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Sonntag, 31. Mai 2026

In Anfechtung! Was tun? – Wie wir trotz Gegenwind erfrischt werden können (Psalm 57 + Matthäus 11,28-30)

 


Zusammenfassung

In dieser Predigt wirst Du mitgenommen in eine ehrliche Auseinandersetzung mit dem, was die Bibel „Anfechtung" nennt – jene Zeiten, in denen wir uns verklagt, bedroht und innerlich ausgehöhlt fühlen. Anhand von Psalm 57 und Matthäus 11,28–30 wird entfaltet, wie der Feind gezielt vorgeht, um uns in Erschöpfung und Verzweiflung zu treiben – und was die entscheidende Gegenbewegung ist: der Wechsel der Blickrichtung. Nicht mehr auf die eigene Schuld, die eigene Schwäche oder die dunklen Umstände zu schauen, sondern auf Christus, seine Gnade und seinen Charakter. Mit einem Wort Martin Luthers, und einem Vergleich aus der Physik mündet die Predigt in eine kraftvolle Ermutigung zur Einheit mit Gottes Willen und dem Einladungsruf Jesu an alle Erschöpften: Wir dürfen kommen, so wie wir sind – und finden Ruhe für unsere Seelen.

[Predigt als MP3]


Übersicht

Dieses ganze Thema aufzudröseln – das erste ist die Situation. Wie ist das eigentlich? Was ist Anfechtung? Wie fühlt sich das an? Verklagt sein, auf der Flucht sein, mit einem Herzen, das nach Hoffnung schreit, das Sehnsucht hat nach Gottes Schalom. Dann unser Gebet – und zwar auf Basis dessen, wer Gott ist und wie er ist, auf Basis seines Charakters, und was wir ihm bitten. Dann die Strategie des Feindes auch noch mal aufzudecken: Wie geht der eigentlich vor? Wie genau stellt er uns das Bein, damit wir das vielleicht beim nächsten Mal besser erkennen? Und dann die beiden zentralen Punkte: einmal die Wendung, nämlich etwas über den Wechsel unserer Blickrichtung. Und dazu dann auch noch ein paar Gedanken vom guten alten Martin Luther – also das ist auch einer von denen, wo ich mich schon darauf freue, den im Himmel mal zu sehen. Dem habe ich das eine oder andere zu sagen. Unter anderem, dass ich ihm dankbar bin für viele kernige Dinge, die er gesagt hat. Und last but not least das Eigentliche: der Blick auf Christus, wozu er uns einlädt, was er für uns tun will und was er uns rät. Und ganz zum Schluss möchte ich dann direkt in den Lobpreis überleiten. Das heißt, wenn ihr das Gefühl habt, so langsam aber sicher kommt der Michi jetzt wahrscheinlich zum Ende – Jochen, dann könnt ihr vielleicht schon mal vorgehen. Weil das wäre schön, wenn das so ein nahtloser Übergang werden könnte, denn die Lieder bringen, denke ich, ganz wunderbar zum Ausdruck, was Inhalt der Predigt ist.


Textlesungen

Psalm 57,1

Ein Güldenes Kleinod Davids, vorzusingen nach der Weise: Vertilge nicht. Als er vor Saul in die Höhle floh. „Sei mir gnädig, Gott, sei mir gnädig. Denn auf dich traut meine Seele. Und unter dem Schatten deiner Flügel habe ich Zuflucht, bis das Unglück vorübergehe. Ich rufe zu Gott, dem Allerhöchsten, zu Gott, der meine Sache zum guten Ende führt. Er sende vom Himmel und helfe mir von der Schmähung dessen, der mir nachstellt. Sela. Gott sende seine Güte und Treue. Ich liege mitten unter Löwen. Verzehrende Flammen sind die Menschen. Ihre Zähne sind Spieße und Pfeile und ihre Zungen scharfe Schwerter. Erhebe dich, Gott, über den Himmel, und deine Herrlichkeit über alle Welt. Sie haben meinen Schritten ein Netz gestellt und meine Seele gebeugt. Sie haben vor mir eine Grube gegraben und fallen doch selbst hinein. Sela. Mein Herz ist bereit, Gott, mein Herz ist bereit, dass ich singe und lobe. Wach auf, meine Seele! Wach auf, Psalter und Harfe! Ich will das Morgenrot wecken. Herr, ich will dir danken unter den Völkern. Ich will dir lobsingen unter den Leuten, denn deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen. Erhebe dich, Gott, über den Himmel und deine Herrlichkeit über alle Welt." 


Matthäus 11,28–30

„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig. So werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen, denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht." Danke, Felix.


Die Situation

Verklagt

Anhand der Verse, die wir gerade gehört haben aus Psalm 57 und auch aus dem Matthäusevangelium, möchte ich mit euch jetzt durchgehen durch diese Punkte: wie sich das anfühlt, wenn man angefochten ist, und wie gesagt, was wir tun können. 

Ich finde es schon ganz interessant, wie der Psalm überhaupt anfängt. Da steht ja ganz am Anfang: „Nach der Weise: Vertilge nicht." Und ich weiß nicht, wie es euch geht – mir geht es in Zeiten der Anfechtung oft so, dass man dieses Gefühl hat, man wird vertilgt, man wird aufgefressen, man wird – ja, weiß ich nicht – weggehext. Es gibt Zeiten in unserem Leben, da verklagt uns der Feind so sehr, und zwar ganz egal, ob wir gesündigt haben oder nicht, dass wir uns fürchten, Gott könnte zulassen, dass er uns verschlingt. Er heißt ja nicht umsonst der Verkläger der Brüder. Und es heißt auch nicht zuletzt deswegen in 1. Petrus 5, Vers 8: „Seid nüchtern und wacht, denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge." Der Feind droht uns. Er macht uns Angst – entweder indem er uns unsere Schuld vorhält oder unsere Schwachheit. 

Auf der Flucht

David war damals auf der Flucht vor Saul, der geistig – würde ich jetzt mal sagen – nicht mehr ganz auf der Höhe war. Das wissen wir alle. Der hat ja David verfolgt, und David hat sich damals in einer Höhle versteckt. Und ich denke, so geht es uns auch, wenn wir angefochten sind: dass wir uns am liebsten verstecken wollen, dass wir uns vor diesem Ansturm der Anklagen, vor dem Ansturm der Drohungen irgendwo bergen wollen, dass wir Schutz suchen. 

Unser Herzensschrei

Und so wie David beten wir dann sicher auch: „Sei mir gnädig, Gott, sei mir gnädig" – weil wir uns nichts anderes wünschen, als dass das endlich aufhört. Wir bitten um Erbarmen. Viele kennen das vielleicht aus den Landeskirchen noch: Kyrie eleison – das ist auf Griechisch nichts anderes als „Herr, erbarme dich." 

Unsere Hoffnung und Sehnsucht

Und letztlich ist das unsere Hoffnung und unsere Sehnsucht, dass wir unter dem Schutz seiner Flügel Zuflucht finden, bis dieser schreckliche, feurige Ansturm der Anklagen des Feindes vorüber ist. Ich muss bei diesem Vers „unter dem Schatten seiner Flügel" immer an die schwerste Zeit in meinem Leben denken. Ich war damals in der Nähe von Frankfurt, drei Monate lang auf Kur. Angstzustände, schwerste Depressionen, Selbstmordgedanken. Und irgendwann in dieser Zeit kommt ein junger Mann – ich glaube, der kam irgendwo aus Hamburg oder aus der Ecke. Der hat sich ans Klavier gesetzt und hat ein selbstkomponiertes Lied gespielt. Und das hieß: „Unter dem Schatten deiner Flügel." Und das ist mir seither ein schönes Bild geworden: unter dem Schatten der Flügel Gottes Zuflucht suchen zu können, bis der feurige Ansturm der Anklagen des Feindes vorüber ist.


Unser Gebet

Gottes Wesen: Allmächtig und Gnädig

Und das wünsche ich uns allen, dass wir in diesen Zeiten uns bei Gott bergen können, Schutz finden, bei ihm geborgen – Geborgenheit. Denn das, was wir suchen in dieser Zeit, ist Frieden, ist Schutz, ist Geborgenheit, ist Heil, Gottes Schalom. Und irgendwie denke ich, wissen wir das auch alle: Der Feind Gottes ist uns zu mächtig, um ihn zu besiegen. Ganz egal, ob er uns verklagt, ob er uns droht oder ob er uns die Zukunft mit dunklen Bildern vor Augen malt – ihn zu besiegen braucht es einen, der mächtiger ist als er, nämlich Gott selbst, den Allerhöchsten. Dazu braucht es einen, der meine Sache zu einem guten Ende führt. Ich denke, das zentrale Element dabei ist Gottes Wesen, sein Charakter – dass er ein Gott ist, der, weil er so ist wie er ist, unsere Sache zum guten Ende führen wird. Egal, was wir verbockt haben. Egal, wie schwach wir sind – oder vielleicht sogar gerade weil er weiß, wie schwach wir sind – trotz aller Widerstände. 

Unsere Bitte

In solchen Zeiten beten wir, dass Gott diese Anklagen wegnimmt, dass er diese Angst wegnimmt, dass er diese Drohungen wegnimmt, dass er uns von diesen verheerenden und niederschmetternden Bildern befreit – Bildern von unserer Schuld, Bildern von unserer Unzulänglichkeit, von unserem Versagen, unserer Schwäche – und dass er uns von unserem angeblich drohenden Schicksal befreit. Wir beten, dass wir, statt auf unsere Schwäche und unsere Schuld starren zu müssen, wieder auf ihn schauen können: auf seine Güte, auf seine Treue, auf seine nie endende Liebe. Und damit müsste das doch eigentlich erledigt sein, oder? 


Die Strategie des Feindes: Versuchung, Anklage & Zermürbung

Versuchung

Ich weiß nicht, wie ihr das erlebt. Aber ich erlebe das oft anders – weil der Feind nicht untätig ist und eine perfide Strategie hat. Am Anfang steht die Versuchung – entweder die Versuchung zur Sünde oder die Versuchung, auf die Umstände zu schauen oder, noch moderner gesagt, auf die Gefühle. Er versucht, uns zur Sünde zu verführen oder dazu, auf die Umstände zu schauen, auf unsere Gefühle – statt auf Gottes Wort, statt auf seine Verheißung. Und genau damit stellt er uns ein Bein, gräbt uns eine Grube, stellt uns eine Falle. Und so fängt das Elend immer an: Der Feind führt uns in Versuchung und wartet nur darauf, dass wir seinen Köder schlucken – dass wir anfangen, unseren Gefühlen mehr zu vertrauen als Gottes Wort, dass wir andere Wege gehen als die, die Gott für uns gewollt hat, dass wir hereinfallen auf seine Täuschung. 

Anklage

Und kaum haben wir angebissen – haben gesündigt oder auf die Umstände geschaut –, geht er schon zu Stufe zwei seiner bösartigen Strategie über. Denn jetzt wird verklagt: „Schau dir an, was du gemacht hast!" Oder es wird gedroht: „Schau dir an, wie deine Zukunft aussehen könnte!" Alles wird dunkel. Es wird Angst gemacht. Und ganz ehrlich, ihr Lieben: In dieser Welt, so wie sie ist – sie ist gefallen, sie ist kaputt –, das habe ich gerade in den letzten Monaten noch tiefer erfahren, auch durch meinen besten Freund, der auf eine schlimme Art krank geworden ist. Wo man einfach merkt: Der Zerbruch dieser Welt geht so tief, dass es Dinge gibt, die vielleicht nicht mehr zu heilen sind.

Und da ist es nicht ohne, wenn der Feind dann kommt und uns die Zukunft düster ausmalt: Was wird werden? Dunkle Bilder, dunkle Gefühle. Oder wir werden verklagt. Und da ist es ganz egal, ob das direkt geschieht, weil der Feind uns böse Gedanken schickt, oder ob er das indirekt macht, indem er böse Menschen gebraucht, die schlecht über uns reden oder schlecht mit uns reden. Was wir dann empfinden, ist genau das, was David in seinem Psalm so beschreibt – nämlich, dass unsere Seele wie von den Zähnen wilder Löwen zerfleischt wird, wie von Spießen und Pfeilen durchbohrt und von scharfen Schwertern durchdrungen. Und nichts wünschen wir uns dann mehr, als dass Gott sich von seinem Thron erhebt und einschreitet – endlich einschreitet –, dass sein Reich komme, so wie im Himmel, so auch auf Erden. Oder dass wir mit David beten: „Erhebe dich, Gott, über den Himmel und deine Herrlichkeit über alle Welt." 

Zermürbung

Aber damit ist der Feind immer noch nicht fertig. Er klagt nicht einmal kurz an und geht dann wieder. Er will uns fertig machen. Er heißt auch nicht umsonst „ein Menschenmörder von Anfang an"! Er will uns zermürben. Er will unsere Seele beugen und uns die letzte Kraft rauben. Er hört einfach nicht von selber auf. Und wenn wir ihn lassen, dann ist das Ergebnis immer das gleiche: dass er unsere Seele niederbeugt, zur Verzweiflung treibt und ihr jede Kraft raubt.


Und dass er uns in eine Traurigkeit stürzt, die kein gutes Ende nehmen will. Alles, was wir dann noch sehen können, ist die Grube, die er uns gegraben hat. Und irgendwann merkst du dann vielleicht, dass du keine Kraft mehr hast, dagegen anzukämpfen. Dann denkst du nicht mehr nach, dann funktionierst du nur noch. Du ziehst dich zurück. Und wenn es ganz schlimm kommt, dann zweifelst du nicht mal mehr an seinen Anklagen, an seinen Drohungen, an seinen dunklen Bildern, sondern fängst innerlich an, ihm zuzustimmen. Ich finde, das ist das Schlimmste. 


Die Wendung

Der Blickwechsel

Doch der Teufel hat die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Denn am Ende wird er es sein, der in die Grube fällt, die er uns gegraben hat. Doch nicht so schnell. Wie kommt es jetzt zu dieser Wendung? David schreibt in seinem Psalm: „Mein Herz ist bereit, Gott, mein Herz ist bereit, dass ich singe und lobe." Und an dieser Stelle – auch nach 40 Jahren, wenn ich den Psalm lese – muss ich immer wieder anhalten. Weil ich mir denke: Hallo. Wenn es dir wirklich so dreckig geht, David, wie kommst du darauf? Wie kommst du jetzt darauf, dass dein Herz bereit wird, Gott zu loben? Und wenn man genau hinschaut und genau liest, sieht man, was dort im Stillen passiert ist. David hat seinen Fokus geändert. Er schaut nicht mehr auf die Umstände. Er schaut nicht mehr auf seine Gefühle. Er schaut auf Gott, auf sein Wesen, auf seine Macht. Und er wird bereit, Gott zu loben. 

Das heißt, um die Frage zu beantworten, wie unsere Seele dahin kommt, dass sie trotz all der Umstände, trotz der ganzen Anfechtung Gott loben kann: Die Seele muss die Augen öffnen, muss endlich von sich selber wegsehen hin auf den, der allein ihr helfen kann. Muss auf den hören, der allein trösten und heilen kann. Und genau dazu möchte ich dann Matthäus 11,28–30 anschauen – um den Blick wegzukriegen von uns, von den Umständen, hin auf Christus; weg von unserer Misere, hin auf das, was Christus uns zu sagen hat; weg von unseren Gefühlen, hin auf Gottes Wort, auf seine Zusagen, auf seinen Rat, auf sein Wesen, auf seine Person. 

Martin Luther

Ich habe witzigerweise in der Zeit der Predigtvorbereitung letzte Woche – in den täglichen Andachten aus einem Andachtsbuch von Martin Luther etwas gelesen, das er nicht selber geschrieben hat, sondern wo jemand 365 Auslegungen einzelner Verse von Martin Luther zusammengetragen hat – und an dem Tag ging es um 1. Petrus 4, Vers 19. Dort steht: „Welche da leiden nach Gottes Willen, die sollen ihre Seelen ihm anbefehlen als dem treuen Schöpfer in guten Werken." Ich lese es noch mal: „Welche da leiden nach Gottes Willen, die sollen ihm ihre Seelen befehlen als dem treuen Schöpfer in guten Werken." Und Martin Luther schreibt in seiner unvergleichlichen Art zu diesem Vers Folgendes: „Das ist der Christen Kunst, daran wir alle zu lernen haben, dass wir aufs Wort sehen und tun weit aus den Augen alle anliegende, beschwerende Not und Leiden. Und es ist des Teufels Art eben, dass er das Wort weit aus den Augen rückt, dass einer nicht mehr sieht als ihn – die Not, die vorhanden ist. Aber das soll nicht sein. Wer sich nach dem Fühlen richtet, der verliert. Nur das Kreuz und Leiden, so sehr du immer kannst, aus dem Herzen und Sinne geschlagen. Sonst, wenn man lange drüber nachdenkt, so wird das Übel ärger." 

Also diese ganz klare Ansage: Wechsele deine Blickrichtung. Schau weg von den Umständen, schau weg von diesen Bildern, von diesen Gedanken, von deinen Gefühlen. Schau hin aufs Wort, schau hin auf das, was Gott dir zu sagen hat, auf das, was er dir verspricht, auf seine Verheißung. Schau hin auf sein Wesen, auf seine Art, auf seinen Plan.


Der Blick auf Christus

Aber das ist leichter gesagt als getan. Denn selbst wenn wir das wissen, dass es darum geht, den Blick wegzurichten von dem Dunklen und hinzurichten auf Gott, kann der Teufel uns so fertig machen, dass wir manchmal meinen, wir dürften Gott gar nicht mehr unter die Augen treten. Und deshalb möchte ich noch einen kleinen Umweg machen, bevor wir uns wirklich Matthäus 11 anschauen. Ich möchte mit uns eine Passage aus dem Hebräerbrief lesen, weil dort etwas ganz Wichtiges steht – nämlich, dass es völlig egal ist, was wir verbockt haben, dass es völlig egal ist, wie schwach wir sind, weil wir immer, immer, immer zu Jesus kommen dürfen. Immer. 

Die Erlaubnis

In Hebräer 4, Verse 14 bis 16 steht – ich habe jetzt mal die Gute Nachricht als Übersetzung genommen –: „Lasst uns also festhalten an der Hoffnung, zu der wir uns bekennen. Wir haben doch einen überragenden obersten Priester, der alle Himmel durchschritten hat und sich schon bei Gott im himmlischen Heiligtum befindet – Jesus, den Sohn Gottes. Dieser oberste Priester ist nicht einer, der kein Mitgefühl für unsere Schwächen haben könnte. Er wurde ja genau wie wir auf die Probe gestellt. Aber er blieb ohne Sünde. Darum wollen wir mit Zuversicht vor den Thron unseres gnädigen Gottes treten. Dort werden wir, wenn wir Hilfe brauchen, stets Liebe und Erbarmen finden." Weil es so wichtig ist, möchte ich diese letzten beiden Sätze noch mal lesen. Darum – weil das so ist, weil Christus genauso gelitten hat wie wir, weil er genau weiß, wie es uns geht, weil er das alles selber gefühlt hat –: „Darum wollen wir mit Zuversicht vor den Thron unseres gnädigen Gottes treten. Dort werden wir, wenn wir Hilfe brauchen, stets Liebe und Erbarmen finden."

Die Einladung

Und genau darum geht es in Matthäus 11,28 und folgende. Was sagt uns Jesus da? Was sagt er zu dir? Er sagt: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid." Was ist das – mühselig sein? Mühselig mit deinen Werken der Buße, der Reue? Ich weiß nicht, kennt ihr das: dass man meint, man müsste sich erst wieder schön machen, damit man Gott vor die Augen treten darf? Diese verzweifelten Versuche, sich selber besser zu machen. Oder wenn man Angst hat: diese verzweifelten Versuche, sich selbst zu helfen. Diese verzweifelten Versuche, Gott gnädig zu stimmen, ihm zu gefallen oder sich selber gut zuzureden. So funktioniert das nicht. Das macht mühselig. Das erschöpft nur die Seele und lässt dich am Ende erschöpft und in Verzweiflung zurück. Beladen – was heißt das? Das heißt, dass wir am Ende des Tages mit all unseren Selbstversuchen immer noch diese Last spüren – entweder von Schuld oder von Angst –, was die Verzweiflung noch viel größer macht. 

Die Erquickung

Aber was sagt Jesus dazu? Er sagt: „Ich – ich will euch erquicken." Genau da will Jesus uns rausholen – mit seinem Rat und mit seiner Hilfe, mit seiner Gnade, mit seiner Vergebung. Er braucht unsere ganzen verzweifelten Anstrengungen, ihm zu gefallen, nicht. Er braucht auch nicht unsere Anstrengungen, die Lage besser zu machen. Er ist längst für dich. Er ist – Römer 5, Vers 8 – für dich gestorben, als du noch Sünder warst. Ich finde es einen der schönsten Verse in der ganzen Schrift: Gott ist für uns ans Kreuz gegangen, als wir ihm nichts zu bringen hatten als Dreck. Was für eine Liebe! Und da glaubst du, wenn du mit deiner Hilflosigkeit oder mit deiner Schuld gefallen bist, dass du nicht mehr kommen darfst? Nein. Er ist für dich gestorben, als du noch Sünder warst. Und er liebt dich heute wie am ersten Tag. Er liebt dich so sehr, dass er bereit war, für dich zu sterben, lange bevor du das erste Mal an Umkehr gedacht hast. Er kennt dich durch und durch. Er kennt deine Stärken, er kennt deine Schwächen. Er hat dich gemacht. Er kennt all deine Ängste. Er kennt all deine Sehnsüchte, all deine Träume. Er ist dein Schöpfer. Er kennt das Drama deines Lebens besser als du selbst, weil er alles sieht. Und alles, was er will, ist: dich erlösen, dich befreien, dich heilen, dir helfen, dich stärken. 

Die Therapie

Und das hier ist seine Therapie: „Nehmt auf euch mein Joch." Das bedeutet: Nimm deinen Platz ein. Stell dich mir zur Verfügung. Nicht mehr, nicht für mich. Gott will nicht, dass wir für ihn ackern. Er möchte, dass wir uns ihm zur Verfügung stellen, damit er an uns, in uns und durch uns wirken kann. Eine Geige spielt sich nicht selbst. Alles, was sie tun muss, ist sich dem Geiger zur Verfügung stellen – der spielt dann die schöne Melodie. „Stell dich mir zur Verfügung. Fang damit an, gemeinsam mit mir, neben mir, in mir mein Reich zu bauen." 

Und „lern von mir", sagt Jesus. Lern von mir. Was heißt das – lernen von mir? Das heißt: Lass dir etwas sagen. Das heißt: Höre auf die Führung meines Geistes. Nimm dir ein Beispiel an meinem Vorbild. Jesus sagt: „Ich bin sanftmütig." Und was das bedeutet – da möchte ich ganz besonders darauf eingehen: „Sanftmütig und von Herzen demütig." Das bedeutet: Ich bin eins mit dem Willen Gottes. Ich folge der Führung seines Geistes. Ich schmiege mich ein. Ich rebelliere nicht gegen den Willen Gottes. Ich ordne mich ihm unter. 

Ihr Lieben, ich denke, das ist der zentrale Punkt: auf ihn schauen, auf ihn hören. Sein Wort wahrnehmen und eins werden – das war Jesu großes Gebet. Johannes 17, das letzte Gebet: dass wir eins werden mit ihm, so wie er mit dem Vater eins ist. Was meint er damit? Ich will jetzt keine Physikvorlesung halten, aber das beste Bild, das ich dafür kenne, ist ein Laser. Ich denke, wir alle wissen: Laserlicht ist das stärkste Licht, das wir kennen. Mit einem guten Laser kann man Stahl schneiden. Aber wie funktioniert ein Laser? Ein Laser ist eigentlich nichts weiter als ein Gerät, in dem eine Lichtquelle so synchron erzeugt und gespiegelt wird, dass eine entstehende Welle die nächste entstehende Welle verstärkt – immer verstärkt –, weil sie alle in der gleichen Phase sind. Stellt euch das einfach mal vor wie Wasserwellen. Ihr habt eine Welle, die ist vielleicht nur einen Meter hoch. Und wenn jetzt die nächste Welle genau synchron über diese Welle geht, werden sich beide Wellenberge addieren – die Welle wird stärker. Gehen die Wellen auseinander in ihrer Frequenz, wird die Welle flach, dann ist keine Kraft mehr da. Aber bleibt es synchron, dann entsteht eine Kraft, die ist unvorstellbar. 

„Lernt von mir. Lasst euch etwas sagen. Denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig. Ich bin eins mit dem Willen Gottes." Ihr Lieben, das ist, was Gott sich für uns wünscht – und auch, was er sich von uns wünscht: dass wir eins werden mit ihm, eins werden mit seinem Willen. So, sagt Jesus, „so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen" – wenn unser Wille eins geworden ist mit Gottes Willen.

Und dann sagt er: „Denn mein Joch ist sanft." Das bedeutet: mit Jesus zu gehen, seinem Willen zu folgen, sich in diesen Willen einzuschmiegen – das hat nichts mit Zwang zu tun, hat nichts damit zu tun, gezwungen oder unterdrückt zu werden. Denn Gottes Führung ist eine Führung, die uns immer Freiheit lässt. Er inspiriert uns, er lockt uns, er zieht uns – aber er wird uns niemals zwingen. Wir haben immer die Wahl, ob wir mit ihm synchron oder ohne ihn und nicht synchron leben wollen. Synchron mit seiner Kraft, nicht synchron – ohne seine Kraft. Er wird uns niemals zwingen, denn er ist die Liebe in Person. 

Und deswegen sagt er zum Schluss: „Meine Last ist leicht." Denn das, was Gott von uns will, das ist nicht schwer. Was er von uns will, ist nichts anderes, als dass wir das große Doppelgebot der Liebe halten, dass wir uns, wie es in Hosea 11, Vers 4 steht, in Seilen der Liebe ziehen lassen. Das ist so, wie Gott sich die Beziehung zu uns vorstellt: eine Liebesbeziehung. Im Alten Testament wird die Beziehung Gottes zu seinem Volk oft mit dem Bild einer Ehe beschrieben. Ihr Lieben, was ist denn eine Ehe – eine gute Ehe? Da zwingt ja keiner den anderen. Sondern da schaut man, dass man synchron wird, dass man übereinstimmt, dass man gemeinsam in Einheit durchs Leben geht. Und das möchte Gott: dass wir gemeinsam mit ihm, im Einklang, in Einheit mit ihm sein Reich der Liebe bauen.


Schluss

Ich komme zum Schluss. Wenn wir also da angekommen sind, wo wir vor Gott kapitulieren, wo wir zu ihm kommen mit unserer Hilflosigkeit oder mit unserer Schuld – was es auch ist –, wo wir begreifen, dass alles, was wir ihm bringen können, wir selbst sind, und zwar so, wie wir sind: nicht besser, nicht schöner, nicht stärker, egal, ob wir beladen sind mit Schuld und Sünde oder ob wir voller Angst sind und uns fürchten, ächzend und stöhnend unter der Mühsal unserer Versuche, uns vor ihm schön oder besser zu machen. Wenn wir in völliger Klarheit darüber sind, wie verloren wir ohne ihn sind – so dürfen wir kommen, so wie wir sind. 

Und wenn wir dann erkennen – oder zum tausendsten Mal erkennen –, wie unfassbar groß seine Gnade und Treue zu uns sind: dass er uns vergeben will, immer und immer wieder, dass er uns helfen will, immer und immer wieder, dass er uns haben will, so wie wir sind, dass er mit uns sein will. 

Wenn wir da angekommen sind, ihr Lieben – wo wir bereit werden, gemeinsam mit ihm sein Reich der Liebe zu bauen, uns ihm zur Verfügung zu stellen, uns von ihm führen zu lassen –, 

wenn wir da angekommen sind, dann kehrt nicht nur Frieden ein, sondern ein unbändiges Lob. Das Lob, das Gott verdient hat für seine Gnade und für seine Treue und für seine Vergebung und für seine unerschütterliche Liebe zu uns. 

Und das klingt dann so, wie wir im nächsten Lied singen werden: Lasst uns aufstehen und Gott loben.

Lied: Ich will Dir danken


Montag, 26. Januar 2026

Johannes Evangelium 6,16–21

 


Das Buch der Zeichen - Das 5. Zeichen - Jesus geht über das Wasser 

Am Abend nach der Speisung der 5.000 stiegen seine Schüler wieder vom Berg herunter und in das Boot, um über den See zurück nach Kafarnaum (oder Kapernaum) zu fahren. Übrigens nicht ganz freiwillig, denn bei Matthäus lesen wir, dass Jesus sie quasi genötigt hatte, in das Boot zu steigen.

Und so ruderten sie los. Inzwischen war es Nacht geworden und ein schwerer Sturm war aufgezogen. Jesus‘ Schüler mussten sich mit ihrem Boot inzwischen durch hohe Wellen kämpfen. Es war dunkel. Und sie waren allein. Mit diesem Bild beschreibt Johannes die existenzielle Not, in die wir in diesem Leben geraten können.

Obwohl sie schon seit dem Abend wie wild um ihr Leben ruderten, waren Sie nicht weiter gekommen, als bei gutem Wetter in wohl einer Stunde. Man kann sich ihre innere Not kaum vorstellen. Und dann sehen Sie, durch die vom Sturm aufgepeitschte Gischt, eine Gestalt in der Finsternis, die über das Wasser geht. Kein Wunder, dass sie in eine Panik gerieten, als sei der Klabautermann hinter ihnen her.

Was Jesus ihnen dann sagt, lässt sich nicht so einfach ins Deutsche übersetzen. Die Worte „ἐγώ εἰμι!“ (ego eimi), die hier im griechischen Grundtext stehen, stehen auch in der Septuaginta, einer Übersetzung des Alten Testaments ins Altgriechische. Und zwar an der Stelle, in der Gott der Allmächtige sich Mose offenbart, als der ihn vor dem brennenden Dornbusch nach seinem Namen fragt: „JHWH!“ Dieses „JHWH!“ oder „ἐγώ εἰμι!“ aber bedeutet auf Deutsch nicht weniger als „Ich bin Der Ewig Seiende!“

Mit dieser Selbstoffenbarung ändert sich die ganze Szene: Ihre Angst ist verflogen, und sie wollen ihn bei sich haben. Mit dem Bild des Bootes, das sofort an Land ist, malt Johannes uns dabei vor Augen, wie auch in den Stürmen unseres Lebens sofort Ruhe einkehren kann: wenn wir nur erkennen, dass Jesus der Allmächtige Gott ist und ihn bei uns haben wollen. Weil er keine Gefahr für uns ist. Weil er für uns ist.

O-Ton: Als es Abend geworden war, gingen seine Jünger zum See hinunter. Sie stiegen in ein Boot, um über den See nach Kafarnaum zurückzufahren. 

Es wurde Nacht und Jesus war immer noch nicht zu ihnen gekommen. Das Wetter war sehr stürmisch und das Wasser schlug hohe Wellen. 

Die Jünger hatten eine Strecke von etwa fünf Kilometern zurückgelegt, da sahen sie plötzlich Jesus, wie er über das Wasser ging und sich ihrem Boot näherte. Die Angst packte sie. 

Aber Jesus sagte: »Habt keine Angst, ich bin's!« Sie wollten ihn zu sich ins Boot nehmen. Aber da waren sie auch schon am Ufer, dort, wo sie hinwollten. (Joh 6,16–21)

Samstag, 16. Januar 2016

Die Jahreslosung - Jesaja 66:13


Ich selbst werde euch trösten,
wie eine Mutter ihr Kind tröstet.

Jesaja 66:13


Worum es nicht geht

Um die Jahreslosung wirklich zu verstehen, müssen wir sie in ihrem Kontext betrachten. Sonst  wäre die Gefahr groß, dass wir eine Kuschelbotschaft mit Gott als Mutter darunter verstehen - das wäre dann eine viel zu kleine Botschaft, die um ein unsagbar Vielfaches hinter dem zurück bleibt, was Gott an dieser Stelle tatsächlich verspricht. 

So etwas passiert leicht und schnell, wenn man ein Gotteswort aus seinem Zusammenhang reißt. Darum bitte ich alle Leser: Was auch immer ihr in Gottes Wort lest: Lest es immer auch in seinem Zusammenhang!

Die Jahreslosung ist also viel größer, als es auf den ersten Blick den Anschein zu haben scheint. Um sie zu verstehen, wollen wir uns einen Überblick über das Jesajabuch, über die geschichtliche Situation des Volkes Gottes zur Zeit Jesajas und einen Überblick über das 66. und damit letzte Kapitel des Jesajabuches (dem "Evangelium des Alten Testaments") verschaffen.


Worum es wirklich geht

Der Kontext: Was war passiert?

Der Aufbau des Jesajabuches ist spiegelsymmetrisch: In der ersten Hälfte des Jesajabuches geht es um die politische Krise mit Assyrien und den Glauben Hiskias, der Gottes Rettung von den Assyrern zum Ende hatte. In der zweiten Hälfte des Jesajabuches geht es um die persönliche Krise Hiskias und die Torheit Hiskias, die die babylonische Gefangenschaft zur Folge hatte; nachzulesen in 2. Könige 18-20 und 2. Chronika 29-32.

Der zweite Teil, indem unser 66. Kapitel zu finden ist, spricht also vornehmlich in die Krise der babylonischen Gefangenschaft oder das babylonische Exil hinein: Als babylonisches Exil wird dabei eine Epoche der jüdischen Geschichte bezeichnet, die 597 v. Chr. mit der Eroberung Jerusalems und des  Königreiches Juda durch den babylonischen König Nebukadnezar II. beginnt und bis zur Eroberung  Babylons 538 v. Chr. durch den Perserkönig Kyros II fortdauert. Dies ist auch die Zeit, von der uns im Buch Daniel berichtet wird - in der Daniel, Schadrach, Meschach und Abed-Nego zu den auserwählten Exilanten gehörten, die eine Ausbildung für den babylonischen Staatsdienst erhielten. Das Buch spricht also hinein in eine Zeit des Kummers fern der Heimat. 

Im 137. Psalm lesen wir:

An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten,
wenn wir an Zion gedachten.
Unsere Harfen hängten wir an die Weiden dort im Lande.
Denn die uns gefangen hielten, hießen uns dort singen
und in unserm Heulen fröhlich sein:
»Singet uns ein Lied von Zion! «

Psalm 137:1-3


Die Botschaft

Jesaja, Kapitel 66

Das 66. ist das letzte Kapitel und enthält mehrere ineinander verschlungene Worte der Prophetie, die sich beziehen auf:

  • die Erlösung des Volkes Gottes
  • die Ankündigung des Messias
  • die Neugründung des Staates Israel
  • die Wiederherstellung Jerusalems
  • das Gericht Gottes über Seine Feinde
  • das 1.000-jährige Reich
  • die Ewigkeit: Gottes neue Welt (Himmel und Erde werden neu)
 
Genauer:

  • Die Verse 1-4 beschreiben zwei Gruppen von Menschen
  • Die Verse 5-9 kündigen den Messias und die Neugründung des Staates Israel an
  • Die Verse 10-14 kündigen die Wiederherstellung und Frieden für Jerusalem an
  • Die Verse 15-18 beschreiben Gottes Gericht.
  • Die Verse 19-21 beschreiben die Friedenszeit danach.
  • Die Verse 22-24 beschreiben Gottes Reich in Vollendung: neuer Himmel und Erde.


2 Gruppen von Empfängern, 2 Botschaften

Im 66. Kapitel lesen wir von 2 Gruppen von Menschen: den Abgewichenen und Gottlosen auf der einen Seite und den Treuen, Gottes Volk, auf der anderen. Über diese beiden Gruppen lesen wir folgendes: 

  • Die Abgewichenen und Gottlosen, das sind: Mörder, Übeltäter, Gräueltäter und Götzendiener, die eigene Wege gehen (Vers 3). Sie hören Gottes Stimme nicht, antworten ihm nicht (Vers 4) und tun, was böse ist (Vers 4). 

  • Die Treuen, Gottes Volk dagegen, das sind die, die gedemütigten, die mit einem gebrochenen Geist, die vor Gottes Wort zittern (Vers 2). Sie sind seine Diener (Vers 14), sie hören Gottes Wort (Vers 5), sie werden von den Feinden Gottes gehasst und verstoßen und verspottet, weil sie Gott treu sind (Vers 5).

Weiter lesen wir im 66. Kapitel von 2 Botschaften Gottes: Zum einen von Gottes Gericht über die Gottlosen und zum anderen von Gottes Heilshandeln an Seinem Volk. Konkret lesen wir in Jesaja 66:15-18 - über das Weltgericht:

  • Die Gottlosen (Vers 4) werden zugrunde gehen (Vers 5), der HERR vergilt seinen Feinden ihr Tun (Vers 6). Durch Feuer und Wagen übt Gott Vergeltung, wie ein vernichtender Orkan (Vers 15), in glühendem Zorn  und in flammendem Feuer (Vers 15) für alles Böse, was die Menschheit (Vers 16), ja alle Völker und Nationen (Vers 18) gegen Ihn und Sein Volk gesündigt haben und setzt damit ein Zeichen (Vers 18). Die Leichen der Männer jedoch, die sich gegen Gott auflehnten, werden mit ewigem Feuer brennen (Vers 24); seine Feinde nehmen ein schreckliches Ende (Vers 17).
  • Sein Volk jedoch wird Gott trösten, wie eine Mutter ihr Kind und zwar in Jerusalem (Vers 13). Er wird Jerusalem Frieden verschaffen und den Reichtum der Völker wie einen breiten Strom nach Jerusalem lenken (Vers 12) - zur Freude seiner Kinder (Verse 12 und 14). Dieser Trost hat jedoch nicht allein zu tun mit Frieden und Wohlstand, sondern vor allem mit einer Geburt, die uns in mehreren ineinander verwobenen Bildern der Prophetie gezeigt wird (Verse 7-9).


Prophetische Bilder

Die Trost-Botschaft von Jesaja 66 berichtet von einer Geburt: in wenigen Versen (Jesaja 66:7-9) überlagern sich mehrere, ineinander verwobene Bilder, die sich schon mehrfach in der Geschichte erfüllt haben.


Erste Erfüllung

"Wer hat so etwas je gehört?
Wer hat so etwas schon gesehen?
Hat ein Land sich je an einem Tag gebildet?
Wurde je ein Volk an einem einzigen Tag geboren?
Doch Zions Wehen hatten kaum eingesetzt,
da waren ihre Söhne schon geboren."

Jesaja 66:8

Das war, was im Jahr 538 v. Chr. passierte. Damals wurde die Nation Israel tatsächlich neu geboren — gewissermaßen an einem Tag —, nachdem das Land rund 70 Jahre zuvor von den Babyloniern verwüstet und entvölkert worden war. Jesaja 66:8 erfüllte sich zu der Zeit auf beeindruckende Weise, als der persische Eroberer Kyrus der II oder Kyrus der Große den Juden die Rückkehr in ihre Heimat, den Wiederaufbau der Stadt und den Tempelbau erlaubte. Konkret lesen wir im Kyrus-Edikt aus dem Jahre 538 (siehe Esra 1:2):

"So spricht Kyrus, der König von Persien: Der HERR, der Gott des Himmels, hat mir alle Königreiche der Erde gegeben. Nun hat er mich dazu bestimmt, ihm in Jerusalem in Juda ein Haus zu errichten. Denn er ist der Gott, der in Jerusalem wohnt. Aber auch die übrigen Einwohner aus all den Orten in denen er als Fremder lebt, sollen ihn unterstützen mit Silber und Gold, mit Vorräten, mit Vieh und darüber hinaus mit einer freiwilligen Gabe für das Haus Gottes in Jerusalem." (siehe auch Esra 6,3-5)

Allein das ist schon ein wunderbares Beispiel dafür, dass Gottes Prophetien eintreffen. 
Doch es kommt noch besser:


Zweite Erfüllung

"Noch bevor die Wehen einsetzten, hat sie geboren,
noch ehe die  Wehen begannen, bekam sie einen Sohn.“

Jesaja 66:7

Das ist wohl der Traum jeder Mutter: Eine Geburt ohne Wehen und Schmerzen. Auf wen trifft das zu? Nicht auf Maria. Wohl aber auf Jerusalem, die "Tochter Zion", also die Nation Israel, die den „Sohn“, Christus, hervorgebracht hat (vgl. Jesaja 9,6; Micha 5,1; Römer 9,5 usw.). Als der Messias zur Welt kam, lagerten Israels Hirten in Bethlehem friedlich auf dem Feld. 

„Du, Tochter Zion, freue dich sehr, 
und du, Tochter Jerusalem, jauchze! 
Siehe, dein König kommt zu dir...“
Sacharja 9,9


Dritte Erfüllung

Und es gibt noch eine Erfüllung von Jesaja 66:8 – aus meiner Sicht die klarste von allen. Zitat: „Es war an einem Freitagnachmittag, am 14. Mai 1948 um 16 Uhr. Die letzten Stunden des britischen Mandats waren angebrochen und im Museum von Tel Aviv hatte sich eine nicht allzu große, handverlesene Gruppe von 350 Personen zu einem schon sehnlichst erwarteten Akt zusammengefunden: der offiziellen Gründung des neuzeitlichen Staates Israel.“ 

Nochmals zur Erinnerung:

"Wer hat so etwas je gehört?
Wer hat so etwas schon gesehen?
Hat ein Land sich je an einem Tag gebildet?
Wurde je ein Volk an einem einzigen Tag geboren?
 
Jesaja 66:8


Unsere Jahreslosung

Ein Wort in die Not

In diese Situation hinein also, mitten hinein in die Bedrängnis und Trübsal Seines Volkes, welches in der babylonischen Gefangenschaft weinte, welches unter der römischen Besatzung große Not litt, welches in der Zeit der Shoah, also des Holocaust unendliches erduldet hatte - und auch in unsere Zeit, in welcher Gottes Volk unter der Bedrängnis der Verfolgung durch die Feinde Gottes - ISIS, Boko Haram und viele andere - leidet, mitten in diese Situation hinein spricht Gott sein Wort vom Trost:

Jubelt alle in der Stadt, die ihr liebt.
Singt alle voller Freude mit ihr,
die ihr um sie getrauert habt.

Dann werdet auch ihr Euch an ihrer tröstenden Brust satt trinken können
und euch an ihrer herrlichen Mutterbrust erfreuen.
Denn so spricht der HERR: "Schaut, ich werde den Frieden wie einen Strom
und den Reichtum der Völker wie einen Fluss nach Jerusalem fließen lassen.

Ihre Kinder werden saugen,
sie werden auf den Armen getragen und auf den Knien liebkost werden.
Ich selbst werde euch trösten, wie eine Mutter ihr Kind tröstet.
In Jerusalem sollt ihr getröstet werden.

Ihr werdet es zu sehen bekommen
und Euer Herz wird sich freuen....“

Jesaja 66:10-14


Ein Wort der Verheißung

Das also ist es, was Gott seinem seit Anbeginn geknechteten Volk zu sagen hat - denen, die gedemütigt werden, denen mit einem gebrochenen Geist, denen die vor Gottes Wort zittern, denen, die seine Diener sind und Sein Wort hören, denen, die von Gottes Feinden gehasst und verstoßen und verspottet werden, weil sie Gott treu sind: 

Die Botschaft lautet:

  • Ihr seid nicht vergessen!
  • Ich werde Euch aus aller Eurer Not retten!
  • Ich werde mich an Euren Feinden als der Herrliche offenbaren!

Gott hat Sein Wort bereits in der Vergangenheit erfüllt:

  • durch Kyrus, indem er sein Volk aus der babylonischen Gefangenschaft befreite
  • in Christus, der uns besuchte und mit sich versöhnte durch Sein Opfer am Kreuz
  • in der Neugründung Israels; einem nie dagewesenen historischen Ereignis!
Und er wird es ein letztes Mal erfüllen - und diesmal endgültig:

  • durch Sein Weltgericht,
  • welches allen Seinen Feinden ein Ende macht
  • und Seinem Volk ewigen Frieden bringt.

Ein Wort, das sich erfüllt

Das Wachstum des Reiches Gottes zieht sich, ungeachtet aller Verfolgung, durch die Geschichte: was sich im Jahr 538 v. Chr. (siehe Erlösung aus der Babylonischen Gefangenschaft) vorbildhaft vollzogen hatte, wurde (im Kommen Christi) bleibende Realität. Uns diese Realität breitet sich vor unseren Augen (siehe Neugründung des Staates Israel) immer weiter aus. Und sie wird eines Tages volle Wirklichkeit werden, wenn Christus in Herrlichkeit zurück gekehrt ist, wenn alle Feinde Gottes besiegt sind und auch Gottes letzte Verheißung an uns wahr geworden ist:  

Ich selbst werde euch trösten, wie eine Mutter ihr Kind tröstet. 
In Jerusalem sollt ihr getröstet werden.

Jesaja 66:13

Dieser Trost hat zu tun mit dem, was Gott tun wird. In Offenbarung 21 lesen wir darüber: 

"Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde, denn der alte Himmel und die alte Erde waren verschwunden. Und auch das Meer war nicht mehr da. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen wie eine schöne Braut, die sich für ihren Bräutigam geschmückt hat. Ich hörte eine laute Stimme vom Thron her rufen: »Siehe, die Wohnung Gottes ist nun bei den Menschen! Er wird bei ihnen wohnen und sie werden sein Volk sein und Gott selbst wird bei ihnen sein. Er wird alle ihre Tränen abwischen, und es wird keinen Tod und keine Trauer und kein Weinen und keinen Schmerz mehr geben. Denn die erste Welt mit ihrem ganzen Unheil ist für immer vergangen.« Und der, der auf dem Thron saß, sagte: »Ja, ich mache alles neu!« Und dann sagte er zu mir: »Schreib es auf, denn was ich dir sage, ist zuverlässig und wahr!« Und er sagte auch: »Es ist vollendet! Ich bin das Alpha und das Omega - der Anfang und das Ende. Jedem, der durstig ist, werde ich aus der Quelle, die das Wasser des Lebens enthält, umsonst zu trinken geben! Wer siegreich ist, wird dies alles empfangen; ich werde sein Gott sein, und er wird mein Sohn sein." (Offb 21:1-7)

Dieser Trost, der uns in Gottes neuer Welt, im himmlischen Jerusalem, erwartet, wird so innig und so tief und so beruhigend sein, wie die vollkommene Geborgenheit, die ein kleines Kind an der Brust seiner Mutter erfährt. David beschrieb diesen Zustand im 131. Psalm so:

Fürwahr, meine Seele ist still und ruhig geworden
wie ein kleines Kind bei seiner Mutter;
wie ein kleines Kind, so ist meine Seele in mir.

Psalm 131:2


Ein Wort des Trostes

Das Volk Gottes wurde zu allen Zeiten verachtet, verspottet und verfolgt:

  • unter den Babyloniern
  • unter den Römern
  • unter Hitler & Stalin
  • und auch zu unserer Zeit unter Boko Haram und ISIS
Und manchmal haben wir den Eindruck, als habe Gott sein Volk verlassen. 
Doch Gottes Volk war und ist niemals vergessen - Gott hält Seine Versprechen:

  • Er sandte Kyrus, zur Befreiung aus der Gefangenschaft
  • Er kam in Christus und erlöste uns von unseren Sünden
  • Er wirkte in der neuzeitlichen Geschichte und baut weiter Sein Reich
  • und Er wird am Ende der Tage auch Sein letztes Versprechen einlösen

Darum dürfen wir getrost sein in aller Not - und voller Hoffnung warten auf das, was noch kommt: Die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus, der jetzt sitzt zur Rechten des Thrones Gottes und uns vertritt. Denn: mit Seinem Kommen kommt endgültiger Frieden und innigste Geborgenheit. Dann, im himmlischen Jerusalem, werden wir in der ganzen Fülle erfahren, was es heißt, was Gott uns hier verspricht:

Ich selbst werde euch trösten, wie eine Mutter ihr Kind tröstet.
In Jerusalem sollt ihr getröstet werden.

Jesaja 66:13

Weil das so ist möchte ich diese Worte abschließen mit zwei Ermunterungen:

"...auch wir: Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns ständig umstrickt, und lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist, und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens, der, obwohl er hätte Freude haben können, das Kreuz erduldete und die Schande gering achtete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes." (Heb 12:1-2)
In diesem Sinne: "Meidet das Böse in jeder Gestalt. Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt, untadelig für  die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus. Treu ist er, der euch ruft; er wird's auch tun.“ (1Thess 5:22-23).

AMEN.


Frage und Worte an Dein Herz

  • Bist Du gerade in großer Not?
  • Schau auf Gottes treues Handeln in der Geschichte.
  • Schau auf Christus, den Anfänger und Vollender Deines Glaubens!
  • Hoffe auf Seine Verheißungen.
  • „Treu ist er, der Dich ruft; er wird Dich bewahren!“ (1 Thess 5:22-23)

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[Predigt als MP3]

Sonntag, 29. März 2015

Ein feste Burg ist unser Gott (Ps 46:1-12)

Text

1 "Ein Lied der Söhne Korach, vorzusingen, nach der Weise »Jungfrauen«." 2 Gott ist unsre Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben. 3 Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge und die Berge mitten ins Meer sänken, 4 wenngleich das Meer wütete und wallte und von seinem Ungestüm die Berge einfielen. "SELA". 5 Dennoch soll die Stadt Gottes fein lustig bleiben mit ihren Brünnlein, da die heiligen Wohnungen des Höchsten sind. 6 Gott ist bei ihr drinnen, darum wird sie festbleiben; Gott hilft ihr früh am Morgen. 7 Die Heiden müssen verzagen und die Königreiche fallen, das Erdreich muss vergehen, wenn er sich hören lässt. 8 "Der Herr Zebaoth ist mit uns," "der Gott Jakobs ist unser Schutz." "SELA" 9 Kommt her und schauet die Werke des HERRN, der auf Erden solch ein Zerstören anrichtet, 10 der den Kriegen steuert in aller Welt, der Bogen zerbricht, Spieße zerschlägt und Wagen mit Feuer verbrennt. 11 Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin! Ich will der Höchste sein unter den Heiden, der Höchste auf Erden. 12 "Der Herr Zebaoth ist mit uns," "der Gott Jakobs ist unser Schutz." "SELA".


Kommentar

Zusammenfassung

Wohl angesichts der Belagerung Jerusalems und der letztendlichen Errettung des Volkes und der Stadt durch das Eingreifen Gottes entstand dieser Psalm, der uns mit apokalyptischen Bildern die Gefahr und Bedrängnis des Volkes Gottes und die verlässliche Hilfe Gottes schildert, der Seinem Volk inmitten von Not und Streit ein Quellborn des Friedens ist. Und in prophetischer Vorausschau weist dieser Psalm auf das Ende der Tage, wenn Gott selbst den Frieden auf Erden schaffen wird. Er, der Gott des Friedens aber ist es, der uns auffordert Ihn in Seinem Wort und Werk zu erkennen und der uns auch im Kehrvers diess Psalms immer wieder zusagt, dass Er mit uns ist und daß Er, Er allein, unser verlässlicher Schutz in aller Not ist.


Struktur

1 Die Korahleviten verfassten dieses Vortragslied für einen Jugend-Chor.
2-4 Gott der Allmächtige ist unser Schutz selbst inmitten apokalyptischer Szenarien.
5-8 Dank Gott hat Sein Volk seligen Frieden inmitten des Chaos; Er ist ihre Hilfe.
9-12 Gott wird Frieden schaffen auf Erden und will, dass wir Ihn wirklich erkennen.


Inhalt

1 Dieser Psalm wurde von den Korahleviten (vgl. Zusammenfassung von Psalm 44) als Vortragslied "für hohe Stimmen" komponiert (Buber übersetzte: "in der Jugend-Tonart"; Luther: "nach der Weise »Jungfrauen«.")


2-4 Dieser Psalm beginnt und endet mit einem Wort des Trostes: Dass nämlich Gott, der Gott Jakobs, der Herr der Heerscharen, bei uns ist, uns zur Seite steht, uns begleitet und uns beschützt. Er, der allmächtige Gott selbst, ist unsere Hoffnung und die Quelle unserer Kraft. Daran muss auch Paulus gedacht haben, als er uns schrieb: "Was wollen wir nun hierzu sagen? Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?" (Rö 8:31). 

Dieser Beistand aber war dem Volk Gottes überlebenswichtig, denn offenbar litt es um die Zeit der Verfassung des Psalms große Not, wie z.B. während der Belagerung Jerusalems durch die Assyrer (siehe 2Chr 32:9-23).

Doch ungeachtet der überwältigenden Gefahr konnten die Psalmisten getrost dichten "wir fürchten uns nicht!" Auch dann nicht, wenn die Grundfesten der Erde so erschüttert würden, dass ganze Gebirgszüge vom Wüten katastrophischer Fluten verschlungen würden. Ja, selbst dann nicht, wenn die ganze Schöpfung in einem apokalyptischen Szenario vor ihrem Untergang stünde. Der Grund aber für diese unerschütterliche Furchtlosigkeit ist ein einziger: Das Wissen, dass Gott selbst, der Herr der Schöpfung, der Erschaffer von Bergen und Meeren, in ihrer Mitte ist.


5-8 Wenn auch außen, rund um die Stadt, die Apokalypse tobt und das brausende Meer der Belagerer die Mauern einzureißen droht, so soll doch Gottes heilige Stadt, getrost und fröhlich bleiben. Welch scharfer Kontrast: draußen das tosende Meer der Belagerer und drinnen das fröhliche Plätschern des Bächleins Siloah (Luther: "Brünnlein"), oder wie Jesaja schrieb: "die Wasser von Siloah, die still dahinfließen" (Jes 8:6). In dieser idyllischen Stille hat Gott Wohnung genommen. Und weil ER, der Allmächtige, die Stadt bewohnt, allein darum wird sie nicht eingenommen werden, sondern Bestand haben. Und auf diesen Zuspruch folgt die Verheißung: "Gott hilft [der Stadt] früh am Morgen". Interessant ist in diesem Zusammenhang der Bericht vom Ende der Belagerung Jerusalems, wie er im 2. Buch der Könige festgehalten wurde, in welchem uns berichtet wird, dass Gottes Hilfe den Belagerten tatsächlich früh am Morgen zuteil wurde (vgl. 2Kö 19:35f).

In Vers 7 klingt dann, neben dem Triumph Gottes über die heidnischen Belagerer, auch ein prophetisches Element durch, welches, einem fernen Echo gleich, vom Ende der Welt und den ihm vorausgehenden Ereignissen kündet: von den Kriegen unter den Königreichen der Welt (vgl. Mt 24:7-8), von der Angst der Heiden vor dem gewaltigen Zorn Gottes am Tag seines Gerichtes (vgl. Offb 6:14-17), und letztlich vom feurigen Gericht, in welchem gar die Erde vergeht (vgl. 2Pe 3:10).

In all dem aber, so tröstet der Kehrvers, der ursprünglich wohl auch einmal die erste Strophe nach Vers 4 zierte, ist Gott, der Allmächtige, der Herr über die himmlischen Heerscharen, der Pantokrator - mit uns. Der Gott Jakobs selbst, der Allerhöchste, der König aller Könige und Herr aller Herren, der Herrscher des Alls, er selbst ist es, der uns beschützt.


9-12 Alle Welt ist aufgefordert, zu kommen und sich höchstpersönlich und aus nächster Nähe anzusehen, wie Er, der Ewige und Allmächtige handelt. Er, der in Christus das Angebot von Waffen mit einem "Genug!" ausschlug (Lk 22:38) und der angesichts der Waffengewalt Petri gegen den Knecht des Hohenpriesters sprach: "Lasst ab!" (Lk 22:50f). Eben Sein Werk wird am Ende der Tage dieses sein, dass Er die Waffen der ganzen Welt zerstört und so die Kriege auf Erden in Frieden verwandelt. Ganz so, wie Er es später auch durch Seine Propheten verkünden ließ, dass am Ende der Tage eine Zeit kommen wird, in der die Völker "ihre Schwerter zu Pflugscharen machen" und "hinfort nicht mehr lernen [werden], Krieg zu führen" (Jes 2:4, Mi 4:3). 

Eben dieser Gott des Friedens (Rö 15:33, 16:20, 1Kor 14:33, Phil 4:9, 1Thess 5:23, Heb 13:20) aber fordert uns in Seinem Wort auf, stille zu werden und uns auf Ihn zu besinnen; Ihn selbst in Seinem Wort zu erkennen: Ihn, den Gott unseres Friedens, Ihn, unseren Beschützer in der Apokalypse, Ihn, den Bewahrer seligen und stillen Friedens, Ihn, unseren Helfer in der Not. Er selbst ist es, unser friedfertiger Helfer, Beschützer und Bewahrer, der zu uns spricht: "Ich will der Höchste sein unter den Heiden, der Höchste auf Erden." Ja, es ist wahr: "Der Herr Zebaoth ist mit uns" und Er selbst, "der Gott Jakobs ist unser Schutz".


Fragen und Anregungen zur praktischen Anwendung
  • Welche Not, Gefahr oder Bedrängnis ist es, die zurzeit Deine Seele schrecken will?
  • Geh in die Stille des Gebetes vor Gott, in die Betrachtung Seines Wortes und erkenne: Er, der Allmächtige, der Schutz Jakobs, ist mit Dir "alle Tage bis an der Welt Ende." (Mt 28:20)
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[Predigt als MP3]


Freitag, 28. Dezember 2012

Offene Türen – zaghafte Christen

Von Ulrich Parzany.

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Parzany. Quellennachweis: AUFATMEN 4/2012  

Ich bin ziemlich weit in der Welt herumgekommen und kenne Länder, in denen man nicht weiß, was Freiheit und Rechtsstaatlichkeit ist. Wie wunderbar, dann nach Hause zu kommen und zu wissen: „Mensch, du kannst alles machen, was du willst!“ Es gibt Rechtssicherheit, keine geheime Staatspolizei spioniert dir hinterher — wir haben alle Freiheit! Und alle Möglichkeiten. Wir leben in einem der reichsten Länder der Welt — aber wir nörgeln und klagen auch am meisten. Wir haben finanziell und organisatorisch alle Möglichkeiten. Alte und neue Medien — was hätte Paulus damit gemacht! Blitzschnell kommunizieren und Menschen erreichen können — unglaublich!
Und: Noch nie waren die Türen so weit offen! Mir geht es immer wie Paulus, der in 1. Korinther 16,9 geschrieben hat von seiner Tätigkeit in Ephesus: „Mir ist eine offene Tür zu reichem Wirken gegeben, aber — viele Widersacher.“. Dass es Schwierigkeiten gibt, Widerstand, das heißt für Paulus aber nicht, dass die Türen zu sind für die Evangelisation. Wo also liegt das Problem — warum wird so wenig evangelisiert? Sechs Ursachen möchte ich benennen: 


Der Sog der Postmoderne
Die erste ist der Sog der Postmoderne. Druck haben wir heute nicht. Druck ist in Diktaturen, wo die Polizei droht, wenn Menschen für Jesus den Mund aufmachen. Das haben wir bei uns nicht. Aber wir haben einen Sog, und er hat mitunter eine ebenso starke Wirkung wie Druck. Worin besteht der Sog?

Die Postmoderne ist durch vielerlei Attribute gekennzeichnet, aber ich greife dieses heraus: „Du kannst privat alles glauben.“ Alles ist möglich. Es gibt keine Wahrheit, die für alle gleich, gültig und verbindlich ist —  außer diesem Satz. Intellektuell ist diese postmoderne Konstruktion inkonsequent, doch wir leben sie trotzdem, denn der Mensch ist nicht logisch oder konsequent. Du hast deine Wahrheit, ich habe meine Wahrheit — es gibt keine Wahrheit für alle. Das einzige Gesetz in unserer Gesellschaft: Du darfst alles glauben, du darfst auch alles sagen, solange du das als deine private Wahrheit erklärst und solange du nicht behauptest, sie gilt für alle. „Toll, wie der an Jesus glaubt, so einen Glauben möchte ich haben!“ Da kannst du die absurdesten Dinge glauben und du wirst bewundert.
Wenn du allerdings sagst: „Es gibt eine Wahrheit, ob es dir passt oder nicht, die gilt auch für dich“ oder wenn du für den Satz Jesu einstehst: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater denn durch mich“, dann hast du das „Grundgesetz“ unserer Zeit verletzt und verdienst keine Toleranz mehr, denn dann gefährdest du die Freiheit einer offenen Gesellschaft. Das ist das Einzige, was nicht erlaubt ist.

Ich finde es traurig: Viele Christen in Mitteleuropa beugen sich diesem Sog. Diesem sanften Druck, der kein Zwang ist und nicht von der Polizei kommt —  man wird höchstens ausgegrinst oder als Fundamentalist beschimpft. Man beugt sich freiwillig und zieht sich in vorauseilendem Gehorsam zurück in den privaten Winkel. Weil wir beliebt und nette Leute sein wollen, überlassen wir die Öffentlichkeit den Gottlosen. Freiwillig — das ist der Sog der Postmoderne.
„Evangelisation? Warum müssen wir denn diesen ganzen Aufwand machen? Das kostet ja auch so viel Geld! Und das Geld kann man ja auch woanders einsetzen.“ Und der Teufel freut sich, wenn wir die Öffentlichkeit den Gottlosen überlassen — und ihr damit ja auch die Wahrheit vorenthalten, dass Gott der Schöpfer und Erhalter ist, der Erlöser und der Richter und damit auch der Retter aller Menschen.


Die Frage der Toleranz

Was ist eigentlich Toleranz? Der Soziologe Prof. Ulrich Beck hat eine Menge Bücher geschrieben, darunter „Der eigene Gott“. Wir leben in einer Zeit, in der jeder seine eigene Religion bastelt, es gibt nicht mehr den einen Gott, der für alle gültig ist. Das ist tolerant. Goethe war sehr kritisch: „Toleranz heißt verachten“, sagte er, weil tolerant war man, wenn man bestimmte Bürger auch leben ließ, aber sie waren Bürger zweiter Klasse. Etwa das Toleranz-Patent des österreichischen Kaisers Josef II. Da bekamen Protestanten und Juden die Erlaubnis, ihren Glauben leben zu dürfen, aber als Bürger zweiter Klasse — was man bis heute in der Architektur in Österreich, Tschechien und Ungarn wiederfindet: Ihre Kirchen durften keine Kirchtürme haben, die mussten in die Fassaden eingebaut werden. Toleranz hieß: Du darfst leben — aber du hast nicht die gleichen Rechte.
Lessing lässt in der Ringparabel „Nathan der Weise“ den Richter sagen, er wisse nicht, welcher der echte Ring ist, deshalb sollten sich alle bemühen, in der Liebe zu leben. Hier heißt die Logik: Wir beantworten die Wahrheitsfrage nicht, weil man sie nicht beantworten kann — stattdessen bemühen wir uns um Frieden. Genau das ist jetzt modern. Prof. Ulrich Beck sagt: „Inwieweit Wahrheit durch Frieden ersetzt werden kann, entscheidet über die Fortexistenz der Menschheit.“ (Beck, „Der eigene Gott“) Den Frieden zu bewahren in einer Gesellschaft oder zwischen Völkern ist also wichtiger als die Wahrheitsfrage. Deshalb, so die Konsequenz, müssen wir die Wahrheitsfrage aufgeben. Und wer das tut, sei „tolerant“.

Ich will hier genau definieren, was Toleranz ist. Es ist deshalb so wichtig, weil die Kritiker — vor allem der monotheistischen Religionen — sagen: „Wer behauptet, dass er die Wahrheit hat, der wird sie auch eines Tages anderen mit Gewalt aufzwingen.“ Wie also definiert sich Toleranz? Ich zitiere einen der klügsten deutschen Philosophen, Jürgen Habermas (1): „Wir brauchen nicht tolerant zu sein, wenn wir gegenüber fremden Auffassungen und Einstellungen ohnehin indifferent sind oder gar den Wert dieses ‚Anderen‘ schätzen ... Die politische Tugend der Toleranz ist erst dann gefragt, wenn die Beteiligten ihren eigenen Wahrheitsanspruch im Konflikt mit dem Wahrheitsanspruch eines Anderen als ‚nicht verhandelbar‘ betrachten, aber den fortbestehenden Dissens dahingestellt sein lassen, um auf der Ebene des politischen Zusammenlebens eine gemeinsame Basis des Umgangs aufrechtzuerhalten.“
Wenn einer gleichgültig ist gegenüber dem, was ein anderer glaubt oder vertritt, dann ist das noch nicht Toleranz. Die bürgerliche Tugend der Toleranz beinhaltet, zwei miteinander unvereinbare Erkenntnisse oder Haltungen mit friedlichen Mitteln in einen —  auch öffentlichen — Diskurs zu bringen und einander nicht zur Einsicht zu zwingen. Habermas betont, eine freie Gesellschaft lebe davon, dass Menschen klar und öffentlich ihre Positionen vertreten und dafür eintreten und argumentieren und sich dazu bekennen. Dass miteinander gerungen wird —  aber eben im Frieden, ohne Polizei, ohne Terror, ohne Gewalt. Das ist Toleranz. Eine freie Gesellschaft, eine Demokratie, lebt davon, dass gegensätzliche Positionen ausgetragen werden.

Deswegen ärgere ich mich, wenn Leute schimpfen, dass im Parlament gestritten wird. Ich meine: Wenn die nicht mehr öffentlich streiten, sondern in Hinterzimmern still mauscheln, dann ist Gefahr im Verzug! Es muss eine öffentliche Diskussion sein, sie darf scharf sein, sie muss deutlich sein — aber friedlich, ohne Gewalt.
Viele, die sich heute tolerant nennen, möchten doch viel eher, dass ich als überzeugter Christ mich zurückziehe in meinen Hauskreis, in meinen privaten Winkel — da kann ich glauben, was ich will. Aber ich sage: Nein, wir müssen in die Öffentlichkeit! Ich möchte, dass Menschen demokratisch streiten. Wir haben 450 Millionen Einwohner in Europa. Es kann uns doch nicht egal sein, was die alles hören — oder eben nicht. Wir müssen in die Öffentlichkeit!


Verspielte Glaubwürdigkeit
Die lange Geschichte der Verknüpfung von Staatsreligion mit Gewalt hat uns in Europa die Glaubwürdigkeit des Evangeliums gekostet. Kritiker halten uns Christen vor: ‚Heute seid ihr lammfromm, weil ihr keine Macht habt. Aber als ihr sie hattet — die ganzen Jahrhunderte hindurch in der Staatsreligion — da habt ihr die Leute, die anders dachten, ins Gefängnis gesteckt! Habt die Täufer ersäuft (mit Zwinglis Zustimmung...) oder hinrichten lassen in Genf ... Ihr habt Glaube mit der Polizei eingetrieben. Die ‚Ehe‘ von Thron und Altar ging doch erst 1918 zu Ende!“

Westeuropa ist der einzige Teil der Welt, in der die Gemeinde nicht wächst. Der einzige Teil, wo man gewaltige Anstrengungen unternehmen muss, um überhaupt das Interesse der Menschen zu gewinnen. Wenn ich in Asien oder in Afrika predige, schaue ich in tausende erwartungsvolle Augen, die von Jesus hören wollen.

Wir haben unsere Glaubwürdigkeit verspielt, weil wir versucht haben, das Evangelium mit Gewalt aufzuzwingen. Das Evangelium verträgt nicht die Unterstützung von Regierungen. Seine Kraft liegt in der Autorität der Hingabe und Liebe, nicht im langen Hebel der Polizei, der Gewalt und der Gesetzgebung, mit dem wir anderen aufzwingen wollen, wozu wir ihre Herzen nicht bewegen können.

Das ist eine schwierige Aufgabe heute —  aber unsere Zeitgenossen haben ein Recht darauf, dass wir das Evangelium leben, das wir verkündigen. Wenn wir sagen, dass dieser Jesus die Schlüsselfigur und allein der Retter ist, dann werden sie prüfen, oh sie uns das auch abnehmen können. Es geht heute nicht um rhetorische Tricks, es geht auch nicht um methodische Raffinesse, sondern darum, dass wir das Evangelium, das wir verkündigen, selber auch leben!


The German Angst 

Evangelium heute bei uns zu verkündigen heißt, Kamele durchs Nadelöhr zu treiben. Das sagte Jesus. Es ist leichter, dass ein Kamel durchs Nadelöhr kommt als ein Reicher ins Reich Gottes. Und wir gehören zu den Reichsten der Welt. Es ist Kennzeichen der Reichen, dass sie immer von sich selbst denken, dass sie nicht reich genug sind. Deshalb ist unser Land als eines der reichsten Länder der Welt nicht das Land der überbordenden Freude und Dankbarkeit, sondern das Land der Nörgler und „weltberühmt“ für die Angst. „The German Angst“ gibt es inzwischen als Fremdwort, neben „Kindergarten“ und „Zeitgeist“ im Englischen.

Ein Kennzeichen der Reichen ist auch: Sie brauchen Gott nicht. Sie kommen auch so im Leben zurecht. Manche Reiche sind wie der reiche Jüngling in der Bibel. Das kann ja eigentlich noch nicht alles gewesen sein, empfinden sie. Sie suchen den spirituellen Mehrwert, sind durchaus offen für Religion, Sicherheit und Anerkennung, ausschließlich begründet in ihrem Reichtum, sind nicht befriedigend genug; jetzt suchen sie zur Erfüllung auch noch Glauben an Gott. Daran scheitert der reiche Jüngling. Er war reich, klug, hatte die Gebote Gottes gehalten, Jesus bestätigt das. Als Jesus aber den Gottestest macht: „Verkaufe, was du hast, und komm und folge mir nach“, da kapiert er: Der Reichtum ist mein Gott, das ist mein Fundament, davon will ich nicht lassen.

Das ist Unser Problem! Es geht immer um Gott oder Mammon. Das Christentum Europas ist der Versuch, über zweitausend Jahre zu beweisen, dass Jesus nicht Recht hat mit seinem Satz: „Der Mensch kann entweder Gott dienen oder dem Mammon.“ Wir haben versucht zu zeigen, dass man beides miteinander vereinbaren kann. Aber man kann es nicht! Das ist der Grund, warum Menschen, obwohl sie spirituelle Sehnsucht haben, nicht umkehren. Es geht um das erste Gebot, dass ich breche mit den Götzen: Mit dem Geld, meinem Vermögen, das mir Sicherheit und Anerkennung gibt. Dass ich mich bekehre zu Jesus. Aber da hört der Spaß auf, da geht der Mann traurig davon. Diese Geschichte passiert bei uns tausendfach.

Wenn man weiter liest bei Lukas kommt bald danach Zachäus. Sein Vermögen war betrügerisch und unrecht erworben, ein schlimmer Reichtum. Und der wird nun der Sonne der Barmherzigkeit Gottes ausgesetzt. Ohne dass ihm Jesus die Leviten liest — worüber sich die Religiösen empören — sagt Zachäus: ‚Die Hälfte meines Vermögens gebe ich den Armen, und wo ich betrogen habe, gebe ich vierfach zurück. Da sehen wir: Bei den Menschen ist es unmöglich, bei Gott aber sind alle Dinge möglich. Wer meint denn ernsthaft, es gäbe eine Methode, erfolgreicher zu sein als Jesus? Er musste mit ansehen, wie der reiche junge Mann wegging. Und trotzdem, trotzdem gilt allen die Botschaft von Jesus. 
  

Raus aus den Gettos 

Wie viele Beziehungen haben Sie zu Nichtchristen? Wenn bei „Pro Christ“ Gemeinden einladen, merken wir, dass viele Christen keine Beziehung haben zu noch nicht an Christus glaubende Menschen. Da fragt man sich: Was passiert eigentlich im Berufsalltag? Trifft man da keine „normalen“ Menschen? Ich werde nie vergessen, wie auf dem Welt-Missions-Kongress in Manila 1989 ein chinesischer Geschäftsmann von den Fröschen und Eidechsen erzählte: „Kennt ihr den Unterschied, wie die ihre Beute fangen? Der Frosch sitzt da und wartet, dass ein Insekt vorbei fliegt, dann geht die lange Zunge raus und versucht, es zu fangen. Die Eidechse aber rennt durch die Gegend und ist überall zu finden. Pastoren und Prediger sind die Frösche. Die sitzen in ihrer Position und warten. Aber Kaufleute und Ingenieure, Lehrerinnen und Sozialarbeiter, das sind Eidechsen, die kommen überall hin. Die sind jeden Tag unterwegs in der Gesellschaft und treffen dauernd Menschen, nach denen Gott sich sehnt.“ Die ganz normalen Mitglieder der Gemeinden sind die Menschenfischer, die den Missionsauftrag erfüllen können. Nur auf die Profis zu vertrauen, führt nicht zum Ziel. 


Das Recht, gehört zu werden 

Aber natürlich: Wir müssen das Recht erwerben, gehört zu werden. Wer ein miserabler Kollege ist in seinem Büro, wer andere mobbt, wer schlecht arbeitet, der braucht nicht damit zu rechnen, dass man ihm abnimmt, wenn er von Jesus redet. Wir erwerben das Recht, gehört zu werden, durch die Qualität unserer Arbeit und die Glaubwürdigkeit unseres Lebens. Für die Gemeinden gilt: Die Öffentlichkeit kann man nur erreichen, wenn man zusammenarbeitet. Wir sollten nicht allein versuchen, evangelistisch in die Öffentlichkeit zu gehen. Wir kommen aus dem Getto unserer Gemeinden nicht heraus in die Gesellschaft, wenn jeder für sich bleibt. Das ist heute eine große Tendenz: Jeder achtet auf sein eigenes. Schließlich soll die eigene Gemeinde wachsen. Nein! Die Öffentlichkeit erreichen wir nur, wenn wir miteinander arbeiten. Und deswegen sind säkulare Räume dafür auch die geeigneten Treffpunkte. 


Zur Zeit und Unzeit 

Als die erste Gemeinde in die Öffentlichkeit ging, merkte sie schnell, dass sie dafür keinen Applaus bekam, sondern Prügel (Apg 3-5). Die Apostel wurden eingeschüchtert. Niemand hat ihnen verboten, Hauskreise zu machen. Aber dass sie immer auf dem Tempelplatz in der Öffentlichkeit von Jesus redeten, das brachte Unruhe. Das kriegten sie verboten. Sie hätten sagen können: ‚Wir haben ja jetzt so viele Bekehrungen erlebt, jetzt konzentrieren wir uns auf Vertiefung.“ Machten sie aber nicht! Sie hatten zwar tägliche Hauskreise, Lehre, Gebet, Mahlfeier und Diakonie. Aber zugleich waren sie täglich in großen Versammlungen in der Öffentlichkeit:
„Wir können es nicht lassen, dass wir reden von dem, was wir gehört und gesehen haben. Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen!“

Und dafür werden sie verprügelt und bedroht. Aber sie kommen fröhlich in die Gemeinde, weil sie wertgeachtet waren, für Jesus einzustehen. Betete die Gemeinde dann: „Herr, schütze uns vor diesem Druck“? Nein, sondern: „Gib deinen Knechten mit Freimut zu reden dein Wort!“ Das ist ihr Gebet. Egal, ob Druck oder Sog: Das sollte auch unser Gebet sein.


Ulrich Parzany ist Pfarrer und Evangelist. Er lebt mit seiner Frau in Kassel.
Vom 3.-10. März 2013 findet ProChrist mit Live-Übertragung in der Porsche-Arena, Stuttgart, statt. 
Teilnahme und Information: www.prochrist.org





(1) Zitat Jürgen Habermas aus „Wann müssen wir tolerant sein? Über die Konkurrenz von Weltbildern, Werten und Theorien“. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften am 29. Juni 2002