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Sonntag, 31. Mai 2026

In Anfechtung! Was tun? – Wie wir trotz Gegenwind erfrischt werden können (Psalm 57 + Matthäus 11,28-30)

 


Zusammenfassung

In dieser Predigt wirst Du mitgenommen in eine ehrliche Auseinandersetzung mit dem, was die Bibel „Anfechtung" nennt – jene Zeiten, in denen wir uns verklagt, bedroht und innerlich ausgehöhlt fühlen. Anhand von Psalm 57 und Matthäus 11,28–30 wird entfaltet, wie der Feind gezielt vorgeht, um uns in Erschöpfung und Verzweiflung zu treiben – und was die entscheidende Gegenbewegung ist: der Wechsel der Blickrichtung. Nicht mehr auf die eigene Schuld, die eigene Schwäche oder die dunklen Umstände zu schauen, sondern auf Christus, seine Gnade und seinen Charakter. Mit einem Wort Martin Luthers, und einem Vergleich aus der Physik mündet die Predigt in eine kraftvolle Ermutigung zur Einheit mit Gottes Willen und dem Einladungsruf Jesu an alle Erschöpften: Wir dürfen kommen, so wie wir sind – und finden Ruhe für unsere Seelen.

[Predigt als MP3]


Übersicht

Dieses ganze Thema aufzudröseln – das erste ist die Situation. Wie ist das eigentlich? Was ist Anfechtung? Wie fühlt sich das an? Verklagt sein, auf der Flucht sein, mit einem Herzen, das nach Hoffnung schreit, das Sehnsucht hat nach Gottes Schalom. Dann unser Gebet – und zwar auf Basis dessen, wer Gott ist und wie er ist, auf Basis seines Charakters, und was wir ihm bitten. Dann die Strategie des Feindes auch noch mal aufzudecken: Wie geht der eigentlich vor? Wie genau stellt er uns das Bein, damit wir das vielleicht beim nächsten Mal besser erkennen? Und dann die beiden zentralen Punkte: einmal die Wendung, nämlich etwas über den Wechsel unserer Blickrichtung. Und dazu dann auch noch ein paar Gedanken vom guten alten Martin Luther – also das ist auch einer von denen, wo ich mich schon darauf freue, den im Himmel mal zu sehen. Dem habe ich das eine oder andere zu sagen. Unter anderem, dass ich ihm dankbar bin für viele kernige Dinge, die er gesagt hat. Und last but not least das Eigentliche: der Blick auf Christus, wozu er uns einlädt, was er für uns tun will und was er uns rät. Und ganz zum Schluss möchte ich dann direkt in den Lobpreis überleiten. Das heißt, wenn ihr das Gefühl habt, so langsam aber sicher kommt der Michi jetzt wahrscheinlich zum Ende – Jochen, dann könnt ihr vielleicht schon mal vorgehen. Weil das wäre schön, wenn das so ein nahtloser Übergang werden könnte, denn die Lieder bringen, denke ich, ganz wunderbar zum Ausdruck, was Inhalt der Predigt ist.


Textlesungen

Psalm 57,1

Ein Güldenes Kleinod Davids, vorzusingen nach der Weise: Vertilge nicht. Als er vor Saul in die Höhle floh. „Sei mir gnädig, Gott, sei mir gnädig. Denn auf dich traut meine Seele. Und unter dem Schatten deiner Flügel habe ich Zuflucht, bis das Unglück vorübergehe. Ich rufe zu Gott, dem Allerhöchsten, zu Gott, der meine Sache zum guten Ende führt. Er sende vom Himmel und helfe mir von der Schmähung dessen, der mir nachstellt. Sela. Gott sende seine Güte und Treue. Ich liege mitten unter Löwen. Verzehrende Flammen sind die Menschen. Ihre Zähne sind Spieße und Pfeile und ihre Zungen scharfe Schwerter. Erhebe dich, Gott, über den Himmel, und deine Herrlichkeit über alle Welt. Sie haben meinen Schritten ein Netz gestellt und meine Seele gebeugt. Sie haben vor mir eine Grube gegraben und fallen doch selbst hinein. Sela. Mein Herz ist bereit, Gott, mein Herz ist bereit, dass ich singe und lobe. Wach auf, meine Seele! Wach auf, Psalter und Harfe! Ich will das Morgenrot wecken. Herr, ich will dir danken unter den Völkern. Ich will dir lobsingen unter den Leuten, denn deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen. Erhebe dich, Gott, über den Himmel und deine Herrlichkeit über alle Welt." 


Matthäus 11,28–30

„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig. So werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen, denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht." Danke, Felix.


Die Situation

Verklagt

Anhand der Verse, die wir gerade gehört haben aus Psalm 57 und auch aus dem Matthäusevangelium, möchte ich mit euch jetzt durchgehen durch diese Punkte: wie sich das anfühlt, wenn man angefochten ist, und wie gesagt, was wir tun können. 

Ich finde es schon ganz interessant, wie der Psalm überhaupt anfängt. Da steht ja ganz am Anfang: „Nach der Weise: Vertilge nicht." Und ich weiß nicht, wie es euch geht – mir geht es in Zeiten der Anfechtung oft so, dass man dieses Gefühl hat, man wird vertilgt, man wird aufgefressen, man wird – ja, weiß ich nicht – weggehext. Es gibt Zeiten in unserem Leben, da verklagt uns der Feind so sehr, und zwar ganz egal, ob wir gesündigt haben oder nicht, dass wir uns fürchten, Gott könnte zulassen, dass er uns verschlingt. Er heißt ja nicht umsonst der Verkläger der Brüder. Und es heißt auch nicht zuletzt deswegen in 1. Petrus 5, Vers 8: „Seid nüchtern und wacht, denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge." Der Feind droht uns. Er macht uns Angst – entweder indem er uns unsere Schuld vorhält oder unsere Schwachheit. 

Auf der Flucht

David war damals auf der Flucht vor Saul, der geistig – würde ich jetzt mal sagen – nicht mehr ganz auf der Höhe war. Das wissen wir alle. Der hat ja David verfolgt, und David hat sich damals in einer Höhle versteckt. Und ich denke, so geht es uns auch, wenn wir angefochten sind: dass wir uns am liebsten verstecken wollen, dass wir uns vor diesem Ansturm der Anklagen, vor dem Ansturm der Drohungen irgendwo bergen wollen, dass wir Schutz suchen. 

Unser Herzensschrei

Und so wie David beten wir dann sicher auch: „Sei mir gnädig, Gott, sei mir gnädig" – weil wir uns nichts anderes wünschen, als dass das endlich aufhört. Wir bitten um Erbarmen. Viele kennen das vielleicht aus den Landeskirchen noch: Kyrie eleison – das ist auf Griechisch nichts anderes als „Herr, erbarme dich." 

Unsere Hoffnung und Sehnsucht

Und letztlich ist das unsere Hoffnung und unsere Sehnsucht, dass wir unter dem Schutz seiner Flügel Zuflucht finden, bis dieser schreckliche, feurige Ansturm der Anklagen des Feindes vorüber ist. Ich muss bei diesem Vers „unter dem Schatten seiner Flügel" immer an die schwerste Zeit in meinem Leben denken. Ich war damals in der Nähe von Frankfurt, drei Monate lang auf Kur. Angstzustände, schwerste Depressionen, Selbstmordgedanken. Und irgendwann in dieser Zeit kommt ein junger Mann – ich glaube, der kam irgendwo aus Hamburg oder aus der Ecke. Der hat sich ans Klavier gesetzt und hat ein selbstkomponiertes Lied gespielt. Und das hieß: „Unter dem Schatten deiner Flügel." Und das ist mir seither ein schönes Bild geworden: unter dem Schatten der Flügel Gottes Zuflucht suchen zu können, bis der feurige Ansturm der Anklagen des Feindes vorüber ist.


Unser Gebet

Gottes Wesen: Allmächtig und Gnädig

Und das wünsche ich uns allen, dass wir in diesen Zeiten uns bei Gott bergen können, Schutz finden, bei ihm geborgen – Geborgenheit. Denn das, was wir suchen in dieser Zeit, ist Frieden, ist Schutz, ist Geborgenheit, ist Heil, Gottes Schalom. Und irgendwie denke ich, wissen wir das auch alle: Der Feind Gottes ist uns zu mächtig, um ihn zu besiegen. Ganz egal, ob er uns verklagt, ob er uns droht oder ob er uns die Zukunft mit dunklen Bildern vor Augen malt – ihn zu besiegen braucht es einen, der mächtiger ist als er, nämlich Gott selbst, den Allerhöchsten. Dazu braucht es einen, der meine Sache zu einem guten Ende führt. Ich denke, das zentrale Element dabei ist Gottes Wesen, sein Charakter – dass er ein Gott ist, der, weil er so ist wie er ist, unsere Sache zum guten Ende führen wird. Egal, was wir verbockt haben. Egal, wie schwach wir sind – oder vielleicht sogar gerade weil er weiß, wie schwach wir sind – trotz aller Widerstände. 

Unsere Bitte

In solchen Zeiten beten wir, dass Gott diese Anklagen wegnimmt, dass er diese Angst wegnimmt, dass er diese Drohungen wegnimmt, dass er uns von diesen verheerenden und niederschmetternden Bildern befreit – Bildern von unserer Schuld, Bildern von unserer Unzulänglichkeit, von unserem Versagen, unserer Schwäche – und dass er uns von unserem angeblich drohenden Schicksal befreit. Wir beten, dass wir, statt auf unsere Schwäche und unsere Schuld starren zu müssen, wieder auf ihn schauen können: auf seine Güte, auf seine Treue, auf seine nie endende Liebe. Und damit müsste das doch eigentlich erledigt sein, oder? 


Die Strategie des Feindes: Versuchung, Anklage & Zermürbung

Versuchung

Ich weiß nicht, wie ihr das erlebt. Aber ich erlebe das oft anders – weil der Feind nicht untätig ist und eine perfide Strategie hat. Am Anfang steht die Versuchung – entweder die Versuchung zur Sünde oder die Versuchung, auf die Umstände zu schauen oder, noch moderner gesagt, auf die Gefühle. Er versucht, uns zur Sünde zu verführen oder dazu, auf die Umstände zu schauen, auf unsere Gefühle – statt auf Gottes Wort, statt auf seine Verheißung. Und genau damit stellt er uns ein Bein, gräbt uns eine Grube, stellt uns eine Falle. Und so fängt das Elend immer an: Der Feind führt uns in Versuchung und wartet nur darauf, dass wir seinen Köder schlucken – dass wir anfangen, unseren Gefühlen mehr zu vertrauen als Gottes Wort, dass wir andere Wege gehen als die, die Gott für uns gewollt hat, dass wir hereinfallen auf seine Täuschung. 

Anklage

Und kaum haben wir angebissen – haben gesündigt oder auf die Umstände geschaut –, geht er schon zu Stufe zwei seiner bösartigen Strategie über. Denn jetzt wird verklagt: „Schau dir an, was du gemacht hast!" Oder es wird gedroht: „Schau dir an, wie deine Zukunft aussehen könnte!" Alles wird dunkel. Es wird Angst gemacht. Und ganz ehrlich, ihr Lieben: In dieser Welt, so wie sie ist – sie ist gefallen, sie ist kaputt –, das habe ich gerade in den letzten Monaten noch tiefer erfahren, auch durch meinen besten Freund, der auf eine schlimme Art krank geworden ist. Wo man einfach merkt: Der Zerbruch dieser Welt geht so tief, dass es Dinge gibt, die vielleicht nicht mehr zu heilen sind.

Und da ist es nicht ohne, wenn der Feind dann kommt und uns die Zukunft düster ausmalt: Was wird werden? Dunkle Bilder, dunkle Gefühle. Oder wir werden verklagt. Und da ist es ganz egal, ob das direkt geschieht, weil der Feind uns böse Gedanken schickt, oder ob er das indirekt macht, indem er böse Menschen gebraucht, die schlecht über uns reden oder schlecht mit uns reden. Was wir dann empfinden, ist genau das, was David in seinem Psalm so beschreibt – nämlich, dass unsere Seele wie von den Zähnen wilder Löwen zerfleischt wird, wie von Spießen und Pfeilen durchbohrt und von scharfen Schwertern durchdrungen. Und nichts wünschen wir uns dann mehr, als dass Gott sich von seinem Thron erhebt und einschreitet – endlich einschreitet –, dass sein Reich komme, so wie im Himmel, so auch auf Erden. Oder dass wir mit David beten: „Erhebe dich, Gott, über den Himmel und deine Herrlichkeit über alle Welt." 

Zermürbung

Aber damit ist der Feind immer noch nicht fertig. Er klagt nicht einmal kurz an und geht dann wieder. Er will uns fertig machen. Er heißt auch nicht umsonst „ein Menschenmörder von Anfang an"! Er will uns zermürben. Er will unsere Seele beugen und uns die letzte Kraft rauben. Er hört einfach nicht von selber auf. Und wenn wir ihn lassen, dann ist das Ergebnis immer das gleiche: dass er unsere Seele niederbeugt, zur Verzweiflung treibt und ihr jede Kraft raubt.


Und dass er uns in eine Traurigkeit stürzt, die kein gutes Ende nehmen will. Alles, was wir dann noch sehen können, ist die Grube, die er uns gegraben hat. Und irgendwann merkst du dann vielleicht, dass du keine Kraft mehr hast, dagegen anzukämpfen. Dann denkst du nicht mehr nach, dann funktionierst du nur noch. Du ziehst dich zurück. Und wenn es ganz schlimm kommt, dann zweifelst du nicht mal mehr an seinen Anklagen, an seinen Drohungen, an seinen dunklen Bildern, sondern fängst innerlich an, ihm zuzustimmen. Ich finde, das ist das Schlimmste. 


Die Wendung

Der Blickwechsel

Doch der Teufel hat die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Denn am Ende wird er es sein, der in die Grube fällt, die er uns gegraben hat. Doch nicht so schnell. Wie kommt es jetzt zu dieser Wendung? David schreibt in seinem Psalm: „Mein Herz ist bereit, Gott, mein Herz ist bereit, dass ich singe und lobe." Und an dieser Stelle – auch nach 40 Jahren, wenn ich den Psalm lese – muss ich immer wieder anhalten. Weil ich mir denke: Hallo. Wenn es dir wirklich so dreckig geht, David, wie kommst du darauf? Wie kommst du jetzt darauf, dass dein Herz bereit wird, Gott zu loben? Und wenn man genau hinschaut und genau liest, sieht man, was dort im Stillen passiert ist. David hat seinen Fokus geändert. Er schaut nicht mehr auf die Umstände. Er schaut nicht mehr auf seine Gefühle. Er schaut auf Gott, auf sein Wesen, auf seine Macht. Und er wird bereit, Gott zu loben. 

Das heißt, um die Frage zu beantworten, wie unsere Seele dahin kommt, dass sie trotz all der Umstände, trotz der ganzen Anfechtung Gott loben kann: Die Seele muss die Augen öffnen, muss endlich von sich selber wegsehen hin auf den, der allein ihr helfen kann. Muss auf den hören, der allein trösten und heilen kann. Und genau dazu möchte ich dann Matthäus 11,28–30 anschauen – um den Blick wegzukriegen von uns, von den Umständen, hin auf Christus; weg von unserer Misere, hin auf das, was Christus uns zu sagen hat; weg von unseren Gefühlen, hin auf Gottes Wort, auf seine Zusagen, auf seinen Rat, auf sein Wesen, auf seine Person. 

Martin Luther

Ich habe witzigerweise in der Zeit der Predigtvorbereitung letzte Woche – in den täglichen Andachten aus einem Andachtsbuch von Martin Luther etwas gelesen, das er nicht selber geschrieben hat, sondern wo jemand 365 Auslegungen einzelner Verse von Martin Luther zusammengetragen hat – und an dem Tag ging es um 1. Petrus 4, Vers 19. Dort steht: „Welche da leiden nach Gottes Willen, die sollen ihre Seelen ihm anbefehlen als dem treuen Schöpfer in guten Werken." Ich lese es noch mal: „Welche da leiden nach Gottes Willen, die sollen ihm ihre Seelen befehlen als dem treuen Schöpfer in guten Werken." Und Martin Luther schreibt in seiner unvergleichlichen Art zu diesem Vers Folgendes: „Das ist der Christen Kunst, daran wir alle zu lernen haben, dass wir aufs Wort sehen und tun weit aus den Augen alle anliegende, beschwerende Not und Leiden. Und es ist des Teufels Art eben, dass er das Wort weit aus den Augen rückt, dass einer nicht mehr sieht als ihn – die Not, die vorhanden ist. Aber das soll nicht sein. Wer sich nach dem Fühlen richtet, der verliert. Nur das Kreuz und Leiden, so sehr du immer kannst, aus dem Herzen und Sinne geschlagen. Sonst, wenn man lange drüber nachdenkt, so wird das Übel ärger." 

Also diese ganz klare Ansage: Wechsele deine Blickrichtung. Schau weg von den Umständen, schau weg von diesen Bildern, von diesen Gedanken, von deinen Gefühlen. Schau hin aufs Wort, schau hin auf das, was Gott dir zu sagen hat, auf das, was er dir verspricht, auf seine Verheißung. Schau hin auf sein Wesen, auf seine Art, auf seinen Plan.


Der Blick auf Christus

Aber das ist leichter gesagt als getan. Denn selbst wenn wir das wissen, dass es darum geht, den Blick wegzurichten von dem Dunklen und hinzurichten auf Gott, kann der Teufel uns so fertig machen, dass wir manchmal meinen, wir dürften Gott gar nicht mehr unter die Augen treten. Und deshalb möchte ich noch einen kleinen Umweg machen, bevor wir uns wirklich Matthäus 11 anschauen. Ich möchte mit uns eine Passage aus dem Hebräerbrief lesen, weil dort etwas ganz Wichtiges steht – nämlich, dass es völlig egal ist, was wir verbockt haben, dass es völlig egal ist, wie schwach wir sind, weil wir immer, immer, immer zu Jesus kommen dürfen. Immer. 

Die Erlaubnis

In Hebräer 4, Verse 14 bis 16 steht – ich habe jetzt mal die Gute Nachricht als Übersetzung genommen –: „Lasst uns also festhalten an der Hoffnung, zu der wir uns bekennen. Wir haben doch einen überragenden obersten Priester, der alle Himmel durchschritten hat und sich schon bei Gott im himmlischen Heiligtum befindet – Jesus, den Sohn Gottes. Dieser oberste Priester ist nicht einer, der kein Mitgefühl für unsere Schwächen haben könnte. Er wurde ja genau wie wir auf die Probe gestellt. Aber er blieb ohne Sünde. Darum wollen wir mit Zuversicht vor den Thron unseres gnädigen Gottes treten. Dort werden wir, wenn wir Hilfe brauchen, stets Liebe und Erbarmen finden." Weil es so wichtig ist, möchte ich diese letzten beiden Sätze noch mal lesen. Darum – weil das so ist, weil Christus genauso gelitten hat wie wir, weil er genau weiß, wie es uns geht, weil er das alles selber gefühlt hat –: „Darum wollen wir mit Zuversicht vor den Thron unseres gnädigen Gottes treten. Dort werden wir, wenn wir Hilfe brauchen, stets Liebe und Erbarmen finden."

Die Einladung

Und genau darum geht es in Matthäus 11,28 und folgende. Was sagt uns Jesus da? Was sagt er zu dir? Er sagt: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid." Was ist das – mühselig sein? Mühselig mit deinen Werken der Buße, der Reue? Ich weiß nicht, kennt ihr das: dass man meint, man müsste sich erst wieder schön machen, damit man Gott vor die Augen treten darf? Diese verzweifelten Versuche, sich selber besser zu machen. Oder wenn man Angst hat: diese verzweifelten Versuche, sich selbst zu helfen. Diese verzweifelten Versuche, Gott gnädig zu stimmen, ihm zu gefallen oder sich selber gut zuzureden. So funktioniert das nicht. Das macht mühselig. Das erschöpft nur die Seele und lässt dich am Ende erschöpft und in Verzweiflung zurück. Beladen – was heißt das? Das heißt, dass wir am Ende des Tages mit all unseren Selbstversuchen immer noch diese Last spüren – entweder von Schuld oder von Angst –, was die Verzweiflung noch viel größer macht. 

Die Erquickung

Aber was sagt Jesus dazu? Er sagt: „Ich – ich will euch erquicken." Genau da will Jesus uns rausholen – mit seinem Rat und mit seiner Hilfe, mit seiner Gnade, mit seiner Vergebung. Er braucht unsere ganzen verzweifelten Anstrengungen, ihm zu gefallen, nicht. Er braucht auch nicht unsere Anstrengungen, die Lage besser zu machen. Er ist längst für dich. Er ist – Römer 5, Vers 8 – für dich gestorben, als du noch Sünder warst. Ich finde es einen der schönsten Verse in der ganzen Schrift: Gott ist für uns ans Kreuz gegangen, als wir ihm nichts zu bringen hatten als Dreck. Was für eine Liebe! Und da glaubst du, wenn du mit deiner Hilflosigkeit oder mit deiner Schuld gefallen bist, dass du nicht mehr kommen darfst? Nein. Er ist für dich gestorben, als du noch Sünder warst. Und er liebt dich heute wie am ersten Tag. Er liebt dich so sehr, dass er bereit war, für dich zu sterben, lange bevor du das erste Mal an Umkehr gedacht hast. Er kennt dich durch und durch. Er kennt deine Stärken, er kennt deine Schwächen. Er hat dich gemacht. Er kennt all deine Ängste. Er kennt all deine Sehnsüchte, all deine Träume. Er ist dein Schöpfer. Er kennt das Drama deines Lebens besser als du selbst, weil er alles sieht. Und alles, was er will, ist: dich erlösen, dich befreien, dich heilen, dir helfen, dich stärken. 

Die Therapie

Und das hier ist seine Therapie: „Nehmt auf euch mein Joch." Das bedeutet: Nimm deinen Platz ein. Stell dich mir zur Verfügung. Nicht mehr, nicht für mich. Gott will nicht, dass wir für ihn ackern. Er möchte, dass wir uns ihm zur Verfügung stellen, damit er an uns, in uns und durch uns wirken kann. Eine Geige spielt sich nicht selbst. Alles, was sie tun muss, ist sich dem Geiger zur Verfügung stellen – der spielt dann die schöne Melodie. „Stell dich mir zur Verfügung. Fang damit an, gemeinsam mit mir, neben mir, in mir mein Reich zu bauen." 

Und „lern von mir", sagt Jesus. Lern von mir. Was heißt das – lernen von mir? Das heißt: Lass dir etwas sagen. Das heißt: Höre auf die Führung meines Geistes. Nimm dir ein Beispiel an meinem Vorbild. Jesus sagt: „Ich bin sanftmütig." Und was das bedeutet – da möchte ich ganz besonders darauf eingehen: „Sanftmütig und von Herzen demütig." Das bedeutet: Ich bin eins mit dem Willen Gottes. Ich folge der Führung seines Geistes. Ich schmiege mich ein. Ich rebelliere nicht gegen den Willen Gottes. Ich ordne mich ihm unter. 

Ihr Lieben, ich denke, das ist der zentrale Punkt: auf ihn schauen, auf ihn hören. Sein Wort wahrnehmen und eins werden – das war Jesu großes Gebet. Johannes 17, das letzte Gebet: dass wir eins werden mit ihm, so wie er mit dem Vater eins ist. Was meint er damit? Ich will jetzt keine Physikvorlesung halten, aber das beste Bild, das ich dafür kenne, ist ein Laser. Ich denke, wir alle wissen: Laserlicht ist das stärkste Licht, das wir kennen. Mit einem guten Laser kann man Stahl schneiden. Aber wie funktioniert ein Laser? Ein Laser ist eigentlich nichts weiter als ein Gerät, in dem eine Lichtquelle so synchron erzeugt und gespiegelt wird, dass eine entstehende Welle die nächste entstehende Welle verstärkt – immer verstärkt –, weil sie alle in der gleichen Phase sind. Stellt euch das einfach mal vor wie Wasserwellen. Ihr habt eine Welle, die ist vielleicht nur einen Meter hoch. Und wenn jetzt die nächste Welle genau synchron über diese Welle geht, werden sich beide Wellenberge addieren – die Welle wird stärker. Gehen die Wellen auseinander in ihrer Frequenz, wird die Welle flach, dann ist keine Kraft mehr da. Aber bleibt es synchron, dann entsteht eine Kraft, die ist unvorstellbar. 

„Lernt von mir. Lasst euch etwas sagen. Denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig. Ich bin eins mit dem Willen Gottes." Ihr Lieben, das ist, was Gott sich für uns wünscht – und auch, was er sich von uns wünscht: dass wir eins werden mit ihm, eins werden mit seinem Willen. So, sagt Jesus, „so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen" – wenn unser Wille eins geworden ist mit Gottes Willen.

Und dann sagt er: „Denn mein Joch ist sanft." Das bedeutet: mit Jesus zu gehen, seinem Willen zu folgen, sich in diesen Willen einzuschmiegen – das hat nichts mit Zwang zu tun, hat nichts damit zu tun, gezwungen oder unterdrückt zu werden. Denn Gottes Führung ist eine Führung, die uns immer Freiheit lässt. Er inspiriert uns, er lockt uns, er zieht uns – aber er wird uns niemals zwingen. Wir haben immer die Wahl, ob wir mit ihm synchron oder ohne ihn und nicht synchron leben wollen. Synchron mit seiner Kraft, nicht synchron – ohne seine Kraft. Er wird uns niemals zwingen, denn er ist die Liebe in Person. 

Und deswegen sagt er zum Schluss: „Meine Last ist leicht." Denn das, was Gott von uns will, das ist nicht schwer. Was er von uns will, ist nichts anderes, als dass wir das große Doppelgebot der Liebe halten, dass wir uns, wie es in Hosea 11, Vers 4 steht, in Seilen der Liebe ziehen lassen. Das ist so, wie Gott sich die Beziehung zu uns vorstellt: eine Liebesbeziehung. Im Alten Testament wird die Beziehung Gottes zu seinem Volk oft mit dem Bild einer Ehe beschrieben. Ihr Lieben, was ist denn eine Ehe – eine gute Ehe? Da zwingt ja keiner den anderen. Sondern da schaut man, dass man synchron wird, dass man übereinstimmt, dass man gemeinsam in Einheit durchs Leben geht. Und das möchte Gott: dass wir gemeinsam mit ihm, im Einklang, in Einheit mit ihm sein Reich der Liebe bauen.


Schluss

Ich komme zum Schluss. Wenn wir also da angekommen sind, wo wir vor Gott kapitulieren, wo wir zu ihm kommen mit unserer Hilflosigkeit oder mit unserer Schuld – was es auch ist –, wo wir begreifen, dass alles, was wir ihm bringen können, wir selbst sind, und zwar so, wie wir sind: nicht besser, nicht schöner, nicht stärker, egal, ob wir beladen sind mit Schuld und Sünde oder ob wir voller Angst sind und uns fürchten, ächzend und stöhnend unter der Mühsal unserer Versuche, uns vor ihm schön oder besser zu machen. Wenn wir in völliger Klarheit darüber sind, wie verloren wir ohne ihn sind – so dürfen wir kommen, so wie wir sind. 

Und wenn wir dann erkennen – oder zum tausendsten Mal erkennen –, wie unfassbar groß seine Gnade und Treue zu uns sind: dass er uns vergeben will, immer und immer wieder, dass er uns helfen will, immer und immer wieder, dass er uns haben will, so wie wir sind, dass er mit uns sein will. 

Wenn wir da angekommen sind, ihr Lieben – wo wir bereit werden, gemeinsam mit ihm sein Reich der Liebe zu bauen, uns ihm zur Verfügung zu stellen, uns von ihm führen zu lassen –, 

wenn wir da angekommen sind, dann kehrt nicht nur Frieden ein, sondern ein unbändiges Lob. Das Lob, das Gott verdient hat für seine Gnade und für seine Treue und für seine Vergebung und für seine unerschütterliche Liebe zu uns. 

Und das klingt dann so, wie wir im nächsten Lied singen werden: Lasst uns aufstehen und Gott loben.

Lied: Ich will Dir danken


Sonntag, 6. November 2022

Ohne Gebet ist alles Nichts - 2. Wie funktioniert Gebet? (Matthäus 6,5-13)

[Predigt als MP3]

Guten Morgen, ihr Lieben. Ich weiß nicht, ob ihr euch noch erinnern könnt. Das ist ja jetzt der zweite Teil einer Serie, die hoffentlich noch ein paar mehr Teile hat.

Was bisher geschah

Und im ersten Teil, da ging es um das Geheimnis vom geistlichen Sieg. Das war die Geschichte von Paulus und Silas im Kerker. Und damals war die Frage Warum ist Gebet so wichtig? Da hatten wir gesehen. Gebet ist deswegen so wichtig, weil es unseren Blick weg lenkt von den Problemen hin auf Gott. Weil Gott eben Situationen komplett verändern kann. Einmal: Paulus und Silas sind aus dem Kerker freigekommen. Ich weiß nicht, ob ihr euch an die Geschichte noch erinnern könnt, wo ich im Urlaub in Frankreich war, mit einem Motorrad, keine Bremse lieferbar war und ich dann trotzdem noch eine bekommen habe. Gebet ist also der Schlüssel zum geistlichen Sieg in unserem Leben. Und ich denke, Gebet ist auch der Schlüssel dazu, dass unsere Gemeindevision Wirklichkeit wird. "Gott begegnen, bewegt werden, Leben teilen."

Und damals hatten wir auch die erste Staffel von den Gebetskarten ausgegeben; die stehen hier vorne. Wenn ihr noch keine habt, dürft ihr euch gerne eine nehmen oder wenn euch eure bisherige gerade langweilig geworden ist, könnt ihr euch auch gerne eine neue holen. So. So viel einmal zu dem, was bisher geschah.

Was ist heute dran? In der heutigen Predigt wird es um die Frage gehen "Wie funktioniert Gebet?" Also nicht warum, sondern wie eigentlich? Und als Text habe ich uns Matthäus 6, Verse 5 bis 13 mitgebracht, der in der Lutherübersetzung überschrieben ist mit "Vom Beten".

Und ich denke, die Quintessenz, das nehme ich jetzt schon mal vorweg, die wird sein, Gott zentriert und begegnungsorientiert zu beten. Untertitel: Gebet ist keine Zauberei. Es ist auch kein leistungsorientierter Kuhhandel. Es ist kein bittstellerisches Betteln, sondern im Gebet geht es vorrangig um die Begegnung mit Gott, und zwar mit Gott, unserm Vater. Der sich um uns kümmert, weil wir seine Kinder sind. Und ich denke und hoffe, diese Erkenntnis wird uns herausführen aus irgendwelchen unnötigen Ängsten hinein ins Danken. Gebet ist, Gott zu begegnen als dem Allwissenden. Dem, der längst weiß, was wir brauchen. Und ich hoffe, das führt uns heraus aus Erklärungen hinein in die Gemeinschaft. Und last but not least Begegnung mit Gott als dem Allmächtigen, dessen Möglichkeiten da anfangen, wo unsere längst enden. Und auch das führt heraus aus der Enge, der Begrenzung unserer eigenen Sicht hinein in Gottes Weite. Kurz und gut: Es geht um das Gebet als Begegnung mit Gott, der nicht unsere Leistung sucht, sondern sich Gemeinschaft mit uns wünscht. Gebet, das uns herausführt aus dem Krampf der Werke hinein in die Freiheit der Gnade. 

So! Beim Text habe ich ein bisschen geschummelt, das muss ich zugeben, weil die Verse 5 bis 8, die habe ich mir aus der guten Nachricht geborgt. Und das Vaterunser habe ich mir dann aber in der gegenwärtigen ökumenischen Fassung geborgt von der Arbeitsgemeinschaft für Liturgische Texte, die das 1968 so zusammengestellt hat; weil das höchstwahrscheinlich die die Version ist, die ihr kennt. Die ist in der Guten Nachricht ein bisschen anders wiedergegeben. Also es ist zusammengezimmert. 


Unser heutiger Text

Ich möchte nun den Text mit uns lesen. Jesus sagt das übrigens auf die Frage hin "Herr, lehre uns beten!". Also auf die Frage hin "Wie funktioniert Gebet?" Und das ist Jesu Antwort auf die Frage "Wie können wir beten?" 

Und er sagt „Wenn ihr betet, dann tut es nicht wie die Scheinheiligen. Sie beten gern öffentlich in den Synagogen und an den Straßenecken, damit sie von allen gesehen werden. Ich versichere euch, sie haben ihren Lohn bereits bekommen. Wenn du beten willst, dann geh in dein Zimmer, schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist. Dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird dich dafür belohnen. Wenn ihr betet, dann leiert nicht Gebets Worte herunter wie die Heiden. Sie meinen, sie könnten bei Gott etwas erreichen, wenn sie viele Worte machen. Ihr sollt es anders halten. Euer Vater weiß, was Ihr braucht, bevor Ihr ihn bittet. So sollt ihr beten. Vaterunser im Himmel, Geheiligt werde dein Name, dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel, so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld. Wie auch? Wir vergeben unseren Schuldigen. Und führe uns nicht in Versuchung. Sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.“.

 

Gott ist schon motiviert!

Ich fange mal mit den ersten beiden Versen an, da steht im Vers 5 „Wenn ihr betet, dann tut es nicht wie die Scheinheiligen. Sie beten gern öffentlich, damit sie von allen gesehen werden.“ 

Wir sollen beim Beten also nicht versuchen, Menschen zu beeindrucken. Weil wir dann nämlich im Herzen mehr bei den Menschen sind als bei Gott. Und ich weiß nicht, ob ihr das schon mal erlebt hat. Der eine oder andere von uns wird ja auch schon wohl in Gesellschaft gebetet haben. Ich habe das Gott sei Dank schon lange nicht mehr erlebt. Aber ich habe es schon erlebt, dass es Leute gibt, die - weiß ich nicht - einen Monolog halten, die mit ausgewählten und gut geschmückten Worten wirklich beeindrucken wollen, aber bei denen man den Eindruck hat, mit ihrem Herzen sind sie eigentlich gar nicht bei der Sache. Ich habe mich angesichts dieses Verses gefragt "Was würdest du von einem Ehemann halten, der seiner Frau nur in der Öffentlichkeit, das heißt vor allen Leuten, Komplimente macht und sie zu Hause einfach links liegen lässt?" Oder "Was würdest du von einer Ehefrau halten, die ihrem Mann, wenn alle zugucken, Achtung erweist und ihm zu Hause auf der Nase herumtanzt?" Das ist das, was Jesus mit scheinheilig meint. Und ich glaube, Gott empfindet uns gegenüber genauso. Ich glaube, dass Gott sehr gut merkt, wo wir mit unserem Herzen sind, wenn wir beten. Ob wir versuchen, die Menschen um uns herum zu beeindrucken mit unseren tollen Gebeten oder ob wir wirklich mit dem Herzen bei ihm sind. Ich denke, Gott will nicht, dass wir öffentlich eine Show abziehen. Er will, dass wir ihn lieben. Er will, dass wir Gemeinschaft mit ihm haben. 

Und das geht am besten in der Stille. Im vertrauten Raum unserer vier Wände. Und genau darum sagt Jesus, Wenn du beten willst, dann geh in dein Zimmer. Schließ die Tür zu. Und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist. Gott sehnt sich danach, mit uns allein zu sein. So wie gute Freunde bei einem wirklich persönlichen, tiefen Gespräch. Und ich glaube, dass Jesus das sagt, weil Gott in der Stille zu finden ist und nicht im Lärm. Und darum will Gott, dass wir uns zum Beten zurückziehen, eben in dieses Verborgene, in die Abgeschiedenheit unseres stillen Kämmerleins. Denn Gebet heißt mit Gott Gemeinschaft haben. Nicht nur mit ihm reden, sondern mit dem ganzen Herzen bei ihm sein. Darauf kommt es an. 


Und dann steht da: „Dein Vater, der auch in das Verborgene sieht, wird dich dafür belohnen.“ 

Gott will also unsere Gebete belohnen. Und das finde ich sooo wichtig. Ich finde es deswegen so wichtig, weil ich kenne das von mir: Ich weiß nicht, ob es euch auch schon mal so gegangen ist. Ich habe ganz oft gemeint, ich müsste Gott motivieren, meine Gebete anzuhören. Ja, und ich habe ganz oft den Eindruck gehabt, dass ich gar nicht feste genug gebettelt habe, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen. Ganz oft das Gefühl gehabt, ich müsste mir das, was ich mir wünsche durch harte Gebetsarbeit verdienen. Aber so ist Gott gar nicht. Gott ist gut. Gott ist längst motiviert, bevor ich noch den Mund aufmache. Und da steht es: Gott will uns belohnen. Und darum, weil er so ist, lädt er uns ein. 

Das habe ich mir jetzt aus Matthäus 7, Vers 7+11 gemopst. Er lädt uns ein, „Bittet und ihr werdet bekommen. Sucht und ihr werdet finden. Klopft an! Es wird euch geöffnet.“ Und für die, die das immer noch nicht fassen können, sagt er dann „So schlecht ihr auch seid, wisst ihr doch, was euren Kindern guttut und gebt es ihm. Wie viel mehr wird euer Vater im Himmel denen Gutes geben, die ihn darum bitten?“ 

Das heißt, dass Gott unsere Gebete nicht nur hören, sondern erhören will, wenn sie in seinem Sinne gebetet sind. Das ist so klar verbunden mit seinem Wesen und damit, dass er wirklich gut ist. Das eigentlich... - man müsste diesen Vers 11 eigentlich mit Kopfschütteln lesen: „Wie viel mehr wird euer Vater im Himmel denen Gutes geben, die ihn darum bitten?“ Das ist doch klar. Gott ist gut! Wenn wir schon, die wir schlecht sind, unseren Kindern Gutes geben können, wie viel mehr wird Gott denen Gutes geben, die ihn darum bitten? Das heißt, wenn wir zu Gott im Gebet kommen, dann müssen wir ihn gar nicht erst davon überzeugen, unsere Gebete erhören zu wollen. Wir müssen ihn nicht erst motivieren, bevor er willig wird, uns etwas zu geben. Gott ist Liebe. Das ist übrigens einer der kürzesten Verse in der Bibel. 1. Johannes 4,16. „Gott ist Liebe.“ Und er will uns immer schon beschenken. Und zwar zuallererst mit sich selbst. Doch um ihm wirklich zu begegnen, braucht es Stille. Und wenn wir ihm in der Stille begegnen, wird er uns belohnen.

 

Gott weiß längst alles!

Gott ist also schon motiviert. Das ist doch schon mal was. Trotzdem kann es doch bestimmt nicht schaden, wenn wir ihm erst noch mal erklären, was passiert ist, oder? Wie wir uns fühlen. Und am besten auch noch kluge Ratschläge geben, wie er genau jetzt unser Problem lösen könnte. Ich denke, dass Gott weiß, dass wir so ticken. Und weil er das weiß, steht in den nächsten beiden Versen folgendes: 


„Wenn ihr betet, dann leiert nicht Gebets Worte herunter wie die Heiden. Sie meinen, sie könnten bei Gott etwas erreichen, wenn sie viele Worte machen.“ 

Und für mich bedeutet es Wir müssen Gott nicht beeindrucken mit irgendwelchen toll auswendig gelernten Gebetsformeln oder mit kunstvoll formulierten Gebeten. Wir müssen bei Gott nichts leisten und auch keinen Eindruck schinden. Und schon gar nicht sollten wir unsere Gebete herunterleiern, wenn es doch darum geht, mit unserem Herzen bei ihm zu sein. Gott ist so viel wichtiger, dass wir ihm im Gebet begegnen. Aber noch wichtiger finde ich, was dann als nächstes kommt. 


Dort heißt es „Ihr sollt es anders halten. Euer Vater weiß, was Ihr braucht, bevor Ihr ihn bittet.“ 

Ich finde das so unaussprechlich tröstlich. „Euer Vater weiß, was Ihr braucht, bevor Ihr ihn bittet.“ Ich muss ihm gar nichts erklären. Gar nichts. Er weiß längst alles. Er weiß, was passiert ist. Er weiß, wie's mir geht. Er weiß, was das Problem ist. Und er weiß ganz sicher auch, wie man es löst. 

Wenn ich also zu Gott komme im Gebet, dann begegne ich keinem Fremden. Jemandem, dem ich erst alles erklären muss. Ich begegne ihm, meinem Vater, als dem allmächtigen und allwissenden Gott, der mich liebt. Im Gebet begegne ich Christus, der mich durch und durch kennt. Er hat mich gemacht! Ich begegne Ihm, der mich so sehr liebt, dass er für mich am Kreuz gestorben ist. Wenn ich bete, dann begegne ich dem, von dem es im Psalm 139 heißt. „Herr, Du durchschaust mich. Du kennst mich bis auf den Grund. Ob ich sitze oder stehe. Du weißt es. Du kennst meine Pläne von ferne. Ob ich tätig bin oder ausruhe. Du siehst mich. Jeder Schritt, den ich mache, ist dir bekannt. Und noch ehe ein Wort auf meine Zunge kommt, hast du, Herr, es längst gehört. Von allen Seiten umgibst du mich. Ich bin ganz in deiner Hand. Dass du mich so durch und durch kennst. Das übersteigt meinen Verstand. Es ist mir zu hoch. Ich kann es nicht fassen.“ Ihr Lieben, Wenn ich also zu Gott komme? Dann komme ich zu einem Vertrauten. Wie zu einem besten Freund; dem ich nicht erst erklären muss, was passiert ist; dem ich schon gar nicht erklären muss, wie er das Problem löst. Weil er längst alles weiß. Ich muss ihm nicht mal erklären, wie ich mich fühle, weil er auch das weiß. Und er hört mir gerne zu. Er freut sich, wenn ich ihm mein Herz ausschütte. Und er freut sich noch mehr, glaube ich, wenn ich anfange zu begreifen, dass er längst alles weiß: weiß, was kaputt ist; weiß, wie man's repariert; weiß, was ich brauche. Und zwar genauer als ich selbst. 


Gott kann absolut alles!

Ich möchte zum Dritten und letzten Punkt kommen, den ich überschrieben habe mit "Gott kann absolut alles". Ihr werdet gemerkt haben, dass ich die Bitten aus dem Vaterunser weggelassen habe, also die Verse 9 bis 13. Die können wir uns gern ein andermal anschauen, vielleicht sogar im Zusammenhang mit der Fortsetzung dieser Predigtreihe, weil in der ersten ist es ums "Warum?" Gegangen. Heute geht es ums "Wie?". Und in den folgenden soll es ums "Was?" gehen, und zwar um den Inhalt der einzelnen Gebetskärtchen. 

Heute möchte ich mit euch vielmehr nur den letzten Aspekt aus dem Vaterunser anschauen. Und noch mal: Das Vaterunser ist ja Jesu Antwort auf die Frage "Herr, erkläre uns, wie wir beten können!" Also genau unser Predigtthema "Wie funktioniert Gebet?" Wir hatten schon gesehen, dass wir Gott nicht motivieren müssen. Wir hatten auch gesehen, dass wir Gott nichts erklären müssen. Und jetzt kommt noch so ein toller Punkt und der ist versteckt. Vielleicht nicht ganz, aber ein bisschen versteckt. 


Im Vers 13. Dort heißt es „Denn dein ist das Reich und die Kraft. Und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.“ 

Was in diesem Vers versteckt ist, ist Gottes Allmacht. Zumindest ein Hinweis darauf. Es heißt dein ist die Kraft. Aber was ist das für eine Kraft? In Jeremia 32,17 heißt es. „Ach, Herr, du mächtiger Gott! Durch deine gewaltige Kraft und Macht hast du Himmel und Erde geschaffen. Nichts ist dir unmöglich.“ 

Gott ist also so allmächtig, dass er ein ganzes Universum erschaffen konnte. Ich habe mir dazu notiert: "Das ist schon ein großer Brocken." Ich weiß nicht: Ich schaue gern Wissenschaftssendungen an und ich habe das wahrscheinlich auch schon mal gesagt. Falls ja, dann nehmt es mir bitte nicht krumm, aber das hat mich so von den Socken gehauen. Da hat sich jemand mal die Mühe gemacht, all die astronomischen Daten und Bilder zusammenzutragen, die es bis heute gibt über das bekannte Universum. Mit übrigens einer Ausdehnung von über 90 Milliarden Lichtjahren, obwohl es erst 13,8 Milliarden Jahre alt ist. 

Und er hat dieses Video gedreht – in sogenannten Zehnerpotenzen. Das ganze Ding fängt an mit einem Pärchen, das im Hyde Park liegt und Händchen hält. Und die Auflösung ist 1 Meter. Man sieht die Leute also noch gar nicht ganz. Man sieht die – sozusagen nur den Rumpf – wie sie Händchen halten und dann geht oben der Zähler los: 100 Meter. Das ist 1 Meter. Und dann geht der Zähler hoch. Um eins: 101 Meter. Das sind 10 Meter. Schwupps! Die beiden sind auf einmal nur noch ‚so‘ groß: alles ist zehnmal so klein! Man sieht jetzt zehnmal mehr. Und der Zähler läuft weiter. Und im Null Komma nichts verschwindet der Hyde Park. Man sieht auf einmal Nordamerika und dann verschwindet die Erde und dann dauert es ein bisschen. Dann fliegt der Mond vorbei und der Zähler geht ganz langsam weiter. 

104, 105, 106. Das Sonnensystem verschwindet. Alle möglichen Nachbarn schwimmen vorbei und irgendwann sieht man unsere Milchstraße und dann friert es einen schon und es wird noch kleiner und irgendwann fliegt unsere Milchstraße vorbei. Die Nachbargalaxien, die Magellanschen Wolken, die Andromeda Galaxie und dann friert es dich noch mehr. Dann denkst Du: "Das jetzt reicht! Das ist das Universum, oder?" Und dann wird es noch kleiner, noch kleiner und dann fängt es an: Dann fliegen Galaxien über Galaxien vorbei. Immer mehr, dass du denkst, dir haut's den Vogel raus und es wird immer kleiner. Dann denkst du: "Aber das ist es jetzt?" Nee, das ist nur eine Region des Himmels. Und dann wird es noch kleiner, bis es wie ein Punkt wird. Und dann fliegen solche Regionen ins Bild rein. Ich könnte noch weitererzählen. Das geht noch zwei Stufen weiter, bis du irgendwann dastehst und sagst "Das gibt's ja gar nicht!" 

So! Und das hat Gott geschaffen. Wie gesagt: "Ein großer Brocken." Und manchmal geht es uns so, dass wir sagen: Ja, aber diese Allmacht, das ist mir zu allmächtig, da habe ich kein Kleingeld, das kann ich nicht rausgeben, das kann ich auch nicht mehr begreifen. Und deswegen habe ich uns noch ein schönes, alltagstaugliches Beispiel mitgebracht für seine Allmacht. Und das ist Elisabeth, die Mutter von Johannes dem Täufer. Von der heißt es im Lukasevangelium: 

„Auch Elisabeth...“ - also das ist zur Maria gesprochen, der Mutter Jesu - „Auch Elisabeth, deine Verwandte, bekommt einen Sohn, trotz ihres Alters. Sie ist bereits im sechsten Monat und es hieß doch von ihr, sie könne keine Kinder bekommen.“ 

Gott ist nichts unmöglich. Und das ist ins Alltagsleben hineingesprochen. Und ich denke, gerade im Alltag geht es uns auch immer wieder so, dass wir vor Situationen stehen, wo wir sagen "Das geht nicht, das kann man jetzt nicht mehr lösen." Ich höre Gott sagen "So, so! Das kann man also nicht lösen." Wir können es nicht lösen. Das mag wahr sein, aber das heißt noch lange nicht, dass Gott es nicht kann. Denn er ist Gott. Der Gott, der wirklich alles kann. 

Jesus Christus, unser Heiland, ist dieser allmächtige Gott, der Mensch geworden ist. Und das hat er sein Leben lang bewiesen. Als Johannes, damals von Zweifeln geplagt, im Gefängnis saß, ließ Jesus ihm folgendes ausrichten. „Blinde sehen. Gelähmte gehen. Aussätzige werden gesund. Taube hören. Tote stehen auf. Und Armen wird die gute Nachricht verkündigt.“ Und das Gleiche lässt Jesus auch heute dir ausrichten: Nichts ist ihm zu schwer; nichts ist ihm unmöglich. Und das wird für alle Ewigkeit so bleiben. Oder um es mit einem alten Kirchenlied zu sagen „Befiehl du deine Wege und was dein Herz gekränkt, der aller treuesten Pflege des, der die Himmel lenkt. Ihn, ihn lass tun und walten, Er ist ein weiser Fürst und wird sich so verhalten, dass du dich wundern wirst. Wird's aber sich befinden, dass du ihm treu verbleibst, so wird er dich entbinden, wenn du's am mindesten gläubst. Er wird dein Herze lösen von der so schweren Last, die du zu keinem Bösen bisher getragen hast.“ 

Dir mag es vielleicht unmöglich erscheinen, dass Gott dein Problem jemals löst. Für Gott ist es das nicht. Darum bitte ich dich heute mit Psalm 37,7: „Werde ruhig vor dem Herrn. Und warte gelassen auf sein Tun.“.

 

Ein Ausblick mit Hoffnung

Ihr Lieben, wenn das wirklich stimmt. Dass Gott längst motiviert ist, dir zu helfen. Und wenn du Gott gar nichts erklären musst, weil er längst alles weiß: Weil er weiß, was du erlebt hast. Weil er weiß, was du denkst. Weil er weiß, was du fühlst. Und wenn es wirklich stimmt, dass ihm kein Ding unmöglich ist, dann bedeutet das, dass du vielleicht auf eine ganz neue Art und Weise beten kannst. Nämlich in dem Bewusstsein, dass es in deinem Gebet vielmehr um die Begegnung mit Gott geht. Der schon seit Grundlegung der Welt nur das Beste für dich im Sinn hat. Und dass du ihm dein Herz ausschütten darfst in dem Wissen, dass er dich wie niemand anderes versteht. Und dass du, ohne zu viel zu wagen, ihn auch um Dinge bitten darfst, die unmöglich scheinen. Weil du sie ihm zutrauen darfst. 

Ich denke, Gott wünscht sich das, dass wir das begreifen. Dass es in unseren Gebeten nicht um unsere Leistung geht. Nicht darum, ihn von irgendetwas zu überzeugen. Sondern darum, mit ihm Gemeinschaft zu haben. Mit ihm, der uns mehr liebt als sein Leben. Mit ihm, der uns versteht wie kein anderer. Mit ihm, der uns seit Grundlegung der Welt beschenken will. Mit ihm, dem kein Ding unmöglich ist. 

Und diese Erfahrung wünsche ich uns allen. 

Amen!

 

 

Sonntag, 8. März 2020

"Die Schönheit des Evangeliums - Wie wichtig Gott Versöhnung ist" (Matthäus 5,21-26)

[Predigt als MP3]


Einleitung

Guten Morgen, Ihr Lieben!

Heute möchte ich Euch zu Beginn mal eine kurze Geschichte vorlesen, die ich einmal in einem sehr guten Buch gelesen habe. Das Buch heißt: „Anleitung zum Unglücklichsein“ – und ist von Paul Watzlawick, einem sehr bekannten Kommunikationswissenschaftler, Psychotherapeuten und Philosophen – mit einem ziemlich guten Humor

Hier also die Geschichte:

Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Doch da kommt ihm ein Zweifel: Was, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüßte er mich nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Vielleicht hat er die Eile nur vorgeschützt, und er hat was gegen mich. Und was? Ich habe ihm nichts getan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von mir ein Werkzeug borgen wollte, ich gäbe es ihm sofort. Und warum er nicht? Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen abschlagen? Leute wie dieser Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht´s mir wirklich. - Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch bevor er "Guten Tag" sagen kann, schreit ihn unser Mann an: "Behalten Sie Ihren Hammer".

Dazu fällt mir folgendes ein. Einer unserer Söhne hat nämlich eine ganz besondere Gabe der "Kommunikation". Eine, die ich manchmal als das Äußerste aller Respektlosigkeiten empfinde. Danach fühle ich oft Schmerz und Zorn. Und wenn ich an einem solchen Abend ins Bett gehe, dann kriege ich „Kopfkino“: eine Folge von Bildern von Worten, dann Streit, eine handgreifliche Auseinandersetzung, bis hin zu Gewalt. Und wenn man das nicht anhalten würde, es würde in Mord und Totschlag enden!

Und dann bete ich: ich will keinen Hass und keinen Zorn und keine Ablehnung in meinem Herzen haben. Und doch will ich auch respektiert werden. Das ist ein echter geistlicher Kampf, der manchmal wirklich heftig wird und auch mal länger dauern kann. 

Um genau solche Kämpfe soll es heute gehen: um Kämpfe, die von außen unsichtbar sind. Um Kämpfe, die in unserem Herzen toben. Oder die vielleicht schon nicht mehr toben. Sondern zum kalten Gift der Bitterkeit erkaltet sind. 


Inhalt

Ich möchte heute mit Euch anschauen, wie wichtig es Gott ist, dass wir miteinander in Versöhnung leben.

  • Unser Text
    • Dazu möchte ich, wie immer, zu Beginn den Text mit Euch lesen

  • Der Irrtum
    • Dann möchte ich auf einen fatalen Irrtum eingehen, dem wir in Bezug auf Gottes Gesetz aufsitzen können

  • Die Wahrheit
    • Und uns danach – sozusagen als Gegengift – die Wahrheit nahebringen: nämlich, wie Gott unser Herz sieht

  • Höchste Priorität
    • Aus dem bis dahin gesagten wird sich eine Konsequenz ergeben, die ich mit Euch genauer beleuchten möchte.
    • Nämlich, wo aus Gottes Sicht unsere Prioritäten liegen – nicht außen, sondern innen!

  • Zeit & Ewigkeit...
    • Last, but not least möchte ich Euch auch Gottes Sicht über den zeitlichen Aspekt nahebringen, 
    • Also welchen Einfluss diese Prioritäten auf unsere zeitliche Planung von Versöhnung haben sollten.

  • An Dein Herz
    • Zum Schluss möchte ich Dir daher eine sehr ernste Frage stellen Dich um einen ganz konkreten Schritt bitten und Dir einen wunderbaren Ausblick zeigen. 
    • Und nun noch eine Randnotiz: „Unsere Predigtserie heißt ja «Die Schönheit des Evangeliums». Manchmal kann diese Schönheit aber erst sichtbar werden, wenn wir den Dreck und Schmutz aus unserem Herzen räumen, der uns die Sicht verstellt auf die Schönheit, die Freude und den Frieden für die Gott uns geschaffen hat.
Lasst uns zu Anfang mal den Text gemeinsam lesen:

Unser Text

"21 Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: »Du sollst nicht töten!«, wer aber tötet, der wird dem Gericht verfallen sein. 22 Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder ohne Ursache zürnt, wird dem Gericht verfallen sein. Wer aber zu seinem Bruder sagt: Raka!, der wird dem Hohen Rat verfallen sein. Wer aber sagt: Du Narr!, der wird dem höllischen Feuer verfallen sein. 23 Wenn du nun deine Gabe zum Altar bringst und dich dort erinnerst, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, 24 so lass deine Gabe dort vor dem Altar und geh zuvor hin und versöhne dich mit deinem Bruder, und dann komm und opfere deine Gabe! 25 Sei deinem Widersacher bald geneigt, während du noch mit ihm auf dem Weg bist, damit der Widersacher dich nicht etwa dem Richter ausliefert und der Richter dich dem Gerichtsdiener übergibt und du ins Gefängnis geworfen wirst. 26 Wahrlich, ich sage dir: Du wirst von dort nicht herauskommen, bis du den letzten Groschen bezahlt hast!"

Lasst uns im Folgenden schauen, was genau uns Jesus mit diesem Text zu sagen hat.

Der Irrtum – Matthäus 5,21

Zuerst einmal geht es darum, dass es sein kann, dass wir einem gewaltigen Irrtum aufsitzen
Um zu verstehen, um was für einen Irrtum es da geht, ist es wichtig, den Kontext unseres Textes mal näher anzusehen: Einen Abschnitt vorher – in Matthäus 5,17-20 – sagt Jesus nämlich folgendes:

„Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen sei, um das Gesetz oder die Propheten aufzulösen. Ich bin nicht gekommen, um aufzulösen, sondern um zu erfüllen! Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergangen sind, wird nicht ein Buchstabe noch ein einziges Strichlein vom Gesetz vergehen, bis alles geschehen ist. Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und die Leute so lehrt, der wird der Kleinste genannt werden im Reich der Himmel; wer sie aber tut und lehrt, der wird groß genannt werden im Reich der Himmel. Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit die der Schriftgelehrten und Pharisäer nicht weit übertrifft, so werdet ihr gar nicht in das Reich der Himmel eingehen!“

Jesus macht also glasklar, dass:
  1. Er nicht ein Fitzelchen vom Gesetz abschnippeln wird
     – so sehr wir uns das vielleicht auch wünschen würden
  2. Dass, wer trotzdem etwas abschnippelt, Ehre und Ruhm im Himmel verliert 
  3. Und dass der, der nicht gerechter ist als die Pharisäer, nicht in den Himmel kommt
All das sagt Jesus sozusagen als Einleitung  zu unserem Text. Aber warum? Ich denke, der Grund ist folgender: die Pharisäer haben das Gesetz auf reine Äußerlichkeiten reduziert. Das Wesen Gottes – und damit der Kern der Gebote – ist aber die Liebe! 

Es geht also um das, was im Herzen  ist – nicht allein darum, was vor Augen  ist. In dieser Hinsicht müssen wir besser und gerechter sein als die Pharisäer! Es geht dabei also nicht um Leistung – sondern um den Unterschied zwischen Heuchelei und Liebe!

In Vers 21 steht: „Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt ist (2. Mose 20,13; 21,12): »Du sollst nicht töten«; wer aber tötet, der soll des Gerichts schuldig sein.“ Der Witz bei diesem Vers ist, dass Gott zu den Alten auch gesagt hat: „du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.“ (5. Mose 6,5) 

Der Witz ist, dass Gott auch gesagt hat: „Du sollst dich nicht rächen noch Zorn bewahren gegen die Kinder deines Volks. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; ich bin der HERR.“ (3.Mose 19,18). Das große Doppelgebot der Liebe steht also schon im Alten Testament – im Gesetz. Und wir erinnern uns, dass Jesus gerade eben erst gesagt hatte, dass von diesem Gesetz kein Fitzelchen abgeschnippelt werden wird.

Trotzdem haben die Pharisäer eben dieses Gesetz auf reine Äußerlichkeiten reduziert: Wer nicht mordet (6. Gebot) hat aus ihrer Sicht schon gewonnen. Das aber wird dem großen Doppelgebot der Liebe – also dem, was wir gerade im Gesetz gelesen haben – nicht gerecht.
Es ist eine Verkürzung des Gesetzes Gottes, als ginge es um ein rein äußerliches, heuchlerisches Einhalten von Gottes viel vollkommenerem Gesetz.

Mit anderen Worten: Wenn wir glauben, dass das Gesetz Gottes – und damit das große Doppelgebot der Liebe – für uns nicht mehr gilt, dann haben wir uns geschnitten! (2x)
Jesus macht in unserem Text und auch im Kontext glasklar, dass der moralische Teil des Gesetz für ewig besteht. 

Wir müssen also lernen zu trennen zwischen: Werkgerechtigkeit, Gesetzlosigkeit, Gottes Gnade, liebender Nachfolge und "billiger Gnade":

  • Werkgerechtigkeit wäre, wenn ich glauben würde, ich müsste Gottes Gesetz halten, um gerettet zu werden. Das wäre nämlich Quatsch – denn da hätten wir alle schlechte Karten; das schafft keiner!

  • Gesetzlosigkeit auf der anderen Seite wäre: Wenn mir das Gesetz Gottes komplett egal wäre und ich mir denken würde „Das geht mich nichts mehr an; ich bin ja schon gerettet!“ Das ist nämlich genauso Quatsch – und brandgefährlich, wie wir noch sehen werden.
  • Gottes Gnade bedeutet: dass nur Gott mich retten kann – nicht ich mich selbst durch meine Taten oder durch meine Leistung; dass ich nur durch die Gerechtigkeit, die Gott mir schenkt, vor Gott bestehen kann; dass Jesus meine Schuld am Kreuz getragen hat – dass Er sein Blut vergossen hat, um mich zu erlösen – weil Er mich unendlich liebt! 

  • Liebende Nachfolge ist wenn diese Gnade mein ganzes Herz erweicht – ja, wenn diese Gnade mein Herz barmherzig und gnädig macht; wenn mich Gottes Liebe täglich anspornt, Jesus nachzufolgen – in der tiefen Sehnsucht, Ihm noch ähnlicher, noch heiliger zu werden; wenn ich bereit bin – wie wir es ja auch im Vaterunser beten – meinen Mitmenschen von ganzem Herzen zu vergeben.
  • Billige Gnade aber wäre: wenn Gottes Gnade dazu führt, dass ich mich in falscher Sicherheit fühle und mein Herz verhärte; wenn sie dazu führt, dass ich anderen die Schuld behalte, denn dann bin ich dem schlimmsten Irrtum verfallen, dem ein Mensch nur verfallen kann: dann gehöre ich zu denen, zu denen Jesus einmal sagen wird: „Ich habe euch nie gekannt; weicht von mir, die ihr das Gesetz übertretet!“ (Mt 7,23)
Wir können also einem gewaltigen Irrtum aufsitzen – nämlich, wenn wir glauben die Gerechtigkeit der Pharisäer wäre genug – ein rein äußerliches Einhalten der Gebote.

Lasst uns als nächstes sehen, was die Wahrheit ist.

Die Wahrheit – Matthäus 5,22

Auf diese Irrtümer und Verkürzungen der Gebote Gottes reagiert Jesus mit seinem „Ich aber sage Euch...“ Mit diesem 'Ich aber' zeigt Jesus an, er hier als der Mensch gewordene Gott selbst – also als der Gesetzgeber! spricht. Es geht hier also nicht um eine Änderung des Gesetzes; schließlich wird kein Tüpfelchen vom Gesetz fallen! Es geht vielmehr um eine Korrektur der Lehre der Pharisäer. Es geht – wie immer! – um die Liebe!

Jesus spricht weiter: „Jeder, der seinem Bruder ohne Ursache zürnt“ Da muss man natürlich fragen: „wer ist unser Bruder?“ Leiblich? Geistlich? Ein Ausleger schreibt dazu: „Unter unserem Bruder sollen wir jeden Menschen verstehen, auch wenn er noch so weit unter uns steht, denn wir sind alle aus einem Blut gemacht.“

Als nächstes könnte man sich fragen, was Jesus mit dem Wort “zürnt“ meint (oder „wütend werden“). Richtig ist ja: die Bibel ist voll von Geschichten über Gottes Zorn – und ER sündigt ganz gewiss nicht – im Gegenteil: Sein Zorn ist gerecht. Auch wird an vielen Stellen in der Bibel klar (z.B. „lasst nicht die Sonne untergehen über Eurem Zorn“), dass auch menschlicher Zorn nicht generell etwas Schlechtes ist. Es geht hier also viel mehr um unüberlegten und noch viel mehr ungerechten Zorn. Ungerechter Zorn und Hass sind wie ein unsichtbarer Mord des anderen im eigenen Herzen!

Jesus erklärt weiter: „der ist des Gerichts schuldig“. Es geht hier nicht um weltliche Gerichte – sondern um Abstufungen des göttlichen Gerichts. Jesus erläutert das göttliche Gericht dabei mit Bildern von weltlichen Gerichten, damit man es besser verstehen kann. Mit „Gericht“ ist das örtliche Gericht im Stadttor gemeint (wie es in 5. Mose 16,18 beschrieben wird). Aus Jesu Sicht reicht es also schon für das göttliche Gericht, wenn ich meinem Nächsten zu Unrecht zürne.

Aber es geht weiter: Jesus erklärt: „wer aber zu seinem Bruder sagt: Du Nichtsnutz!“. Das Wort für Nichtsnutz ("Racha“) ist ein höhnisches Wort und könnte auch „Hohlkopf“ heißen. Wer so mit Seinem Nächsten redet, der offenbart damit nur eines: seinen eigenen Hochmut und Stolz. Und darum sagt Jesus auch „der er ist des Hohen Rats schuldig“. Wer so einen Hochmut und so eine Verachtung für seine Mitmenschen in seinem Herzen hegt, der er ist des Hohen Rats schuldig. Im Griechischen steht hier συνεδρίον (Synhedrion, also Sanhedrin). Das ist der Senat, oder der höchste Gerichtshof – bei uns wäre das das Bundesverfassungsgericht. Hochmut und Verachtung im herzen sind also aus Jesu Sicht ein Fall für das oberste Gericht!

Aber Jesus setzt noch einen drauf und erklärt: „wer aber sagt: Du Narr!“. „Narr" oder besser: „Gottloser Narr“ („More“) ist ein sehr boshaftes Wort. Die Entsprechung im Deutschen wäre so ungefähr: „Verflucht sollst Du sein!“ Wer so redet, der redet aus purem Hass. Und wer so redet, „der ist des höllischen Feuers schuldig.“ sagt Jesus. γέενναν τοῦ πυρός (Gehennan tou pyros) heißt dabei so viel, wie „die feurige Hölle“. Wer seinem Nächsten flucht – und das sage jetzt nicht ich: das sagt Jesus, ihr Lieben! –  der gräbt sich damit seinen ganz persönlichen Weg zur Hölle! 

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Ich möchte an dieser Stelle mal kurz innehalten und noch einmal mit Euch über das bisher Gehörte nachdenken: Zorn und Wut, Beleidigung und Verachtung, Hass und Flüche sind (ansteigende) Vorstufen von Mord. Und sie alle sind in Gottes Augen in steigendem Maße strafwürdig. Sie alle gehören vor Sein ewiges Gericht.

Und jetzt seien wir mal ehrlich – denken wir nicht oft: „Jetzt mal halblang. Das ist ja wohl alles nicht so schlimm, wie es jetzt da steht.“ „Das kann Jesus jetzt unmöglich ernst gemeint haben!“ Aber der Witz ist: Jesus macht schon im Vorspann klar, dass er es ganz genau so meint! 

Es mag sein, dass wir denken, dass nur ein besonders grausamer Mord vor Gottes Gericht gehört – aber keinesfalls eine Äußerung, wie „Du dämlicher Depp!“ Aber das zeigt nur, wie tief wir gefallen sind: Wir wurden geschaffen als Spiegel Gottes: Ebenbilder Seiner Liebe und Gnade, Seiner Heiligkeit und Gerechtigkeit.

Die Kommentatoren Jamieson, Faucet und Brown schreiben dazu: 

„Seit Ewigkeiten wird euch gelehrt, dass zum Beispiel das sechste Gebot nur vom Mörder gebrochen wird, um ein Urteil zu fällen, über das die anerkannten Gerichte zu entscheiden haben. Ich sage euch aber, daß es sogar durch grundlosen Zorn gebrochen wird, der nur Haß im Keim ist, wie Haß ein beginnender Mord ist (1Jo 3,15); und wenn durch die Gefühle, dann noch viel mehr durch jene Worte, mit denen man alle bösen Gefühle, vom geringsten bis zum vergiftetsten, auf einen Bruder zu werfen pflegt: und so wie es Abstufungen in den menschlichen Gerichtshöfen gibt, und in den Urteilen, die sie nach dem Grad der Kriminalität aussprechen, so wird auch die gerichtliche Behandlung aller Verstöße gegen dieses Gebot am göttlichen Tribunal vor dem Richter, der die Herzen erforscht, nach ihrer tatsächlichen Kriminalität erfolgen.“

Und doch fühlen wir uns im Recht: Schließlich gibt es ja einen Grund für unseren Zorn und unsere Worte. Oder nicht? Ich meine: „Wirklich?“ Seien wir doch mal ehrlich: Was wir für unser gutes Recht halten, ist meist nur unser unbeugsamer Stolz. Was wir für unseren heiligen Wunsch nach Gerechtigkeit halten, ist meist nur unser unglückseliger Wunsch nach Rache. 

Was es wirklich braucht ist, dass wir demütig werden! Was es wirklich braucht ist, dass wir Gott gehorsam werden! Wenn wir jemals in Gottes Frieden eintreten wollen, dann geht an der Versöhnung kein Weg vorbei! Wenn wir Gottes Freude bleibend in uns haben wollen, dann geht kein Weg daran vorbei, dass wir den Dreck aus unseren Herzen räumen!

DAS ALSO IST DIE WAHRHEIT: DASS FÜR GOTT UNVERSÖHNLICHKEIT, ZORN, HASS, ABLEHNUNG UND BITTERKEIT KEINE LAPPALIEN SIND – SONDERN SCHWERE SÜNDEN – DIE UNTER STRAFE STEHEN – UND DASS AN VERSÖHNUNG KEIN WEG VORBEI GEHT, WENN WIR IN DEN HIMMEL WOLLEN (2x)

Höchste Priorität  – Matthäus 5,23-24

Nachdem er das klar gemacht hat, sagt Jesus: „Darum“. „Darum“, weil Unversöhnlichkeit keine Lappalie ist sondern eine schwere Sünde. In Mt. 6,15 lesen wir den unfassbaren Satz: 

„Wenn ihr aber den Menschen ihre Verfehlungen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.“

Jesus sagt „Darum“, weil von Zorn und Bitterkeit in unserem Herzen – von und Hass und Ablehnung – umzukehren für Gott wichtiger ist als unsere Opfer: In Amos 5,21-24 steht: 

„Ich hasse, ich verachte eure Feste und mag eure Festversammlungen nicht riechen! Wenn ihr mir auch euer Brandopfer und Speisopfer darbringt, so habe ich doch kein Wohlgefallen daran, und das Dankopfer von euren Mastkälbern schaue ich gar nicht an. Tue nur hinweg von mir den Lärm deiner Lieder, und dein Harfenspiel mag ich nicht hören! Es soll aber das Recht einherfluten wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein unversiegbarer Strom!“

Jesus sagt dann weiter: „Wenn du nun deine Gabe zum Altar bringst und dich dort erinnerst, dass dein Bruder etwas gegen dich hat,“ Jetzt möchte ich Dich bitten, wirklich einmal in Dich zu gehen und Dich zu fragen: Was könnte Dein Bruder (oder Deine Schwester) denn gegen Dich haben? Sind da Zorn und Wut in Deinem Herzen? Sind da Hochmut und Verachtung? Sind da böse Worte und Flüche, die dem Stolz und dem Zorn entsprungen sind? 

Und Jesus sagt weiter: „so lass deine Gabe dort vor dem Altar und geh zuvor hin und versöhne dich mit deinem Bruder, und dann komm und opfere deine Gabe!“ Nicht Dein Nächster muss kommen, wenn Du sauer auf ihn bist und ihn beleidigst. Nicht Deine Nächste muss kommen, wenn du sie verachtest oder ihr fluchst. Du musst kommen, und dafür sorgen, dass der Schmerz aus der Welt geschafft wird, den Dein Zorn, Deine Ablehnung, Dein Stolz oder gar deine bösen Worte oder Taten im Herzen deines Bruders, Deiner Schwester, angerichtet haben.

Wenn uns einfällt, dass wir uns im Zorn an einem Bruder versündigt haben, sollen wir die Initiative ergreifen und uns versöhnen. Matthew Henry schreibt dazu: 

„Wir sollten sorgfältig die christliche Liebe und den Frieden [...] bewahren; und wenn es zu irgendeinem Zeitpunkt einen Streit gibt, sollten wir unsere Schuld bekennen, uns [...] demütigen und Genugtuung für das in Wort oder Tat begangene Unrecht leisten oder anbieten: und wir sollten dies schnell tun; denn solange dies nicht geschehen ist, sind wir für die Gemeinschaft mit Gott [...] ungeeignet.“ 

Was will Henry damit sagen? Für Gott ist es das Wichtigste, dass wir uns mit unseren Feinden versöhnen – Er möchte nicht, dass wir mit Gift im Herzen leben! Für Gott ist es das Wichtigste, dass wir uns versöhnen – viel wichtiger, als dass wir ihm irgendwelche Opfer oder Dienste bringen.

Darum: Lass alles stehen und liegen! Allen Gottesdienst, alle Spenden, allen Diakonischen Dienst, alle Evangelisation, ja sogar das Abendmahl! 

Jamieson, Faucet and Brown stoßen in das gleiche Horn: 

„Daher die schöne Praxis der frühen Kirche, zu sehen, dass alle Differenzen zwischen Brüdern und Schwestern in Christus im Geist der Liebe ausgeglichen wurden, bevor sie zur Heiligen Kommunion gingen; und die Kirche von England hat in ihrem Kommuniondienst eine Rubrik mit Anweisungen in dieser Richtung. Wenn [das Abendmahl] der höchste gottesdienstliche Akt auf Erden ist, dann muss eine solche Versöhnung, obwohl sie schon bei allen anderen gottesdienstlichen Anlässen obligatorisch ist, es hier ganz besonders sein.“

DAS ALSO IST DIE WAHRHEIT: DASS FÜR GOTT VERSÖHNUNG DIE ALLER-OBERSTE PRIORITÄT  HAT!

Zeit & Ewigkeit – Matthäus 5,25-26


Ein altes deutsches Sprichwort sagt: „Was Du heute kannst besorgen, das schiebe nicht auf morgen.“ Nirgends ist dieses Sprichwort wahrer, als hier: Worum es in den Versen 25+26 geht, sind die schrecklichen, ewigen Konsequenzen von Unversöhnlichkeit. Die Zeit zur Versöhnung aber haben wir nur in dieser Welt! Darum ist Versöhnung noch in dieser Welt so wichtig. 

Gott möge uns davor bewahren, dass wir jetzt in unseren Herzen denken, was manche Juden zu Jesu Tagen gedacht haben: „Ich bin ja Christ und stehe unter Gottes Gnade, da gilt das alles für mich nicht mehr.“ „Also brauche ich auch das was hier über die Versöhnung steht nicht so genau zu nehmen“

Wenn das so ist, dann hast Du die Tragweite von dem, was Jesus hier lehrt nicht einmal ansatzweise verstanden! In Lk 3,8+9 sagt Jesus klipp und klar: 

„Seht zu, bringt rechtschaffene Früchte der Buße; und nehmt euch nicht vor zu sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann dem Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken. Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt; 
jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.“

Das Ende vom Lied ist: Wir haben nur in diesem Leben Zeit, versöhnlich zu leben – danach ist es zu spät. Und dabei schaut Gott unser Herz an – und nicht, wie die Pharisäer dachten, allein unsere Taten. „Denn es ist nicht so, wie ein Mensch es sieht: Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der HERR aber sieht das Herz an.“ (1Sam 16,7)


An Dein Herz

  • Wem gegenüber spürst Du Zorn, Verachtung, Hass, Ablehnung oder Bitterkeit?

  • Lasse Deinen Groll, Deinen Stolz und Deinen Wunsch nach Rache los und folge Jesus!

  • Am Ende des Weges wartet die Schönheit des Evangeliums: tiefer Friede; wahre Freude.

  • "Vergebt euch gegenseitig, was ihr einander angetan habt, so wie Gott euch durch Christus vergeben hat, was ihr ihm angetan habt.“ (Epheser 4,32)

Sonntag, 3. November 2019

„Reinheit und Gott schauen“ (Matthäus 5,8)

[Predigt als MP3]

Einleitung

Seit geraumer Zeit kämpfe ich mit Gott an einer bestimmten Stelle in meinem Leben. Ich sehne mich nach Seiner spürbaren Nähe, danach, Ihm zu begegnen. Ich bete, lese Bücher, ich ringe mit ihm, wie Jakob am Jabbok: "Ich lasse Dich nicht, Du segnest mich denn!" (1Mo 32,27). Und nichts passiert. Gestern morgen habe ich mich dann hingesetzt und mir die vielen guten Gedanken, die mir in den letzten Wochen und Monaten dazu gekommen sind mal nieder geschrieben, in der Hoffnung, dass sich die Puzzleteile zu einem Ganzen zu einer Lösung zusammensetzen. Hier ist, was dabei herausgekommen ist:

1. Mein Zustand: Ich bin freudlos: unglücklich, leer und lustlos im Glauben und bedrückt, zerquält und innerlich zerrissen im Hinblick auf das intensive Gebet zu Gott und die Begegnung mit ihm: auf der einen Seite lese ich Bücher über Bücher über das Innere Gebet - und auf der anderen Seite „fliehe ich vor Seinem Angesicht“. Drücke mich vor dem Gebet und sehne mich doch gleichzeitig nach Seiner herrlichen Gegenwart, die ich schon so oft als über alle Maßen heilbringend und glückseligmachend erfahren habe. Und so suche ich schon lange nach einer Lösung für dieses Dilemma und habe erkannt:

2. Mögliche Ursachen: Als mögliche Ursachen sind mir bisher Stolz und Angst in den Sinn gekommen: ich kann es zwar noch nicht greifen, aber die Ursache hat scheinbar irgend etwas mit Stolz (der Kardinal-Sünde) zu tun: dass ich mit Gott diskutiere, Ihm vorschreiben will, was Er zu tun und zu lassen hat; Ihn nicht als Gott verehre und anbete sondern statt dessen rebelliere. Und die Ursache hat scheinbar auch etwas mit Angst und Sorge zu tun (mit einer tiefen Lebenswunde): mit meinem schiefen Gottesbild; von einem Gott der mich unterbuttern will, mich zwingen will zu tun, was Er mir  vorschreibt - der mich gar nicht wirklich liebt, sondern dem mein Leiden schnurzpiepegal ist (wieso ändert Er sonst nichts an diesem unerträglichen Zustand?).

3. Die Lösung: Die Lösung, soweit meine Gedanken bisher, hat irgendwas mit Gnade zu tun: sie liegt nicht darin, dass ich mich mühe und abstrample. Auch die Nähe zu Gott ist Gnade, Er lässt sich nicht herbeizwingen; Er, der Souverän des Alls, offenbart sich wann und wem will. Mit meiner Anstrengung kann ich Ihn, den verborgenen Gott, den ganz und gar Unendlichen, ohnehin nicht erreichen. Auch die von Ihm geforderte, absolute! Heiligkeit, werde ich nie aus eigener Kraft zustande bringen.

4. Fazit: Als Fazit habe ich dann die folgenden Worte aufgeschrieben: "Erlösung und Ergebung": Er muss es tun. Er allein. Ohne meine Hilfe; ohne meinen Krampf und mein Abstrampeln. Trotz meiner Rebellion. Trotz meiner Flucht. Trotz meines schiefen Bildes von Ihm. Trotz meiner schiefen und Seine Majestät beleidigenden Gedanken über Ihn. Ich muss mich Ihm ergeben: Ihn Gott sein lassen. Ihm, wie Hiob (nach langem Kampf und Leiden), das Recht einräumen, Gott zu sein: das Recht zu haben, auch über meine Freude und mein Leiden wirklich HERR zu sein.

Als das dann so dastand, kam mir der Gedanke: Aber genau das hat Er doch schon getan! Genau das: mich erlöst! Mich freigesprochen von meiner Schuld. Trotz meiner Rebellion. Trotz meines Rumstrampelns: Römer 5:8+9 steht „Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, daß Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. Um wieviel mehr werden wir nun durch ihn bewahrt werden vor dem Zorn, nachdem wir jetzt durch sein Blut gerecht geworden sind!“ oder wie Jesus es gesagt hat: „Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“ (Joh 15:3-5)

Das durchzubuchstabieren und zu erkennen wird wohl in den kommenden Wochen, Monaten und vielleicht auch Jahren meine Aufgabe sein - denn ich lerne in der Tiefe leider sehr langsam.  Und als ich mir das alles dann gestern morgen noch mal durchgelesen hatte, kam mir die Erkenntnis: "Das hat wohl eine ganze Menge mit dem Vers zu tun, um den es in dieser Predigt geht." Und habe mich entschlossen, es – auch, wenn es einen recht tiefen Einblick gibt – als Einleitung zu nehmen.  Ich hoffe ja immer noch, es bleibt unter uns?


Inhalt

Unseren Text heute – Matthäus 5,8 – also aus den Seligpreisungen – habe ich unter die Überschrift gestellt: „Reinheit und Gott schauen“. Eigentlich war ich das gar nicht, sondern Wolfgang, aber das weiß er wahrscheinlich selber noch gar nicht. Aber ich finde es gut so! 

Also – worum wird es heute gehen? 

  • Zum Ersten möchte ich mit uns den Text lesen und dann mit uns betrachten:
  • Was ist eigentlich die zentrale Sehnsucht unseres Textes (die Gottesschau) – und wo liegt das größte Hindernis? 
  • Was ist – wenn man das Hindernis etwas genauer unter die Lupe nimmt – eigentlich die Wurzel des Übels?
  • Und letztlich: wie werden wir dieses Übel los – GRUNDLEGEND und IMMER WIEDER?

Und ganz zum Schluss möchte ich uns 4 Fragen mit auf den Weg geben von denen ich hoffe, dass sie uns darin helfen, wirklich wichtige Entscheidungen zu treffen.

Nun also zuerst zu unserem Text:


Unser Text

„Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.“ (Matthäus 5,8)

In der 6. Seligpreisung – am Beginn der Bergpredigt – lesen wir: 

"Selig sind, 

die reinen Herzens sind; 

denn sie werden 

Gott schauen." 

Wie wir sehen werden, berührt dieser Text gleich zwei Aspekte unserer Gemeindevision, nämlich: „Gott begegnen“ und „Leben teilen“.

Doch der Reihe nach:


Sehnsucht & Hindernis

Es geht in unserem heutigen Vers also zentral um dieses eine Thema: die Reinheit des Herzens. Und um die Verheißung, die darauf liegt: "Gott zu schauen". Wie ich Euch ja gerade eben schon gebeichtet habe, hat diese Verheißung einen zentralen Platz in meinem Glaubensleben: Nicht nur ist sie mir am Anfang meines Glaubenslebens gleich 3x hintereinander und völlig unabhängig von einander von 3 verschiedenen Personen (ich meine: prophetisch) zugesagt worden "Du wirst die Herrlichkeit Gottes sehen!" - sie ist auch das zentralste Element in meinem inneren Erleben: nichts auf der ganzen Welt ersehne ich mir mehr, als Gott nahe zu sein, in Seiner Liebe und Gnade geborgen zu sein - und die Fähigkeit zu erlangen, Ihn in gebührender Weise zurück zu lieben: zu sehen, zu greifen, zu begreifen, was das bedeutet: dass Er gut ist – und dass Er mich wirklich liebt.

Wahrscheinlich geht es mit dem „am liebsten schon im Himmel sein wollen“ allen gesunden Christen so. Auch Paulus hat das ja mal sehr schön auf den Punkt gebracht, als er schrieb: "[...] wir [...] wissen: Solange wir im Leibe wohnen, weilen wir fern von dem Herrn; denn wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen. Wir sind aber getrost und begehren sehr, den Leib zu verlassen und daheim zu sein bei dem Herrn." (2Kor 5,6-8) und an anderer Stelle noch deutlicher "Denn es setzt mir beides hart zu: Ich habe Lust, aus der Welt zu scheiden und bei Christus zu sein, was auch viel besser wäre; aber es ist nötiger, im Fleisch zu bleiben um euretwillen. " (Phil 1:23-24)  Ich für meinen Teil kann Paulus nur allzu gut verstehen. Und bitte, ohne dass ihr mich hier falsch versteht: ich weiß nicht, warum so viele Leute unbedingt steinalt werden wollen. Ja ich kenne Geschwister, die sich nichts sehnlicher wünschen, als endlich gehen zu dürfen - weil sie wissen, was sie erwartet: die Schau Gottes in Herrlichkeit.

Aber was ist denn dann das Problem? Wir können Gott doch schon hier begegnen - um nur einmal die 3 prominentesten Wege zu nennen:

1. in Seinem Wort (Joh 5:39) – Jesus sagt: „Ihr sucht in den Schriften, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie sind's, die von mir zeugen; [...]“

2. in Seiner Natur (Rö 1:19+20) – wie Paulus sagt: „Denn was man von Gott erkennen kann, ist unter ihnen offenbar; denn Gott hat es ihnen offenbart. Denn sein unsichtbares Wesen – das ist seine ewige Kraft und Gottheit – wird seit der Schöpfung der Welt, wenn man es wahrnimmt, ersehen an seinen Werken [...]“

3. in Christus, Seinem Sohn (2Kor 4:4, Joh 14:9) – Paulus schreibt hier von der „Herrlichkeit Christi, welcher ist das Ebenbild Gottes“ und Johannes zitiert Jesus als er sagt: „Wer mich sieht, der sieht den Vater.“ 

Natürlich: "Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild; [...] Jetzt erkenne ich stückweise" (1Kor 13,12) - aber dann kommt der Himmel. Und auf den muss ich noch warten. Also habe ich Sehnsucht danach. Und Sehnsucht zu haben, ist ja doch nichts Schlimmes? 

Das ist wohl war. Das Schlimme ist auch vielmehr, dass dieser Vers auch in seinem ersten Teil das sagt, was er sagt - nämlich: "Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen." Aber wer von uns ist das denn bitteschön? Irgend welche Meldungen? Irgend jemand hier mit einem absolut reinen Herzen? Aber es kommt noch schlimmer: es gibt auch einen Kehrvers zu Matthäus 5 Vers 8 - und zwar im Hebräerbrief. Dort steht: "Jagt dem Frieden nach mit jedermann und der Heiligung, ohne die niemand den Herrn sehen wird [...]" (Hebr 12,14) Ohne Heiligung - ohne ein reines Herz werde ich also Gott niemals sehen.

Und als ob das nicht schon schlimm genug wäre, stelle ich bei all meinem Bemühen um ein reines Herz dann auch noch fest: ich kann mir nicht selber helfen. Mir geht es, wie Paulus in Römer 7,14-24: "ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft. Denn ich weiß nicht, was ich tue. Denn ich tue nicht, was ich will; sondern was ich hasse, das tue ich. [...] Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. [...] Mir, der ich das Gute tun will, hängt das Böse an. Denn ich habe Freude an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen. Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das widerstreitet dem Gesetz in meinem Verstand und hält mich gefangen im Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist. Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem Leib des Todes? "

Die von Gott geforderte Reinheit des Herzens kann ich also gar nicht selber „machen“. Das ist das Problem. Und ohne diese Reinheit werde ich niemals an den Ort kommen, den ich mir ersehne: die Herrlichkeit Gottes, Seine liebende und mich bergende Gegenwart. --- Alles klar?!


Die Wurzel des Übels

Bevor wir uns mit der Lösung dieses Problems befassen, lasst uns noch einmal etwas genauer hinschauen, was genau das Problem eigentlich ist. Was genau ist Reinheit?! Was ist das für eine Reinheit, von der Jesus in unserem Vers redet? Ganz sicher ist es keine äußere Reinheit: sonst würde er die Pharisäer nicht so schimpfen: „Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr die Becher und Schüsseln außen reinigt, innen aber sind sie voller Raub und Gier! Du blinder Pharisäer, reinige zuerst das Innere des Bechers, damit auch das Äußere rein werde! Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr seid wie die übertünchten Gräber, die von außen hübsch scheinen, aber innen sind sie voller Totengebeine und lauter Unrat! So auch ihr: Von außen scheint ihr vor den Menschen gerecht, aber innen seid ihr voller Heuchelei und missachtet das Gesetz.“ (Mt 23:25-28) Darum sagt Jesus auch in Mt 15,19 „Denn aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsches Zeugnis, Lästerung.“ Wovon Jesus also redet, ist die Reinheit des Herzens. Eine Reinheit des Charakters, der Motive, der Gedanken. Eine Reinheit, die, wie ein guter Baum, gar nicht anders kann, als gute Früchte zu bringen.

Wenn Reinheit des Herzens also Tugend bedeutet, was ist dann ihr Gegenteil? Ich denke, die Unreinheit des Herzens manifestiert sich in eigentlich einer Grundsünde, die viele Facetten hat: dem Hochmut. Der Hochmut. Er ist am einfachsten erkennbar an den Lebenshaltungen, die er hervorruft: Rebellion, Ungehorsam, Unglaube & Sorgen oder Werkgerechtigkeit.

  • Rebellion: Ich alleine weiß was Recht ist. Besser noch, als Gott. Niemand hat das besser auf den Punkt gebracht, als Hiob: "Ach dass ich wüsste, wie ich ihn finden und zu seiner Stätte kommen könnte! So würde ich ihm das Recht darlegen und meinen Mund mit Beweisen füllen und erfahren die Reden, die er mir antworten, und vernehmen, was er mir sagen würde. Würde er mit großer Macht mit mir rechten? Nein, er selbst würde achthaben auf mich. Dort würde ein Redlicher mit ihm rechten, und für immer würde ich entrinnen meinem Richter!" (Hiob 23,3-7) HÖRT IHR DEN HOCHMUT? "Und Hiob fuhr fort mit seinem Spruch und sprach: So wahr Gott lebt, der mir mein Recht verweigert, und der Allmächtige, der meine Seele betrübt – solange noch mein Odem in mir ist und der Hauch von Gott in meiner Nase –: [...] An meiner Gerechtigkeit halte ich fest und lasse sie nicht [...]" (Hiob 27,1-6) Hiobs Position ist: Ich alleine bin im Recht, wenn ich mit Gott zürne. Und Er ist im Unrecht. Er soll schweigen und ich will reden. Dann werden wir schon sehen, wer Recht hat. Das ist der Hochmut in Reinkultur.

  • Ungehorsam: Ich weiß, was gut, ja besser ist - besser als Gott. "Ja, sollte Gott gesagt haben [...]?" (1Mo 3,1). Mir ist es egal was Gott sagt. Ob es das große Doppelgebot der Liebe ist - oder ob es die 10 Gebote sind (die Eltern ehren, nicht lügen, nicht stehlen, nicht Ehebrechen, nicht begehren, nicht gierig sein): ich weiß es besser und gehe meiner eigenen Wege. Aus dieser Haltung folgen alle Tatsünden. Und ihr Ursprung liegt im Hochmut. In der Rebellion.

  • Werkgerechtigkeit: Ich brauche Gottes Gnade nicht. Ich kann Erlösung besser als Er. Ich mühe mich und quäle mich Tag für Tag vergeblich. Weil ich Ihm etwas von Wert bringen will. Nicht meine Sünden. Etwas, wofür ich mich rühmen kann vor Ihm. Mein Werk. Meine Leistung. Ich mache mich gerecht: ich biete Gott meine eigene Heiligkeit an. 

  • Unglaube & Sorgen: Ich weiß besser als Gott, wie diese Welt funktioniert. Ich weiß es besser, als Sein Wort; als Seine Verheißung. Ich sehe doch, wie die Welt ist. Ich glaube nicht, dass Gott mir helfen wird. Ich kann mir selber besser helfen, als Er. Lieber Sorge ich mich, zermartere mir das Hirn, wie ich die Klippen meines Lebens alleine umschiffe. Ich schlage Seine nach mir ausgestreckte Hand aus. Ich schlage Sein Angebot, dass Er für mich sorgen wird, in den Wind.

Natürlich haben wir nicht nur eigene Sünde. Auch andere sind an uns schuldig geworden. Viele der Dinge, die in unseren Herzen schief laufen, haben ihren Grund in teilweise jahrzehntealten Wunden, die andere uns geschlagen haben. Unsere schiefen Bilder von Gott, der Welt und unserem Nächsten haben nur allzu oft ihre Wurzeln in unserer Kindheit oder Jugend. Irgend jemand hat das Porzellan zerschlagen und wir müssen nun mit den Scherben leben. Nicht alle unsere Ängste und Sorgen, Bedrückungen oder Schmerzen sind also auf die Sünde oder den Hochmut zurückzuführen - manche sind einfach nur der Ausdruck einer verletzten Seele. Hier braucht es dann natürlich nicht Umkehr, sondern Heilung. --- Doch auch diese Heilung hat, genau wie die Umkehr von den schiefen Dingen in unseren Herzen, etwas damit zu tun, sich zu ÖFFNEN. Dass wir uns einander anvertrauen, einander unser Herz ausschütten, wie wir später sehen werden.


Zwei Arten von Gnade

Wie also kann dieses Problem gelöst werden? Wie wir gesehen haben, gehören zur Lösung das Ausräumen von Schuld und Sünde, vom Hochmut als der Wurzel alles Übels: von Rebellion, Ungehorsam und Tatsünden, von Selbst- und Werkgerechtigkeit und von Unglauben und Sorgen. Und es gehört dazu das Heilen von Lebenswunden. Vor allem aber haben wir gesehen: die Lösung kommt nicht von uns. Sie kann nicht von uns kommen. Weil wir nicht fähig sind, uns selbst zu retten. Weil wir nicht fähig sind, uns selbst zu heilen.

Was uns rettet ist allein die Gnade Gottes. Was uns rettet, ist Gottes Eingreifen in diese Welt - in unser Leben - und zwar auf zweierlei Weise: Zum Einen: GRUNDLEGEND. Und zum zweiten: ERNEUERND. Was meine ich damit?

Mit GRUNDLEGEND meine ich, das Jesus mit Seinem Tod am Kreuz ein Fundament geschaffen hat, dass niemand mehr umstoßen kann. Er hat mit Seinem Blut für unsere Schuld bezahlt. Ein für alle Mal. Und Gott hat das Opfer Seiner Liebe angenommen: Christus ist von den Toten auferstanden! Und mit Seiner Auferstehung hat Er uns etwas geschenkt, das umso unfasslicher wird, je mehr wir unsere eigenen Herzen erkennen: ER HAT UNS REIN GEMACHT. 

Jesus spricht:

  • „Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe.“ (John 15:3)

  • „Christus [hat] die Gemeinde geliebt […] und hat sich selbst für sie dahingegeben, um sie zu heiligen. Er hat sie gereinigt durch das Wasserbad im Wort“ (Eph 5:25+26)

  • „um wie viel mehr wird dann das Blut Christi, der sich selbst als Opfer ohne Fehl durch den ewigen Geist Gott dargebracht hat, unser Gewissen reinigen von den toten Werken, zu dienen dem lebendigen Gott!“ (Heb 9:14)

Rein werden wir also nicht durch eigene Anstrengung (das sind tote Werke), sondern durch das Hören der Guten Nachricht, des Evangeliums, (das ist das Wort Gottes) und durch unsere Umkehr zu Gott im Glauben und durch die Taufe. Die Reinheit des Herzens, nach der wir streben IST UNS GESCHENKT! Wir müssen dazu nichts TUN. Es geht um ein neues SEIN, dass Gott uns schenkt! Es geht nicht um unsere Werke, denn diese Reinheit kann man nicht machen. Man kann sie nur empfangen. 

Diese Reinheit ist nichts anderes, als einfach nur das: das größte Geschenk der Liebe Gottes an uns! "IHR SEID SCHON REIN!" Bitte, ihr Lieben: lasst Euch das bitte mal auf der Zunge zergehen: "DU BIST SCHON REIN!" Das ist Gottes Urteil über Dich, wenn Du an Jesus glaubst - egal, wie unvollkommen Du bist - DAS ist das Evangelium!  Niemals mehr wird der Vater Sein Angesicht vor Dir und Deiner Schuld verbergen müssen. Niemals mehr musst Du den Zorn Gottes über Deiner Schuld fürchten, denn es heißt: "Um wie viel mehr werden wir nun durch ihn gerettet werden vor dem Zorn, nachdem wir jetzt durch sein Blut gerecht geworden sind." (Röm 5,9) „DU  BIST SCHON REIN!“

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Und doch wissen wir: diese uns von Gott geschenkte Reinheit die verdrecken wir nur allzuschnell erneut... Leiden wir nicht genau daran? Dass wir es trotz aller guten Vorsätze keine 5 Minuten schaffen, so rein zu BLEIBEN? Gott weiß das auch. ER wusste es schon vorher. Und darum gibt er uns noch ein Geschenk: Neben dem, dass Er in Christus GRUNDLEGEND in unser Leben eingegriffen hat, schenkt Er uns durch den Heiligen Geist auch eine stets ERNEUERNDE Gnade. Bevor ich Euch von der Art dieser ERNEUERNDEN Gnade erzähle, möchte ich Euch ein Bild mitgeben oder besser gleich zwei: 

Stellt Euch mal vor, ihr seid auf der Autobahn mit 200 Sachen unterwegs. Und jetzt schüttet Euch jemand von einer Brücke einen Eimer Schlamm auf die Scheibe. Was glaubt ihr, wie lange ihr da noch ohne Probleme weiter fahrt? Würdet ihr da nicht auch sofort eine Vollbremsung machen und hoffen, dass ihr die Standspur trefft und erst einmal die Scheiben wieder sauber machen? Schon oder? Mit klaren Scheiben sieht man einfach besser.

Das zweite Bild ist ähnlich aber etwas älter. Zu diesem Thema hat nämlich auch schon einer der Kirchenväter, Origenes (* 185 in Alexandria; † um 254) etwas gesagt. Christiana Reemts, das ist die Äbtissin eines Benediktinerinnen-Klosters in der Nähe von Duisburg hat das in ihrem Buch sehr schön zusammen gefasst (das Buch heißt übrigens ganz treffend: "Gott begegnen: Sieben Wegweiser"). Dort schreibt sie: 

"Origenes lehrt, dass der Mensch neben den leiblichen Sinnen auch geistige Sinne hat, neben den leiblichen Augen, die auf das Sehen körperlicher Dinge eingerichtet sind, auch geistige Augen, die Wahrheit und Liebe sehen. Können wir mit diesen geistigen Augen auch Gott wahrnehmen, kann das jeder Mensch? Ja, aber nur wenn wir, wie Jesus in der Bergpredigt sagt, ein reines Herz haben [...]. Zur Gotteserkenntnis gehört Reinheit des Herzens oder um es mit einem noch altmodischeren Wort zu sagen: Tugend. Nur der tugendhafte Mensch, der Mensch, der frei geworden ist vom ewigen Kreisen um sich selbst, kann Gott begegnen, d.h. er kann wahrnehmen, wenn Gott sich zeigt.

Wie reinigt man sein Herz, wie bekommt man ein reines Herz? Origenes vergleicht die Reinigung des Herzens mit der Reinigung eines Brunnens. Wie ein Brunnen, der mit Erde zugeworfen ist, so ist unser Herz durch irdisches Denken, durch Egoismus und Sünde verstopft und nicht mehr offen für Gott. Erst wenn wir unser Herz reinigen bzw. richtiger: wenn Christus unser Herz reinigt, können wir Gott erkennen. Diese Reinigung geschieht ganz konkret durch das Lesen der Heiligen Schrift. In der Schrift begegnen wir Christus und hören ihn zu uns sprechen. Origenes sagt: „Wenn ihr also das, was ihr heute hört, im Glauben aufnehmt, wirkt er auch in euch und reinigt euer Herz von irdischem Denken. ln der Erkenntnis, dass so große Mysterien in der Heiligen Schrift verborgen sind, wachst ihr in der Einsicht und wachst in geistlichem Verständnis. So werdet ihr auch selbst zu Lehrern, und aus euch werden Ströme lebendigen Wassers hervorquellen (vgl. Joh 4,14). Denn das Wort Gottes ist da und es wirkt jetzt, um aus der Seele eines jeden von euch die Erde wegzuschaffen und deine eigene Quelle aufzugraben.“

So ist es also auch mit unserem Herzen, wie mit dem Brunnen: nur mit einem klaren und reinen Herzen können wir Gott sehen, auf den hin wir leben. Und wenn es verdreckt ist, müssen wir es reinigen. Und zwar so schnell, wie möglich. Von allem Hochmut und aller Sorge. Von aller Rebellion und allem Ungehorsam. Von allem Zweifel und aller Angst. Von allem eigenen Krampf und jedem verzweifelten Versuch, uns selbst zu retten.

Doch, wie soll das gehen? Zum einen, wie Origenes sagt: durch das Lesen der Schrift. In der Eile des Alltags können wir uns allerdings oft nur damit behelfen, ein schnelles Gebet zu Gott zu sprechen und zu sagen, "Es tut mir leid." Und das ist auch gut. Aber es ist bei weitem nicht alles, was wir tun können - und es ist in vielen Fällen auch bei weitem nicht genug. 

Vielleicht mag es reichen, alle 100km mal die Scheibe zu putzen oder alle 500km frisch zu tanken. Aber jedes Auto muss irgendwann auch mal in die Inspektion. Sonst geht es auf Dauer kaputt. 

Und jeder Christ braucht sicher 10 mal am Tag ein kurzes Gebet um Vergebung. Und sicher mindestens 1 mal am Tag einen großen Schluck aus Gottes Wort. Aber wir alle brauchen auch hin und wieder mal mehr: die Möglichkeit, uns einander anzuvertrauen, einander unser Herz ausschütten, einander unsere Schuld zu bekennen oder unsere Nöte.

Früher nannte man dieses Mittel der ERNEUERNDEN Gnade die BEICHTE. Markus hatte in seiner letzten Predigt bereits darauf hingewiesen. Das Problem ist nur: dieses Wort hat leider, wodurch auch immer, einen sehr schalen Beigeschmack erhalten: etwas von Unfreiwilligkeit und Entblößung, etwas, das wir vielleicht im Stillen verbinden mit Erniedrigung und Scham. Eine echte Beichte ist aber genau das Gegenteil: sie ist ein Ort des Vertrauens, der Liebe und der Gnade. Der Offenheit und der Hilfe. Wer das selber schon einmal hat erleben dürfen, wie sehr Gott segnen kann, wenn man sich einem Bruder oder einer Schwester öffnet - und wirklich einmal reinen Tisch macht - Sünden klar beim Namen nennt - und um Vergebung bittet - und dann vom Gegenüber zugesprochen bekommt: "Deine Sünden sind Dir vergeben! Gehe hin in Frieden!" nur der weiß, welche Zentnerlast einem vom Herzen fallen kann. Auch wird nur, wer schon einmal einem Bruder oder einer Schwester sein Leid geklagt hat zu schätzen wissen, was gute Seelsorge eigentlich ist: sein ganzes Herz auszuschütten und dann erleben dürfen, wie Liebe da ist und Weisheit und Sanftmut und Fürsorge und guter Rat. Dass das wohltuender ist, als 100 Kuren an der See oder in den Bergen.

Und weil das so ist - weil das wirklich so ist - darum schreibt der Apostel Jakobus: "Bekennt also einander eure Sünden und betet füreinander, dass ihr gesund werdet. Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist." (Jak 5,16) (2x!) --- IHR LIEBEN! --- Manche Schuld wird erst von uns weichen, wenn wir bereit sind, unserem Stolz Lebewohl zu sagen und uns einem Bruder oder einer Schwester anvertrauen, wie es der Apostel Jakobus uns rät. Und manche Last wird uns erst von den Schultern genommen werden können, wenn wir den Mut aufbringen, uns einander zu öffnen und miteinander zu beten - für das was uns WIRKLICH bewegt. --- Wenn wir das jedoch tun, dann wird Gott die Erde aus unserem Brunnen entfernen und wir kommen ans klare Wasser. Und damit zu einer neuen und tieferen Gottes-Erkenntnis.

So wird aus der GRUNDLEGENDEN Gnade der ERLÖSUNG und der daraus wachsenden Erkenntnis Gottes und aus der ERNEUERNDEN Gnade der BEICHTE ein Kreislauf der Gottes- und Selbsterkenntnis: Je reiner mein Herz wird, um so besser erkenne ich Gott. Und um so besser erkenne ich mich - IN SEINEM LICHT - wiederum selber. Erst erkenne ich Gott vielleicht "wie in einem dunklen Bild" - dann immer mehr und mehr - und einmal dann in der Herrlichkeit, wenn wir Ihn sehen werden "wie Er ist" (1Jo 3,2; Offb 22,4). 

Das wünsche ich uns allen: Das wir Gottes Angebot annehmen. Dass wir seine GRUNDLEGENDE GNADE ergreifen, die Er uns mit unserer Umkehr zu Ihm anbietet: "DU BIST SCHON REIN!" Und dass wir uns die Worte des Apostels wirklich zu Herzen nehmen, um Anteil zu bekommen an der ERNEUERNDEN Gnade - in dem wir den Mut fassen, uns einem lieben Bruder - einer lieben Schwester ANZUVERTRAUEN. Gott hat es versprochen: "die reinen Herzens sind [...] werden Gott schauen."


Fragen an Dein Herz

Ihr Lieben! Lasst mich das bisher Gesagte in 4 einfache Fragen an Euer Herz formulieren – und bitte: denkt aufrichtig darüber nach: 

  1. Willst Du Gottes Angebot annehmen und rein werden?

  2. Welche Last drückt Dich so schwer, dass Du sie schon so lange nicht alleine los geworden bist?

  3. Zu wem willst Du Dir ein Herz fassen und im Vertrauen aussprechen, was Dich bedrückt?

  4. Wem möchtest Du ein Beistand sein in der Not?


"Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde,
so betrügen wir uns selbst,
und die Wahrheit ist nicht in uns.

Wenn wir aber unsre Sünden bekennen,
so ist er treu und gerecht,
dass er uns die Sünden vergibt
und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit."

(1Jo 1,8-9)