, nicht durch unsere Gleichgültigkeit gegenüber deren Versuchung zum Abfall verachten.

12-13 Ganz im Gegenteil: an Gottes inbrünstiger Liebe sollen wir uns ein Beispiel nehmen, die den vom Wege Abgeirrten nachgeht, wie ein Schäfer seinem verirrten Schaf, bis Er sie voll Freude wieder in Seine Arme schließen kann.

14 Weil dies so ist, dürfen wir sicher wissen und mit Paulus sagen: "ich bin darin guter Zuversicht, dass der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird's auch vollenden bis an den Tag Christi Jesu." (Phil 1:6)


Inhalt

10-11 Im vorangehenden Abschnitt warnt unser Herr eindringlichst davor, auch nicht einen Seiner "Kleinen", auf welche Weise auch immer, zum Abfall zu verführen und mahnt auch uns auf's Schärfste, unser eigenes Tun mit äußerstem Einsatz von Sünde freizuhalten (Mt 18:6-9). Wie wir damit umgehen sollen, wenn die Sünde dennoch droht, die Gemeinschaft der Heiligen zu verderben, lesen wir im sich dem vorliegenden Abschnitt anschließenden Text. (Mt 18:15-17) Wenn also nun im vorliegenden Text die Rede von Verachtung ist (Mt 18:10), so ist damit eine Geringschätzung der Art gemeint, die sich in einer vollkommenen Gleichgültigkeit gegenüber der Tatsache ausdrückt, dass diese "Kleinen Gottes", unsere Geschwister, durch Sünde (Mt 18:15) zum Abfall verführt werden. (Mt 18:6)

Ganz im Gegensatz zu solch hochmütigem Herabsehen steht die Realität dessen, was im Himmel geschieht. Die Heerscharen der Engel, heilig und rein, welche den Gläubigen dienen (Heb 1:14), haben zu jeder Zeit völlig ungehinderten Zugang zum Allerhöchsten - ja sehen Sein Angesicht! -, solches Interesse hat Gott selbst am Wohl Seiner Kinder. Das ist es, was Jesus den Verächtern zuruft. Seht Euch vor! Irrt Euch nicht! Was immer ihr diesen Kleinen tut, seht zu, dass ihr Ihnen nicht durch Euer Verhalten schadet. Denn es sitzt jemand im Himmel, der sie liebt. Der sie so hoch achtet, dass er ihren Dienern jederzeit direkten Zugang zu sich gewährt. Vergesst es nicht! Dieser Jemand ist Gott, Euer Richter (1Chr 16:14, Ps 94:2), der auch mit dem endgültigen Gericht des Höllenfeuers strafen kann und, wenn es Not tut, wird. (Mt 18:3.6-9)


12-13 Ganz im Gegensatz zu solch verachtendem Verhalten stellt uns Christus, am Beispiel eines verirrten Schafes, Gottes Liebe dar. Auch nicht der kleinste Funke an Verachtung ist hier zu spüren angesichts der Verirrung, die im Gleichnis für die zum Abfall führende Sünde steht, sondern lauter Liebe. Hat sich auch das Schaf höchst selbst auf einen Irrweg begeben und sich der Obhut seines Hirten so entzogen, so ist hier von Strafe, und viel weniger noch von Geringschätzung, keine Rede. 

Die sorgende Liebe Gottes treibt Ihn vielmehr auf die Suche nach denen Seiner Kinder, die vom rechten Wege abgekommen sind und nun in der Irre umzukommen drohen. Wie groß die Liebe Gottes auch zu Seinen irrenden Kindern ist, zeigt sich dabei nicht nur darin, dass er sich um ihretwillen auf eine womöglich lange Suche macht, sondern sie äußert sich vor allem in der unbändigen Freude darüber, dass Er sie endlich wieder in die Arme schließen kann.

14 In gleicher Weise, wie der Schäfer fest entschlossen ist, seinem einem verirrten Schaf nachzugehen, um es vor dem sicheren Tod zu retten, so ist es auch der unumstößliche Entscheid unseres Himmlischen Vaters, dass nicht eines Seiner Kleinen verloren gehe. Vielmehr dürfen wir wissen, dass unser "Vater ... größer [ist] als alles, und niemand kann sie aus des Vaters Hand reißen." (Joh 10:29) Und in dieser Gewissheit darf unsere Seele zur Ruhe kommen: was unser allmächtige Gott sich einmal vorgenommen hat, das wird auch wahr werden. "Denn die er ausersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dass sie gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes, damit dieser der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen; die er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht." (Rö 8:29-30)


Fragen und Anregungen zur praktischen Anwendung
  • Wenn nun Gott, der Allmächtige Souverän des Alls, Deinem sündigenden Bruder und Deiner verirrten Schwester nachgeht, willst Du Ihnen nicht auch nachgehen, Ihnen, die gar vom Abfall bedroht sind, bis Du sie wieder gefunden hast, und sie voll Freude umarmen?

Der Rangstreit der Jünger (Mt 18:1-5)

Text
 
1 Zu derselben Stunde traten die Jünger zu Jesus und fragten: Wer ist doch der Größte im Himmelreich? 2 Jesus rief ein Kind zu sich und stellte es mitten unter sie 3 und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. 4 Wer nun sich selbst erniedrigt und wird wie dies Kind, der ist der Größte im Himmelreich. 5 Und wer ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf.


Kommentar

Zusammenfassung

Zurück in Kapernaum, im Hause Petri, entlarvt Christus den heimlichen Rangstreit der Jünger und stellt ihnen die himmlischen Maßstäbe von groß und klein anhand eines Kindes vor Augen: Nur wer sich vom weltlichen Maßstab autonomer Macht abkehrt und zum demütigen Diener Gottes und seiner Nächsten wird, wird einmal Einlass bekommen und groß heißen in Gottes himmlischer Welt. Mit so zu Kindern gewordenen Nachfolgern macht sich der lebendige Gott eins.


Struktur

1 Von Jesus entlarvt, offenbaren die Jünger ihr Diskussionsthema: ihren Rangstreit.

2-4 An einem kleinen Kind illustriert Jesus die Qualitäten wahrer himmlischer Größe und mahnt seine Jünger zur Umkehr ohne die ihnen das Himmelreich verschlossen bliebe. 

5 Und er sagt denen, die zu solchen Kindern werden, zu, mit ihnen eins zu werden.


Inhalt

1 Zur gleichen Zeit und am gleichen Ort, in Petri Haus in Kapernaum wo auch Christus zu Hause war (Mk 9:33), sprach Jesus nicht nur mit Petrus über die Tempelsteuer, sondern klärte auch den Rangstreit der Jünger. 


Dabei traten die Jünger, wie wir aus den Synoptikern wissen, nicht ganz freiwillig zu Jesus (Vers 1). Er erkannte vielmehr schon die Gedanken ihres Herzens (Lk 9:46-47) und fragte sie, über was sie auf dem Wege nach Kapernaum miteinander diskutiert hätten und brachte sie so vorerst zu betretenem Schweigen (Mk 9:33-34). Dann erst bekennen sie ihm, worum es in ihrem Gespräch auf dem Heimweg gegangen war: sie wollten, wohl angeregt durch die Ankündigung des Sterbens ihres Herrn (Mt 17:23) wissen, wer im Himmelreich wohl der Größte unter ihnen sein würde.


2-4 Bevor er seine Antwort gibt, ja gerade um sie zu geben und zu illustrieren, ruft Jesus ein kleines Kind zu sich und stellt es - als Sinnbild - in die Mitte der Jünger. Und dann erst, angesichts dieses lebendigen Beispiels, lehrt er sie die himmlische Ordnung von groß und klein. 

So wichtig ist ihm, was er seine Jünger zu lehren hat, dass er seinen Satz mit einem "Amen", einem "So ist es" beginnt: wenn sie nicht kehrt machten, sich abkehrten von ihrem von der Welt und somit vom Feind geprägten Verständnis von groß und klein, so bliebe ihnen der Zutritt zu Gottes himmlischem Reich für immer versperrt! 

Nicht, was die Welt groß nennt, was prunkvoll ist und reich, mächtig oder bekannt, ist in Gottes Himmelreich groß. Nicht wer andere unterdrückt, niemandem gehorcht und sich selbst Gesetz ist gilt in der himmlischen Welt etwas.

Sondern was in den Augen der Welt klein, ja ein Nichts ist: Wer aus Liebe zu Gott, der ihn ohne Verdienst begnadigt hat, sich unter dessen Herrschaft stellt und so zu seinem Nächsten sich herabbeugt und sich niedrig macht, wer seine Gaben unter Gottes Herrschaft stellt, aus Liebe sich zum Letzten macht und - zur Freude und zum Dank von Gott und Menschen - helfend aller Diener wird (Mk 9:35), der ist wahrlich groß, ja der Größte, in Gottes Himmelreich.


5 Solche Umkehr aber und solches Niedrigsein hat weitreichende Folgen: Wer auch immer einen Jünger Christi bei sich aufnimmt - einen also, der sich abgekehrt hat von den Maßstäben dieser Welt und in Demut der Liebe gehorsam geworden ist, wie ein kleines Kind - der nimmt, so er es denn in Christi Namen und Auftrag tut, Christus selbst in sein Haus auf: (Joh 17:23), der sich mit ihnen eins gemacht hat.


Fragen zur praktischen Anwendung

1. Wo in Deinem Leben würdest Du selber gerne vor den Augen der Welt groß sein?
2. Willst Du herzlich davon umkehren und Christus in dienender Liebe nachfolgen?
3. Begreifst Du die Bedeutung, dass der Lebendige selbst sich mit Dir eins macht?

Sonntag, 31. März 2013

Die kanaanäische Frau (Mt 15:21-28)

Text
 
21 Und Jesus ging weg von dort und zog sich zurück in die Gegend von Tyrus und Sidon. 22 Und siehe, eine kanaanäische Frau kam aus diesem Gebiet und schrie: Ach Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt. 23 Und er antwortete ihr kein Wort. Da traten seine Jünger zu ihm, baten ihn und sprachen: Laß sie doch gehen, denn sie schreit uns nach. 24 Er antwortete aber und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. 25 Sie aber kam und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir! 26 Aber er antwortete und sprach: Es ist nicht recht, daß man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde. 27 Sie sprach: Ja, Herr; aber doch fressen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen. 28 Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde.


Kommentar

Zusammenfassung
Nach seinem Rückzug aus Galiläa in die großen Hafenstädte des götzendienerischen Syrien wird Christus von einer heidnischen Mutter mit der flehentlichen Bitte um Befreiung ihrer von einem Dämon geplagten Tochter bedrängt. In vier Stadien der Prüfung ihres Glaubens und ihrer Demut widerfährt ihr von Christus zuerst Schweigen, dann Ablehnung durch seine Nachfolger, eine niederschmetternde und demütigende Antwort durch Christus selbst mit dem Hinweis auf Seine Sendung und letztlich, angesichts ihres noch immer unerschütterlichen Glaubens und demütigen Gebets, die freie Gnade der Gebetserhörung.


Struktur

21
Jesus zieht sich aus dem Machtbereich der Pharisäer und Römer nach Syrien zurück.

22-23a Eine Mutter aus dem heidnischen Kanaan bittet um die Befreiung ihrer Tochter aus der plagenden Gewalt eines Dämons und erntet anfangs nur Christi Schweigen.

23b-24 Die Frau lässt in ihrem Gebet nicht nach und seine Jünger, die ihrer ledig werden wollen, erfahren von Christi Missionsauftrag, der dem Anliegen der Heidin entgegensteht.

25-26 Die Frau wagt einen dritten Anlauf, fällt Christus anbetend zu Füßen und erhält eine abweisende, läuternde und demütigende Antwort mit dem Hinweis auf Christi Sendung und Auftrag.

27-28 In ihrem vierten und letzten Versuch demütigt sich die Frau, gegen jede Hoffnung glaubend, unter die Heiligkeit und Souveränität Christi und erfährt die Gnade der Erhörung.


Inhalt

21 Nach seiner Auseinandersetzung mit den Pharisäern in Genezareth zog Jesus sich aus Galiläa in die römische Provinz Syrien, genauer: in die Gegend der beiden großen Hafen- und Handelsstädte Tyrus und Sidon zurück. Möglicherweise allein zum Schutz vor dem Zorn der Pharisäer (siehe Mt 15:12) aber auch heraus aus dem Machtbereich Herodes Agrippas (vgl. Kommentar zu Mt 14:13a). Aus eben diesem Gebiet kamen später viele Menschen, um ihn zu hören (Mk 3:8; Luk 6:17).

22-23a Die Frau, die sich Jesus nahte kam also aus Kanaan, dem Land des Sohnes Hams, des jüngsten Sohnes Noahs, den sein Vater dazu verfluchte, seinen Brüdern und deren Nachkommen für immer ein Knecht zu sein, weil er die Blöße seines Vaters aufgedeckt hatte (1Mo 9:22-28). Dem Land, dessen Völker Gott aufgrund ihres Götzendienstes vertilgen wollte. Dem Land, von dem er Seinem Volk geboten hatte, die darin befindlichen Götzenopferstätten zu vernichten und sich aus demselben keine Frauen zu nehmen, damit sie Sein Volk nicht verführten (2Mo 23:23-24, 5Mo 7:1-5); dem Land, in dem „Milch und Honig fließen“ (2Mo 3:8.17, 13:5). Doch trotz Ihres abgöttischen Umfeldes wusste diese Frau offenbar, wer Jesus wirklich war, denn sie nennt ihn "Sohn Davids", das ist der Titel des Messias, des geistlichen Nachkommen König Davids (Rut 4:22, Jes 11:1ff, Mt 1:6a, Apg 13:22).

Diese Frau also kommt aus dem verfluchten und götzendienerischen Land westlich des Jordans und doch wendet sie sich an Jesus, den sie als Christus und Messias erkennt und dem sie sich in ihrer Not anvertraut: Ihre Tochter wird von einem Dämon grauenvoll malträtiert. Und in ihrer Mutterliebe schreit sie ihre Not heraus und fleht Christus an, sich ihrer zu erbarmen. Doch unser Herr antwortet ihr kein einziges Wort. Dieses Schweigen angesichts so großer Not und so großer Mutterliebe scheint uns unverständlich, hart und bitter. Wie kann unser Heiland, der "HERR, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue" (2Mo 34:6) so kalt und herzlos auf ein so inbrünstig dargebrachtes Gebet reagieren? Und doch bleibt Christi Schweigen vorerst die einzige Antwort, die diese Frau erhält.

So erleben auch wir es oft in unserem Glaubensleben hier auf Erden. Und mit dieser Erfahrung sind wir nicht allein, im Gegenteil: wir sind bester Gesellschaft. Denn so erlebte es schon David, der Mann nach dem Herzen Gottes, als er dichtete:
"HERR, wie lange willst du mich so ganz vergessen?
Wie lange verbirgst du dein Antlitz vor mir?
Wie lange soll ich sorgen in meiner Seele
und mich ängsten in meinem Herzen täglich?"
(Ps 13:2-3)
"Meine Tränen sind meine Speise Tag und Nacht,
weil man täglich zu mir sagt: Wo ist nun dein Gott?"
 
(Ps 42:4)
"In der Zeit meiner Not suche ich den Herrn; meine Hand ist des Nachts ausgereckt und lässt nicht ab; denn meine Seele will sich nicht trösten lassen. Ich denke an Gott - und bin betrübt; ich sinne nach - und mein Herz ist in Ängsten ... Meine Augen hältst du, dass sie wachen müssen; ich bin so voll Unruhe, dass ich nicht reden kann. ... Ich denke und sinne des Nachts und rede mit meinem Herzen, mein Geist muss forschen. Wird denn der Herr auf ewig verstoßen und keine Gnade mehr erweisen? Ist's denn ganz und gar aus mit seiner Güte, und hat die Verheißung für immer ein Ende? Hat Gott vergessen, gnädig zu sein, oder sein Erbarmen im Zorn verschlossen? ... Ich sprach: Darunter leide ich, dass die rechte Hand des Höchsten sich so ändern kann." (Ps 77:3-5.7-11)
"Ich harre des HERRN, meine Seele harret, und ich hoffe auf sein Wort.
Meine Seele wartet auf den Herrn mehr als die Wächter auf den Morgen;
mehr als die Wächter auf den Morgen..." (Ps 130:5-6)

Auch Hiob und Jeremia wissen von solchen schrecklichen Wüstenzeiten zu berichten. Hiob sprach: 
"Er hat meinen Weg vermauert, dass ich nicht hinüberkann, und hat Finsternis auf meinen Steig gelegt. Er hat mir mein Ehrenkleid ausgezogen und die Krone von meinem Haupt genommen. Er hat mich zerbrochen um und um, dass ich dahinfuhr, und hat meine Hoffnung ausgerissen wie einen Baum" (Hi 19:8-10)

Und Jeremia klagt: 
"Ich bin der Mann, der Elend sehen muss durch die Rute des Grimmes Gottes. Er hat mich geführt und gehen lassen in die Finsternis und nicht ins Licht. Er hat seine Hand gewendet gegen mich und erhebt sie gegen mich Tag für Tag. Er hat mir Fleisch und Haut alt gemacht und mein Gebein zerschlagen. Er hat mich ringsum eingeschlossen und mich mit Bitternis und Mühsal umgeben. Er hat mich in Finsternis versetzt wie die, die längst tot sind. Er hat mich ummauert, dass ich nicht herauskann, und mich in harte Fesseln gelegt. Und wenn ich auch schreie und rufe, so stopft er sich die Ohren zu vor meinem Gebet. Er hat meinen Weg vermauert mit Quadern und meinen Pfad zum Irrweg gemacht." (Kla 3:1-9)

23b-24 Doch trotz dieser Erfahrung lässt die Frau nicht locker. Wie die Blinden auf der Straße nach Jericho (Mt 20:31) schreit sie Jesus weiter nach und wie die bittende Witwe im Gleichnis vom ungerechten Richter (Lk 18:1ff) hört sie nicht auf, ihn mit ihrem inbrünstigen Gebet zu bestürmen. Als derart penetrant empfinden die Jünger ihr Geschrei, dass sie Jesus bitten, sie doch auf die eine oder andere Weise fortzuschicken; mit oder ohne Gebetserhörung. Jesus aber antwortet ihnen (nicht ihr!) und offenbart den Grund seines Schweigens: er konzentriert sich, im vollkommenen Gehorsam gegenüber unserem Vater im Himmel, allein auf das, was ihm zu diesem Punkt in der Heilszeit aufgetragen ist: die Suche nach den verlorenen Schafen Israels (Lk 4:43, Apg 10:45, 13:46, 18:6, Rö 11:11.25).

25-26 Ungeachtet der genervten Jünger kommt die Frau bis vor Jesus und fällt ihm anbetend zu Füßen, nennt ihn ihren Herrn und fleht ihn noch einmal um die so sehr ersehnte Hilfe an. Die Antwort, die Jesus ihr nun gibt scheint noch härter, vernichtender und entwürdigender, als sein vormaliges Schweigen: Er spricht von Recht und Unrecht, von Gottes Kindern und gar von Hunden.

Noch heute ist in südlichen Ländern -und nicht nur hier- das Wort 'Hund' eine schwere Beleidigung. Angesichts solcher Worte regt sich in unserer gefallenen Seele der Stolz, der sich über den Erlöser erheben will, um Ihn zu fragen, ob Er noch bei Sinnen sei? Doch genau diesem Stolz, dieser seit Adams Fall in uns wirksamen Ursünde, begegnet Christus hier in souveräner Heiligkeit und Wahrheit: Er war noch nicht für die Sünden der Welt gekreuzigt (1Joh 2:2), der Vorhang war noch nicht zerrissen (Mt 27:51) und der Zaun zwischen Heiden und Juden war noch nicht abgebrochen (Eph 2:13-14). Es ist die Wahrheit was Er spricht: Er war zu jener Zeit allein gesendet zu den verlorenen Schafen Israels (s.o.). Mit dieser Antwort zerstört Er jeden Wahn eines Anrechts auf Erlösung, jede Vorstellung auf einen pflichtgemäßen Lohn aus Werken (Rö 4:4) und jede Regung sündigen Stolzes, der Erhörung verlangt, statt demütig und ergeben um sie zu bitten. Und wäre die Frau nur von einer dieser Herzenshaltungen motiviert gewesen, sie wäre sicher beleidigt, erzürnt und aufgebracht von dannen gezogen.

27-28 Doch sie ordnet sich Jesu Autorität unter und antwortet ihm demütig und ergeben: "Ja, Herr!". Und dennoch lässt sie ihr Anliegen nicht und erniedrigt sich selbst und stellt sich somit in den Gnadenschein der Verheißung Gottes auf Erhörung ihres Gebetes (Mt 23:12). Sie anerkennt, dass ihr sündiges Wesen Grund genug ist, Christi Anrede als 'Hund' zu rechtfertigen. In ihrem Innersten weiß sie, das Jesaja die Wahrheit sprach als er sagte: "Aber nun sind wir alle wie die Unreinen, und alle unsre Gerechtigkeit ist wie ein beflecktes Kleid" (Jes 64:5).

Und doch lässt sie in ihrem Gebet nicht nach und wurde, wie Abraham, "...nicht schwach im Glauben, ..., sondern wurde stark im Glauben und gab Gott die Ehre" (Rö 4:19-20). Und so bittet sie demütig und noch immer voll Inbrunst, dass Christus ihr, aus freien Stücken, doch wenigstens ein paar Brösel Seiner Gnade schenken möge. Und dieser Glaube, der -entgegen aller eigenen Unwürdigkeit und Unfähigkeit und Hoffnungslosigkeit- allein an Gottes Gnade festhält, wird am Ende belohnt: Jesus lobt ihren Glauben und erfüllt ihren Herzenswunsch: noch im gleichen Augenblick schenkt er ihrer Tochter die ersehnte Gesundheit.


Praktische Anwendung

1. Wenn Christus zu Deinen auf Seinem Wort ruhenden Bitten schweigt: bete weiter!
2. Wenn Christus Dein auf seiner Verheißung ruhendes Gebet zurückweist: bete weiter!
3. Und wenn Er es auch lange hinziehen mag, um Deinen Stolz zutiefst zu demütigen, so lange, bis all' Deine Hoffnung auf Gottes Verheißungen ganz und gar dahin scheint: dann füge Dich Seiner souveränen Züchtigung und: bete weiter!, denn es steht geschrieben: "Siehe, wir preisen selig, die erduldet haben. Von der Geduld Hiobs habt ihr gehört und habt gesehen, zu welchem Ende es der Herr geführt hat; denn der Herr ist barmherzig und ein Erbarmer." (Jak 5:11)

Freitag, 22. März 2013

Amazing "Groom, Texas"

Kürzlich erhielt ich eine Email mit dem Titel: "Amazing "Groom, Texas". In der Email stellte mir ein Freund die Frage, was Menschen dazu antreibe so etwas zu gestalten, wie es auf der Site „Turn back to GOD“ zu sehen sei. Ob es der Glaube alleine sei?

Hier meine Antwort: Es ist die Die Liebe zu Christus.

Ob die Bilder nun – rein ästhetisch – schön sind oder nicht, ist eine andere Frage. Aber wer erkannt hat, dass er aufgrund seiner Gottlosigkeit und Gotteslästerung, als Renegat und Rebell des Höchsten, eigentlich die Höchststrafe verdient hätte – und dennoch von Gott geliebt wird – so sehr, dass Gott bereit war, Mensch zu werden, um für uns zu sterben(!), der weiß nichts anderes mehr, als diese Liebe von ganzem Herzen zu erwidern.

Die Erkenntnis über unser das spirituell absolut verdorbene Wesen unserer Persönlichkeit, die immer und überall nach Autonomie und Rebellion statt Gottvertrauen, Selbstgerechtigkeit statt Gnade und Vergebung, Rechthaberei statt Liebe, Selbstgefälligkeit statt Demut trachtet, kann uns nur der Heilige Geist durch Offenbarung geben – in unserem Gewissen, welches beim Hören oder Lesen von Gottes Wort von der Wahrheit überführt wird, dass wir in der Tat nicht so sind, wie Gott uns haben wollte. Nicht so, wie Goethe es beschrieb: „edel, ... hilfreich und gut“.

Die Rechthaberei, Lieblosigkeit, Selbstgerechtigkeit und Selbstgefälligkeit – kurz: unsere Egozentrik - sehen wir jeden Tag im Straßenverkehr, in den Nachrichten, im Miteinander mit unserer Familie und in der Arbeit. Und doch verschließen wir die Augen vor dem Faktum, dass mit der Welt – und damit mit uns – etwas ganz grob nicht in Ordnung ist.

Doch warum verschließen wir trotz so viel offensichtlichem Fehlverhalten die Augen? Es liegt an der „...Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit durch Ungerechtigkeit niederhalten“. Denn: „Wer Böses tut, der hasst das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden. Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zu dem Licht, damit offenbar wird, dass seine Werke in Gott getan sind.“

Und trotzdem heißt es: „so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ Das ist Gnade. Denn so ist Gott: „...barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue“. Allein aus diesem Grunde sagt Er: „Meinst du, dass ich Gefallen habe am Tode des Gottlosen, spricht Gott der HERR, und nicht vielmehr daran, dass er sich bekehrt von seinen Wegen und am Leben bleibt?“

Die Frage ist nur: Wollen wir das? Wollen wir umkehren zu diesem Gott und damit zugeben, dass wir unsere bisherige Lebenszeit verschwendet haben, ohne Ihn zu ehren? Selbstzentriert, immer auf der Suche nach Selbstbefriedigung, Selbstdarstellung und Autonomie? Dass es wahr ist, was geschrieben steht, dass wir: "...obwohl [wir] von Gott wussten, ... ihn nicht als Gott gepriesen noch ihm gedankt [haben], sondern ... dem Nichtigen verfallen [sind] in ... [unseren] Gedanken, und ... [unser] unverständiges Herz ... verfinstert [ist]"?

Dass es doch so wäre!

Ich wünsche jedem, der diese Zeilen liest, dass er oder sie sie aufmerksam liest, zweimal liest - und ehrlich mit sich ist. Warum? Weil ich jedem das wünsche, was uns am Ende des "dicken Buches" von Gott persönlich versprochen wird: 

"Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss! Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst."

Gott gebe, dass wir diesen Durst in uns verspüren.