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Dienstag, 24. März 2026

Johannes Evangelium 7,1-9


Das Buch der Zeichen - Jesus und seine Brüder

Nach der Brotrede zog Jesus durch Galiläa, ganz im Norden des Landes, also so weit wie möglich von Judäa und damit von Jerusalem entfernt, wo der Hohe Rat saß, der bereits Pläne geschmiedet hatte, ihn umzubringen.

Kurz vor dem Laubhüttenfest, zu dem das ganze Volk aus allen Landesteilen nach Jerusalem strömen würde, gaben seine Brüder Jesus einen sarkastischen Rat: wenn er denn seine Schüler wirklich beeindrucken wolle, dann solle er doch nach Judäa gehen, damit dort alle seine spektakulären Taten bestaunen könnten. Wer berühmt werden wolle, brauche schließlich Publicity – und dafür müsse man auch selber etwas tun. Mit dieser Einstellung zeigten sie, dass sie ihm nicht glaubten; weder wer er ist, noch wozu er gekommen war.
 
Ihr Vorschlag traf bei Jesus jedoch auf taube Ohren. Er will den gottbestimmten Zeitpunkt treffen, um auf dem Fest an die Öffentlichkeit zu treten. Im Gegensatz zu seinen Brüdern. Die sangen noch immer das Lied der Welt und eckten deshalb nirgendwo an. Sollten sie doch gehen! Ihnen stünde die Welt ganz sicher nicht entgegen. Jesus aber predigte genau dieser Welt Umkehr von ihrem gottlosen Leben und rechnete deshalb mit dem Hass der Welt.  Für ihn war es absolut lebensgefährlich, einfach eigenmächtig loszuziehen. Deshalb blieb er vorerst im sichereren Galiläa.

O-Ton: Danach zog Jesus in Galiläa umher. Er hielt sich von Judäa fern, weil die führenden Männer dort ihn töten wollten. 

Das jüdische Laubhüttenfest stand vor der Tür. Da sagten seine Brüder zu ihm: »Du solltest nicht hier bleiben, sondern nach Judäa gehen, damit deine Anhänger dort die großen Taten zu sehen bekommen, die du tust. Wenn jemand bekannt werden möchte, versteckt er sich nicht. Wenn du schon solche Taten vollbringst, dann sorge auch dafür, dass alle Welt davon erfährt!« Denn nicht einmal seine Brüder schenkten ihm Glauben. 

Jesus sagte zu ihnen: »Meine Zeit ist noch nicht da. Für euch dagegen passt jede Zeit. Euch kann die Welt nicht hassen; aber mich hasst sie, weil ich als Zeuge gegen sie bestätige, dass ihr Tun böse ist. Zieht doch ihr zu diesem Fest hinauf! Ich gehe nicht zum Fest, weil meine Zeit noch nicht da ist.« Das sagte er zu ihnen und blieb in Galiläa. (Joh 7,1-9)

Mittwoch, 3. Dezember 2025

Johannes Evangelium 5,19–23

 


Das Buch der Zeichen - Die Vollmacht des Sohnes, Teil 1

Mitten in seiner Antwort auf den Vorwurf der Oberen, er hätte am Sabbat die - von ihnen erfundenen und viel zu strengen - zusätzlichen Vorschriften gebrochen, weiht Jesus sie in das Geheimnis seines Lebens in echter Vollmacht ein. 

Auch heute noch glauben ja die meisten Menschen an das Märchen, wir müssten für Gott etwas Gutes tun. Doch es geht um etwas ganz anderes.

Vollmacht und Autorität entspringen der vollkommenen Abhängigkeit vom Willen und von der Führung Gottes: demütig, vertrauend und gehorsam; in liebender Hingabe. Es geht darum, den Vater durch uns wirken zu lassen. 

Jesus wollte die Wunder, die er tat, nie aus sich heraus tun. Er hatte vielmehr seine Sinne geschärft und tat nur das, was Gott der Vater im jeweiligen Moment getan haben wollte. Und das offenbarte ihm der Vater jederzeit; aus Liebe.

Die Heilung eines Mannes, der 38 Jahre lang gelähmt war, war dabei nur der Anfang. Jesus weiß bereits, dass der Vater ihm noch viel größere Wunder zeigen und durch ihn vollbringen wird — so unfassbar, dass es den Oberen die Sprache verschlagen wird. 

Er, Gott der Sohn, wird in vollkommener Einheit mit Gott dem Vater in Kürze Tote auferwecken! Nicht nur physisch Tote, wie Lazarus, sondern auch geistlich Tote; verlorene Menschen zum ewigen Leben. Er hat die Vollmacht dazu.

Ja sogar die allerhöchste Macht und Autorität hat der Vater in Jesus‘ Hände gelegt: die höchstrichterliche Gewalt, das letztgültige Urteil über das Leben eines jeden Menschen zu fällen — auch über das der Oberen! 

Denn Gott der Vater will, dass jeder Mensch Jesus genau so ehrt, wie ihn selbst. Wer also Jesus verachtet, der verachtet keinen Menschen, sondern Gott, der ihn zu uns auf die Erde gesandt  hat. Ihm werden wir am Ende gegenüberstehen.

O-Ton: Jesus erwiderte auf ihre Vorwürfe: »Amen, ich versichere euch: Der Sohn kann nichts von sich aus tun; er kann nur tun, was er den Vater tun sieht. Was der Vater tut, genau das tut auch der Sohn. Der Vater liebt den Sohn und zeigt ihm alles, was er selber tut. 

Er wird ihm noch größere Taten zeigen, sodass ihr staunen werdet. Denn wie der Vater die Toten auferweckt und ihnen das Leben gibt, so gibt auch der Sohn das Leben, wem er will. 

Auch seine ganze richterliche Macht hat der Vater dem Sohn übergeben; er selbst spricht über niemand das Urteil. Denn alle sollen den Sohn ebenso ehren wie den Vater. Wer den Sohn nicht ehrt, ehrt auch den Vater nicht, der ihn gesandt hat. (5,19–23)

Mittwoch, 29. Oktober 2025

Johannes Evangelium 3,22-30

 


Das Buch der Zeichen - Jesus und der Täufer

Nachdem er in Jerusalem einigen Staub aufgewirbelt hatte, zog sich Jesus mit seinen Schülern in das Umland von Judäa zurück. Dort verbrachten sie einige Zeit, und Jesus - genauer: Jesu Schüler unter seiner Aufsicht - tauften die Leute mit der Taufe des Johannes; als Zeichen der Umkehr zu Gott und der Reinigung von ihrer Schuld.

Die Gefangennahme und Einkerkerung des Täufers durch Herodes Antipas, den Vierfürsten über die Provinzen Galiläa und Peräa, lag noch in der Zukunft. Noch immer kamen die Menschen daher auch zu Johannes, um sich im Jordan von ihm taufen zu lassen; möglicherweise ca. 40 km südlich vom See Genezareth, wo es genug Wasser dazu gab.

Und dann gab es dazu einen Disput mit einem Mitbürger. Die Schüler des Täufers waren nämlich offensichtlich neidisch auf Jesus. Sie ärgerten sich wohl darüber, dass ihr Rabbi jemanden unterstützte, der ihn an Beliebtheit bereits in den Schatten stellte. Und so beschweren sie sich bei ihm über den, auf den Johannes bei dessen Taufe als den Messias gezeigt hatte.

Auf diese Verärgerung reagiert der Täufer mehr als vorbildlich: mit Demut und mit Freude. Und er erklärt seinen Schülern drei Dinge. Erstens: was auch immer wir im Leben erreichen, sei es Ruhm oder Ehre, Status oder Macht: nichts von dem können wir uns einfach so nehmen – es muss uns von Gott geschenkt werden.

Zweitens macht Johannes klar, dass er von Anfang an ganz klar dazu gestanden ist, dass er nicht der von den Propheten vorhergesagte Messias ist, sondern nur sein Wegbereiter. Und drittens lehrt er seine Jünger und uns das Wichtigste: es geht nicht um uns – um unseren Ruhm, unseren Status, unsere Beliebtheit - es geht um Jesus. Er ist die zentrale Figur der Weltgeschichte. 

Wie sich ein bester Freund freut, wenn er hört, wie der Bräutigam am Altar jubelnd seine Braut in die Arme schließt, so freut sich auch der Täufer darüber, dass mehr und mehr Menschen zu Jesus finden. Dass der Retter der Welt ins rechte Licht gerückt wird, dafür tritt er gerne - Schritt für Schritt - zurück in den Schatten.

O-Ton: Danach ging Jesus mit seinen Jüngern in das Gebiet von Judäa. Dort verbrachte er einige Zeit mit ihnen und taufte. Auch Johannes taufte in Änon, nicht weit von Salim, denn dort gab es reichlich Wasser. Immer noch kamen Leute zu ihm und er taufte sie; denn er war zu jener Zeit noch nicht im Gefängnis. 

Einmal stritten sich einige Jünger von Johannes mit einem anderen Juden darüber, welche Taufe den höheren Rang habe. Sie kamen deshalb zu Johannes und sagten zu ihm: »Rabbi, der Mann, der dich am anderen Jordanufer aufsuchte und auf den du als Zeuge hingewiesen hast, der tauft jetzt auch und alle gehen zu ihm!« 

Johannes antwortete: »Kein Mensch kann sich etwas nehmen, auch nicht das Geringste, wenn Gott es ihm nicht gegeben hat. 

Ihr könnt selbst bestätigen, dass ich sagte: 'Ich bin nicht der versprochene Retter, sondern ich bin nur vor ihm hergesandt worden.' Wer die Braut bekommt, ist der Bräutigam. Der Freund des Bräutigams steht dabei, und wenn er den Bräutigam jubeln hört, ist er voller Freude. Genauso geht es jetzt mir: An meiner Freude fehlt nichts mehr. Sein Einfluss muss wachsen, meiner muss abnehmen.« (Joh 3,22-30)

Sonntag, 9. Februar 2020

"Die Schönheit des Evangeliums - Wie Gott uns sieht" (Lukas 18,9-14)

[Predigt als MP3] 


Einleitung

Im Jahre 1991 habe ich eine Zeit durchlitten schwerster Depression mit Angstzuständen und mit Schlaflosigkeit. Ich war damals so fertig, dass ich selbst mit dem Ablesen der Uhrzeit ganz und gar überfordert war. 

Die Ursache war und ist unklar. Ja, ich hatte mit zwölf Jahren die Mutter verloren. Ja, ich hatte sie nach siebzehn Jahren wieder gefunden - und da hatte sie bereits Krebs. Ja, ich hatte einen Burnout von meiner Arbeit bei Microsoft. Es kam wohl alles zusammen.

Was noch dazu kam, war ein absolutes Bewusstsein meiner Schuld vor Gott. Eine Angst, die Erde würde sich unter mir auftun und mich verschlingen. Wie bei Datan und Abiram aus 4. Mose 16, 31-32, wo es heißt: da „[...] zerriss die Erde unter ihnen 32 und tat ihren Mund auf und verschlang sie [...]“. Wir werden später noch sehen, was das mit unserem heutigen Text zu tun hat.

Damit die Stimmung jetzt aber nicht zu düster wird, erzähle ich Euch noch eine Geschichte. Diese Geschichte wurde zuerst von einem Mann namens Fred Ciampi erzählt. Ich kenne Fred Ciampi nicht. Ich weiß auch nicht, ob die Geschichte wahr ist. Aber ich fand sie recht amüsant und dazu auch noch sehr erhellend. Also, hier ist sie: Fred Ciampi erzählte: 

"Gott sei Dank sind meine Tage als Verkaufsleiter vorbei und ich bin im Ruhestand. Ich bin früher mehrmals im Monat geflogen, und [ein Freund] hat gerade eine Erinnerung von vor etwa 15 Jahren wachgerufen. Ich flog gerade von San Francisco [...] zurück, als eine Mitarbeiterin am Schalter eine Verspätung für den Flug ankündigte. Ein gut gekleideter Herr stürzte sich auf die Mitarbeiterin und schrie: "Wissen Sie, wer ich bin?". Und er wiederholte: "Wissen Sie, wer ich bin?" Die junge Dame nahm sehr ruhig ihr Mikrofon in die Hand und sagte mit lauter und angenehmer Stimme: "Wir haben hier oben am Schalter einen Herrn, der nicht weiß, wer er ist. Gibt es jemanden im Terminal, der ihn kennt und ihm helfen kann?“ Die Gesichtsfarbe des Mannes oszillierte durch alle Schattierungen von rot und dann stürmte er aus dem Terminal. Ich habe nie herausgefunden, wer er war.“

Was für ein wunderbares Beispiel für Arroganz! Auch hier werden wir später sehen, was das mit unserem heutigen Text zu tun hat.


Inhalt 

Worum geht es also heute?

  • Unser Text

  • Worum es geht
    • Anlass
    • Rahmen
    • Inhalt

  • Der Pharisäer
    • Wer ist er?
    • Was denkt er?
    • Was ist sein Problem?

  • Der Zöllner
    • Wer ist er?
    • Was geht in ihm vor?

  • Balsam für Dein Herz

Lasst uns zu Anfang mal den Text gemeinsam lesen.


Unser Text

Der Pharisäer und der Zöllner (Lukas 18,9-13)

9 Er sagte aber zu einigen, die überzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: 10 Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. 11 Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. 12 Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. 13 Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! 14 Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.


Worum es geht

„Er sagte aber zu einigen, die überzeugt waren gerecht zu sein, und verachteten die andern“ (Lukas 18, 9)

Warum dieses Gleichnis? Was hat Jesus motiviert, es zu erzählen? In Vers 9 lesen wir: „Er sagte aber zu einigen, die überzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern, [...]“ Es geht also um eine situative Predigt!  Der Anlass dazu war: Jesus laufen einige komische Gestalten über den Weg. Eingebildete, lieblose Möchtegerne: völlig von sich selbst überzeugt; von ihrer Religiösen Leistung; von ihrem moralischen Status. Diese Situation nimmt Jesus also zum Anlass, um zu predigen!

In Vers 9 lesen wir weiter „Er sagte aber zu einigen [...] dies Gleichnis: [...]“. Ein Gleichnis ist eine Geschichte, die einen wichtigen Sachverhalt auf den Punkt bringt. Doch worum geht es in dem Gleichnis? Um die rechte Haltung vor Gott? Um rechtes Beten? Um rechte Frömmigkeit? Das ist alles irgendwo richtig. Aber ich glaube letztendlich geht es um Gottes unverdiente Gnade - und um echte Sündenerkenntnis, Demut und Buße, die zur Rechtfertigung führt.

In Vers 10 lesen wir: "Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner." Es geht also um 2 Menschen: Ein fleißiger Kirchgänger – stadtbekannt bekannt als strenggläubiges Vorbild. Und ein Staatsbeamter – stadtbekannt für seine Korruption und krummen Geschäfte. Und es geht um 2 Gebete: das des Pharisäers und des Zöllners.

Schauen wir uns die beiden Menschen und ihre Gebete mal etwas genauer an:

Der Pharisäer 

„Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute“ (Lukas 18, 11-12)

In den Versen 11 und 12 lesen wir: „Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. 12 Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme.“

Der Pharisäer steht „besonders“ (also abgesondert von den anderen!) Er fühlt sich wichtig, wie der Mann am Flughafenschalter! Und das finde ich interessant. Sein Problem ist nicht Prahlerei oder Lüge. Er prahlt nicht. Er dankt Gott! Und er lügt nicht. Er sagt die Wahrheit. 

Aber! Er vergleicht sich mit anderen! Und nicht nur das: Er hält sich auch für etwas Besseres! Er schaut nur auf das Äußere – auf die Taten. Auf den Diebstahl, Betrug, Ehebruch der anderen. Und auf Seine überragende "Leistung" (und er macht ja viel mehr, als im Gesetz des Mose gefordert!).

Was ist also laut Jesus sein Problem? Was ist daran jetzt falsch? Soll er nicht gutes tun?! Doch natürlich! Das Problem ist: Er vertraut auf seine Leistung. Er glaubt, dass das was er tut – Sein Handeln – Seine Taten – ihn gerecht machen vor Gott. Er ist selbstgerecht! Er ist werkgerecht. Er glaubt, dass er so in den Himmel kommt, weil er ein so toller Hecht ist. Doch in Gal 3,11 steht vielmehr: „Dass [...] durchs Gesetz niemand gerecht wird vor Gott, ist offenbar [...]“

Aber das ist noch nicht alles – er hat auch noch ein anderes Problem: Er ist so eingenommen von sich und seiner tollen Leistung, dass er für andere nichts mehr übrig hat außer Arroganz,  Verachtung und Lieblosigkeit. DOCH: WIE HIESS NOCH MAL DAS GRÖSSTE GEBOT? Es heißt: 

„Er antwortete und sprach: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft und deinem ganzen Gemüt, UND DEINEN NÄCHSTEN WIE DICH SELBST!« (5. Mose 6,5; 3. Mose 19,18). “ (Lukas 10,27)


WAS GENAU DAS PROBLEM IST, STEHT IN 1Sam 16,7: „Aber der HERR sprach: [...] Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der HERR aber sieht das Herz an.“ UND ZU WELCHEM URTEIL KOMMT GOTT, wenn Er dem Pharisäer ins Herz schaut? Das lesen wir in Mt 23,27: “Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr seid wie die übertünchten Gräber, die von außen hübsch scheinen, aber innen sind sie voller Totengebeine und lauter Unrat!“

Soviel mal zum Pharisäer.

Der Zöllner

"Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig!" (Lukas 18, 13)

Der Zöllner steht abseits. Er schämt sich. Er schlägt die Augen nieder. Er weiß, dass er unwürdig ist und nichts vorzuweisen hat. Er ist völlig zerknirscht. Er schlägt an seine Brust, denn er weiß vom seinem Dreck am Stecken. Er weiß dass er vollkommen abhängig ist von Gottes Erbarmen. Versteht ihr, wie er sich fühlt? So ging es mir damals 1991.

DER ZÖLLNER KANN NUR NOCH EINE EINZIGE SACHE TUN – ER BITTET UM GNADE – WEIL ER SONST NICHTS ANZUBIETEN HAT.

ZWISCHENBILANZ: Es geht also um Gnade und NICHT UM Leistung! Was den Unterschied macht ist vor unseren Augen verborgen – was den Unterschied macht, passiert im Herzen!
Von außen betrachtet: gewinnt der Pharisäer. Aber Gott schaut uns ins Herz – und was er da beim Zöllner sieht, ist das einzige, was uns rettet: ECHTE REUE ÜBER UNSERE SÜNDEN! WORAN DU IN DEINEM HERZEN GLAUBST – AN DEINE LEISTUNG – ODER AN GOTTES GNADE - ENTSCHEIDET ALSO ÜBER DEINE RECHTFERTIGUNG UND UNSERE VERDAMMNIS!! (2x!!)

ES GIBT DA ABER   N O C H   EIN KLEINES PROBLEM: Ich gehe mal davon aus, dass es in Deinem Herzen so ausschaut, wie in dem des Zöllners. Damit wäre eigentlich alles in Ordnung. Dem Zöllner wird ja vergeben. Er wird von Gott persönlich gerecht gesprochen! 

MIT ANDEREN WORTEN: ICH HOFFE, IN DEINEM HERZEN HÖRT ES SICH NICHT SO AN: „Danke, lieber Herr Jesus, dass ich nicht so bin, wie dieser Pharisäer!“ DAS PROBLEM IST: DER MODERNE ZÖLLNER HÖRT SICH IN DER SEEELSORGE OFT SO AN: „Ich kann einfach nicht glauben, dass mir Jesus diese Sünde jemals vergeben kann.“ Mit anderen Worten: der Pharisäer predigt sich selbst ein falsches Evangelium. Und der Zöllner hört an jeder Ecke statt des Evangeliums das Gesetz.

WAS KANNST DU ALSO TUN, WENN ES DIR GEHT, WIE DEM ZÖLLNER? Du musst Deine Welt auf den Kopf stellen! Du darfst nicht länger Deinem Herzen glauben, das Dich verklagt! 
1Joh 3,20 denn: „wenn uns unser Herz verdammt, Gott größer ist als unser Herz und erkennt alle Dinge.“ Du darfst Gottes Wort vertrauen: 

“Denn so spricht der Hohe und Erhabene, der ewig wohnt, dessen Name heilig ist: Ich wohne in der Höhe und im Heiligtum und bei denen, die zerschlagenen und demütigen Geistes sind, auf dass ich erquicke den Geist der Gedemütigten und das Herz der Zerschlagenen.“ (Jes 57,15 )

ABER WIE WILL GOTT DAS MACHEN? WIE WILL ER EINEN SO GEDEMÜTIGTEN GEIST, WIE WILL ER SO EIN ZERSCHLAGENENS HERZ ERQUICKEN? DURCH DEN BLICK ANS KREUZ! AM KREUZ SEHEN WIR GOTTES LIEBE! DARUM KANN GOTT SPRECHEN:

“So kommt denn und lasst uns miteinander rechten, spricht der HERR. Wenn eure Sünde auch blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden, und wenn sie rot ist wie Purpur, soll sie doch wie Wolle werden.“ (Jes 1,18)

AMEN.

Samstag, 22. Juni 2019

„Hüte Deine Zunge!“ - 2. Timotheus 2,14-17a

[Predigt als MP3]

Inhalt

Beim Durcharbeiten des Textes hat sich die folgende Struktur der Predigt ergeben:

  • Einleitung
  • Text
  • Das Problem
    • Was war passiert? Was war das Problem?
    • Die Motivation hinter dem Problem
    • Die Folgen des Problems
    • Die Lösung: 
      • Was sollte passieren? Was ist das Ziel?
      • Wie geht man mit so einem Problem um? Was ist der Weg?
      • Was ist die Motivation für diesen Weg? 
  • Und zu guter Letzt: Was heißt das für mich? 2 Fragen an Dein Herz


Einleitung

Kennt ihr den Unterschied zwischen einem Messer und einem Messer? Überlegt mal: Wenn ich mit einem Messer herumfuhrwerke, um zu töten, wird wahrscheinlich etwas anderes dabei herauskommen, als wenn ich versuche, damit in Ruhe Kartoffeln zu schälen. Das Messer selber ist dabei nur ein Werkzeug. Ebenso verhält es sich mit Worten: ich kann mit ihnen herumhantieren, um vor einem Publikum Eindruck zu schinden oder ich kann sie verwenden, um Menschen aus Liebe im Glauben aufzurichten, um sie zu ermuntern, Gutes zu tun. Meine Worte sind dabei nur ein Werkzeug. Die Motivation und das Ziel dahinter aber bestimmen über das Ergebnis; nicht das Instrument, mit dem ich hantiere. Von daher müsste unsere heutige Predigt eigentlich heißen: „Hüte Dein Herz!“ Aber als mir das aufgefallen ist, war es schon zu spät... ;)

Das, was in unserem Herzen ist, bestimmt also darüber, wie wir mit unseren Worten umgehen – und damit darüber, was unsere Worte anrichten – oder was sie Gutes tun. Oder, um es mit den Worten von Jesus zu sagen: „Was aber aus dem Mund herauskommt, das kommt aus dem Herzen, und das macht den Menschen unrein. Denn aus dem Herzen kommen böse Gedanken [...]“ (Mt 15,18f)

Ich möchte in dieser Predigt daher nicht allein auf den Inhalt der in Ephesus grassierenden Irrlehren eingehen, oder auf die griechische Vorliebe für Diskussionen und Philosophie (also auf die konkreten Worte oder Instrumente), sondern ich möchte vor allem den Streitern und falschen Lehrern ins Herz schauen, von denen Paulus hier spricht. Ich möchte mit Euch hineinschauen in das Herz von Paulus und das Ziel seiner Aufforderungen an Timotheus.  Wir werden also nicht nur sehen, was in Ephesus alles schief gelaufen ist, sondern uns auch das Ziel und die Motivation dahinter anschauen.

Dabei denke ich, dass es im heutigen Text – sozusagen „hinter den Kulissen“ – um 2 verschiedene Motivationen oder Ziele geht: um die Prahlerei und um die Liebe. Im 1. Korintherbrief lesen wir dazu im 8. Kapitel: „Die Erkenntnis bläht auf; aber die Liebe baut auf.“ (1Kor 8,1) – und im 13. Kapitel: „die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern [...] sie freut sich aber an der Wahrheit;“ (1Kor 13,4-6).

Die Frage ist also nicht nur: "Was genau ist eigentlich in Ephesus passiert?" Sondern auch: "Was war das Motiv der Irrlehrer?" Und: "Was sollte Timotheus‘ Motiv und Ziel sein?" Oder mit anderen Worten: Was ist eigentlich das Problem? Und wie kann man es lösen? Diese Fragen werden uns am Ende zu der Frage führen: "Was hat das alles mit mir zu tun?" 

Aber der Reihe nach.  Lesen wir erst einmal den Text...

Unser Text (2Tim 2,14-17a)

dort heißt es: „Daran erinnere sie und ermahne sie inständig vor Gott, daß sie nicht um Worte streiten, was zu nichts nütze ist, als die zu verwirren, die zuhören. Bemühe dich darum, dich vor Gott zu erweisen als einen rechtschaffenen und untadeligen Arbeiter, der das Wort der Wahrheit recht austeilt. Halte dich fern von ungeistlichem losem Geschwätz; denn es führt mehr und mehr zu ungöttlichem Wesen, und ihr Wort frißt um sich wie der Krebs.“  (2Tim 1,14-17a)

Das Problem – Was war passiert?

Ungeistliches loses Geschwätz: Bei der Formulierung „ungeistliches, loses Geschwätz“ musste ich erst an Gerüchte, anzügliche Witze oder sexistische Bemerkungen denken. Einige Bibelkommentare später ist mir dann aufgefallen, dass der Kontext das gar nicht hergibt. Denn hier geht es ja ganz konkret um Häresien und Sonderlehren.

Und die entstehen ganz offenbar nicht im „luftleeren Raum“, sondern hinter ihnen steht eine treibende Kraft: die Zurschaustellung der eigenen „Kompetenz“. Und so eine schiefe Motivation macht auch die beste Theologie kaputt. Wo ich mich nicht mehr bemühe, Gottes Wort zu verstehen und mir von ihm etwas sagen zu lassen, sondern vielmehr versuche, vor anderen etwas darzustellen – am besten indem ich etwas modernes oder neues von mir gebe, weil das einfach besser wirkt, als dieses altmodische „Wort Gottes“, da geht alles den Bach runter, was dieses Wort Gottes eigentlich bezwecken will – oder wie der Schweizer Reformator es ausdrückte: «[...] wo sich ein ehrgeiziger Wunsch nach Wohlgefallen durchsetzt, gibt es keinen starken Wunsch nach Erbauung mehr.» (Calvin) 

Das falsche Motiv zerstört also das gewünschte Ergebnis: Am Ende steht dann der Beifall der Menge – statt dem Glauben und dem Trost für den Anderen oder die Gemeinde. 

Um Worte streiten: Um zu verstehen, was in Ephesus geschehen war, hilft ein Blick in den 1. Brief des Paulus an den Timotheus – dort steht: „Du weißt, wie ich dich ermahnt habe, in Ephesus zu bleiben, als ich nach Mazedonien zog, und einigen zu gebieten, daß sie nicht anders lehren, auch nicht achthaben auf die Fabeln und Geschlechtsregister, die kein Ende haben und eher Fragen aufbringen, als daß sie dem Ratschluß Gottes im Glauben dienen.“ (1Tim 1,3-4)

Zum einen ging es also in Ephesus um völlig irrelevante theologische Randgebiete und außerhalb des Glaubens befindliche Sonderlehren. Dem stellt Paulus das eigentliche Ziel des Glaubens gegenüber: „Liebe aus reinem Herzen und aus gutem Gewissen und aus ungefärbtem Glauben.“ (1Tim 1,5)

Weiter ist im 1Timotheusbrief zu lesen, „daß das Gesetz gut ist, wenn es jemand recht gebraucht, weil er weiß, daß dem Gerechten kein Gesetz gegeben ist, sondern den Ungerechten und Ungehorsamen, den Gottlosen und Sündern, den Unheiligen und Ungeistlichen  [...]“ (1Tim 1,9)

Es ging in Ephesus also auch darum, dass das Gesetz missbraucht wurde. Gesetzesgerechtigkeit kann dabei viele Blüten treiben. So zum Beispiel die, dass Gläubige das ganze Gesetz zu halten hätten. Gerecht vor Gott werden wir aber nicht, weil wir seine Gebote perfekt halten, sondern einzig und allein dadurch, dass Jesus - stellvertretend für uns - am Kreuz den Preis für unsere Schuld bezahlt hat und dass Er – der Auferstandene – uns mit dem Glauben an Ihn Seine vollkommene Gerechtigkeit schenkt. Umsonst! Ohne Leistung!

Zu guter Letzt lesen wir dann in 1Tim 6,3-5: „Wenn jemand anders lehrt und bleibt nicht bei den heilsamen Worten unseres Herrn Jesus Christus und bei der Lehre, die dem Glauben gemäß ist, der ist aufgeblasen und weiß nichts, sondern hat die Seuche der Fragen und Wortgefechte. Daraus entspringen Neid, Hader, Lästerung, böser Argwohn, Schulgezänk solcher Menschen, die zerrüttete Sinne haben und der Wahrheit beraubt sind, die meinen, Frömmigkeit sei ein Gewerbe.“ (1Tim 6,3-5)

Es ging in Ephesus also auch darum, dass falsche Lehrer aufgetreten waren, die – wie heutzutage einige Fernsehprediger – der Ansicht waren, das Evangelium zu predigen sei vor allem profitabel. Es ging also in Ephesus – statt um die gute Nachricht, dass Gott uns liebt und uns unsere Schuld vergibt – um Sonderlehren und Irrlehren (z.B., dass die Auferstehung schon geschehen sei; siehe 2Tim 2,18) – um Werkgerechtigkeit und um prahlerische Zurschaustellung und um Profit.

All das führte zu endlosen Wortgefechten und zu Zank und Streit in der Gemeinde.

Das Problem – Die Motivation dahinter

Die Frage ist jetzt natürlich: warum streiten sich Menschen um Worte? Das Wort, was Paulus hier gebraucht, könnte man auch übersetzen mit „Krieg der Worte“ oder „Wortgefecht“. Es ging also bei den Streitereien gar nicht um die Wahrheit – um das „Vorbild der heilsamen Worte“ – also um das Evangelium. 

Es geht bei solchen Wortgefechten meist um kleinkarierte Wortklaubereien und spitzfindige Auslegungen, die nur die Selbstprofilierung und Angeberei der Streitenden zum Ziel haben – nicht aber die Erbauung des Nächsten oder der Gemeinde – und schon gar nicht geschieht ein solches Wortgefecht aus Liebe – oder in Liebe.

Das eigentliche Motiv hinter einem „Wortgefecht“ ist meistens Frage, wer dieses Gefecht gewinnt, also die Frage: „Wer hat Recht?“ – und vor allem: „Wer behält Recht?“ – „Wer steht am Ende besser da?“ – „Wer sieht nachher klüger aus?“ – „Wer gewinnt?“ Das eigentliche Motiv hinter der ganzen Streiterei sind Hochmut und Besserwisserei. – Und die führen nicht nur zu Streit, sondern – weil das Motiv schief ist – am Ende auch zu einer „schiefen Theologie“. Das richtige Ergebnis wird durch den Missbrauch der Mittel verfehlt. So, wie beim Küchenmesser... Streiten macht also schlechte Theologen!

Die Lösung – Das Ziel

Die beste Chance auf Heilung bei Krebs ist bekanntlich immer noch, ihn so früh, wie möglich zu erkennen und zu behandeln. Und dafür hat Paulus drei ganz konkrete Methoden parat:
  • Die Aufforderung, die Gemeinde an das Evangelium zu erinnern und es zu predigen
  • Die inständige Ermahnung, sich nicht zu streiten
  • Die Aufforderung, den Besserwissern aus dem Weg zu gehen

Daran erinnere sie: Wenn Paulus sagt: „Daran erinnere sie“, dann meint er damit das Evanglium (Vers 8). Das Evangelium von Gottes Wesen und Werk – unserer Sünde und unserer Begnadigung – von Gottes unfassbarer Liebe am Kreuz – und von der absoluten Glückseligkeit und ewigen Herrlichkeit, die auf uns warten. 

Und es ist wichtig, dass wir an das Evangelium erinnert werden. Wir sind nämlich sehr vergesslich. Kaum haben wir am Sonntag die Predigt gehört, haben wir sie auch schon wieder vergessen. Darum haben wir es nötig, dass die wichtigsten Dinge – immer und immer wieder – wiederholt werden. So prägen sie sich über die Zeit dann doch ein – trotz unserer Vergesslichkeit. 

Das Wort der Wahrheit recht austeilen: Und wenn es um das Evangelium geht, dann ist es Paulus wichtig, dass es so gepredigt wird, wie es ist. Ohne Gesetzlichkeit und ohne Gesetzlosigkeit. Ohne Angst vor dem Gericht und ohne Lauheit in der Heiligung. Was Paulus sich wünscht ist, dass Timotheus das Evangelium „gerade schneidet“. So, dass es am Ende nicht krumm und schief wird. 

Damit es von Gottes Wahrheit im Evangelium am Ende nicht heißen muss «Einige verstümmeln sie, andere zerreißen sie, andere foltern sie, andere zerbrechen sie in Stücke, andere halten sie an der Außenseite, (wie wir gesagt haben) kommen nie zum Kern der Lehre.» (Calvin)  Der Kern der Lehre aber ist die Liebe!

und ermahne sie inständig vor Gott: Paulus will aber nicht nur, dass Timotheus die Gemeinde an das Evangelium erinnert – und dass er das Evangelium dabei nicht verzerrt –, er will auch, dass er die Gemeinde ermahnt – sie inständig ermahnt! 

Die Geschwister sollen sich nicht über Nichtigkeiten oder gar Irrlehren streiten. Das ist ihm so superwichtig, weil er weiß, dass nicht nur das komplette Gemeindeklima und das harmonische Zusammenleben darunter leiden, sondern das bei Irr- und Sonderlehren vor allem der Frieden im Gewissen und der Trost des Glaubens in Gefahr sind.  

Die Lösung – Das Ziel

Halte Dich fern: Zu guter Letzt aber hilft nicht nur das erinnern und ermahnen der Guten, es ist auch wichtig, mit den Bösen richtig umzugehen. Jetzt könnte man mit Adolf Schlatter fragen: «Könnte man ihren Verfechtern nicht helfen, wenn man ihre Meinungen eingehend mit ihnen verhandelte? Paulus verneint das. Ihre Wurzel ist krank, und aus dieser wird nichts Gesundes erwachsen.“ Daher „braucht [Timotheus] solche Theorien nicht zu ewägen oder zu widerlegen. Je weniger Aufmerksamkeit ihnen gewährt wird, um so besser.» (Adolf Schlatter)

Die goldene Regel im Umgang mit christlichen Posern ist also: „Nimm nicht an ihren Wortgefechten teil; gehe ihnen einfach dem aus dem Weg!“ {Beispiel: Peter, mein alter Exec VP: Er sagte einmal auf meine Frage, warum er auf eine gewisse Unverschämtheit nicht reagiert habe: „Darauf antworte ich gar nicht. So viel Aufmerksamkeit hat der gar nicht verdient.“ Und siehe da, das Thema beruhigte sich.}

Selbstverständlich muss man, was den Umgang mit geistlichen Fragen angeht, die Motive gut unterscheiden, denn – ich zitiere noch mal Schlatter –: «ob die Anstöße und Bedenken aus treuem Herzen kommen und ein aufrichtiger Sinn zweifelt oder ob ein gottloser Wille theologisiert, dazu braucht es den bewährten Arbeiter und jene geschickte Hand, die „gerade schneidet“.» (Adolf Schlatter)

Die Lösung – Die Motivation

Bemühe dich: Erinnern, ermahnen und aus dem Weg gehen. Das sind die Anweisungen von Paulus in einer solchen Situation. Doch was soll die Motivation hinter diesen Anweisungen sein? 

Es ist – wer hätte das gedacht – das Gegenteil von Menschenfurcht und Prahlerei: es sind die Ehrfurcht vor Gott und der Wunsch, ihm zu gefallen. «Kurz gesagt, [Paulus] bittet Timotheus fleißig zu arbeiten, damit er sich vor Gott nicht schämen muss; während ehrgeizige Menschen nur diese Art von Scham fürchten, um nichts von ihrem Ruf für Scharfsinn oder tiefes Wissen zu verlieren.» (Calvin) 

Rechtschaffen und untadelig: Mit „rechtschaffen“ und „untadelig“ meint Paulus dabei, sich so zu verhalten, dass man vor Gott ein gutes Gewissen haben kann. So zu leben, dass man sich vor Gott nicht schämen muss; – nicht rot zu werden braucht. Wir müssen uns nicht, wie die ungeistlichen Streiter davor fürchten, in einem Streit den Kürzeren zu ziehen – oder etwas nicht zu wissen. Es kann uns Wurscht sein, was die Menschen über uns denken. Wichtig und entscheidend ist nur, das wir aus Lieben handeln – und was Gott dann über uns denkt! 

Das also ist die alles entscheidende Frage: Was ist Dein Motiv? 

Willst Du vor Gott gut dastehen oder vor den Menschen? Willst Du Recht behalten oder willst Du in der Liebe bleiben? (2x)

Die Entscheidung liegt allein bei Dir!

2 Fragen an Dein Herz

  • Ist mein Motiv die Liebe? 
    • Strebe ich nach Wahrheit, Heilung und Hilfe? 
    • Oder will ich nur Recht behalten und gut dastehen?
  • Wo bin ich beteiligt an unnützem Streit? 
    • Was  will ich konkret tun, damit dieser Krebs nicht
      weiter wächst und Charakter und Glauben zerfrisst?

„Die Liebe ist langmütig und freundlich [...] 
Sie eifert nicht [...] 
sie bläht sich nicht auf [...] 
Sie sucht nicht das Ihre“  
(1Kor 13,4-5)


Sonntag, 27. September 2015

Warum und wie Hochmut blind macht

Warum dieser Artikel?

Gerade heute wieder musste ich eine Erfahrung machen, die mich sehr schmerzte. Eine Erfahrung, die mich an bereits Bekanntes erinnerte und mich aufs Neue lehrte, was es mit den gesunden und auch ungesunden Formen der Kommunikation auf sich hat. Darüber, was die Grundvoraussetzungen für Kritikfähigkeit und damit für Buße und echte Umkehr sind. 

Diese Erfahrung möchte ich teilen. Denn es scheint mir grundlegend wichtig, die Mechanismen zu durchschauen, mit denen der Feind Gottes uns davon abhalten will, uns selbst im Lichte Gottes zu erkennen und das zu tun, was für den Erhalt Seiner allein lebensspendenden Gnade Grundvoraussetzung ist: Die Erkenntnis unserer Sünden. 

Ich möchte beleuchten, welches systematische Kommunikationsverhalten dazu geeignet ist, das Licht der Wahrheit - über die Wirklichkeit um uns herum aber auch über die Wirklichkeit unsere Fehler in uns selbst - von uns fern zu halten. Und zwar auf eine Weise, die es, zumindest für den Betroffenen, sehr schwierig, wenn nicht gar unmöglich, macht, sie zu durchschauen. Weil sich alles so richtig anfühlt.

Doch der Reihe nach. Was war geschehen? Und welche Erkenntnisse ergeben sich aus dieser Begebenheit? Und inwiefern sind diese für uns alle von Belang?


Der Anlass

Der Anlass war simpel: der Inhaber einer frequentierten christlichen Facebookseite lehnte einen von mir angemeldeten Blogbeitrag ab. Dabei ging es um einen, in dem rennomierten "Tabletalk" Magazin erschienenen und von mir übersetzten Artikel von R.C. Sproul jr., dem Sohn des Gründers des weltweit operierenden Werkes 'Ligonier Ministries' und dem 'Reformation Bible College', welche es sich zum Ziel gesetzt haben, die Herrlichkeit Gottes möglichst vielen Menschen nahe zu bringen.

Warum mich das schmerzte? Wer nun glaubte es läge daran, weil der von mir - mit ach so viel Mühe übersetzte - Artikel nicht gepostet wurde, dem ginge es so, wie dem Inhaber der Facebookseite: er läge falsch.

In dem Artikel mit dem Titel "Von der Gefahr des Hochmuts in theologischer Rechthaberei" (nachzulesen hier) geht es um den Hochmut der Besserwisserei - gerade auch in der Theologie. Ich hatte ihn - mein erster Fehler - auf eben dieser Facebookseite posten wollen, weil mir der Inhaber durch sein von sich selbst in unguter Weise überzeugtes, rechthaberisches und allem Anschein nach unkorrigierbares Verhalten gegenüber anderen Mitgliedern dieses Forums aufgefallen war. 

Natürlich hatte ich damit gerechnet, dass der Artikel nicht zur Veröffentlichung freigegeben werden würde. Doch hatte ich - mein zweiter Fehler - zumindest darauf gehofft, mit dem Betreiber der Seite daraufhin in einen Dialog treten zu können, der, wie ich mir wünschte, am Ende vielleicht doch dessen Einsicht, Reue, Umkehr und Busse, also seine Heiligung zum Ziel haben könnte.


Der Verlauf

Doch weit gefehlt: Was sich aus meiner Nachfrage nach der Begründung für die Ablehnung meines Posts ergab, war mehr als nur ernüchternd. Es war erhellend. Schmerzhaft, aber erhellend. 

Schmerzhaft, weil es mir erneut die Unmöglichkeit vor Augen hielt, einen Dialog zu führen, in dem die Kommunikation von den hier noch im Detail aufzuzeigenden Mängeln geprägt ist. Schmerzhaft, weil diese Mängel es mir unmöglich machten, einem Menschen zu einer gewinnbringenden Erkenntnis zu verhelfen; zu einer womöglich lebenswichtigen Erkenntis. Schmerzhaft auch, weil dieser Prozess von Unterstellungen, Beleidigungen und irrigen Behauptungen nur so strotzte. Und erhellend, weil mir - noch klarer als bisher - deutlich wurde, mit welchen Finten uns der Feind ins Bockshorn jagt und uns für die Erkenntnis der Wahrheit verblendet.

Dabei fing alles ganz harmlos an. In der initialen Antwort auf meine Frage, warum der Artikel nicht gepostet wurde, waren unter anderem folgende Aussagen zu lesen: "Der Artikel ist per se nicht schlecht. Das Problem ist nur. Mit dieser Argumentation kann man auch jegliche biblische Diskussion totschlagen und das erlebe ich seit Jahren regelmäßig sowohl im Internet als auch im realen Leben." Dann folgte die Begründung, dass "ich diese Argumentation nicht so übernehmen kann obwohl sicher richtige Aspekte dabei sind. ... Der Artikel könnte hier verunsichern weil es ohnehin schwer ist gesunde Lehre in der heutigen Zeit richtig rüberzubringen."

Wer den Artikel gelesen hat - und ich bitte meine Leser, dies zu tun - wird schnell feststellen, dass es in dem Artikel beileibe nichts gibt, was verunsichern könnte. Auch nichts, was einen etwa falschen Aspekt beinhalten würde, der dazu geeignet wäre, die gesunde Lehre zu trüben. Es wird ihn ihm lediglich sehr klar aufgezeigt, wie heimtückisch der Feind Gottes ist, indem er selbst noch unser Bemühen um theologische Korrektheit mit der Sünde des Hochmuts verdirbt. 

Ein sehr ernüchternder, demütigender und lehrreicher Artikel also.

Meine Rückfrage, was denn konkret an dem Artikel "verunsichernd" sei oder gar "falsche Aspekte" beinhalte, stellte ich dabei nicht "einfach so", sondern stellte, um eine gemeinsame Basis herzustellen, erst einmal unsere Gemeinsamkeiten heraus: die Liebe zum Wort Gottes, das Faktum, dass biblische Lehre heutzutage nicht mehr allerorten gern gehört wird und meine Bestätigung der Überzeugung meines Gegenübers, dass es zuweilen auch notwendig ist, Korrektur zu üben. Allein darauf wies ich hin, dass - meiner Erfahrung nach und auch im Einklang mit der Schrift - alle Korrektur in Liebe und Demut zu geschehen habe, nicht in besserwisserischem Hochmut, wie es ja auch der zur Veröffentlichung angefragte Artikel selbst es schon beinhaltete und wie ich es in seinen Antworten auf seiner Facebookseite schon zu lesen vermeint hatte.

Meine Fragen waren klar und bezogen sich dabei auf die Ermittlung von Fakten: Inwiefern der Betreiber der Seite in dem von mir geposteten Artikel eine Gefahr sehe? Und welche spezifischen Gedanken oder Aussagen des von mir übersetzten Artikels mein Gegenüber denn konkret als geeignet betrachte, Menschen zu verunsichern oder gar in eine unbiblische Irre zu leiten?

Die erste Antwort auf diese Fragen war noch sachlich, lenkte aber von den Fragen ab und suchte - mit der Frage, wer die Kirchenväter seien (die ich unter anderem mit dem Namen 'Augustin' beantwortete) - einen Nebenkriegsschauplatz zu eröffnen. Ich blieb jedoch beständig und bat, im Sinne des Dialoges, nochmals höflich und herzlich um die Klärung der noch offenen Fragen. 

Was dann folgte war, gelinde gesagt, interessant: Das Spektrum der Antworten reichte von belehrenden Imperativen "Also wachse im Wort und lerne das was du gelernt hast zu behalten..." bis hin zu noch weiter vom Thema (wir erinnern uns an die eigentlichen Fragen: "Was konkret an dem Artikel ist verunsichernd?" "Oder gar zur Irreführung geeignet?") ablenkenden Behauptungen, wie "Augustin ist ein Irrlehrer und ... hat den Startschuss für satanische Irrlehren gegeben ... für mich ist er kein Kirchen Väter eher ein Irrlehrer des Teufels" und gipfelte in der daraus abgeleiteten Begründung "deswegen veröffentliche ich solche scheinheiligen Ausführungen nicht". Was also zu Anfang noch ein Artikel war, der "per se nicht schlecht" ist, war nun in den Augen meines Gegenübers bereits zu "scheinheiligen Ausführungen" mutiert. 

Nach einer kurzen Klarstellung meiner sehr hohen Sicht von Augustinus (mit dem Verweis auf die grundlegende Biblizität seiner Lehre und vor allem der Vorbildlichkeit seiner, Gott über alles liebenden, Frömmigkeit) machte ich nochmals auf meine Intention aufmerksam und wies darauf hin, dass meine Fragen nicht ohne Grund gestellt seien, sondern ich vielmehr überzeugt sei, dass sich in dem betreffenden Artikel nichts widerbiblisches finden lasse. Und bat nochmals höflich um Beweise anhand von Zitaten und diesen widersprechenden Belegen aus der Heiligen Schrift. Auch verlieh ich meiner zunehmenden Sorge um die Korrigierbarkeit der Ansichten meines Dialogpartners Ausdruck.

Nun wurde der Ton schärfer: Meine Worte wurden als "Unsinn" hingestellt und dieser "Unsinn" dann (obwohl ich gar nicht mehr danach gefragt hatte) als neueste Begründung für die Nichtveröffentlichung des Artikels verwendet. Inzwischen schien meinem Gegenüber klar, wer ich sei: Worte, wie "Oberlehrer", "Heuchelei" und "Lüge" kamen ins Spiel, gekrönt von dem Vorwurf, der "Gesetzlichkeit" vorschub leisten zu wollen.

Unter Gebet mühte ich mich weiter um Liebe, Demut und Wahrhaftigkeit und wies auf die Tatsache hin, dass meine Fragen noch immer nicht beanwortet seien und dass, neben immer neuen (und großteils unhaltbaren) Behauptungen, nun auch noch Beleidigungen und Unterstellungen hinzugekommen seien, gegen die ich mich - noch immer höflich und unter Hinweis auf mein wahres Wesen - verwehrte. 


Das Problem 

An dieser Stelle wurde mir klar, wo eigentlich das kommunikatorische Problem lag: Es lag nicht in unserem Willen zum Dialog. Auch nicht daran, dass der eine nicht hätte verstehen können, was der andere sagte. 

Das Problem lag tiefer: es lag in der dem Dialog zugrunde liegenden Systematik.

Aus Vermutungen, Hypothesen und Annahmen wurden - ohne weitere Prüfung - in den Augen meines Gegenübers Fakten. Statt konkreter Antworten kamen weitere Behauptungen. Und aus den Behauptungen wurden - wieder ohne weiteres Zutun - in den Augen meines Gegenübers Beweise. Und so wurde der Dialog quasi zum diadischen Monolog. Wir redeten aneinander vorbei. Jeder von uns am anderen.

Die Schwierigkeit scheint mir dabei eine epistemologische zu sein. Und genau hier setzt der Feind an: indem er uns die Wahrheit verdunkelt und damit die Erkenntnis. Und zwar nicht nur die Erkenntis des wahren Gegenstandes des Dialoges. Sondern auch und vor allem die Selbsterkenntnis darüber, dass mir eben diese Wahrheit verdunkelt ist. 

Unser Feind ist dabei so gerissen, dass er uns auch noch dieses Faktum, diese mangelnde Erkenntnis unserer Blindheit, mit einem Pseudo-Wissen verdeckt. Wir haben doch schließlich unsere eigenen Hypothesen klar erkannt? Schließlich haben wir doch allen Grund für unsere Behauptungen? Wozu noch Fragen beantworten, wenn alles so klar scheint?

Und hier liegt die Crux. Wie schon Wittgenstein sagte: "Wahrheit ist alles, was der Fall ist." Wahrheit ist immer kongruent mit der Realität. Wahrheit beruht auf Fakten, nicht allein auf Eindrücken oder Vermutungen. Wahrheit aber erschließt sich uns durch Fragen, auf die Antworten gefunden werden, nicht durch Eindrücke oder Meinungen, die als Fakten gesetzt werden.

Wo ein Dialog jedoch die Fragen des Gegenübers nicht mehr wahrnimmt, sondern sich in immer neuen Behauptungen ergeht, die in der jeweiligen Vorstellungswelt nur als Annahmen ihren Grund haben, nicht aber in der faktischen Realität, kann keine Erkenntnis mehr geschehen. Ja, nicht einmal mehr der Beweis dieses Mangels ist möglich - denn auch dieser müsste sich ja auf Fakten stützen. Fakten die - ob in Form von Fragen und Antworten oder in Form des Beweises von Behauptungen - sich dem Zugriff des Verblendeten entziehen: Wozu noch Antworten oder Beweise, wo doch die eigene Welt schon fertig scheint? 

Statt Frage und Antwort, Gegenfrage und Gegenantwort, statt These und Antithese und letztendlich Synthese, biegt der Dialog nach der Frage ab und ergießt sich in Behauptungen. Behauptungen, die sich aus der eigenen Vorstellungswelt speisen durch Vermutungen, Annahmen, Hypothesen und Ideen. Behauptungen, die, nach dem Beweis ihrer Faktizität befragt, nur noch weitere Behauptungen zur Antwort bekommen. Der Dialog dreht sich nicht einmal mehr im Kreis sondern verhindert sich selbst.

Das Wesentlichste aber ist: auf diese Weise ist es unmöglich! zweierlei zu erkennen: die Fehlerhaftigkeit der eigenen Schlüsse als auch die Fehlerhaftigkeit der eigenen Annahmen. Und so ist der Mensch ausgeschlossen von der Erkenntnis der Wahrheit  des Gesprächsgegenstandes und von der Erkenntnis der Wahrheit, dass er von dieser Wahrheit ausgeschlossen ist - und hat doch den Eindruck, alles sei beim Besten.


Die Strategie

Somit ist die Strategie des Feindes, die er dazu benutzt, uns zu blenden und uns im Hochmut unserer vermeintlichen Besserwisserei gefangen zu halten, klar:

1. Halte Deine Annahmen, Ideen, Hypothesen und Vermutungen für Fakten
2. Halte Deine darauf basierenden Schlüsse und Behauptungen für Beweise
3. Halte Deine Beweise für Begründung genug, keine Fragen zu beantworten
4. Beantworte keine Fragen sondern stelle immer neue Behauptungen auf
5. Spicke alles (ad hominem!) mit Angriffen auf die Integrität Deines Gegenübers
6. Wenn Dein Gegenüber noch mmer nicht locker lässt: breche den Dialog ab

Ihnen allen zugrunde liegt die Wurzel des Hochmuts: zu meinen, bereits zu wissen, was Faktum ist und es nicht mehr nötig zu haben, sich einem fragenden Dialog zu stellen. Es nicht mehr nötig zu haben, nach der Wahrheit zu suchen. Wie unendlich grotesk solcher Hochmut ist, wird uns vielleicht erst dann klar, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass es Jesus Christus selbst war, der von sich sagte, Er sei die Wahrheit in Person (Joh 14,6). 


Fazit

Der Glaube daran also, die Wahrheit bereits so vollständig erkannt zu haben, dass ich mich keiner Frage oder Rückfrage mehr zu stellen brauche, keinem beständigen Suchen nach Fakten, um aus Hypothesen Wissen zu gewinnen, kommt dem Anspruch gleich, den allmächtigen, allweisen und unendlichen Gott selbst verstanden haben zu wollen.

Diese Annahme, dieser Hochmut, macht uns - auf die oben gezeigte Weise - blind. Gott bewahre uns in unseren Gesprächen vor dieser Strategie des Feindes. Gott gebe uns, dass wir demütig genug bleiben, die Fragen unserer Dialogpartner ernst zu nehmen und sie zu beantworten und unsere eigenen Ideen und Annahmen zu hinterfragen - anstatt zu glauben, wir wüssten alle Antworten schon. Denn eben dieser Glaube ist Hochmut und führt nicht ins Licht, sondern in die Finsternis. Er macht uns blind für unsere eigenen Irrtümer und Fehler; im Reich Gottes, das auf Umkehr und Gnade ruht, der folgenschwerste Fehler überhaupt.

Samstag, 26. September 2015

Von der Gefahr des Hochmuts in theologischer Rechthaberei



TABLETALK FEBRUARY 2012, S. 27 

Von Dr. R.C. Sproul. jr.

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Michael Künnemann 

Überlasse es den reformierten Menschen, den Punkt zu verfehlen. Wenn Paulus den Leib Christi als einen Körper beschreibt, der zum Teil aus Händen, Ohren und so weiter besteht, sind wir schnell dabei unser Revier abzustecken - wir sind das Gehirn der Kirche. Wir sind diejenigen die mit Fug und Recht so besorgt um unsere Theologie sind. Die großen Denker der Kirche waren reformiert und man könnte sicher behaupten, dass der größte Denker, in theologischer oder anderer Hinsicht, der jemals die Küsten Nordamerikas beehrte, Jonathan Edwards war.


Es steht außer Frage, dass dieser Mann einen überragenden Intellekt hatte. Wir wären gut beraten, uns zu seinen Füßen zu setzen und von ihm zu lernen. Edwards über den Willen ist unwiderlegbar genial. Edwards über die Trinität wird Dich ganz wirr im Kopf machen. Edwards war ein gigantischer Geist, dessen Brillanz nur noch von seinem aufrichtigen und leidenschaftlichen Herzen überstrahlt wurde. Sollten wir die theologische Weisheit Edwards' zu eigen machen? Natürlich, auf jeden Fall. Es wäre jedoch noch besser, wenn wir vom Hingegebensein seiner Seele kosten würden.

Natürlich erhöhen wir die Inbrunst unserer Gefühle nicht, indem wir die Aufnahmefähigkeit unseres Gehirns herunterfahren. Noch werden wir jemals die Frucht des Geistes tragen, wenn die Saat des Wortes nur in den felsigen Boden unserer Gehirne, statt in den fruchtbaren Boden unserer Herzen pflanzen. Sicher müssen wir Ihn kennen um Ihn zu lieben. Sicher müssen wir Ihn studieren, um Ihn zu kennen. Doch niemand hat Ihn gründlicher studiert, als der Teufel und es hat ihm nicht im Mindesten gut getan. 

Erst vor einigen Wochen, während ich schreibe, öffnete das Reformation Bible College seine Türen zum ersten Mal. Der erste Kurs, den ich lehrte, hat einen ziemlich pompösen Namen: ST101 Theologische Prolegomena. Diese hochgestochene Überschrift bedeutet so ungefähr "Einführung in die Systematische Theologie". Es ist das Studium, welches wir betreiben, bevor wir unser Studium beginnen. Geschichtlich gesehen würde ein solcher Kurs, einleuchtender weise, mit der Lehre der Offenbarung beginnen, untersuchend, wie Gott Sich Selbst in Seinem Wort und der Natur offenbart. Er würde Kernpunkte des Kanons berücksichtigen und verschiedene Theorien der Inspiration. Wir werden, letztendlich, zu diesen wichtigen Punkten kommen. In einem anderen Semester werden wir unsere Aufmerksamkeit dem zuwenden, was wir "Theology Proper" [d.i. "Vom Wesen Gottes", ein Teilbereich der Systematischen Theologie, Anm. d. ÜS.] nennen, dem effektiven Studium des Wesens und der Eigenschaften Gottes. Ungeachtet des Unterrichtsstoffes dieses künftigen Kurses, begannen wir diesen ersten Kurs mit einem klassischen Werk, The Holiness of God.

Meine Befürchtung, im Blick auf diesen ersten Kurs war, dass wir in die Falle gehen würden, in die schon so viele reformierte Menschen tappten. Ich befürchtete, dass wir, selbst mit den herrlichen Wahrheiten der Schrift, dabei landen würden, den Ohren zu schmeicheln. Ich wäre schuldig, den Ohren zu schmeicheln, wenn ich, in meiner Lehre, die Studenten dazu ermutigte zu dem Schluss zu kommen, "Was für ein pfiffiger Mensch ich doch bin!" anstatt: "Was für ein herrliches Evangelium hat einen so elenden Sünder wie mich gerettet." Ich wollte uns, durch das gemeinsame Studium dieses Buches, ermöglichen, in den Spiegel Seines Charakters und Seiner Herrlichkeit zu sehen, um zu erkennen, abscheulich wir sind. I wollte, dass wir etwas vom Umfang Seiner Transzendenz verstehen auf dass wir jemals versucht wären, zu dem Schluss zu kommen, dass unsere Studien in den Himmel reichten, wie der Turm zu Babel. Ich hatte Angst um meine Studenten, gerade weil ich mich erinnerte, wie ich als Student so war. Mit was für einem cleveren Teufel wir doch kämpfen, der unser Studium einwandfreier Theologie in eine Gelegenheit zum Stolz verwandeln kann. 

Wir werden nicht gesund werden, bis wir diese offenkundige Wahrheit annehmen: Pfiffig zu sein ist keine der Früchte des Heiligen Geistes. (Hervorhebungen durch den ÜS.) Natürlich haben wir Gott mit unserem ganzen Verstand zu lieben. Doch wir sollen Gott mit all unserem Verstand lieben, Ihn nicht bloß verstehen. Wenn unser Wissen die Distanz von unseren Köpfen hinunter zu unseren Herzen nicht durchqueren kann, leiden wir unter geistlicher Leere. Wir werden nicht anfangen gesund zu werden, bis wir diese offenkundige Wahrheit annehmen: Wir kommen ins Königreich nicht als Wissenschaftler oder Studenten, sondern als Kinder.

Kurz: Wir werden nicht gesund werden wenn und bis wir nicht lernen aufzuhören, akademischem Respekt nachzulaufen, und zu beginnen, das Königreich Gottes und Seine Gerechtigkeit zu suchen. Wir sollen alle irdische Sorge hinter uns lassen. Wir sollen aufhören, zu suchen, was die Heiden suchen. Die Frucht der Liebe, ist letztendlich die Frucht des Geistes. Liebe zeugt Liebe. Liebe bringt Freude hervor. Liebe spendet Frieden. Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstdisziplin: all diese brechen hervor wie die großen Reben voll Trauben, welche die Israelitischen Späher im Gelobten Land fanden. Keine von diesen kommt jedoch hervor von dem unfruchtbaren Boden unserer intellektuellen Neugier, viel weniger noch von der verbrannten Erde intellektuellen Stolzes.

Edwards war ein großer Mann Gottes. Das war er jedoch, weil er erstrebte, ein Mann Gottes zu sein, anstatt ein großer Mann zu sein. Dass seine Nachkommenschaft Senatoren und Gouverneure waren, Professoren und Universitäts-Rektoren, bedeutete ihm gar nichts. Dass sie demütig dem Sohn des Zimmermanns aus Galiläa folgten - das war, was er hoffte und wofür er betete und arbeitete. Das ist die Frucht der Nächstenliebe.
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Dr. R.C. Sproul Jr. ist Lehrbeauftragter bei Ligonier Ministries, Gründer von Highland Ministries und Autor von Bound for Glory: A Practical Handbook for Rainsing a Victorious Family. Folge ihm auf Twitter @RCSproulJr.

Sonntag, 9. August 2015

Der Rangstreit der Jünger (Mt 18:1-5)

Text
 
1 Zu derselben Stunde traten die Jünger zu Jesus und fragten: Wer ist doch der Größte im Himmelreich? 2 Jesus rief ein Kind zu sich und stellte es mitten unter sie 3 und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. 4 Wer nun sich selbst erniedrigt und wird wie dies Kind, der ist der Größte im Himmelreich. 5 Und wer ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf.


Kommentar

Zusammenfassung

Zurück in Kapernaum, im Hause Petri, entlarvt Christus den heimlichen Rangstreit der Jünger und stellt ihnen die himmlischen Maßstäbe von groß und klein anhand eines Kindes vor Augen: Nur wer sich vom weltlichen Maßstab autonomer Macht abkehrt und zum demütigen Diener Gottes und seiner Nächsten wird, wird einmal Einlass bekommen und groß heißen in Gottes himmlischer Welt. Mit so zu Kindern gewordenen Nachfolgern macht sich der lebendige Gott eins.


Struktur

1 Von Jesus entlarvt, offenbaren die Jünger ihr Diskussionsthema: ihren Rangstreit.

2-4 An einem kleinen Kind illustriert Jesus die Qualitäten wahrer himmlischer Größe und mahnt seine Jünger zur Umkehr ohne die ihnen das Himmelreich verschlossen bliebe. 

5 Und er sagt denen, die zu solchen Kindern werden, zu, mit ihnen eins zu werden.


Inhalt

1 Zur gleichen Zeit und am gleichen Ort, in Petri Haus in Kapernaum wo auch Christus zu Hause war (Mk 9:33), sprach Jesus nicht nur mit Petrus über die Tempelsteuer, sondern klärte auch den Rangstreit der Jünger. 


Dabei traten die Jünger, wie wir aus den Synoptikern wissen, nicht ganz freiwillig zu Jesus (Vers 1). Er erkannte vielmehr schon die Gedanken ihres Herzens (Lk 9:46-47) und fragte sie, über was sie auf dem Wege nach Kapernaum miteinander diskutiert hätten und brachte sie so vorerst zu betretenem Schweigen (Mk 9:33-34). Dann erst bekennen sie ihm, worum es in ihrem Gespräch auf dem Heimweg gegangen war: sie wollten, wohl angeregt durch die Ankündigung des Sterbens ihres Herrn (Mt 17:23) wissen, wer im Himmelreich wohl der Größte unter ihnen sein würde.


2-4 Bevor er seine Antwort gibt, ja gerade um sie zu geben und zu illustrieren, ruft Jesus ein kleines Kind zu sich und stellt es - als Sinnbild - in die Mitte der Jünger. Und dann erst, angesichts dieses lebendigen Beispiels, lehrt er sie die himmlische Ordnung von groß und klein. 

So wichtig ist ihm, was er seine Jünger zu lehren hat, dass er seinen Satz mit einem "Amen", einem "So ist es" beginnt: wenn sie nicht kehrt machten, sich abkehrten von ihrem von der Welt und somit vom Feind geprägten Verständnis von groß und klein, so bliebe ihnen der Zutritt zu Gottes himmlischem Reich für immer versperrt! 

Nicht, was die Welt groß nennt, was prunkvoll ist und reich, mächtig oder bekannt, ist in Gottes Himmelreich groß. Nicht wer andere unterdrückt, niemandem gehorcht und sich selbst Gesetz ist gilt in der himmlischen Welt etwas.

Sondern was in den Augen der Welt klein, ja ein Nichts ist: Wer aus Liebe zu Gott, der ihn ohne Verdienst begnadigt hat, sich unter dessen Herrschaft stellt und so zu seinem Nächsten sich herabbeugt und sich niedrig macht, wer seine Gaben unter Gottes Herrschaft stellt, aus Liebe sich zum Letzten macht und - zur Freude und zum Dank von Gott und Menschen - helfend aller Diener wird (Mk 9:35), der ist wahrlich groß, ja der Größte, in Gottes Himmelreich.


5 Solche Umkehr aber und solches Niedrigsein hat weitreichende Folgen: Wer auch immer einen Jünger Christi bei sich aufnimmt - einen also, der sich abgekehrt hat von den Maßstäben dieser Welt und in Demut der Liebe gehorsam geworden ist, wie ein kleines Kind - der nimmt, so er es denn in Christi Namen und Auftrag tut, Christus selbst in sein Haus auf: (Joh 17:23), der sich mit ihnen eins gemacht hat.


Fragen zur praktischen Anwendung

1. Wo in Deinem Leben würdest Du selber gerne vor den Augen der Welt groß sein?
2. Willst Du herzlich davon umkehren und Christus in dienender Liebe nachfolgen?
3. Begreifst Du die Bedeutung, dass der Lebendige selbst sich mit Dir eins macht?