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Sonntag, 23. April 2023

Ohne Gebet ist alles Nichts - 4. Wir beten, dass Gott unser Inneres heilt

 





Einleitung

Heute geht es weiter mit der Predigtserie über das Gebet. Und wir hatten ja uns in 2022 die Fragen nach dem "Warum überhaupt beten?" Und nach dem "Wie?" angeschaut und haben dann in diesem Jahr begonnen mit dem "Was?" Und beim letzten Mal war es das Gebetskärtchen "Wir beten zu Gott, dass er uns in seiner wunderbaren Liebe, Gnade und Herrlichkeit begegnet." Und da hatten wir - das ist mir im Nachgang übrigens erst aufgefallen - als Text dazu das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Das wird uns heute wieder begegnen. Ich finde es so schön, das kann man auch zweimal machen. Aber diesmal wird es um die Notwendigkeit gehen, "dass Gott unser Inneres heilt und uns fähig macht zu Vergebung und Versöhnung."

Was ist mir zu dem Thema wichtig?

Warum ist das Thema so wichtig? Ich habe das ja schon mal gesagt und ich sage das gerne auch noch mal: mir liegt unsere Gemeindevision wirklich am Herzen. Gott begegnen, bewegt werden, leben teilen. Und was ich vor Augen habe, ist, dass unsere Gemeinde wie ein helles Licht wird auf einem Berg, was weithin strahlt und dass wir wirklich einen Unterschied machen in unseren Beziehungen, in unserem Leben hier in diesem Stadtteil.

Und so ein vollmächtiges Leben, das setzt voraus, dass wir mit Gott und mit unseren Mitmenschen im Reinen sind. Sonst geht das nicht. Wenn der Kanal verstopft ist, dann geht nichts durch. Und wenn unsere Beziehungen nicht in Ordnung sind, sei es zu Gott, sei es zu unserem Nächsten, dann wird das nichts mit dem Strahlen.

Und die Schwierigkeit ist ja, es gibt Sünde in dieser Welt. Es gibt Sünde in uns, die uns von Gott trennt, von unserem Nächsten. Es gibt Sünde in der Welt, die uns verletzt, die vielleicht dafür sorgt, dass wir uns verschließen. Es gibt vielleicht auch Sünde, die andere verletzt. Ich denke, das kennen wir alle und deswegen denke ich, dass es zwei Dinge braucht: Einmal Heilwerden von Verletzungen. Und das zweite, das wir mit Gott und unserem Nächsten wieder ins Reine kommen. Und das ist für mich wie zwei Seiten einer Münze: Heilung und Heiligung. Es gehört beides immer zusammen und so beten wir das ja auch im Vaterunser "Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern." Diese beiden Dinge hängen zusammen.

Das heißt, wir leben auf der einen Seite von Gottes Gnade, die uns die Schuld vergibt, die uns heilt. Und wir leben auf der anderen Seite in Gottes Gnade, die unser Herz weich macht, dass wir vergeben.

Übersicht

Für heute in dieser Predigt habe ich mir drei Punkte vorgenommen.

1. Den ersten habe ich überschrieben mit "Wir sind alle betroffen." Wir sind entweder Täter oder Opfer, aber mit Sünde kommen wir unweigerlich in dieser Welt in Kontakt. Wir sind alle betroffen und ich denke, das es an dieser Stelle um das Reden des Heiligen Geistes gehen wird.

2. Der zweite Punkt. Den habe ich überschrieben mit "Die Liebe des Vaters." Aber eigentlich sind es drei Unterpunkte. Das sind nämlich einmal die zwei Arten, wie man vom Pferd fallen kann. Denn ich kann auf der einen Seite gesetzlos leben, aktiv sündigen, böse Dinge tun oder gute unterlassen. Aber es gibt noch eine zweite Art zu sündigen, nämlich Gesetzlichkeit. Zu versuchen, mir die Liebe Gottes zu verdienen. Und drittens, wie gesagt, die Liebe des Vaters. Das ist genau dieser Punkt: Wie geht Gott mit uns um? Egal, ob wir zur ersten oder zur zweiten Kategorie gehören? Das heißt: (1. + 2.) zwei Wege vom Pferd zu fallen und (3.) die Liebe des Vaters.

3. Und im dritten und letzten Punkt wird es darum gehen "Was können wir jetzt tun?" Was können wir ganz konkret tun im Umgang mit Schuld, im Umgang mit Schmerz? Ja, und da möchte ich uns mit reinnehmen.

Wie betrifft uns das Thema?

Ich hab' es in den letzten Wochen und Monaten immer wieder live erlebt, auch hier bei uns in der Gemeinde, wie Glaubensgeschwister in Konflikte geraten sind. Und jetzt geht es mir hier gar nicht darum zu sagen "Da war der Schuld und da war der Schuld." Mein Vater hat uns ja mit Sprüchen großgezogen. Wir haben das früher gehasst wie die Pest! Also zu jeder Situation. Nicht nur "Morgenstund hat Gold im Mund". Er hatte - für jede nur denkbare Situation hatte Er einen Spruch. Er hatte auch zum Thema 'Streiten' einen Spruch. Und dieser Spruch hieß "Wenn zwei sich streiten, liegen Recht und Unrecht meist auf beiden Seiten."

Und das kann 50:50 sein. Es kann 80:20 sein, in seltenen Fällen kann es auch mal 0:100 sein. Ein Beispiel: Im Kraftwerk Abend - ja, ich denke das kann man laut sagen - da ist der der Frank draußen irgendwo gewesen (und wer den Frank kennt, der weiß, das ist ein ganz lieber Mann!) - und dann ist irgendein seltsamer Mensch gekommen, der ihn mit Gewalt an die Wand geballert hat und ihn verhauen wollte. Und da konnte der Frank jetzt mal überhaupt nichts dafür. Das gibt es auch. 0:100. Aber wie gesagt, in der Regel ist es so "Wenn zwei sich streiten, liegen Recht und Unrecht meist auf beiden Seiten."

Und ich habe das live erlebt, wie zerstörerisch Sünde und Egoismus und Trotz und Schmerz und dieses Sich-Verschließen, sich auf Beziehungen auswirken können. Es kann sein, dass es die Beziehung nur trübt. Es kann aber auch dazu führen, dass Beziehungen komplett abgebrochen werden oder dass wenigstens sich jemand das vornimmt zu sagen "Diese Beziehung breche ich ab." Manchmal geschieht es aus Schutz vor Schmerz. Das kann man sogar nachvollziehen. Manchmal geschieht es aus Trotz oder um den anderen eins auszuwischen. Aber es ist egal. Sünde, egal welche, trübt meine Gemeinschaft mit Gott und es trübt und zerstört meine Beziehung zu meinem Nächsten. Sünde ist ein Beziehungskiller. Ich sage es noch mal. Sünde ist ein Beziehungskiller.

Und ich habe euch aus meinem Leben schon mal ein Beispiel genannt. Den Namen nenne ich jetzt nicht. Ich möchte es heute noch mal sagen, weil es für mich immer noch das beste Beispiel ist, weil es für mich die schlimmste Art war, wie ich jemals in meinem Leben verletzt worden bin - und ich bin betrogen worden in meiner ersten Ehe - und und und... Aber das, das saß noch tiefer.

Das war in der Zeit, wo ich in der Klinik war. Wegen einer schwersten Depression. Das kann man keinem erklären, der da selber nicht drin gesteckt hat - es war ja nicht einfach nur eine Depression: das war wirklich eine Depression mit Angstzuständen, wo ich so am Boden war, wenn mich da jemand nach der uhrzeit gefragt hätte, wäre ich so überfordert gewesen, weil ich hätte den Arm drehen müssen, das ablesen und es in Wörter umwandeln. Und das hätte ich nicht gekonnt.

Und in dieser Situation ist dann damals ein Bruder aus der alten Gemeinde auf mich eingedrungen, in eine Art und Weise... Ein hochintelligenter Mann, der mir intellektuell und verbal überlegen war und der hat mich sozusagen mit Worten in der Luft zerrissen; zerschnitten. Ich weiß nicht, wie ich das sagen soll: ich lag eh schon am Boden und ich habe ihn immer gebeten, damit aufzuhören, was dazu geführt hat, dass er das noch mehr gemacht hat. Und das hat bei mir dazu geführt, dass ich mich irgendwann nicht mal mehr in seine Nähe gewagt habe, aus Angst, wieder verletzt zu werden. Und da könnt ihr euch vorstellen, dass da mit Vergebung auf meiner Seite erst mal gar nicht viel zu holen war... Wie sich das Ganze aufgelöst hat, da möchte ich nachher noch was zu sagen. Aber merkt euch dieses Beispiel einfach mal..

Wie gesagt, ich habe gesagt, ich glaube, das Thema betrifft uns alle. Und es gibt ja nicht ohne Grund auch eine schöne Stelle: 1. Johannes 1, Vers acht. Schauen wir mal, wie schnell wir das finden. [...] 

"Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, betrügen wir uns selbst. Und die Wahrheit ist nicht in uns.""Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, betrügen wir uns selbst. Und die Wahrheit ist nicht in uns."

Ihr Lieben, ich habe bei der Predigtvorbereitung gebetet, dass an dieser Stelle der Heilige Geist einem jeden von uns glasklar macht, worum es heute geht. Und zwar egal, ob du verletzt worden bist, das heißt, als ob du auf der Opferseite stehst oder ob du aktiv selber gesündigt hast. Ich bete und ich bitte euch, dass ihr jetzt einfach mal in euch geht und auf Gottes Stimme hört; auf die Stimme des Heiligen Geistes in eurem Gewissen. Und was es auch sein mag, was Gott euch aufs Herz legt, was dieses Thema angeht: Sünde, Verletzung, vielleicht auch der Wunsch nach Heilung: Halte es bitte in Gedanken fest und höre, was Gott dir im Folgenden zu dieser Sache zu sagen hat. Sei es, um Vergebung zu erfahren. Sei es, um Vergebung zu erbitten. Oder sei es einfach nur dein Herzensschrei nach Heilung.

Was ist Gottes Sicht zu diesem Thema?

Ich habe vor der Ausarbeitung der Predigt mit dem Joey telefoniert und habe gesagt "Ich weiß nicht, was hältst du davon? Stichwort: Lukas, Kapitel 15, Das Gleichnis vom verlorenen Sohn?" Und dann hat Joey mir nicht nur zugestimmt, dass das eine ein gutes Gleichnis wäre, sondern mir dankenswerterweise auch noch gleich ein paar Aspekte mitgegeben [...]. Und ich möchte uns zu Beginn dieses Gleichnis einfach mal vorlesen.

Das Gleichnis vom verlorenen Sohn. 

Lukas Kapitel 15 ab Vers 11:
"Und er sprach. Ein Mensch hatte zwei Söhne, und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Gib mir Vater, das Erbteil, das mir zusteht. Und er teilte Hab und Gut unter sie. Und nicht lange danach sammelt der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land. Und dort brachte er sein Erbteil durch mit Prassen. Als er nun all das Seine verbraucht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land, und er fing an zu darben und ging hin und hängte sich an einen Bürger jenes Landes. Der schickte ihn auf seinen Acker, die Säue zu hüten. Und er begehrte, seinen Bauch zu füllen mit den Schoten, die die Säue fraßen, und niemand gab sie ihm. Da ging er in sich und sprach. Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot in Fülle haben, und ich verderbe hier im Hunger. Ich will mich aufmachen, zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen 'Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße. Mach mich zu einem deiner Tagelöhner.' Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Als er aber noch weit entfernt war, seien sein Vater und es jammerte ihn, und er lief und fiel ihm um den Hals und küßte ihn. Der Sohn aber sprach zu ihm Vater 'Ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin Ihnen nicht mehr wert, dass ich deinen Sohn heiße.' Aber der Vater sprach zu seinen Knechten 'Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seiner Hand und Schuhe an die Füße und bringt das gemästete Kalb und schlachtet es und lasst uns essen und fröhlich sein. Denn dieser mein Sohn war tot und er ist wieder lebendig geworden. Er war verloren und ist gefunden worden.' Und sie fingen an, fröhlich zu sein. Aber der ältere Sohn war auf dem Feld, und als er nahe zum Hause kam, hörte er singen und tanzen, und er rief zu sich einen der Knechte und fragte, was das wäre. Der aber sagte ihm Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das gemästete Kalb geschlachtet, weil er ihn gesund wieder hat. Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Da ging sein Vater hinaus und bat ihn. Er antwortete aber und sprach zu seinem Vater 'Siehe, so viele Jahre diene ich dir und habe noch nie dein Gebot übertreten, und du hast mir nie einen Bock gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich gewesen wäre. Nun aber, da dieser dein Sohn gekommen ist, der dein Hab und Gut mit Huren verprasst hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet.' Er aber sprach zu ihm 'Mein Sohn, du bist allezeit bei mir, und alles, was mein ist, ist dein. Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein, denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden. Und er war verloren und ist wiedergefunden.' "

Kontext

Bevor wir in diese Geschichte eintauchen, ist es mir wichtig, dass wir uns auch noch mal angucken in welchem Kontext diese Geschichte steht. Warum gibt es dieses Gleichnis überhaupt? Wollte Jesus uns da einfach eine Geschichte erzählen von jemandem, der weiß ich nicht in der Gosse gelandet ist? War das sein Anliegen? Oder wollte er uns ein Gleichnis geben über einen Verstockten? Der sich nicht mitfreuen kann über Gottes Gnade?

Ich möchte uns aus Lukas Kapitel 15, also das gleiche Kapitel, den Abschnitt davor vorlesen. Das sind ein bisschen mehr Verse; aber nur einen Teil. Das sind das Gleichnis vom verlorenen Schaf und das Gleichnis vom verlorenen Groschen. Und am Anfang - dieses Gleichnis vom verlorenen Schaf, das direkt davorkommt - da heißt es:. 
"Es nahten sich zu ihm aber allerlei Zöllner und Sünder, um ihn zu hören."
Und jetzt passt auf.
"Und die Pharisäer und Schriftgelehrten murrten und sprachen Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen. Er aber sagte zu ihnen dies Gleichnis und sprach 'Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat, und wenn er eins von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt und geht dem Verlorenen nach, bis er es findet. Und wenn er es gefunden hat, legt er es sich auf die Schultern, voller Freude. Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen 'Freut euch mit mir, denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war.' Ich sage euch, so wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen."
Merkt ihr was? Da kommen die Pharisäer. Und sie meckern. Sie murren. Darüber, dass Gott gnädig ist. Und der Vorwurf, den sie ihm machen, ist 'Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen'. Wo ich mir dann gedacht habe: 'Ja, da haben Sie recht! Genau so ist unser Gott! Genau das tut er! "Er nimmt die Sünder an und isst mit ihnen."

Und ich denke, das ist der Grund, warum Jesus dieses Gleichnis vom verlorenen Sohn erzählt hat. Weil er ihnen das erklären möchte. Das es zwei Sorten von Sündern gibt: Diejenigen, mit denen er isst; die Sünder, die aktiv Gottes Gebot übertreten haben - aber eben auch sie selber [die Pharisäer], die bitter geworden sind in ihrem Herzen. Und letztens, wie Gott mit beiden umgeht. Dazu gleich mehr.

Ich möchte wie gesagt, genau diese drei Aspekte an diesem Gleichnis vom verlorenen Sohn herausarbeiten. Einmal, was uns angeht als Menschen: wie wir links und rechts vom Pferd fallen können, nämlich. 

1. Indem wir durch Gesetzlosigkeit sündigen. 

2. Oder, dass wir in der Gesetzlichkeit stecken bleiben.

3. Aber und am Wichtigsten auch, wie Gott uns dort heraus liebt, und zwar beide, nicht nur den verlorenen Sohn. Auch zu dem anderen geht er heraus und bittet ihn 'Komm doch rein, feiert doch mit!'. 

1. Sündigen durch Gesetzlosigkeit

Was steht da dahinter? Dahinter steht dieser Gedanke "Ich kann tun und lassen, was ich will! Mir hat niemand etwas zu sagen!" Und das ist genau die Ursünde aus dem Paradies ihr Leben. Das ist dieses "vom Baum der Erkenntnis essen", damit ich selber definieren kann, was gut und böse ist. Da brauche ich dann keinen Gott mehr, der mir sagt hier rechts rum, da geht's lang.

Gott allein ist es, der alle Zeit kennt, der alle Umstände kennt, alle Verhältnisse. Er ist allein, gut und allein weise, und deswegen steht ihm allein das Recht zu, zu definieren, was gut und böse ist.

Aber so ticken wir gefallene Menschen nicht. Wir essen vom Baum der Erkenntnis und dann können wir Gott und allen unseren Nächsten sagen, dass die Weise, wie wir die Welt sehen - dass unser Standpunkt - ganz bestimmt der Richtige ist und dass alles andere falsch ist. Das ist die Sünde aus dem Paradies. Wir definieren, was gut und was böse ist.

Und so verhält sich auch der jüngere Sohn. Er behandelt seinen Vater, der ihn von Herzen liebt, als sei er schon gestorben. Er sagt 'Zahle mir mein Erbe aus!' Der Mann ist noch nicht einmal unter der Erde! 'Zahle mir mein Erbe aus!' Die von euch, die Kinder haben und vielleicht schon in dem entsprechenden Alter sind, die können sich vorstellen, wie sich das anfühlt. Dass jemand sagt "Ich kann gar nicht warten, bis du unter der Erde bist! Gib mir meine Kohle!" Das würde mir das Herz brechen.

Aber der Vater, der hat die Größe. Zu sagen "Ja. Wenn du meinst, dass dich das glücklich macht, dann da hast du's." Und es dauert nicht lang, da packt er sein ganzes Geld zusammen und verschwindet. Und er übertritt alle Grenzen eines heiligen Lebens. Er prasst. Er hurt. Er sündigt. Und am Schluss landet er bei den Schweinen. Ich habe mir dazu aufgeschrieben. Summa summarum Er macht aus sich selbst ein stinkendes, unreines Wrack.

Kennst du das?

2. Sündigen durch Gesetzlichkeit

Lass uns mal den älteren Sohn anschauen. Der fällt nämlich genau auf der anderen Seite vom Pferd. Er verprasst sein Geld nicht mit Huren. Er bleibt auf dem Hof des Vaters. Da könnte man doch jetzt sagen: Der ist doch vorbildlich, oder? Toller Sohn! Fleißig. Kommt nie zum Vater und sagt Gib mir mein Erbe vor der Zeit.

Aber hört ihm mal genau zu. Was er sagt und wie er es sagt. "So viele Jahre diene ich dir." Ja, warum? Hat er das aus Liebe getan oder versucht er sich die Liebe des Vaters zu verdienen? Und dann kommen Vorwürfe. "Du hast mir nie einen Bock gegeben." So nach dem Motto "Was bist denn du für einer? Ich bin fleißig, aber du gibst mir gar nichts." Spürt ihr, welche Lebenshaltung da dahinter steckt? Welche Herzenshaltung? "Ich mühe mich ab. Aber ich kriege nicht das zurück, was mir wünsche. Was bist du für ein Vater?"

Und dann diese Aussage: "Dieser Dein Sohn." Kennt ihr das? Wenn Ehepaare sich streiten? "Dein Kind!" Oder "Dein Vater hat gesagt...", sagt die Mutter. Oder die Mutter sagt zum Vater "Deine Tochter...". Ist ja dann nicht mehr meine. Die Ehepaare sagen dann nicht mehr. "Mein Kind" oder der der Sohn hier im Gleichnis, der sagt nicht "Mein Bruder". Merkt ihr was? Die Beziehung ist abgehackt. Das ist nicht mehr sein Bruder. Das gilt nicht mehr. Es ist "Dein Sohn".

Vorwürfe. Und dann eben dieser Hochmut: "Schau ihn dir an, der hat sein Geld mit Huren verprasst. Jetzt schau mich an!" Spürt ihr diese Selbstgerechtigkeit, die da drinsteckt? Dieser Hochmut und dieser Richtgeist nach dem Motto "Ich bin was Besseres und schau dir den an da, diesen Drecksack. Stinkt nach Schwein. Hat dein ganzes Geld verprasst. Und mir gibst du nichts!?" Spürt ihr diese Haltung? Werkgerechtigkeit. Hochmut. Richtgeist. Vorwürfe.

Bei dem stimmt auch was nicht. Ich habe mir aufgeschrieben, er ist ein selbstgerechtes, hochmütiges Wrack, der sich selbst für etwas Besseres hält und der verzweifelt versucht, sich die Liebe des Vaters zu verdienen. Und sich selbst dabei nichts gönnt. Er ist es, der sich nichts gönnt. Das hat ihm der Vater ja nachher auch gesagt: "Alles, was mein ist, ist dein!" Du hättest dir jederzeit was nehmen können. Stand dir frei! Bist mein Sohn! Aber er war auf diesen Trichter. Ich muss mir alles versagen. Ich muss... Er ist es, der sich nichts gönnt. Weil er überfromm ist. Und was kommt am Ende raus? Er ist verbittert. Enttäuscht. Weil alles nicht so funktioniert, wie er sich das vorgestellt hat. Er ist eigentlich genau wie die Pharisäer. Das war ja auch der Grund, warum Jesus dieses Beispiel genannt hat.

3. Die Liebe des Vaters

So wie jetzt die beiden Söhne exemplarisch sind für dich und für mich, Sünder, die auf die eine oder andere Art und Weise ihr Leben und ihre Beziehungen kaputt gemacht haben - entweder durch Ignorieren der Gebote oder durch den krampfhaften Versuch, sich Gottes Gnade zu erkaufen - so steht in diesem Gleichnis auch der Vater exemplarisch für Gott und für seine Liebe und für seine Gnade.

Und das war für mich dann die große Frage Wie geht jetzt Gott mit solchen Sündern wie uns um? Genau so, wie man es ihm vorgeworfen hat: "Er nimmt sich der Sünder an und isst mit ihnen!" Und dabei geht er mit jedem der Söhne anders um: Der Sohn, der von den Schweinen kommt, wo jeder sagen würde, der stinkt. Den kann ich doch nicht mal in den Arm nehmen! Der ist wirklich dreckig. Was macht der Vater, während der noch so dreckig stinkend nach Hause kommt? Läuft auf ihn zu, fällt ihm um den Hals. Aber nicht nur das - woran man schon sehen kann, dass er ihn maßlos liebt: dass ihm das völlig wurscht ist. Alles, was ihn interessiert, ist die Beziehung wird wieder heil! Der Sohn ist zurück! Er gibt ihm seine Würde zurück. Er gibt ihm schöne, frische Kleider. Schuhe an seine Füße. Er sagt, glaube ich sogar, "Gib ihm, gib ihm das beste Kleid, was wir da haben."

Aber nicht nur das, er gibt ihm auch seine Stellung zurück. Dieses "Gebt ihm einen Ring an seinen Finger." Wisst ihr, wofür so ein Ring früher gut war? Da war ein Signet drauf. Ein Siegel, mit sind die Leute hergegangen und haben einen Kaufvertrag unterschrieben und haben gesagt: "Passt." Das war, wie wenn wir heute Stempel und Unterschrift draufmachen oder zum Notar gehen. Damit konnte man Handelsgeschäfte abschließen. Das heißt, der Vater setzt ihn wieder ein in seine Stellung als Sohn. Als jemanden, der Autorität und Rechte hat an diesem Hof.

Wenn du dich also in diesem Sohn wiedererkennst, wenn du dich durch Sünde verunreinigt hast, dann lass dir das sagen: Gott wartet sehnlichst darauf, dass du umkehrst zu ihm. Und er wird dir voller Freude um den Hals fallen, selbst wenn du noch stinkst. Er wird dir deine Würde und deine Stellung zurückgeben, weil er dich maßlos liebt.

Und wie geht Gott jetzt mit dem mit dem älteren Sohn um? Hält er dem eine Strafpredigt? "Du selbstgerechter Pharisäer! Dir werde ich mal zeigen, was heilig ist"? Im Gegenteil! Er sagt ihm zu... - also erst mal: er geht raus zu ihm. Der Sohn geht ja nicht mal rein. Zum Feiern geht der Vater raus und bittet ihn reinzukommen und mitzufeiern. Merkt ihr was? Er geht auf ihn zu, um diese Beziehung wieder herzustellen. Obwohl da einer ist, der ist hochmütig, der ist selbstgerecht, der ist verbittert. Der macht ihm nur Vorwürfe. Der ist total in sich selbst gefangen. 

Der Vater geht raus. Der geht auf ihn zu. Und er sagt "Alles was mein ist, ist dein!" Warum versagst du dir all das Gute? Du hättest dir deinen Bock zum Feiern nehmen können. Hatte doch nie jemand was dagegen. Du hast dir das versagt. Du musst dich nicht quälen. Du musst dir nicht jede Freude versagen. Du musst dir meine Liebe nicht verdienen. Und er lädt ihn ein, das Leben und auch die Gnade, die seinem Bruder widerfahren ist, zu feiern.

Und als ich das gelesen habe. Also ich bin von beiden Seiten vom Pferd gefallen in meinem Leben. Ich war sowohl der erste als auch der zweite Sohn. Und als ich mal wieder in einem meiner 'Ich muss mir Gottes Liebe verdienen' Momente unterwegs war, da war ich bei meinem besten Freund in Belgien. Der hat eine ganz wunderbare Frau, die ist Malerin und Lehrerin. Und die hat mir dann an irgendeiner Stelle mal gesagt "Je moet ook genieten.". Zur Übersetzung. "Du musst auch genießen." Und dann hat sie mir aus dem Buch Prediger etwas vorgelesen, wo so ungefähr drinsteht - ich habe es jetzt nicht mehr genau auf der Reihe - dass wir mit unseren Lieben essen und trinken sollen und das Leben genießen, denn das ist der Wille Gottes, das hat ihm längst wohlgefallen. Und das hatte ich völlig aus dem Blick verloren. Das ist Gottes Wille für uns, dass wir Leben haben in Fülle.

Wenn du dich also in dem älteren Sohn wiedererkennst, dann lass dir sagen: Lass los von deinen verzweifelten Versuchen, Gott zu gefallen. Er hat dich je und je geliebt. Und er möchte, dass du das Leben mit ihm und mit deinen Geschwistern und mit deinen Mitmenschen genießen kannst. Weil er dich längst liebt.

Was kannst du jetzt tun?

Wenn du bisher versucht hast, dir Gottes Liebe zu verdienen, dann bitte ich dich: Schau auf seine Gnade! Bitte ihn um Vergebung für deine Werkgerechtigkeit. Und lass dich einfach von ihm tragen. Und fang an, dein Leben zu genießen. Wenn du bisher in Selbstgerechtigkeit auf andere herabgeschaut hast, wenn du deine Mitmenschen verurteilt und verletzt hast: Dann bitte Sie um Vergebung und bring die Beziehungen, die zerbrochen sind, wieder in Ordnung.

Und wenn du dich wie der jüngere Sohn an Gottes Geboten vergangen hast, wenn du dich verunreinigt hast mit schlimmen Sünden: Bitte Gott um Vergebung. Er steht nach wie vor mit offenen Armen da. Und ihm ist es egal, ob du stinkst.

Und wenn an dir gesündigt wurde und du so verletzt wurdest wie der Vater. Dann würde ich dir sagen, als allererstes, "Geh mit deinen Schmerzen zu Jesus und bitte ihn um Heilung."

Und da sind wir ja jetzt auch genau bei diesen Gebetskärtchen, die habe ich jetzt noch mal mitgebracht. Ich hab' die auch in eine Reihenfolge gebracht. Und das ist jetzt die zweite: "...dass Gott unser Inneres heilt und uns fähig macht zu Vergebung und Versöhnung." 

Ich denke, dass das Dinge sind, die nicht einfach so passieren. Weil wenn man verletzt wurde, dann ist es nur natürlich, dass man sich verschließt, dass man Angst hat, wieder verletzt zu werden. Deswegen ist es so wichtig, dass wir als allererstes beten. Deswegen gibt es dieses Gebetskärtchen: Dass Gott es in unseren Herzen bewirkt. Diese Heilung, die wir brauchen: diese Fähigkeit zu vergeben, wie der Vater vergeben hat.

Und wenn du allein nicht weiterkommst, dann bitte, bitte!, such dir einen Seelsorger, eine Seelsorgerin. Egal, ob es jetzt der Joi ist oder der Jochen oder ich oder die Regina oder die Karin oder die Moni. Such dir jemanden, der dein Vertrauen hat und schütte dein Herz aus. Und dann mag es ein Weg sein. Manchmal ist es schwer und braucht viel Zeit und viel Gebet. Und viel reden. Aber nimm dir diese Zeit. Denn Vergebung befreit.

Ich hatte euch dieses Beispiel genannt aus meinem Leben mit diesem Menschen, der mich so verletzt hat. Bei mir war es tatsächlich im Gebet. Ich habe gebetet... Ich hatte Offenbarung gelesen... Werde ich nie vergessen... Da haut es mich immer um: Wir werden einmal am gläsernen Meer stehen. Wer von euch die Offenbarung kennt, der weiß, was ich meine. Und Scharen über Scharen von Menschen, die Gott gerettet hat, werden dort stehen und singen. Aus Dankbarkeit, aus Freude; vor diesem gläsernen Meer, vor dem Thron Gottes. Das hatte ich gelesen.

Und dann habe ich gebetet. Und in meinem Gebet war mir, als wenn ich dort schon stehen würde; vor Gottes Thron. Und dann hat Gott mich gefragt "Was ist mit diesem Menschen, der dich so verletzt hat? Möchtest du, dass ich ihn verurteile?" Und dann habe ich mir gedacht Ja, was würde dann passieren? Der würde zur Hölle fahren. Und dann habe ich gesagt "Das will ich nicht." Und dann hat Gott gesagt "Was willst du dann?" Und dann habe ich gesagt "So schwer, wie es mir fällt. Aber dann lasse ich ihn gehen. Sei ihm gnädig, wie du mir gnädig bist."

Und in dem Moment ist mir - weiß ich nicht - ein mittleres Vorgebirge vom Herzen gefallen. Ich kann es mit Worten nicht beschreiben. Das hat mich freigesetzt auf eine Art und Weise, das habe ich so noch nie erlebt. Es war auf einmal... - diese ganze Last war auf einmal weg.

Und jetzt möchte noch etwas sagen: Wir haben gesagt, Vergebung und Versöhnung, das sind zwei Paar Schuhe.

Ich stelle mir eine Beziehung zwischen zwei Menschen immer vor wie einen Faden, wie ein kleines Band. Und beide halten fest. Es kann sein, dass Schuld passiert und der eine oder auch der andere lässt los. Vergebung ist, wenn ich von meiner Seite ausgehe und diesen Faden wieder in die Hand nehm; wie eine ausgestreckte Hand, die ich dem anderen entgegenstrecke und sage "Ich habe dir vergeben." Von meiner Seite aus, von meinem Ende des Fadens kann diese Beziehung geheilt werden. Und ich denke, das ist das, was wir tun können. Ob der andere dann diese Hand ergreift und den Faden wieder aufnimmt, das wäre Versöhnung. Aber das liegt nicht bei uns.

Zum Schluss möchte ich uns allen etwas wünschen und nochmal, auch mit im Blick auf unsere Vision -, dass wir eine hell leuchtende Gemeinde werden, in gesunden, frohen Beziehungen; ungetrübt. Diese Befreiung, diese Heilung zu erleben und darum zu bitten.

Amen.

Sonntag, 12. März 2023

Ohne Gebet ist alles Nichts - 3. Wir beten, dass Gott uns begegnet

 


[Predigt als MP3]

Einleitung

Zeugnis

Ja, Ich möchte heute Morgen mal mit einem Geständnis beginnen. Ich möchte euch mal mit reinnehmen, was mir persönlich an diesem Thema wirklich so wichtig ist. Und zwar denke ich, dass das Thema Gebet aus einem Grund super, super wichtig ist. Und dieser Grund hat zwei Seiten. Zum einen glaube ich, dass Gebet wirklich die Grundlage für allen geistlichen Segen ist. Ein Vers, der mir dazu eingefallen ist, der steht im Jakobus. Da steht 

"Ihr bekommt nicht, was ihr wollt, weil ihr Gott nicht darum bittet." 

Das klingt sehr simpel. Das heißt, ein Grund dafür zu beten ist: wir sind uns nicht selbst genug. Wir haben immer wieder Bedürfnisse, egal was es ist, ob wir Dinge brauchen, oder ob uns das Leben zusetzt. Und zum anderen, denke ich, ist Gebet die Grundlage für unser geistliches Wachstum, auch als Gemeinde. Und ich muss immer wieder denken an unsere Gemeinde-Vision: "Gott begegnen, bewegt werden, Leben teilen." Und das möchte ich heute miteinander verbinden. Weil, ich habe mich gefragt Wo kommt diese Motivation her? Leben zu teilen? Was bringt Menschen dazu, rauszugehen in die Welt und das Evangelium zu verkünden? Was bringt Menschen dazu, rauszugehen in die Welt und ihre Mitmenschen zu lieben, die ja nicht immer alle nur nett sind? Und ich denke, der der Grund dafür, der liegt im Gebet. Und zwar in einem ganz bestimmten Aspekt des Gebets, nämlich wirklich Gott zu begegnen.

Und darum wird es heute gehen. Und ich wünsche mir wirklich von Herzen, dass wir immer noch mehr betende Gemeinde werden, immer öfter und immer noch tiefer erleben, was das bedeutet, Gott zu begegnen, wirklich bewegt zu werden in dieser Begegnung. Und zwar so bewegt zu werden, dass ich nachher wirklich gar nicht anders kann, als vor Freude rauszugehen und mein Leben, das ich gewonnen habe, zu teilen. Und warum? Weil ich mir wünsche, dass unsere Gemeinde-Vision immer mehr Wirklichkeit wird.


Rückblick

Ja! Jetzt ist es ja schon eine Zeit lang her, dass wir mit der Serie angefangen haben; es sind viele wichtige Dinge dazwischengekommen. Deswegen an dieser Stelle noch mal ganz kurz eine Erinnerung. Ich hatte ja im Sommer 22 diese Gebetskärtchen drucken lassen, und mit dieser Serie zum Thema Gebet begonnen. Und ich weiß nicht, wer von euch sich noch erinnert. In den ersten zwei Predigten hatten wir uns um das "Warum?" Und um das "Wie?" gekümmert. Im Juli hatten wir unter dem Titel "Das Geheimnis vom geistlichen Sieg" die Frage beantwortet "Warum sollte ich beten?" Und die Antwort darauf ist praktisch erst mal ganz einfach: Erstens, weil Gott geboten hat. Es steht ja nicht umsonst in der Bibel "Bittet, so wird euch gegeben." Aber das Fazit damals war "Gott wird deine Gebete erhören und er wird selbst das Unmögliche möglich machen." Wir hatten das gesehen an Paulus und Silas, die aus dem Gefängnis freigekommen sind und an einer wirklich.

Für mich war das eine der krassesten Geschichten in meinem Leben, wie Gott uns in Frankreich eine Motorradbremse hat zukommen lassen, wo wirklich im Umkreis von 150 Kilometern nichts mehr zu liefern war. Im November hatten wir dann unter dem Titel "Wie funktioniert Gebet?" Nach dem "Wie?" gefragt: "Wie sollt ich beten?" Und das Fazit damals war, dass wir ohne Krampf beten können, weil es im Gebet hauptsächlich darum geht, Gott zu begegnen und nicht darum, Gott von irgendetwas zu überzeugen, weil er längst sowieso schon nur das Beste für uns will. Dass wir gesehen haben, dass wir ihm unser Herz ausschütten können in dem Wissen, dass er uns durch und durch versteht.


Übersicht

Und heute, und in den folgenden neun Predigten (es gibt ja zehn Gebetskärtchen und deswegen zehn Predigten, wer hätte das gedacht?) möchte ich euch mit hineinnehmen in die Frage nach der Beantwortung von dem "Was?" Was können wir beten? Und wer sich die Gebetskärtchen schon mal angeschaut hat, der hat vielleicht gesehen, dass die Gebetskärtchen alle was mit der Gemeinde-Vision zu tun haben: Wir beten um neue Menschen, die hinzukommen und sozusagen unsere Gemeinde bereichern. Die ganzen Gebetsanliegen, die da drin sind, die zielen eigentlich alle darauf ab, dass die Gemeinde-Vision Wirklichkeit werden kann. Und die Frage ist natürlich "Was können wir da beten?" Und jetzt kommt noch ein Geständnis: Ich fange heute an mit einer von meinen Lieblings-Gebetskarten (ich glaube, das darf man, wenn es zehn Karten gibt, dass man dann so ein Paar hat, die einem ganz besonders am Herzen liegen) - und auf dieser Karte steht das, was ihr hier in Gelb seht: "Wir beten zu Gott, dass er uns in seiner wunderbaren Liebe, Gnade und Herrlichkeit begegnet." Und darum soll es heute gehen. Und um uns diese Karte aufzudröseln, möchte ich mit euch gemeinsam über drei Bibelstellen nachdenken. Zwei davon, die uns noch einmal vor Augen stellen, wem wir da eigentlich begegnen im Gebet, nämlich dem Gott der Herrlichkeit. Und wir werden sehen Das ist etwas, das kann einem durch Mark und Bein gehen. Und anhand von einer dritten Bibelstelle möchte ich uns noch mal vor Augen stellen: Wir begegnen im Gebet dem Gott der Gnade. Und ich denke, das ist das Schönste, was es überhaupt gibt. Gottes Gnade zu begegnen; Seinem Wesen. Und zum Schluss möchte ich uns zeigen, wenn wir diesem Gott, unserem Gott im Gebet begegnen, dem Gott, dem Himmel und Erde gehören, dem Gott, der in Christus Mensch wurde und für uns gestorben ist, dann werden wir für immer veränderte Menschen sein. Dann werden wir bewegt werden und Leben teilen.


Gottes Herrlichkeit

Textlesung

Ich möchte anfangen mit einer Textlesung aus Jesaja 6, die Verse 1 bis 5. Und dort steht, ich lese aus der guten Nachricht: 

"Es war in dem Jahr, als König USia starb, da sah ich den Herrn. Er saß auf einem sehr hohen Thron. Der Saum seines Mantels füllte den ganzen Tempel. Er war umgeben von mächtigen Engeln. Jeder von ihnen hatte sechs Flügel. Mit zweien bedeckte er sein Gesicht; mit zweien den Leib; zwei hatte er zum Fliegen. Die Engel riefen einander zu Heilig, heilig, heilig ist der Herr, der Herrscher der Welt. Die ganze Erde bezeugt seine Macht. Von ihrem Rufen bebten die Fundamente des Tempels, und das Haus füllte sich mit Rauch." Und dann schreibt Jesaja. "Vor Angst schrie ich auf: Ich bin verloren! Ich bin unwürdig, den Herrn zu preisen und lebe unter einem Volk, das genauso unwürdig ist. Ich habe den König gesehen. Den Herrscher der Welt."


Auslegung - Teil 1

 Ich möchte aus diesem Text drei Punkte herausgreifen.

1. Der erste Punkt ist: Gott ist der allein Gewaltige. Von ihm heißt es Er ist der Herr, der Herrscher der Welt. Und er sitzt auf einem sehr hohen Thron. Ihr Lieben! Das heißt, Gott ist kein Mensch auf Augenhöhe, mit dem ich umspringen kann, wie Hiob das mal versucht hat. Hiob hat ja versucht, Gott herzuzitieren oder gesagt "Komm, wir beide wollen mal streiten, dann werde ich dir schon zeigen, wer hier recht hat." Und was hat Hiob ganz am Schluss gesagt, als er Gott begegnet ist? Er musste zugeben "In meinem Unverstand habe ich geredet von Dingen, die mein Denken übersteigen." Gott ist der Herrscher über die ganze Erde. Er ist der König des Universums. Er ist es, der spricht: "Der Himmel ist mein Thron. Die Erde ist mein Fußschemel." Und auch Moses mahnt: "Haltet euch vor Augen,  dem Herrn, eurem Gott, gehören der Himmel und alle Himmelswelten und die ganze Erde mit allem, was darauf lebt." Er ist der König aller Könige und der Herr aller Herren.

2. Der zweite Punkt: Dieser allmächtige Gott ist vollkommen. Im Text haben wir gelesen, dass diese Engel einander zurufen "Heilig! Heilig! Heilig!" Jetzt ist es im Hebräischen so, dass die Hebräer keine Rufzeichen hatten oder auch keinen Fettdruck. Und wenn die zwei mal etwas gesagt haben, dann war das so, wie wenn man das laut gesagt hat oder im Fettdruck dargestellt hat. Aber dreimal? Das wäre so, wie wenn wir in unserem Text ein Wort finden in Blockbuchstaben kursiv, fett und doppelt unterstrichen "Heilig!!" Unendlich heilig! Gott ist vollkommen. Er ist makellos. Er ist schön. Er ist rein. Er ist gerecht. Gott verkörpert jede nur denkbare gute Eigenschaft; jede nur denkbare Tugend. Er ist vollkommen gut. Ich würde sagen, Gott ist die Definition von 'gut'. Wir können Dinge überhaupt bemessen nach dem, was gut und schlecht ist, weil es Gott überhaupt gibt. Er ist das Maß für Gutheit. Und er ist absolut gerecht. Über Ihn steht: "Der Herr tut das Rechte, auf ihn ist Verlass. Bei ihm gibt es kein Unrecht." Und er ist allwissend. Er kennt alle Dinge, weil er vollkommen ist. Er kennt auch mein Inneres. Im Psalm 139 lesen wir "Es ist kein Wort auf meiner Zunge, dass du, Herr, nicht alles wüsstest." Er kennt all meine Taten: "Spreche ich, Finsternis möge mich decken" lesen wir im gleichen Psalm, "und Nacht statt Licht um mich sein, so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir und die Nacht leuchtete wie der Tag." Und diesem Gott trete ich im Gebet gegenüber.

3. Der dritte Punkt: Wir sind alles andere als vollkommen. Wir haben das gelesen im Text. Jesaja hat gerufen: "Vor Angst schrie ich auf 'Ich bin verloren. Ich bin unwürdig' ". Wenn wir ins Neue Testament schauen, dann lesen wir bei Paulus, dass wir schwache Menschen sind, der Sünde ausgeliefert. Und Johannes bekräftigt es, indem er sagt "Wenn wir sagen, wir sind ohne Schuld, dann betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit lebt nicht in uns." Und wenn wir uns in der Gegenwart Gottes darüber bewusst werden, wer er ist und wer wir sind - und davon bin ich zutiefst überzeugt, Ihr Lieben - ich glaube, dann geht es uns wie David, der rief "Ich bin verstrickt in Verfehlung und Schuld, seit meine Mutter mich empfangen und geboren hat." Diese Erkenntnis, ihr Lieben, ist eine der tiefgreifendsten Erfahrungen, die ein Mensch nur machen kann.


Intermezzo

Und jetzt könnte man meinen "Na ja, lieber Michael, bitte! Das ist der Gott des Alten Testaments. Der ist ja ganz anders als Jesus im Neuen Testament. Ja? Sanftmütig und demütig."


Textlesung

Schauen wir also mal ins Neue Testament, um zu sehen, ob das wirklich so ist. Ich lese aus Offenbarung 1, die Verse 10 bis 17: 

"Es war der Tag des Herrn, und ich betete im Geiste, schreibt der Apostel Johannes." 

Der, der bei ihm auf der Brust gelegen ist. Der, der Jesus am nächsten war. Der Jünger, den Jesus liebte. Er hat alle geliebt. Aber zu dem hat er ein ganz besonderes Verhältnis. Und dieser, dieser Johannes schreibt. 

"Es war der Tag des Herrn und ich betete im Geist. Plötzlich hörte ich hinter mir eine laute Stimme wie von einer Posaune. Sie sprach: 'Schreibe, was du siehst in ein Buch und schicke es an die sieben Gemeinden Ephesus, Smyrna, Pergamon, Thyatira, Sardis, Philadelphia und Laodizea. Als ich mich umdrehte, um zu sehen, wer zu mir sprach, sah ich sieben goldene Leuchter. Und mitten unter den Leuchtern stand der Menschensohn. Er trug ein langes Gewand mit einem goldenen Gürtel über die Brust. Sein Kopf und sein Haar waren weiß wie Wolle; so weiß wie Schnee. Seine Augen leuchteten wie Feuerflammen. Seine Füße glänzten wie im Feuer gereinigt es Erz. Und seine Stimme war wie das Tosen mächtiger Meereswellen. Er hielt sieben Sterne in seiner rechten Hand und aus seinem Mund kam ein scharfes, zweischneidiges Schwert. Und sein Gesicht strahlte wie die Sonne in ihrer ganzen Pracht. Und als ich ihn sah, fiel ich wie tot vor seine Füße. Er aber legte seine rechte Hand auf mich und sagte 'Hab keine Angst. Ich bin der Erste und der Letzte' ".


Auslegung - Teil 2

Auch hier möchte ich diese drei Punkte hervorheben, allerdings ein bisschen kürzer, weil wir werden gleich merken, es sind die gleichen drei Punkte wie schon in der Gottesbegegnung im Alten Testament.

1. Er ist der Allein Gewaltige. Er spricht "Ich bin der Erste und der Letzte, das Alpha und das Omega." Er ist der ewige Gott.

2. Er ist vollkommen und allwissend. Von ihm heißt es "Seine Augen leuchteten wie Feuerflammen." Und Johannes sagt in seinem Brief. "In ihm gibt es keine Spur von Sünde." Er ist vollkommen. Und von diesem Jesus heißt es "Er ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit."

3. Und als Drittes: Wir sind alles andere als vollkommen. Ich habe mich lange Zeit gefragt "Warum ist es dem Johannes so gegangen? Der ist bei ihm auf der Brust gelegen!" Ja, als Jesus hier war auf Erden in Menschengestalt, da war seine Herrlichkeit verborgen - bis auf diesen Moment, auf dem Berg der Verklärung. Aber seitdem Jesus wieder zum Himmel aufgefahren ist, seitdem sieht in jeder, der ihm wirklich in einer Vision begegnet, so wie der Johannes - der sieht ihn so, wie er ist: Als den herrlichen, herrlichen, ewigen, allmächtigen Gott, den Vollkommenen, den Allwissenden. Und deswegen schreibt auch der Johannes. "Als ich ihn sah, fiel ich wie tot vor seine Füße."

Wie gesagt, ich habe mich lange Zeit gefragt "Warum?" Weil ich das nicht verstanden habe. Wieso fällt der wie tot vor seine Füße? Was hat ihm die Luft genommen? Bis ich irgendwann in meinem Leben mal ein Erlebnis hatte, wo ich wirklich Schuld auf mich geladen hatte, für die ich mich zutiefst geschämt habe und dann gemerkt habe, wie sich das anfühlt, wenn das jemand rauskriegt. Da möchte man im Erdboden versinken. Ich habe mich damals wirklich geschämt - ich hätte mir gewünscht, es tut sich ein Loch auf und ich könnte einfach nur verschwinden. Aber mein Gegenüber war nur ein Mensch, der selber fehlerhaft war. 

Und dann ist mir aufgefallen, was da passiert ist. Stellt euch das mal vor. Das, was in euch ist, wird vollkommen offenbar. Vollkommen! Und es gibt auch keine Ausrede mehr, weil jede nur denkbaren Argumente, die man aufzählen könnte, sind Gott längst bekannt. Das, denke ich, ist der Grund, warum Jesaja gerufen hat "Weh mir, weh mir!"; warum Johannes ihm zu Füßen fällt, wie tot. 


Zwischenbilanz

Ich denke also, dass wenn ich dem allmächtigen Gott in seiner Herrlichkeit begegne, dann erkenne ich zuerst einmal Ihn, in Seinem Licht: dass er vollkommen ist. Und dann erkenne ich mich in seinem Licht, so wie ich bin. Und das ist, wie ich denke, ein Mark und Bein erschütterndes Erleben.


Gottes Gnade

Doch "Gott sei Dank!" - und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: "Gott sei Dank!" - ist das nicht alles. Weil sonst, ihr Lieben, sonst wären wir verloren. Gott sei Dank ist Gott nicht nur heilig, nicht nur allmächtig, nicht nur allwissend. Sondern auch gnädig und barmherzig. Und das nicht einfach oben hin. Sondern auf eine Weise und in einem Maße und mit einer Geduld, die unser Vorstellungsvermögen sprengt. Dazu möchte ich uns einen dritten Text lesen, einen Text, von dem ich hoffe, dass er diese Weise, dieses Maß und diese Geduld zum Ausdruck bringt.


Textlesung

 Den Text findet ihr im Lukasevangelium im 15. Kapitel; ich lese dort mal die Verse 11 bis 24: 

"Jesus erzählte ihnen auch folgendes Gleichnis. Ein Mann hatte zwei Söhne. Der jüngere Sohn sagte zu seinem Vater Ich möchte meinen Erbteil von deinem Besitz schon jetzt haben. Da erklärte der Vater sich bereit, seinen Besitz zwischen seinen Söhnen aufzuteilen. Einige Tage später packte der jüngere Sohn seine Sachen und ging auf Reisen in ein fernes Land, wo er sein ganzes Geld verprasste. Etwa um die Zeit, als ihm das Geld ausging, brach in jedem Land eine große Hungersnot aus, und er hatte nicht mehr genug zu essen. Da überredete er einen Bauern, ihm Arbeit zu geben, und er durfte seine Schweine hüten. Und der junge Mann war so hungrig, dass er die Schoten, die er an die Schweine verfütterte, am liebsten selbst gegessen hätte. Aber niemand gab ihm etwas. Schließlich überlegte er und sagte sich: Daheim haben die Tagelöhner mehr als genug zu essen und ich sterbe hier vor Hunger. Ich will zu meinem Vater nach Hause gehen und sagen 'Vater! Ich habe gesündigt gegen den Himmel und auch gegen dich. Und ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen. Bitte stell mich als einen deiner Tagelöhner ein.' Und so kehrte er zu seinem Vater nach Hause zurück. Er war noch weit entfernt, als sein Vater ihn kommen sah. Voller Liebe und Mitleid lief er seinem Sohn entgegen, schloss ihn in die Arme und küsste ihn. Sein Sohn sagte zu ihm 'Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und auch gegen dich und bin es nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen.' Aber sein Vater sagte zu den Dienern 'Schnell, bringt die besten Kleider im Haus und zieht sie ihm an, holt einen Ring für seinen Finger und Sandalen für seine Füße und schlachtet das Kalb, das wir im Stall gemästet haben. Denn mein Sohn hier war tot und ist ins Leben zurückgekehrt. Er war verloren. Aber nun ist er wiedergefunden.' Und ein Freudenfest begann."


Auslegung - Teil 3

Auch von diesem Text möchte ich noch einmal drei Punkte hervorheben.

1. Wir finden in diesem Text echte Sünde, echtes Versagen. Aber auch echte Reue und echte Umkehr. Der Sohn spricht "Vater, ich habe gesündigt, und ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen." Wieso sagt er das? Ihr Lieben, ich denke, er hat sich selber im Lichte Gottes erkannt. Er hat erkannt, wie David "Ich bin verstrickt in Verfehlungen und Schuld." Ihm dreht sich der Magen um im Anblick von sich selbst. Er empfindet tiefe Reue und Scham für das, was er getan hat. Ihm war völlig klar, dass er nichts mehr zu erwarten hatte. Selbst als Knecht eingestellt zu werden, wäre schon Gnade gewesen.

Und dann kommt diese Wendung. Dann geschieht das, womit er nicht gerechnet hat. Dann geschieht das, was, wie ich denke, Gottes Wesen so unvergleichlich zum Ausdruck bringt. Denn er ist nicht nur allwissend und heilig und gerecht, er ist gnädig. Erst die Liebe. Er vergibt.

2. Und das ist der zweite Punkt: In diesem Text finden wir eine unfassbar tiefe Liebe und ein unbegreiflich großes Erbarmen. Vom Vater heißt es: "Voller Liebe und Mitleid lief er seinem Sohn entgegen, schloss ihn in die Arme und küßte ihn." Ihr Lieben, der muss gestunken haben nach Schwein. Und es war für Juden noch viel schlimmer, als wir uns das vorstellen. Das war unrein. Der war dreckig, der hat bei den Schweinen gelegen und stinkt. Und sein Vater rennt ihm entgegen! Könnt ihr euch vorstellen, wie sehr man jemand lieben muss, dass man sich so auf ihn freut, dass einem das völlig egal ist, ob der stinkt und schließt ihn in die Arme und küsst ihn?

Was ich an dieser Stelle erwartet hätte, das wären Vorwürfe gewesen, berechtigte Anschuldigungen. Aber so ist Gott nicht. Gott ist die Liebe und er hat Mitleid mit uns. Und er vergibt von Herzen gern. Und das eben nicht nur rein oberflächlich oder um des lieben Friedens willen. Oder er vergibt so "auf der Sachebene". Nein! Er ist unser Vater! Er ist mit ganzem Herzen bei der Sache. Er läuft uns voll Freude entgegen. Sein Herz ist voller Liebe und voller Mitgefühl und er drückt uns an sich und küsst uns.

3. Und dann heißt es nur noch Und das ist mein dritter Punkt. Und ein Freudenfest begann. So ist es, wenn wir Gott begegnen. Ja, wir erkennen seine Heiligkeit. Und ja, das kann durch Mark und Bein gehen. Und ja, wir erkennen unsere Schuld. Und es mag uns zutiefst beschämen, dass wir am liebsten im Erdboden versinken würden. Aber, ihr Lieben, das ist nicht alles. Denn so oft wir umkehren und darüber hinaus erkennen wir in dieser Begegnung Gottes wahres Wesen. Dass er voller Liebe ist, voller Erbarmen. Dass er eine unendliche Geduld hat. Und dass seine Güte und seine Treue grenzenlos sind.

Das ist das, was ich uns allen wünsche: Dass wir Gott auf diese Weise begegnen. Dass wir Ihn erkennen, als der, der er ist: "Sanftmütig und von Herzen demütig." Mir ist dazu ein Vers eingefallen aus Kolosser, Kapitel 2. "Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn aufgehoben und an das Kreuz geheftet. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz." So weit geht seine Liebe! Dass Gott Mensch wird und für uns stirbt. Und aufersteht zu unserer Rechtfertigung.

Weil er uns mehr liebt als sein Leben.

Und wenn wir Gott so begegnen im Gebet, wenn wir Christus sehen und in ihm die Herrlichkeit Gottes wie in einem Spiegel, dann werden wir innerlich bewegt werden und selbst in sein Spiegelbild verwandelt. Dann bekommen wir mehr und mehr Anteile an seiner göttlichen Herrlichkeit. Und dann, ihr Lieben, werden wir für immer veränderte Menschen sein. Menschen, die dieses neue Leben mit ihren Mitmenschen teilen. Und um diese Begegnung, da möchten wir beten. Und dazu gibt es diese Karte.

Amen.

Sonntag, 9. Februar 2020

"Die Schönheit des Evangeliums - Wie Gott uns sieht" (Lukas 18,9-14)

[Predigt als MP3] 


Einleitung

Im Jahre 1991 habe ich eine Zeit durchlitten schwerster Depression mit Angstzuständen und mit Schlaflosigkeit. Ich war damals so fertig, dass ich selbst mit dem Ablesen der Uhrzeit ganz und gar überfordert war. 

Die Ursache war und ist unklar. Ja, ich hatte mit zwölf Jahren die Mutter verloren. Ja, ich hatte sie nach siebzehn Jahren wieder gefunden - und da hatte sie bereits Krebs. Ja, ich hatte einen Burnout von meiner Arbeit bei Microsoft. Es kam wohl alles zusammen.

Was noch dazu kam, war ein absolutes Bewusstsein meiner Schuld vor Gott. Eine Angst, die Erde würde sich unter mir auftun und mich verschlingen. Wie bei Datan und Abiram aus 4. Mose 16, 31-32, wo es heißt: da „[...] zerriss die Erde unter ihnen 32 und tat ihren Mund auf und verschlang sie [...]“. Wir werden später noch sehen, was das mit unserem heutigen Text zu tun hat.

Damit die Stimmung jetzt aber nicht zu düster wird, erzähle ich Euch noch eine Geschichte. Diese Geschichte wurde zuerst von einem Mann namens Fred Ciampi erzählt. Ich kenne Fred Ciampi nicht. Ich weiß auch nicht, ob die Geschichte wahr ist. Aber ich fand sie recht amüsant und dazu auch noch sehr erhellend. Also, hier ist sie: Fred Ciampi erzählte: 

"Gott sei Dank sind meine Tage als Verkaufsleiter vorbei und ich bin im Ruhestand. Ich bin früher mehrmals im Monat geflogen, und [ein Freund] hat gerade eine Erinnerung von vor etwa 15 Jahren wachgerufen. Ich flog gerade von San Francisco [...] zurück, als eine Mitarbeiterin am Schalter eine Verspätung für den Flug ankündigte. Ein gut gekleideter Herr stürzte sich auf die Mitarbeiterin und schrie: "Wissen Sie, wer ich bin?". Und er wiederholte: "Wissen Sie, wer ich bin?" Die junge Dame nahm sehr ruhig ihr Mikrofon in die Hand und sagte mit lauter und angenehmer Stimme: "Wir haben hier oben am Schalter einen Herrn, der nicht weiß, wer er ist. Gibt es jemanden im Terminal, der ihn kennt und ihm helfen kann?“ Die Gesichtsfarbe des Mannes oszillierte durch alle Schattierungen von rot und dann stürmte er aus dem Terminal. Ich habe nie herausgefunden, wer er war.“

Was für ein wunderbares Beispiel für Arroganz! Auch hier werden wir später sehen, was das mit unserem heutigen Text zu tun hat.


Inhalt 

Worum geht es also heute?

  • Unser Text

  • Worum es geht
    • Anlass
    • Rahmen
    • Inhalt

  • Der Pharisäer
    • Wer ist er?
    • Was denkt er?
    • Was ist sein Problem?

  • Der Zöllner
    • Wer ist er?
    • Was geht in ihm vor?

  • Balsam für Dein Herz

Lasst uns zu Anfang mal den Text gemeinsam lesen.


Unser Text

Der Pharisäer und der Zöllner (Lukas 18,9-13)

9 Er sagte aber zu einigen, die überzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: 10 Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. 11 Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. 12 Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. 13 Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! 14 Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.


Worum es geht

„Er sagte aber zu einigen, die überzeugt waren gerecht zu sein, und verachteten die andern“ (Lukas 18, 9)

Warum dieses Gleichnis? Was hat Jesus motiviert, es zu erzählen? In Vers 9 lesen wir: „Er sagte aber zu einigen, die überzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern, [...]“ Es geht also um eine situative Predigt!  Der Anlass dazu war: Jesus laufen einige komische Gestalten über den Weg. Eingebildete, lieblose Möchtegerne: völlig von sich selbst überzeugt; von ihrer Religiösen Leistung; von ihrem moralischen Status. Diese Situation nimmt Jesus also zum Anlass, um zu predigen!

In Vers 9 lesen wir weiter „Er sagte aber zu einigen [...] dies Gleichnis: [...]“. Ein Gleichnis ist eine Geschichte, die einen wichtigen Sachverhalt auf den Punkt bringt. Doch worum geht es in dem Gleichnis? Um die rechte Haltung vor Gott? Um rechtes Beten? Um rechte Frömmigkeit? Das ist alles irgendwo richtig. Aber ich glaube letztendlich geht es um Gottes unverdiente Gnade - und um echte Sündenerkenntnis, Demut und Buße, die zur Rechtfertigung führt.

In Vers 10 lesen wir: "Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner." Es geht also um 2 Menschen: Ein fleißiger Kirchgänger – stadtbekannt bekannt als strenggläubiges Vorbild. Und ein Staatsbeamter – stadtbekannt für seine Korruption und krummen Geschäfte. Und es geht um 2 Gebete: das des Pharisäers und des Zöllners.

Schauen wir uns die beiden Menschen und ihre Gebete mal etwas genauer an:

Der Pharisäer 

„Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute“ (Lukas 18, 11-12)

In den Versen 11 und 12 lesen wir: „Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. 12 Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme.“

Der Pharisäer steht „besonders“ (also abgesondert von den anderen!) Er fühlt sich wichtig, wie der Mann am Flughafenschalter! Und das finde ich interessant. Sein Problem ist nicht Prahlerei oder Lüge. Er prahlt nicht. Er dankt Gott! Und er lügt nicht. Er sagt die Wahrheit. 

Aber! Er vergleicht sich mit anderen! Und nicht nur das: Er hält sich auch für etwas Besseres! Er schaut nur auf das Äußere – auf die Taten. Auf den Diebstahl, Betrug, Ehebruch der anderen. Und auf Seine überragende "Leistung" (und er macht ja viel mehr, als im Gesetz des Mose gefordert!).

Was ist also laut Jesus sein Problem? Was ist daran jetzt falsch? Soll er nicht gutes tun?! Doch natürlich! Das Problem ist: Er vertraut auf seine Leistung. Er glaubt, dass das was er tut – Sein Handeln – Seine Taten – ihn gerecht machen vor Gott. Er ist selbstgerecht! Er ist werkgerecht. Er glaubt, dass er so in den Himmel kommt, weil er ein so toller Hecht ist. Doch in Gal 3,11 steht vielmehr: „Dass [...] durchs Gesetz niemand gerecht wird vor Gott, ist offenbar [...]“

Aber das ist noch nicht alles – er hat auch noch ein anderes Problem: Er ist so eingenommen von sich und seiner tollen Leistung, dass er für andere nichts mehr übrig hat außer Arroganz,  Verachtung und Lieblosigkeit. DOCH: WIE HIESS NOCH MAL DAS GRÖSSTE GEBOT? Es heißt: 

„Er antwortete und sprach: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft und deinem ganzen Gemüt, UND DEINEN NÄCHSTEN WIE DICH SELBST!« (5. Mose 6,5; 3. Mose 19,18). “ (Lukas 10,27)


WAS GENAU DAS PROBLEM IST, STEHT IN 1Sam 16,7: „Aber der HERR sprach: [...] Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der HERR aber sieht das Herz an.“ UND ZU WELCHEM URTEIL KOMMT GOTT, wenn Er dem Pharisäer ins Herz schaut? Das lesen wir in Mt 23,27: “Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr seid wie die übertünchten Gräber, die von außen hübsch scheinen, aber innen sind sie voller Totengebeine und lauter Unrat!“

Soviel mal zum Pharisäer.

Der Zöllner

"Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig!" (Lukas 18, 13)

Der Zöllner steht abseits. Er schämt sich. Er schlägt die Augen nieder. Er weiß, dass er unwürdig ist und nichts vorzuweisen hat. Er ist völlig zerknirscht. Er schlägt an seine Brust, denn er weiß vom seinem Dreck am Stecken. Er weiß dass er vollkommen abhängig ist von Gottes Erbarmen. Versteht ihr, wie er sich fühlt? So ging es mir damals 1991.

DER ZÖLLNER KANN NUR NOCH EINE EINZIGE SACHE TUN – ER BITTET UM GNADE – WEIL ER SONST NICHTS ANZUBIETEN HAT.

ZWISCHENBILANZ: Es geht also um Gnade und NICHT UM Leistung! Was den Unterschied macht ist vor unseren Augen verborgen – was den Unterschied macht, passiert im Herzen!
Von außen betrachtet: gewinnt der Pharisäer. Aber Gott schaut uns ins Herz – und was er da beim Zöllner sieht, ist das einzige, was uns rettet: ECHTE REUE ÜBER UNSERE SÜNDEN! WORAN DU IN DEINEM HERZEN GLAUBST – AN DEINE LEISTUNG – ODER AN GOTTES GNADE - ENTSCHEIDET ALSO ÜBER DEINE RECHTFERTIGUNG UND UNSERE VERDAMMNIS!! (2x!!)

ES GIBT DA ABER   N O C H   EIN KLEINES PROBLEM: Ich gehe mal davon aus, dass es in Deinem Herzen so ausschaut, wie in dem des Zöllners. Damit wäre eigentlich alles in Ordnung. Dem Zöllner wird ja vergeben. Er wird von Gott persönlich gerecht gesprochen! 

MIT ANDEREN WORTEN: ICH HOFFE, IN DEINEM HERZEN HÖRT ES SICH NICHT SO AN: „Danke, lieber Herr Jesus, dass ich nicht so bin, wie dieser Pharisäer!“ DAS PROBLEM IST: DER MODERNE ZÖLLNER HÖRT SICH IN DER SEEELSORGE OFT SO AN: „Ich kann einfach nicht glauben, dass mir Jesus diese Sünde jemals vergeben kann.“ Mit anderen Worten: der Pharisäer predigt sich selbst ein falsches Evangelium. Und der Zöllner hört an jeder Ecke statt des Evangeliums das Gesetz.

WAS KANNST DU ALSO TUN, WENN ES DIR GEHT, WIE DEM ZÖLLNER? Du musst Deine Welt auf den Kopf stellen! Du darfst nicht länger Deinem Herzen glauben, das Dich verklagt! 
1Joh 3,20 denn: „wenn uns unser Herz verdammt, Gott größer ist als unser Herz und erkennt alle Dinge.“ Du darfst Gottes Wort vertrauen: 

“Denn so spricht der Hohe und Erhabene, der ewig wohnt, dessen Name heilig ist: Ich wohne in der Höhe und im Heiligtum und bei denen, die zerschlagenen und demütigen Geistes sind, auf dass ich erquicke den Geist der Gedemütigten und das Herz der Zerschlagenen.“ (Jes 57,15 )

ABER WIE WILL GOTT DAS MACHEN? WIE WILL ER EINEN SO GEDEMÜTIGTEN GEIST, WIE WILL ER SO EIN ZERSCHLAGENENS HERZ ERQUICKEN? DURCH DEN BLICK ANS KREUZ! AM KREUZ SEHEN WIR GOTTES LIEBE! DARUM KANN GOTT SPRECHEN:

“So kommt denn und lasst uns miteinander rechten, spricht der HERR. Wenn eure Sünde auch blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden, und wenn sie rot ist wie Purpur, soll sie doch wie Wolle werden.“ (Jes 1,18)

AMEN.