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Sonntag, 29. März 2015

Ein feste Burg ist unser Gott (Ps 46:1-12)

Text

1 "Ein Lied der Söhne Korach, vorzusingen, nach der Weise »Jungfrauen«." 2 Gott ist unsre Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben. 3 Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge und die Berge mitten ins Meer sänken, 4 wenngleich das Meer wütete und wallte und von seinem Ungestüm die Berge einfielen. "SELA". 5 Dennoch soll die Stadt Gottes fein lustig bleiben mit ihren Brünnlein, da die heiligen Wohnungen des Höchsten sind. 6 Gott ist bei ihr drinnen, darum wird sie festbleiben; Gott hilft ihr früh am Morgen. 7 Die Heiden müssen verzagen und die Königreiche fallen, das Erdreich muss vergehen, wenn er sich hören lässt. 8 "Der Herr Zebaoth ist mit uns," "der Gott Jakobs ist unser Schutz." "SELA" 9 Kommt her und schauet die Werke des HERRN, der auf Erden solch ein Zerstören anrichtet, 10 der den Kriegen steuert in aller Welt, der Bogen zerbricht, Spieße zerschlägt und Wagen mit Feuer verbrennt. 11 Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin! Ich will der Höchste sein unter den Heiden, der Höchste auf Erden. 12 "Der Herr Zebaoth ist mit uns," "der Gott Jakobs ist unser Schutz." "SELA".


Kommentar

Zusammenfassung

Wohl angesichts der Belagerung Jerusalems und der letztendlichen Errettung des Volkes und der Stadt durch das Eingreifen Gottes entstand dieser Psalm, der uns mit apokalyptischen Bildern die Gefahr und Bedrängnis des Volkes Gottes und die verlässliche Hilfe Gottes schildert, der Seinem Volk inmitten von Not und Streit ein Quellborn des Friedens ist. Und in prophetischer Vorausschau weist dieser Psalm auf das Ende der Tage, wenn Gott selbst den Frieden auf Erden schaffen wird. Er, der Gott des Friedens aber ist es, der uns auffordert Ihn in Seinem Wort und Werk zu erkennen und der uns auch im Kehrvers diess Psalms immer wieder zusagt, dass Er mit uns ist und daß Er, Er allein, unser verlässlicher Schutz in aller Not ist.


Struktur

1 Die Korahleviten verfassten dieses Vortragslied für einen Jugend-Chor.
2-4 Gott der Allmächtige ist unser Schutz selbst inmitten apokalyptischer Szenarien.
5-8 Dank Gott hat Sein Volk seligen Frieden inmitten des Chaos; Er ist ihre Hilfe.
9-12 Gott wird Frieden schaffen auf Erden und will, dass wir Ihn wirklich erkennen.


Inhalt

1 Dieser Psalm wurde von den Korahleviten (vgl. Zusammenfassung von Psalm 44) als Vortragslied "für hohe Stimmen" komponiert (Buber übersetzte: "in der Jugend-Tonart"; Luther: "nach der Weise »Jungfrauen«.")


2-4 Dieser Psalm beginnt und endet mit einem Wort des Trostes: Dass nämlich Gott, der Gott Jakobs, der Herr der Heerscharen, bei uns ist, uns zur Seite steht, uns begleitet und uns beschützt. Er, der allmächtige Gott selbst, ist unsere Hoffnung und die Quelle unserer Kraft. Daran muss auch Paulus gedacht haben, als er uns schrieb: "Was wollen wir nun hierzu sagen? Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?" (Rö 8:31). 

Dieser Beistand aber war dem Volk Gottes überlebenswichtig, denn offenbar litt es um die Zeit der Verfassung des Psalms große Not, wie z.B. während der Belagerung Jerusalems durch die Assyrer (siehe 2Chr 32:9-23).

Doch ungeachtet der überwältigenden Gefahr konnten die Psalmisten getrost dichten "wir fürchten uns nicht!" Auch dann nicht, wenn die Grundfesten der Erde so erschüttert würden, dass ganze Gebirgszüge vom Wüten katastrophischer Fluten verschlungen würden. Ja, selbst dann nicht, wenn die ganze Schöpfung in einem apokalyptischen Szenario vor ihrem Untergang stünde. Der Grund aber für diese unerschütterliche Furchtlosigkeit ist ein einziger: Das Wissen, dass Gott selbst, der Herr der Schöpfung, der Erschaffer von Bergen und Meeren, in ihrer Mitte ist.


5-8 Wenn auch außen, rund um die Stadt, die Apokalypse tobt und das brausende Meer der Belagerer die Mauern einzureißen droht, so soll doch Gottes heilige Stadt, getrost und fröhlich bleiben. Welch scharfer Kontrast: draußen das tosende Meer der Belagerer und drinnen das fröhliche Plätschern des Bächleins Siloah (Luther: "Brünnlein"), oder wie Jesaja schrieb: "die Wasser von Siloah, die still dahinfließen" (Jes 8:6). In dieser idyllischen Stille hat Gott Wohnung genommen. Und weil ER, der Allmächtige, die Stadt bewohnt, allein darum wird sie nicht eingenommen werden, sondern Bestand haben. Und auf diesen Zuspruch folgt die Verheißung: "Gott hilft [der Stadt] früh am Morgen". Interessant ist in diesem Zusammenhang der Bericht vom Ende der Belagerung Jerusalems, wie er im 2. Buch der Könige festgehalten wurde, in welchem uns berichtet wird, dass Gottes Hilfe den Belagerten tatsächlich früh am Morgen zuteil wurde (vgl. 2Kö 19:35f).

In Vers 7 klingt dann, neben dem Triumph Gottes über die heidnischen Belagerer, auch ein prophetisches Element durch, welches, einem fernen Echo gleich, vom Ende der Welt und den ihm vorausgehenden Ereignissen kündet: von den Kriegen unter den Königreichen der Welt (vgl. Mt 24:7-8), von der Angst der Heiden vor dem gewaltigen Zorn Gottes am Tag seines Gerichtes (vgl. Offb 6:14-17), und letztlich vom feurigen Gericht, in welchem gar die Erde vergeht (vgl. 2Pe 3:10).

In all dem aber, so tröstet der Kehrvers, der ursprünglich wohl auch einmal die erste Strophe nach Vers 4 zierte, ist Gott, der Allmächtige, der Herr über die himmlischen Heerscharen, der Pantokrator - mit uns. Der Gott Jakobs selbst, der Allerhöchste, der König aller Könige und Herr aller Herren, der Herrscher des Alls, er selbst ist es, der uns beschützt.


9-12 Alle Welt ist aufgefordert, zu kommen und sich höchstpersönlich und aus nächster Nähe anzusehen, wie Er, der Ewige und Allmächtige handelt. Er, der in Christus das Angebot von Waffen mit einem "Genug!" ausschlug (Lk 22:38) und der angesichts der Waffengewalt Petri gegen den Knecht des Hohenpriesters sprach: "Lasst ab!" (Lk 22:50f). Eben Sein Werk wird am Ende der Tage dieses sein, dass Er die Waffen der ganzen Welt zerstört und so die Kriege auf Erden in Frieden verwandelt. Ganz so, wie Er es später auch durch Seine Propheten verkünden ließ, dass am Ende der Tage eine Zeit kommen wird, in der die Völker "ihre Schwerter zu Pflugscharen machen" und "hinfort nicht mehr lernen [werden], Krieg zu führen" (Jes 2:4, Mi 4:3). 

Eben dieser Gott des Friedens (Rö 15:33, 16:20, 1Kor 14:33, Phil 4:9, 1Thess 5:23, Heb 13:20) aber fordert uns in Seinem Wort auf, stille zu werden und uns auf Ihn zu besinnen; Ihn selbst in Seinem Wort zu erkennen: Ihn, den Gott unseres Friedens, Ihn, unseren Beschützer in der Apokalypse, Ihn, den Bewahrer seligen und stillen Friedens, Ihn, unseren Helfer in der Not. Er selbst ist es, unser friedfertiger Helfer, Beschützer und Bewahrer, der zu uns spricht: "Ich will der Höchste sein unter den Heiden, der Höchste auf Erden." Ja, es ist wahr: "Der Herr Zebaoth ist mit uns" und Er selbst, "der Gott Jakobs ist unser Schutz".


Fragen und Anregungen zur praktischen Anwendung
  • Welche Not, Gefahr oder Bedrängnis ist es, die zurzeit Deine Seele schrecken will?
  • Geh in die Stille des Gebetes vor Gott, in die Betrachtung Seines Wortes und erkenne: Er, der Allmächtige, der Schutz Jakobs, ist mit Dir "alle Tage bis an der Welt Ende." (Mt 28:20)
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[Predigt als MP3]


Montag, 18. März 2013

In Gottes Händen geborgen (Ps 31:1-25)

Text

1 Ein Psalm Davids, vorzusingen. 2 HERR, auf dich traue ich, laß mich nimmermehr zuschanden werden, errette mich durch deine Gerechtigkeit! 3 Neige deine Ohren zu mir, hilf mir eilends! Sei mir ein starker Fels und eine Burg, daß du mir helfest! 4 Denn du bist mein Fels und meine Burg, und um deines Namens willen wollest du mich leiten und führen. 5 Du wollest mich aus dem Netze ziehen, das sie mir heimlich stellten; denn du bist meine Stärke. 6 In deine Hände befehle ich meinen Geist; du hast mich erlöst, HERR, du treuer Gott. 7 Ich hasse, die sich halten an nichtige Götzen; ich aber hoffe auf den HERRN. 8 Ich freue mich und bin fröhlich über deine Güte, daß du mein Elend ansiehst und nimmst dich meiner an in Not 9 und übergibst mich nicht in die Hände des Feindes; du stellst meine Füße auf weiten Raum. 10 HERR, sei mir gnädig, denn mir ist angst! Mein Auge ist trübe geworden vor Gram, matt meine Seele und mein Leib. 11 Denn mein Leben ist hingeschwunden in Kummer und meine Jahre in Seufzen. Meine Kraft ist verfallen durch meine Missetat, und meine Gebeine sind verschmachtet. 12 Vor all meinen Bedrängern bin ich ein Spott geworden, eine Last meinen Nachbarn und ein Schrecken meinen Bekannten. Die mich sehen auf der Gasse, fliehen vor mir. 13 Ich bin vergessen in ihrem Herzen wie ein Toter; ich bin geworden wie ein zerbrochenes Gefäß. 14 Denn ich höre, wie viele über mich lästern: Schrecken ist um und um! Sie halten Rat miteinander über mich und trachten danach, mir das Leben zu nehmen. 15 Ich aber, HERR, hoffe auf dich und spreche:Du bist mein Gott! 16 Meine Zeit steht in deinen Händen. Errette mich von der Hand meiner Feinde und von denen, die mich verfolgen. 17 Laß leuchten dein Antlitz über deinem Knecht; hilf mir durch deine Güte! 18 HERR, laß mich nicht zuschanden werden; denn ich rufe dich an. Die Gottlosen sollen zuschanden werden und hinabfahren zu den Toten und schweigen. 19 Verstummen sollen die Lügenmäuler, die da reden wider den Gerechten frech, stolz und höhnisch. 20 Wie groß ist deine Güte, HERR, die du bewahrt hast denen, die dich fürchten, und erweisest vor den Leuten denen, die auf dich trauen! 21 Du birgst sie in deinem Schutz vor den Rotten der Leute, du deckst sie in der Hütte vor den zänkischen Zungen. 22 Gelobt sei der HERR; denn er hat seine wunderbare Güte mir erwiesen in einer festen Stadt. 23 Ich sprach wohl in meinem Zagen:Ich bin von deinen Augen verstoßen. Doch du hörtest die Stimme meines Flehens, als ich zu dir schrie. 24 Liebet den HERRN, alle seine Heiligen! Die Gläubigen behütet der HERR und vergilt reichlich dem, der Hochmut übt. 25 Seid getrost und unverzagt alle, die ihr des HERRN harret!

 
Kommentar

Zusammenfassung

Selbst das Ziel einer verschwörerischen Intrige, betet David in seinem Leid und seiner Not demütig und voll Vertrauen zu Gott, dessen liebendes und treues Wesen ihn nicht nur dazu bewegen, sein gesamtes Leben in Seine Hände zu legen, sondern Ihn darüber hinaus befähigen, Gott als seinen treuen Erlöser von Herzen zu loben und sein Volk zu eben diesem Lobe aufzufordern.


Struktur

1-5 Als Ziel einer Verschwörung betet David demütig um Gottes Gehör, Rettung & Schutz
6-9 David vertraut dem Wesen seines treuen Erlösers trotz anhaltender äußerer Not
10-14 Davids äußere Situation als Ausgestoßener und Verfolgter bereitet ihm großes Leid
15-19 In der Not legt David sein Leben in Gottes Hände und betet um die Gnade Seiner Gegenwart
20-23 Die Liebe und Treue Gottes drängen David zum Lob
24-25 David fordert uns auf, unseren gerechten und treusorgenden Gott von Herzen zu lieben
          und auf IHN zu warten, ohne dabei die Hoffnung zu verlieren.


Inhalt

1-5 Akute äußere Anfechtungen waren der Grund für Davids innere Not und gaben ihm den Anlass zur Dichtung dieses Lobliedes. Darin bittet er um Gottes Befreiung aus den Fallen einer Intrige (2Sam 15:10), die zum Ziel hatte, ihn, den König Israels, zu ermorden (2Sam 15:14).

Intrigen gab es in Davids Leben allezeit. Exemplarisch mag an dieser Stelle die Verschwörung Absaloms gegen König David genannt werden: Absalom, der dritte Sohn Davids, ließ seinen ältesten Halbbruder Amnon töten, weil dieser seine eigene Schwester Tamar vergewaltigt und dann verstoßen hatte und wohl auch, weil weil David ihn dennoch am Leben ließ. Nach der Bluttat floh Absalom und verbarg sich für drei Jahre in Geschur, der Heimat seiner Mutter (2Sam 13:1-38). In diesem Falle lagen die Sünden Davids also in seiner Inkonsequenz, dass er Amnon nicht bestrafte, und in seiner Bitterkeit, dass er Absalom, ebenfalls ein Königssohn, nach dessen Rückkehr nach Jerusalem nicht in seine Gegenwart bei Hofe ließ (2Sam 14-24). Aus dieser sündigen Situation erwuchs der lodernde Hass Absaloms auf seinen Vater und aus diesem die Verschwörung gegen König David (2Sam 15:10-12).

Als David von dieser Verschwörung erfährt, bittet er konkret um Gottes Aufmerksamkeit, und Seine unverzügliche Hilfe: er bittet um seine endgültige Errettung und Bewahrung vor dem Verderben, sowie um Gottes souveräne Wegweisung aus dieser lebensgefährlichen Situation. Dabei appelliert David, in dem demütigen Wissen darum, dass er aus sich und seiner Sündhaftigkeit heraus nicht einen einzigen Anlass für seine Erhörung und Errettung anführen kann, an den Namen und damit die Ehre und die Gerechtigkeit Gottes: Er Selbst möge David aus freiem Wollen schenken, was David bittet, nämlich dass Gott ihn, wie eine Trutzburg oder ein massiver Felsen, beschütze. Zusammen mit seiner flehentlichen Bitte spricht David Gott auch sein Vertrauen aus: Für ihn ist Gott längst diese Burg und dieser Fels; für ihn ist Gott allein seine Stärke:


6-9 In seiner Not, derer er selber nicht mehr Herr ist, weiß David um den Einen, dem er nicht nur halbwegs glaubt, sondern dem er seine Seele für alle Ewigkeit anvertraut: Er legt sich, sein Leben und seinen Geist, in die Hände seines treuen Erlösers. In die Hände, die tausend Jahre später auf Golgatha für ihn durchbohrt werden würden. An dem Kreuz, an dem auch Jesus im Vertrauen auf Gott den Vater rief: "Vater! In deine Hände befehle ich meinen Geist!" (Lk 23:46). Trotz aller Not weiß David: Gott hat ihn für alle Ewigkeit aus seinen Süden erlöst. Und Er ist treu und wird ihm auch in alle Ewigkeit treu bleiben, denn das ist Sein Wesen.

Diese Erkenntnis der Gottesliebe, die ihn zuerst geliebt hat, ist es auch, die ihm einen heiligen Widerwillen gegen jeden Götzendienst ins Herz gepflanzt hat, denn David weiß: Nur "im HERRN habe ich Gerechtigkeit und Stärke" (Jes 45:24). Darum setzt er seine ganze Hoffnung seiner Errettung aus der Not allein auf den HERRN, den Heiligen und Vollkommenen. In diesem Wissen um das gute Wesen und den vollkommenen Charakter Gottes kann David dann auch Gottes Güte, trotz anhaltender äußerer Not, aus ganzem Herzen besingen. Er weiß trotz allem Anschein, den die Welt ihm bietet: Gott sieht ihn und ist herzlich berührt von Davids Unglück und kümmert sich um ihn. Er ist sich sicher, dass sein Gott ihn nicht in die Gewalt seiner Widersacher geben, sondern ihm die Freiheit schenken wird; weiten Raum. Das ist der von Gott gewirkte Glaube, von dem Hebr 11:1 spricht: "Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht."


10-14 Trotz aller geistlichen Gewissheit, dass Gott sich um ihn kümmert, so ist David doch auch nur ein Mensch. Und so gingen denn die Anfechtungen auch an seiner Seele nicht spurlos vorüber: er hatte Angst. So sehr bekümmerte ihn die Lage, dass seine Seele und sein Körper von den Jahren der Sorge und des Klagens müde und kraftlos geworden waren: aller Glanz war aus seinem Blick gewichen. Diese Kraftlosigkeit führt David zurück auf sein sündiges Handeln (s.o.) und bittet Gott deshalb um Gnade.

Wie schlimm die äußere Situation gewesen war, darein läßt David uns nun einen Blick tun: er wird von allen die ihn kennen, angefangen bei seinen Feinden die über ihn spotten, über seine Nachbarn denen er lästig erscheint, bis hin zu seinen Bekannten, die seine Gegenwart als schrecklich empfinden, behandelt, wie ein Ausgestoßener: Man geht ihm aus dem Weg, wo man ihn erblickt und verdrängt jeden Gedanken an ihn; man achtet und behandelt ihn, wie Müll. Der Grund für dieses herzlose Verhalten ist David nicht verborgen: Er kennt die angsteinflößenden Gerüchte über ihn und die Verunglimpfungen seiner Person. Er weiß um die Intrige, die von den Vielen gegen ihn geschmiedet wird und die nur ein Ziel hat: ihn zu ermorden.


15-19 Aus dieser Not heraus entstand dieser Psalm. Und trotz dieser Not, ja inmitten dieser Not offenbart David das Innere seines Herzens. Er bekennt seine Beziehung zu Gott: Gott allein ist sein Gott, niemand sonst. Was auch geschieht, was immer Gott in Seiner grenzenlosen Weisheit, Souveränität und Vorsehung an uns oft unverständlichem schicksalhaftem Geschehen zulässt (Hi 37:5, Pred 3:11, Jes 55:9), David hat sich entschieden, sich diesem Gott, dem Ewig Seienden und Allmächtigen mit Leib und Seele anzuvertrauen. David weiß und fügt sich in diese selige Gewissheit und spricht es aus: seine Lebenszeit steht allein in den Händen Gottes, dem Schöpfer aller Dinge. Sein Leben liegt allein in der Hand des Gnädigen, dem er vertraut. Auf Ihn allein hofft David. Ihn allein bittet er um Bewahrung vor dem Anschlag, den seine Feinde auf sein Leben geplant haben. Ihn allein bittet er inständig um Seine Hilfe: dass Er Davids Gebet erhören möge, ihn vor der Vernichtung bewahren und ihm in Seiner Güte helfen möge. Das wünscht sich David in seiner Not von ganzem Herzen: dass er einen Blick erhaschen möge auf das strahlende Antlitz des HERRN, seines Erbarmers (4Mo 6:25, Ps 103:13). Seinen gottlosen und arroganten Feinden jedoch wünscht David, dass der Tod selbst ihren verlogenen und unverschämten Spott zum Schweigen bringe.


20-23 Inmitten seines Gebetes besinnt sich David auf das Wesen und den Charakter des Ewigen, auf seine Güte, die Er für diejenigen aufgespart hat, die Ihn ehren und die er den erleben lässt, der ihm auch in aller Öffentlichkeit vertraut (Mt 10:32). Gottes Güte ist es, die ihnen in Seiner Gegenwart Schutz bietet vor dem streitsüchtigen Pöbel. So hat auch David es erlebt: selbst dann, als er an Gottes Gnade verzagte und dachte, er sei ganz und gar von Gott verstoßen, blieb Gott ihm in Seiner wunderbare Güte treu und hörte sein flehentliches Schreien. Diese allen Verstand übersteigende, liebende Güte und Treue drängt David zum Lob.


24-25 Und sie drängt ihn zum Aufruf an sein Volk und mit ihm alle Gläubigen, angesichts Seines guten Wesens das grösste Gebot zu erfüllen: den HERRN, ihren treuen, gütigen und barmherzigen Gott aus ganzem Herzen zu lieben (Mt 22:37). Ihn, der gerecht ist, der Seine Kinder beschützt und die Stolzen nicht ungestraft lässt. Und so ist Davids Appell an uns alle, die wir auf Gottes Hilfe warten: wir dürfen und sollen angesichts der Erfahrungen Davids, ja angesichts des guten Herzens Gottes, das darin sichtbar wird, getröstet sein und ohne Angst und voller Hoffnung auf Gottes Hilfe warten, bis sie uns zuteil wird und uns jubeln lässt, wie ihn.


Praktische Anwendung

1. Bedenke in der Anfechtung: "Der HERR ist gut" (Ps 25:8)
2. Beherzige Jakobus' Rat: "Leidet jemand unter euch, der bete" (Jak 5:13)
3. Folge David's Aufruf und mit ihm dem Aufruf unseres Heilands:
    "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen,
     von ganzer Seele und von ganzem Gemüt". (Mt 22:37)

Freitag, 28. Dezember 2012

Offene Türen – zaghafte Christen

Von Ulrich Parzany.

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Parzany. Quellennachweis: AUFATMEN 4/2012  

Ich bin ziemlich weit in der Welt herumgekommen und kenne Länder, in denen man nicht weiß, was Freiheit und Rechtsstaatlichkeit ist. Wie wunderbar, dann nach Hause zu kommen und zu wissen: „Mensch, du kannst alles machen, was du willst!“ Es gibt Rechtssicherheit, keine geheime Staatspolizei spioniert dir hinterher — wir haben alle Freiheit! Und alle Möglichkeiten. Wir leben in einem der reichsten Länder der Welt — aber wir nörgeln und klagen auch am meisten. Wir haben finanziell und organisatorisch alle Möglichkeiten. Alte und neue Medien — was hätte Paulus damit gemacht! Blitzschnell kommunizieren und Menschen erreichen können — unglaublich!
Und: Noch nie waren die Türen so weit offen! Mir geht es immer wie Paulus, der in 1. Korinther 16,9 geschrieben hat von seiner Tätigkeit in Ephesus: „Mir ist eine offene Tür zu reichem Wirken gegeben, aber — viele Widersacher.“. Dass es Schwierigkeiten gibt, Widerstand, das heißt für Paulus aber nicht, dass die Türen zu sind für die Evangelisation. Wo also liegt das Problem — warum wird so wenig evangelisiert? Sechs Ursachen möchte ich benennen: 


Der Sog der Postmoderne
Die erste ist der Sog der Postmoderne. Druck haben wir heute nicht. Druck ist in Diktaturen, wo die Polizei droht, wenn Menschen für Jesus den Mund aufmachen. Das haben wir bei uns nicht. Aber wir haben einen Sog, und er hat mitunter eine ebenso starke Wirkung wie Druck. Worin besteht der Sog?

Die Postmoderne ist durch vielerlei Attribute gekennzeichnet, aber ich greife dieses heraus: „Du kannst privat alles glauben.“ Alles ist möglich. Es gibt keine Wahrheit, die für alle gleich, gültig und verbindlich ist —  außer diesem Satz. Intellektuell ist diese postmoderne Konstruktion inkonsequent, doch wir leben sie trotzdem, denn der Mensch ist nicht logisch oder konsequent. Du hast deine Wahrheit, ich habe meine Wahrheit — es gibt keine Wahrheit für alle. Das einzige Gesetz in unserer Gesellschaft: Du darfst alles glauben, du darfst auch alles sagen, solange du das als deine private Wahrheit erklärst und solange du nicht behauptest, sie gilt für alle. „Toll, wie der an Jesus glaubt, so einen Glauben möchte ich haben!“ Da kannst du die absurdesten Dinge glauben und du wirst bewundert.
Wenn du allerdings sagst: „Es gibt eine Wahrheit, ob es dir passt oder nicht, die gilt auch für dich“ oder wenn du für den Satz Jesu einstehst: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater denn durch mich“, dann hast du das „Grundgesetz“ unserer Zeit verletzt und verdienst keine Toleranz mehr, denn dann gefährdest du die Freiheit einer offenen Gesellschaft. Das ist das Einzige, was nicht erlaubt ist.

Ich finde es traurig: Viele Christen in Mitteleuropa beugen sich diesem Sog. Diesem sanften Druck, der kein Zwang ist und nicht von der Polizei kommt —  man wird höchstens ausgegrinst oder als Fundamentalist beschimpft. Man beugt sich freiwillig und zieht sich in vorauseilendem Gehorsam zurück in den privaten Winkel. Weil wir beliebt und nette Leute sein wollen, überlassen wir die Öffentlichkeit den Gottlosen. Freiwillig — das ist der Sog der Postmoderne.
„Evangelisation? Warum müssen wir denn diesen ganzen Aufwand machen? Das kostet ja auch so viel Geld! Und das Geld kann man ja auch woanders einsetzen.“ Und der Teufel freut sich, wenn wir die Öffentlichkeit den Gottlosen überlassen — und ihr damit ja auch die Wahrheit vorenthalten, dass Gott der Schöpfer und Erhalter ist, der Erlöser und der Richter und damit auch der Retter aller Menschen.


Die Frage der Toleranz

Was ist eigentlich Toleranz? Der Soziologe Prof. Ulrich Beck hat eine Menge Bücher geschrieben, darunter „Der eigene Gott“. Wir leben in einer Zeit, in der jeder seine eigene Religion bastelt, es gibt nicht mehr den einen Gott, der für alle gültig ist. Das ist tolerant. Goethe war sehr kritisch: „Toleranz heißt verachten“, sagte er, weil tolerant war man, wenn man bestimmte Bürger auch leben ließ, aber sie waren Bürger zweiter Klasse. Etwa das Toleranz-Patent des österreichischen Kaisers Josef II. Da bekamen Protestanten und Juden die Erlaubnis, ihren Glauben leben zu dürfen, aber als Bürger zweiter Klasse — was man bis heute in der Architektur in Österreich, Tschechien und Ungarn wiederfindet: Ihre Kirchen durften keine Kirchtürme haben, die mussten in die Fassaden eingebaut werden. Toleranz hieß: Du darfst leben — aber du hast nicht die gleichen Rechte.
Lessing lässt in der Ringparabel „Nathan der Weise“ den Richter sagen, er wisse nicht, welcher der echte Ring ist, deshalb sollten sich alle bemühen, in der Liebe zu leben. Hier heißt die Logik: Wir beantworten die Wahrheitsfrage nicht, weil man sie nicht beantworten kann — stattdessen bemühen wir uns um Frieden. Genau das ist jetzt modern. Prof. Ulrich Beck sagt: „Inwieweit Wahrheit durch Frieden ersetzt werden kann, entscheidet über die Fortexistenz der Menschheit.“ (Beck, „Der eigene Gott“) Den Frieden zu bewahren in einer Gesellschaft oder zwischen Völkern ist also wichtiger als die Wahrheitsfrage. Deshalb, so die Konsequenz, müssen wir die Wahrheitsfrage aufgeben. Und wer das tut, sei „tolerant“.

Ich will hier genau definieren, was Toleranz ist. Es ist deshalb so wichtig, weil die Kritiker — vor allem der monotheistischen Religionen — sagen: „Wer behauptet, dass er die Wahrheit hat, der wird sie auch eines Tages anderen mit Gewalt aufzwingen.“ Wie also definiert sich Toleranz? Ich zitiere einen der klügsten deutschen Philosophen, Jürgen Habermas (1): „Wir brauchen nicht tolerant zu sein, wenn wir gegenüber fremden Auffassungen und Einstellungen ohnehin indifferent sind oder gar den Wert dieses ‚Anderen‘ schätzen ... Die politische Tugend der Toleranz ist erst dann gefragt, wenn die Beteiligten ihren eigenen Wahrheitsanspruch im Konflikt mit dem Wahrheitsanspruch eines Anderen als ‚nicht verhandelbar‘ betrachten, aber den fortbestehenden Dissens dahingestellt sein lassen, um auf der Ebene des politischen Zusammenlebens eine gemeinsame Basis des Umgangs aufrechtzuerhalten.“
Wenn einer gleichgültig ist gegenüber dem, was ein anderer glaubt oder vertritt, dann ist das noch nicht Toleranz. Die bürgerliche Tugend der Toleranz beinhaltet, zwei miteinander unvereinbare Erkenntnisse oder Haltungen mit friedlichen Mitteln in einen —  auch öffentlichen — Diskurs zu bringen und einander nicht zur Einsicht zu zwingen. Habermas betont, eine freie Gesellschaft lebe davon, dass Menschen klar und öffentlich ihre Positionen vertreten und dafür eintreten und argumentieren und sich dazu bekennen. Dass miteinander gerungen wird —  aber eben im Frieden, ohne Polizei, ohne Terror, ohne Gewalt. Das ist Toleranz. Eine freie Gesellschaft, eine Demokratie, lebt davon, dass gegensätzliche Positionen ausgetragen werden.

Deswegen ärgere ich mich, wenn Leute schimpfen, dass im Parlament gestritten wird. Ich meine: Wenn die nicht mehr öffentlich streiten, sondern in Hinterzimmern still mauscheln, dann ist Gefahr im Verzug! Es muss eine öffentliche Diskussion sein, sie darf scharf sein, sie muss deutlich sein — aber friedlich, ohne Gewalt.
Viele, die sich heute tolerant nennen, möchten doch viel eher, dass ich als überzeugter Christ mich zurückziehe in meinen Hauskreis, in meinen privaten Winkel — da kann ich glauben, was ich will. Aber ich sage: Nein, wir müssen in die Öffentlichkeit! Ich möchte, dass Menschen demokratisch streiten. Wir haben 450 Millionen Einwohner in Europa. Es kann uns doch nicht egal sein, was die alles hören — oder eben nicht. Wir müssen in die Öffentlichkeit!


Verspielte Glaubwürdigkeit
Die lange Geschichte der Verknüpfung von Staatsreligion mit Gewalt hat uns in Europa die Glaubwürdigkeit des Evangeliums gekostet. Kritiker halten uns Christen vor: ‚Heute seid ihr lammfromm, weil ihr keine Macht habt. Aber als ihr sie hattet — die ganzen Jahrhunderte hindurch in der Staatsreligion — da habt ihr die Leute, die anders dachten, ins Gefängnis gesteckt! Habt die Täufer ersäuft (mit Zwinglis Zustimmung...) oder hinrichten lassen in Genf ... Ihr habt Glaube mit der Polizei eingetrieben. Die ‚Ehe‘ von Thron und Altar ging doch erst 1918 zu Ende!“

Westeuropa ist der einzige Teil der Welt, in der die Gemeinde nicht wächst. Der einzige Teil, wo man gewaltige Anstrengungen unternehmen muss, um überhaupt das Interesse der Menschen zu gewinnen. Wenn ich in Asien oder in Afrika predige, schaue ich in tausende erwartungsvolle Augen, die von Jesus hören wollen.

Wir haben unsere Glaubwürdigkeit verspielt, weil wir versucht haben, das Evangelium mit Gewalt aufzuzwingen. Das Evangelium verträgt nicht die Unterstützung von Regierungen. Seine Kraft liegt in der Autorität der Hingabe und Liebe, nicht im langen Hebel der Polizei, der Gewalt und der Gesetzgebung, mit dem wir anderen aufzwingen wollen, wozu wir ihre Herzen nicht bewegen können.

Das ist eine schwierige Aufgabe heute —  aber unsere Zeitgenossen haben ein Recht darauf, dass wir das Evangelium leben, das wir verkündigen. Wenn wir sagen, dass dieser Jesus die Schlüsselfigur und allein der Retter ist, dann werden sie prüfen, oh sie uns das auch abnehmen können. Es geht heute nicht um rhetorische Tricks, es geht auch nicht um methodische Raffinesse, sondern darum, dass wir das Evangelium, das wir verkündigen, selber auch leben!


The German Angst 

Evangelium heute bei uns zu verkündigen heißt, Kamele durchs Nadelöhr zu treiben. Das sagte Jesus. Es ist leichter, dass ein Kamel durchs Nadelöhr kommt als ein Reicher ins Reich Gottes. Und wir gehören zu den Reichsten der Welt. Es ist Kennzeichen der Reichen, dass sie immer von sich selbst denken, dass sie nicht reich genug sind. Deshalb ist unser Land als eines der reichsten Länder der Welt nicht das Land der überbordenden Freude und Dankbarkeit, sondern das Land der Nörgler und „weltberühmt“ für die Angst. „The German Angst“ gibt es inzwischen als Fremdwort, neben „Kindergarten“ und „Zeitgeist“ im Englischen.

Ein Kennzeichen der Reichen ist auch: Sie brauchen Gott nicht. Sie kommen auch so im Leben zurecht. Manche Reiche sind wie der reiche Jüngling in der Bibel. Das kann ja eigentlich noch nicht alles gewesen sein, empfinden sie. Sie suchen den spirituellen Mehrwert, sind durchaus offen für Religion, Sicherheit und Anerkennung, ausschließlich begründet in ihrem Reichtum, sind nicht befriedigend genug; jetzt suchen sie zur Erfüllung auch noch Glauben an Gott. Daran scheitert der reiche Jüngling. Er war reich, klug, hatte die Gebote Gottes gehalten, Jesus bestätigt das. Als Jesus aber den Gottestest macht: „Verkaufe, was du hast, und komm und folge mir nach“, da kapiert er: Der Reichtum ist mein Gott, das ist mein Fundament, davon will ich nicht lassen.

Das ist Unser Problem! Es geht immer um Gott oder Mammon. Das Christentum Europas ist der Versuch, über zweitausend Jahre zu beweisen, dass Jesus nicht Recht hat mit seinem Satz: „Der Mensch kann entweder Gott dienen oder dem Mammon.“ Wir haben versucht zu zeigen, dass man beides miteinander vereinbaren kann. Aber man kann es nicht! Das ist der Grund, warum Menschen, obwohl sie spirituelle Sehnsucht haben, nicht umkehren. Es geht um das erste Gebot, dass ich breche mit den Götzen: Mit dem Geld, meinem Vermögen, das mir Sicherheit und Anerkennung gibt. Dass ich mich bekehre zu Jesus. Aber da hört der Spaß auf, da geht der Mann traurig davon. Diese Geschichte passiert bei uns tausendfach.

Wenn man weiter liest bei Lukas kommt bald danach Zachäus. Sein Vermögen war betrügerisch und unrecht erworben, ein schlimmer Reichtum. Und der wird nun der Sonne der Barmherzigkeit Gottes ausgesetzt. Ohne dass ihm Jesus die Leviten liest — worüber sich die Religiösen empören — sagt Zachäus: ‚Die Hälfte meines Vermögens gebe ich den Armen, und wo ich betrogen habe, gebe ich vierfach zurück. Da sehen wir: Bei den Menschen ist es unmöglich, bei Gott aber sind alle Dinge möglich. Wer meint denn ernsthaft, es gäbe eine Methode, erfolgreicher zu sein als Jesus? Er musste mit ansehen, wie der reiche junge Mann wegging. Und trotzdem, trotzdem gilt allen die Botschaft von Jesus. 
  

Raus aus den Gettos 

Wie viele Beziehungen haben Sie zu Nichtchristen? Wenn bei „Pro Christ“ Gemeinden einladen, merken wir, dass viele Christen keine Beziehung haben zu noch nicht an Christus glaubende Menschen. Da fragt man sich: Was passiert eigentlich im Berufsalltag? Trifft man da keine „normalen“ Menschen? Ich werde nie vergessen, wie auf dem Welt-Missions-Kongress in Manila 1989 ein chinesischer Geschäftsmann von den Fröschen und Eidechsen erzählte: „Kennt ihr den Unterschied, wie die ihre Beute fangen? Der Frosch sitzt da und wartet, dass ein Insekt vorbei fliegt, dann geht die lange Zunge raus und versucht, es zu fangen. Die Eidechse aber rennt durch die Gegend und ist überall zu finden. Pastoren und Prediger sind die Frösche. Die sitzen in ihrer Position und warten. Aber Kaufleute und Ingenieure, Lehrerinnen und Sozialarbeiter, das sind Eidechsen, die kommen überall hin. Die sind jeden Tag unterwegs in der Gesellschaft und treffen dauernd Menschen, nach denen Gott sich sehnt.“ Die ganz normalen Mitglieder der Gemeinden sind die Menschenfischer, die den Missionsauftrag erfüllen können. Nur auf die Profis zu vertrauen, führt nicht zum Ziel. 


Das Recht, gehört zu werden 

Aber natürlich: Wir müssen das Recht erwerben, gehört zu werden. Wer ein miserabler Kollege ist in seinem Büro, wer andere mobbt, wer schlecht arbeitet, der braucht nicht damit zu rechnen, dass man ihm abnimmt, wenn er von Jesus redet. Wir erwerben das Recht, gehört zu werden, durch die Qualität unserer Arbeit und die Glaubwürdigkeit unseres Lebens. Für die Gemeinden gilt: Die Öffentlichkeit kann man nur erreichen, wenn man zusammenarbeitet. Wir sollten nicht allein versuchen, evangelistisch in die Öffentlichkeit zu gehen. Wir kommen aus dem Getto unserer Gemeinden nicht heraus in die Gesellschaft, wenn jeder für sich bleibt. Das ist heute eine große Tendenz: Jeder achtet auf sein eigenes. Schließlich soll die eigene Gemeinde wachsen. Nein! Die Öffentlichkeit erreichen wir nur, wenn wir miteinander arbeiten. Und deswegen sind säkulare Räume dafür auch die geeigneten Treffpunkte. 


Zur Zeit und Unzeit 

Als die erste Gemeinde in die Öffentlichkeit ging, merkte sie schnell, dass sie dafür keinen Applaus bekam, sondern Prügel (Apg 3-5). Die Apostel wurden eingeschüchtert. Niemand hat ihnen verboten, Hauskreise zu machen. Aber dass sie immer auf dem Tempelplatz in der Öffentlichkeit von Jesus redeten, das brachte Unruhe. Das kriegten sie verboten. Sie hätten sagen können: ‚Wir haben ja jetzt so viele Bekehrungen erlebt, jetzt konzentrieren wir uns auf Vertiefung.“ Machten sie aber nicht! Sie hatten zwar tägliche Hauskreise, Lehre, Gebet, Mahlfeier und Diakonie. Aber zugleich waren sie täglich in großen Versammlungen in der Öffentlichkeit:
„Wir können es nicht lassen, dass wir reden von dem, was wir gehört und gesehen haben. Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen!“

Und dafür werden sie verprügelt und bedroht. Aber sie kommen fröhlich in die Gemeinde, weil sie wertgeachtet waren, für Jesus einzustehen. Betete die Gemeinde dann: „Herr, schütze uns vor diesem Druck“? Nein, sondern: „Gib deinen Knechten mit Freimut zu reden dein Wort!“ Das ist ihr Gebet. Egal, ob Druck oder Sog: Das sollte auch unser Gebet sein.


Ulrich Parzany ist Pfarrer und Evangelist. Er lebt mit seiner Frau in Kassel.
Vom 3.-10. März 2013 findet ProChrist mit Live-Übertragung in der Porsche-Arena, Stuttgart, statt. 
Teilnahme und Information: www.prochrist.org





(1) Zitat Jürgen Habermas aus „Wann müssen wir tolerant sein? Über die Konkurrenz von Weltbildern, Werten und Theorien“. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften am 29. Juni 2002

Montag, 19. November 2012

Jesus und der sinkende Petrus auf dem See (Mt 14:22-33)

Text

22 Und alsbald trieb Jesus seine Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm hinüberzufahren, bis er das Volk gehen ließe. 23 Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er allein auf einen Berg, um zu beten. Und am Abend war er dort allein. 24 Und das Boot war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen. 25 Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem See. 26 Und als ihn die Jünger sahen auf dem See gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst! und schrien vor Furcht. 27 Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin's; fürchtet euch nicht! 28 Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. 29 Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. 30 Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, hilf mir! 31 Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? 32 Und sie traten in das Boot, und der Wind legte sich. 33 Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!

Kommentar

Zusammenfassung

Was wir hier lesen, ist weder selbstverständlich, denn die Geschichte ist voller Wunder, noch Nonsense, denn es handelt sich um einen Tatsachenbericht: Christus sendet seine Jünger von sich weg, wo sie in Not geraten. Und doch behält er sie betend im Blick, kommt ihnen entgegen, begegnet ihnen, offenbart sich ihnen durch sein Wort und rettet sie trotz Zweifels aus ihrer Not.


Struktur

22-23 Die Jünger und das Volk wollen bei Jesus bleiben, der sie fortschickt
24 Die Jünger geraten so in höchste Not, doch Christus, betend, sieht sie
25-26 Der Überlebenskampf verstellt den Jüngern den Blick auf Christus
27 Christus offenbart sich und gibt sich zu erkennen
28-29 Mit Blick auf Christi Wort macht Petrus die Probe auf's Exempel
30-31 Mit Blick auf die Gefahr zweifelt er - doch Christus rettet ihn
32 Christus beendet die Not, doch die Jünger kennen sein Herz noch nicht
33 Doch sie haben erkannt: Jesus ist der Christus, Gottes Sohn


Inhalt

22-23 Nach dem Wunder der Brotvermehrung 'kleben' die Jünger samt dem Volk wie gebannt an Jesus. Doch Jesus hat andere Pläne, nämlich alleine zu beten, und so nötigt er Seine Jünger in das Boot zu steigen, mit dem sie nach Betsaida über den See gekommen waren, und -ihm voraus- zurück zu fahren, bis Er das Volk nach Hause geschickt hätte. So gesehen war der Befehl Jesu ein hinreichender wenn auch nicht zwingender Grund für die Seenot Seiner Jünger.

Viel wichtiger aber ist die in dieser Tatsache verborgene Erkenntnis, dass Jesus nicht allein über unseren Aufenthaltsort und damit über unsere äußeren Umstände bestimmt, sondern vielmehr auch über unsere Herzen und damit auch insbesondere über unsere Zeiten innigster Gemeinschaft mit Ihm und über unsere Zeiten äußerster Not. Er ist unser Schöpfer, der allmächtige König der Könige und Herr aller Herren, der uns zuruft: "Ein jegliches hat Seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat Seine Stunde: ... herzen hat Seine Zeit, aufhören zu herzen hat Seine Zeit" (Pred 3:1.5b).

Als Jesus Seine geliebten Jünger und das Volk von sich weg geschickt hatte, wanderte er, wie eigentlich schon am Vortag geplant, auf einen der sich bis zu 500m über den See erhebenden Berge der umliegenden Landschaft, um im Gebet Gemeinschaft mit Seinem Vater zu haben, dessen Führung zu suchen und wohl auch für Seine Jünger zu beten. Und als es endlich Abend wurde war Er dort oben, von wo aus er eine gute Sicht auf den See hatte, ganz allein.

24 Während vieler Monate liegt die Starkwindwahrscheinlichkeit auf dem See Genezareth bei nahezu 100%. Der Grund dafür liegt in den Winden, die sich im Hochland bilden und die auf ihrem Weg hinab zu dem am tiefsten gelegenen See der Welt (1) als ablandige Fallwinde zusätzlich beschleunigt werden. An diesem Abend jedoch war der dem Boot entgegen tosende Sturm derartig stark, dass die Jünger, etliche von Ihnen seit Jahrzehnten erfahrene Fischer!, durch die peitschenden Wellen in Seenot gerieten. Zu weit vom Land entfernt, um sich schwimmend ans Ufer zu retten, rudern die Jünger um ihr nacktes Überleben.

Doch auch, in ihrer höchsten Not, als Sie sich mutterseelenallein fühlen, sind sie nicht vergessen. Ganz im Gegenteil: ihr liebender und für sie betender Heiland (vgl. Rö 8:34) hat sie fest im Blick, so bezeugt es das Markus-Evangelium (Mk 6:48).

25-26 Der Sturm, der sich gegen Abend erhoben hatte, tobte nun schon die ganze Nacht. Als Jesus ihnen in ihrer schwärzesten Stunde (2) entgegen kommt, um sie zu retten, sind die Jünger, nach über neunstündigem Überlebenskampf, körperlich und seelisch bereits völlig entkräftet. So groß ist ihre Panik und so beherrschend ihre Furcht vor dem Tod, dass sie Ihn, ihren geliebten Heiland, nicht mehr erkennen, sondern für eine Art "Fliegenden Holländer" halten. Und so erscheint Ihnen Sein allmächtiges Gebieten über die Naturgewalten als eine übernatürliche Bedrohung ihres zerbrechlichen Lebens und steigert ihre Angst ins Unermessliche.

27 Es ist ein Wunder, dass Jesus auf dem Wasser geht und es ist Gnade, dass Er den Jüngern zur Rettung entgegen geht, doch es ist Liebe, Barmherzigkeit und Güte, dass Er sich ihrer Angst vor Ihm sofort annimmt und sich Ihnen mit den wunderbaren und liebevollen Worten zu erkennen gibt: "Seid getrost, ich bin's; fürchtet euch nicht!" Denn das ist die wichtigste Aussage, die wir je hören werden: Es ist Christus der uns entgegenkommt, es ist Christus dem alle Dinge untertan sind (Phil 3:21) und es ist Christus der uns aus unserer Not rettet.

28-29
Petrus jedoch, in allem immer der Erste, lässt sich mit Worten allein nicht überzeugen sondern will aufgrund von Taten mit Sicherheit wissen, Wer da spricht. Und so stellt er eine Bitte, die angesichts der lebensbedrohlichen Lage der Jünger gewagter kaum sein könnte: sich in noch größere Not bringen zu dürfen, indem er -lebensgefährlich: während des noch wütenden Sturmes!- das Boot verlässt und -menschenunmöglich: auf dem Wasser!- allein aufgrund von Jesu Wort in Dessen Gegenwart kommt.

Eines hat Petrus instinktiv richtig erkannt: Es ist alleine Gottes Wort das uns in den Stürmen des Lebens verlässlich zu tragen und sicher zu Christus zu leiten vermag. Und wie alle Wunder Christi, so hat auch dieses Wunder, neben der Hilfestellung in der Not, ganz klar dies Eine zum Zweck: die Göttlichkeit Christi und die Seines Auftrags gegen jeden Zweifel zu bestätigen (Joh 3:2).

Und weil diese Bitte im Willen Gottes lag, das ist: Jesus als den Christus zu bestätigen und bekannt zu machen (Apg 2:36, Kol 1:27f), erhört sie Jesus sofort. Und so geschieht das zweite Wunder, als Christus das göttliche Allmachtswort "Komm her!" spricht und auch Petrus über das Wasser gehen lässt; den Blick auf seinen Herrn, Christus, gerichtet und geradewegs auf Ihn und Seine Gegenwart zusteuernd.

30-31 Doch der peitschende Sturm gewinnt Petrus' Aufmerksamkeit und so gleitet sein Blick ab von Christus, dessen Wort ihn in dieser lebensbedrohlichen Lage trägt und richtet sich auf die Gefahr. Angesichts der tosenden Gewalten jedoch bleibt dem Menschlein Petrus nichts, als blankes Entsetzen und Angst um sein Leben. Solange er seinen Blick auf Christus, seinen Heiland gerichtet hielt, wurde er von dessen Wort getragen. Doch sobald er seinen Blick von Ihm abwandte, hin auf die Bedrohung seines Lebens, dominierte die Angst vor der Gefahr über das Vertrauen auf Christi Wort - und Petrus begann zu sinken. In mitten der Naturgewalten schreit er nun, obwohl er schwimmen kann (siehe Joh 21:7) in seiner höchsten Not zu Christus um Hilfe. Und in Seiner Liebe und Gnade hilft ihm Christus, trotz seiner Zweifel, auf der Stelle. Und Er fragt Petrus, nicht als Vorwurf, sondern in freundlicher Anteilnahme, nicht aus Mangel an Wissen, sondern aus seelsorgerlicher Sorge und mit dem Ziel der Selbsterkenntnis nach dem Grund seines Zweifels. Und so bewegt Er Petrus, in den Abgrund seiner Geschichte und seines Herzens zu blicken, um dort die Antwort auf die Frage nach dem Grund seiner tiefsten Ängste zu finden.

32 Das dritte und vierte Wunder geschehen, so berichtet uns Johannes (Joh 6:21), als Jesus und Petrus ins Boot treten: Jesus bringt sie augenblicklich und sicher an Land und der Sturm beruhigt sich. Angesichts all dieser Wunder und der Hilfsbereitschaft Christi sind die Jünger jedoch überrascht, ja sie fürchten sich gar. Denn ihr Herz ist noch immer hart und verschlossen und hat, trotz der fürsorglichen und allmächtigen Speisung der 5.000 nichts von dem wunderbaren Wesen und barmherzigen Herzen Christi verstanden (Mk 6:51f).

33 Eines aber haben sie verstanden und das schon vor dem Bekenntnis Petri (Mt 16:16): das Jesus der Christus ist, der ewige Sohn Gottes.


Praktische Anwendung

1. Wir dürfen getrost sein und wissen: Auch wenn Christus in der Not in die Er uns schickt ferne zu sein scheint: Er hat uns fest im Blick und betet für uns!

2. Unsere Angst verstellt uns oft den Blick auf das wahre Wesen Jesu, doch Er gibt sich uns zu erkennen als der Allmächtige, unser Erlöser und Freund

3. In der Not trägt uns alleine Gottes Wort und der feste Blick auf den sich darin offenbarenden Christus, der uns rettet, selbst wenn wir zweifeln


[Predigt als MP3]




(1) mit 212m unter dem Meeresspiegel http://de.wikipedia.org/wiki/See_Genezareth

(2) Die
vierten Nachtwache ist laut römischer Zeitrechnung von 3 Uhr nachts bis 6 Uhr früh - die Jünger hatte Jesus jedoch schon vor dem Abend (also vor Beginn der ersten Nachtwache um 18 Uhr) von sich fortgeschickt: http://www.die-roemer-online.de/index.html?%2Fverschiedenes%2Fkalender.html