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Donnerstag, 15. Juni 2017

Echte Hingabe - Matthäus 26,39


Einleitung
Manchmal stehen wir im Leben vor Krisen, von denen wir nicht wissen, wie wir sie je überwinden sollen. Krisen, die so tief gehen, uns so sehr ans Herz reichen, dass wir nicht mehr verstehen können, warum Gott so etwas überhaupt zulässt. Warum er nicht antwortet. Warum er unsere Gebete nicht erhört. Und wir erkennen dabei nicht, dass nicht Gott es ist, der uns im Wege steht, sondern wir selbst. Wir erkennen oft nicht, dass die größten Steine, die in unserem Lebensweg liegen, zutiefst etwas mit uns zu tun haben, dass sie begründet sind in unserer ganz persönlichen Lebensgeschichte mit all ihren Prägungen, Verletzungen und in unserem sündigen Wesen und in der Art, wie wir mit den Problemen in unserem Leben umgehen. 


Worum es heute gehen wird
Ich möchte uns heute anhand von drei biblischen Lebensgeschichten (von Hiob, Abraham & Sarah und von Jakob & Esau) aufzeigen, was die Hintergründe unserer Krisen sind, und warum es Gottes Barmherzigkeit ist, die uns nicht einfach aus der Krise entlässt: Weil Gott sich wünscht, dass wir umgestaltet werden in Sein Bild, das Ebenbild Christi. Weil Gott sich wünscht, dass wir im tiefsten unseres Herzens frei werden von diesen unguten Zusammenhängen und im wahrsten Sinne des Wortes "gottlosen" Vorgängen in unserem Inneren, die uns quälen und binden.

Anhand der Lebensgeschichten von Hiob, Abraham und Jakob möchte ich uns mit hinein nehmen in das Grundproblem dieser Welt: den Schmerz. Unseren Schmerz. Und hinein in unsere Methoden, mit diesem Schmerz umzugehen. Ich möchte beleuchten, wohin uns dieser Schmerz und unsere gottlosen Methoden der Selbsthilfe führen. Und wie Gott uns in Seiner Gnade an eben diesen unseren Methoden scheitern lässt.

Und ich möchte aufzeigen, dass es einen Weg gibt. Keinen einfachen. Keinen leichten. Sondern einen Weg nach Gottes Willen. Einen Weg, der uns vielleicht alles, das für uns Höchste, das für uns Tiefste, das für uns Allerwertvollste, abverlangt. Ein echtes Opfer. Echte Hingabe. Einen Weg, der nur möglich ist durch das feste Vertrauen darauf, dass Gott sein Wort hält. Einen Weg, der uns letztlich an einen Ort bringt, an dem wir schon immer zu sein wünschten: den Ort, an dem sich Gottes Verheißungen erfüllen. An dem wir am Ende wirklich frei sind. Christus ähnlich. Umgestaltet in Gottes sein Bild.
 

Unser Schmerz
Hiob: Beginnen wir mit Hiob. Was war sein Schmerz? Und ich meine hier nicht die Krise, durch die ihn Gott hat gehen lassen. Sondern ein viel tiefer liegender Schmerz, der ihn zu dem machte, der er war: "fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und meidet das Böse." (Hi 1:8). 

In Hiob 1:4-5 lesen wir: "Und seine Söhne gingen hin und machten ein Gastmahl, ein jeder in seinem Hause an seinem Tag, und sie sandten hin und luden ihre drei Schwestern ein, mit ihnen zu essen und zu trinken. Und wenn die Tage des Mahles um waren, sandte Hiob hin und heiligte sie und machte sich früh am Morgen auf und opferte Brandopfer nach ihrer aller Zahl; denn Hiob dachte: Meine Söhne könnten gesündigt und Gott abgesagt haben in ihrem Herzen. So tat Hiob allezeit.“ 

Hiob opferte. Hiob war fromm. Aber warum? Hiob hatte Angst. Angst vor der Sünde. Angst vor Gottes Zorn. Bitte versteht mich richtig: es ist gut, die Sünde zu hassen. Es ist Gottes Gebot. Und Gott lobt ja auch den Hiob und sagt "Hast du achtgehabt auf meinen Knecht Hiob? Denn es ist seinesgleichen nicht auf Erden [...]" (Hiob 1:8). Aber in Hiobs Angst ist ein Element enthalten, das nichts mit wahrer Gottesfurcht zu tun hat, denn "Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus. Denn die Furcht rechnet mit Strafe; wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe." (1Joh 4:18). Lassen wir das einfach einmal so stehen. 


Abram und Sarai: Schauen wir auf Abram und Sarai. Was war ihr Schmerz? In 1Mo 11:30 lesen wir: "Aber Sarai war unfruchtbar und hatte kein Kind." Nur, wer einen herzlichen Kinderwunsch hat der unbeantwortet bleibt - und glaubt mir: ich weiß, wovon ich rede! - der weiß auch, was es bedeutet, dass sich diese tiefste Sehnsucht nicht erfüllt. Welchen Schmerz es bereitet, um sich glückliche Eltern zu sehen und zu wissen, dass man nicht weiß, wie es sich anfühlt, so einen kleinen Wurm in den eigenen Armen zu halten. Dass man nicht erlebt, wie einen so ein Sonnenschein anstrahlt, als sei man das Größte auf der ganzen Welt. So ging es Abram und Sarai. Sie hatten kein Kind. Lassen wir auch das erst einmal so stehen und schauen auf Jakob und Esau.


Jakob: Was war Jakobs Schmerz? In 1Mo 25,28 lesen wir: "Und Isaak hatte Esau lieb und aß gern von seinem Wildbret; Rebekka aber hatte Jakob lieb." Gott sei Dank hatte ich einen Vater, der mich geliebt hat. Das durfte ich, vor allen in seinen letzten Jahren, immer deutlicher erleben. Doch es gab auch Momente, in denen er meine Sohnschaft in Frage stellte. Nie werde ich den Satz vergessen: "Wenn Du nicht [dies und das tust] dann bist Du nicht mehr mein Sohn!“ Wie muss es Jakob geschmerzt haben, zu spüren, dass die Zuneigung seines Vaters, sein wohlwollender Blick, an ihm vorüber strich und auf Esau ruhen blieb. Wie sehr muss Jakob sich ersehnt haben, die Anerkennung und Wertschätzung seines Vaters zu erlangen.Und wie groß muss sein Neid gegenüber Esau gewesen sein, dem Erstgeborenen, dem heldenhaften Jäger, dem, der es in den Augen seines Vaters immer recht machte. 

Jakobs Schmerz lag in der Geringschätzung. Solche Schmerzen, solche Prägungen können sich wiederholen und sich im Laufe der Zeit verstärken. Mein großer Schmerz ist es, verlassen zu werden. Allein zu sein. Nicht gewollt. Bei der Geburt meines Bruders wurde ich für einige Wochen weggegeben und konnte nachher nicht mehr richtig sprechen. Nach der Scheidung meiner Eltern wurde ich von meiner Mutter verlassen. Meine erste große Liebe hat mich betrogen und verlassen. Und so ging es mir auch in meiner ersten Ehe: ich wurde betrogen und verlassen. So wird die Kerbe tiefer.


Unsere Selbsthilfe
Hiob: Wie gehen wir nun damit um? Wie reagieren wir? Was tun wir gegen diesen Schmerz? Nur zu oft versuchen wir, unserem alten Wesen folgend, das Problem ohne Gott zu lösen. Schauen wir auf Hiob. Hiob hatte Angst. Angst vor der Sünde. Angst vor Gottes Zorn. Und wie schützte er sich davor? Er wurde religiös. Bitte richtig verstehen: "[Hiob] war fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und mied das Böse." (Hiob 1:1) Doch seine Frömmigkeit reichte nicht bis in den Kern seines Wesens. Er hatte weder die Liebe und Barmherzigkeit Gottes in der Tiefe erkannt, noch die Sündhaftigkeit seiner eigenen Seele. Den Hochmut, zu dem sich seine Frömmigkeit mit der Zeit entwickelt hatte. 

Hören wir ihm zu in der Zeit seiner Krise: "Doch ich wollte gern zu dem Allmächtigen reden und wollte rechten mit Gott. Siehe, ich bin zum Rechtsstreit gerüstet; ich weiß, dass ich recht behalten werde. Wer ist, der mit mir rechten könnte? Denn dann wollte ich schweigen und zugrunde gehen." (Hiob 13:3.18.19) Hiob glaubt tatsächlich, sich in seiner frommen Werkgerechtigkeit mit Gott auf eine Stufe stellen zu können; ja, mit Gott rechten zu können. Ja, noch mehr: er glaubt, gegenüber dem Allmächtigen, gegenüber dem Allwissenden, gegenüber dem Gerechten, ja gegenüber dem HERRN des Universums, Recht behalten zu können. Lasst uns diesen Gedanken festhalten: unser Selbstschutz, unsere Selbsthilfe, hat einen Haken. 


Abram und Sarai: Auch bei Abram und Sarai. Auch Abram und Sarai versuchten, sich selbst zu helfen. In 1Mo 16:2 lesen wir: "Und Sarai sprach zu Abram: Siehe, der HERR hat mich verschlossen, dass ich nicht gebären kann. Geh doch zu meiner Magd, ob ich vielleicht durch sie zu einem Sohn komme. Und Abram gehorchte der Stimme Sarais."

Abram's und Sarai's Schmerz ist ihre Kinderlosigkeit und die draus entspringende, tiefe Traurigkeit. Und die Methode ihrer Selbsthilfe ist Eigenmächtigkeit: sie nehmen ihre Familienplanung einfach selber in die Hand - und zwar vorbei an Gottes Plan - und vorbei an Gottes Verheißung, wie wir später noch sehen werden. Und auch ihr Selbstschutz und ihre Selbsthilfe gehen nach hinten los. In 1Mo 16:5, keine 3 Verse später, lesen wir: "Da sprach Sarai zu Abram: Das Unrecht, das mir geschieht, komme über dich! Ich habe meine Magd dir in die Arme gegeben; nun aber, da sie sieht, dass sie schwanger geworden ist, bin ich gering geachtet in ihren Augen." Lasst uns diesen Gedanken weiter festhalten: unser Selbstschutz, unsere Selbsthilfe, hat einen Haken. 


Jakob: Auch bei Jakob. Jakobs Schmerz war die fehlende Liebe, Achtung und Wertschätzung seines Vaters und sie mündete im Neid gegenüber seinem Bruder. Doch wie versuchte Jakob seinen Schmerz zu überwinden? Wir wissen: Er erschlich sich das Recht der Erstgeburt durch einen massiven Betrug: er gab sich, seinem schon auf dem Sterbebett liegenden! Vater gegenüber, als Esau aus. Dreimal belügt er ihn. Dazu täuscht er ihn durch Verkleidung, durch Verstellen seiner Stimme und ein verlogenes letztes Abendessen. Er lügt und betrügt, dass sich die Balken biegen. 

Und auch hier geht der Schuss nach hinten los: "Als Esau diese Worte seines Vaters hörte, schrie er laut und wurde über die Maßen sehr betrübt und sprach zu seinem Vater: Segne mich auch, mein Vater! Er aber sprach: Dein Bruder ist gekommen mit List und hat deinen Segen weggenommen. Da sprach er: Er heißt mit Recht Jakob [=Betrüger], denn er hat mich nun zweimal überlistet. Meine Erstgeburt hat er genommen und siehe, nun nimmt er auch meinen Segen." und "Und Esau war Jakob gram um des Segens willen, mit dem ihn sein Vater gesegnet hatte, und sprach in seinem Herzen: Es wird die Zeit bald kommen, dass man um meinen Vater Leid tragen muss; dann will ich meinen Bruder Jakob umbringen." (1Mo 27:34-36.41). Jakobs Selbsthilfe-Methode ist die List. Und sie führt ihn in einen bald unüberwindlichen Zwist mit seinem Bruder Esau, der ihn wegen seines Betruges so sehr hasste, dass er plante, ihn kaltblütig zu ermorden.   

Nach diesen Ereignissen floh Jakob nach Haran zu seinem Onkel Laban. Zwanzig Jahre sollte er dort bleiben. Und zwanzig Jahre lang kam er durch mit seiner List, mit seinen verschlagenen Methoden, die ihn am Ende all die Anerkennung und das Ansehen eingebracht zu haben schienen, die er schon immer erstrebt hatte, so dass es von ihm hieß "[So] wurde der Mann über die Maßen reich [...]" Zwanzig Jahre sollte es dauern - bis Gott ihn in die Krise führte. 


Die Krise
Hiob: Wie lange es bei Hiob dauerte, wissen wir nicht. Aber wir wissen, dass die Krise ihn an die Grenzen menschlicher Leidensfähigkeit brachte. Was war Hiob's Krise? Den Gipfel seiner Krise erlebte Hiob, als seine Gebete unerhört blieben. Seine ganze Frömmigkeit und Redlichkeit nützen ihm nichts mehr. Sie funktionieren nicht. Sein Selbstschutz - seine Selbsthilfemaßnahmen versagten: Gott blieb verborgen. Und das machte Hiob Angst. Oder besser: Es verschärfte die Angst, die er schon von Anfang an hatte: dass Gott ihn straft. Und es trieb ihn zur Verzweiflung, dass seine Methode nicht mehr funktionierte. Sein Weltbild brach zusammen.

Ich glaube den Höhepunkt seiner Krise -  den tiefsten Schmerz seiner Seele - finden wir im 23. Kapitel, wo es heißt: "Ach dass ich wüsste, wie ich ihn finden und zu seiner Stätte kommen könnte! So würde ich ihm das Recht darlegen und meinen Mund mit Beweisen füllen und erfahren die Reden, die er mir antworten, und vernehmen, was er mir sagen würde. Würde er mit großer Macht mit mir rechten? Nein, er selbst würde achthaben auf mich. Dort würde ein Redlicher mit ihm rechten, und für immer würde ich entrinnen meinem Richter! Aber gehe ich nach Osten, so ist er nicht da; gehe ich nach Westen, so spüre ich ihn nicht. Wirkt er im Norden, so schaue ich ihn nicht; verbirgt er sich im Süden, so sehe ich ihn nicht. Er aber kennt meinen Weg gut. Er prüfe mich, so will ich befunden werden wie das Gold. Denn ich hielt meinen Fuß auf seiner Bahn und bewahrte seinen Weg und wich nicht ab und übertrat nicht das Gebot seiner Lippen und bewahrte die Reden seines Mundes bei mir. Doch er hat's beschlossen, wer will ihm wehren? Und er macht's, wie er will. Ja, er wird vollenden, was mir bestimmt ist, und hat noch mehr derart im Sinn. Darum erschrecke ich vor seinem Angesicht, und wenn ich darüber nachdenke, so fürchte ich mich vor ihm. Gott ist's, der mein Herz mutlos gemacht, und der Allmächtige, der mich erschreckt hat; denn nicht der Finsternis wegen muss ich schweigen, und nicht, weil Dunkel mein Angesicht deckt." (Hiob 23:1-17) Das ist Hiobs Krise: Seine Frömmigkeit und seine Redlichkeit versagen. Er kann sich aus der Krise nicht selbst befreien. 


Abram + Sarai: Auch Abraham und Sarah ging es so. Sie werden immer älter. Auch ihr Selbstschutzmechanismus ist nach hinten los gegangen. Und als Abraham schließlich 99 Jahre alt ist, scheint alle Hoffnung verloren. Die Krise von Abraham und Sarah liegt im Wettlauf gegen die Zeit. Sie sind ihrer Kinderlosigkeit mit fortschreitendem Alter immer hilfloser ausgeliefert. Sie können an Sarah's Unfruchtbarkeit nichts ändern. 


Jakob: Und auch Jakob muss sich seinen Methoden stellen. Auch ihn führt Gott in die Krise. Jakob erfährt, dass sein Bruder Esau, den er um sein Erstgeburtsrecht betrogen hatte, ihm mit einem ganzen Heer entgegen zieht: "Die Boten kamen zu Jakob zurück und sprachen: Wir kamen zu deinem Bruder Esau, und er zieht dir auch entgegen mit vierhundert Mann. Da fürchtete sich Jakob sehr und ihm wurde bange." (1Mo 32:7-8). So groß war Jakobs Angst, dass er betete: "Gott meines Vaters Abraham und Gott meines Vaters Isaak [...] Errette mich von der Hand meines Bruders, von der Hand Esaus; denn ich fürchte mich vor ihm, dass er komme und schlage mich, die Mutter samt den Kindern." (1Mo 32:10-12) So sehr hat sich der Zwist mit seinem Bruder Esau inzwischen ausgeweitet, dass Jakob befürchten muss, dass eine tödliche kriegerische Auseinandersetzung mit Esau, ihn und seine Familie das Leben kosten könnte. Und er weiß keinen Ausweg mehr - er fürchtet um sein Leben. 

An dieser Stelle möchte ich kurz anhalten, und Dich fragen: Was ist Dein Schmerz? Was ist Dein Selbstschutz? Was ist Deine Selbsthilfe? Was ist Deine Krise? An welcher Stelle versagt Dein Weltbild? An welcher Stelle versagen Deine Methoden? An welcher Stelle verstehst Du Gott nicht mehr? Ist es ein unerfüllter Heilungswunsch? Oder ein unerfüllter Kinderwunsch? Sind es scheinbar unüberwindliche Familien oder Eheprobleme? Ist es der nicht verwundene Verlust eines geliebten Menschen? Oder eine unüberwindliche Sucht? Ist es Dein Charakter? Was auch immer es ist --- lass es los!


Echte Hingabe
Doch ist das nicht genau das eigentliche Problem? Ist das nicht der eigentliche Grund, aus dem uns Gott überhaupt in diese Krise gestellt hat? Dass wir nicht loslassen wollen? Dass wir unseren Willen, ohne Gott mit allem fertig zu werden, gar nicht aufgeben wollen? 

Doch, was ist der Grund dafür? Ich denke, es ist die Angst. Angst vor den Schmerzen, die dieses Loslassen bedeuten würde. Die Angst vor der Ungewissheit. Die Angst vor dem, was passieren könnte (und dürfte!) wenn ich wirklich die Kontrolle an Gott abgebe. Die Angst, was er wohl tun würde, wenn ich tatsächlich vollkommen hilflos und abhängig dem Plan des Allmächtigen ausgeliefert wäre. Doch genau darum geht es. Martin Luther hat es damals so formuliert: "Du bittest, ich soll dich erlösen; laß dir nicht leid sein; lehre du mich nicht, lehre dich auch nicht, laß dich mir, ich will dir Meisters genug sein, ich will dich führen den Weg, darin du mir gefällig wandelst. Dich dünkt, es sei verderbt, wenn es nicht geht, wie du denkst; dein Denken ist dir schädlich und hindert mich, es muß gehen nicht nach deinem Verstande, sondern über deinen Verstand. Senke dich in Unverstand, so gebe ich dir meinen Verstand. Unverstand ist der rechte Verstand; nicht wissen, wohin du gehst, das ist recht wissen, wohin du gehst. Es ist der Weg des Kreuzes, den kannst du nicht finden, sondern ich muß dich führen als einen Blinden; darum nicht du, nicht ein Mensch, nicht eine Kreatur, sondern ich, ich selbst will dich unterweisen durch meinen Geist und Wort den Weg, darin du wandeln sollst; nicht das Werk, das du erwählst, nicht das Leiden, das du erdenkst, sondern das dir wider dein Denken, Erwählen, Begehren zukommt, da folge, da rufe ich, da sei Schüler; da ist es Zeit, dein Meister ist da; da sei nicht ein Pferd oder unvernünftiges Tier."  Es ist der Weg des Kreuzes.
 

Echte Hingabe
Es ist der Weg, den Jesus ging. Es ist der Weg, auf den ER uns ruft: "Da sprach Jesus zu seinen Jüngern: Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir." (Mt 16:24) Es ist die Entscheidung, nicht den eigenen Willen festzuhalten, nicht die eigene Gerechtigkeit und Frömmigkeit, nicht die eigene Macht und Fähigkeit, nicht die eigene List und Tücke. Es ist die Entscheidung, Christus nachzufolgen, im ähnlich zu werden, so zu entscheiden, wie er. Es ist die Entscheidung, ihm nachzusprechen, was Er, auf Seinem Angesicht liegend und zu Gott flehend, in Gethsemane betete: "Mein Vater, ist's möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst!" (Mt 26:39)

Gottes Verheißung
Vielleicht geht es Dir jetzt, wie mir: Du sagst in Deinem Herzen: "Sorry! Das ist echt zu viel verlangt. Das kann ich nicht. Das will ich auch gar nicht. Ich habe Angst! Wie soll ich die je überwinden? Wie ich das jemails schaffen?" Und in gewisser Hinsicht hast Du Recht: Du kannst es nicht. Jesus selbst hat es gesagt: "[...] ohne mich könnt ihr nichts tun." (Joh 15:5). 

Aber ER kann es. "Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich." (Lk 1:37). Es braucht nicht Deine Kraft, Deine Willensanstrengung, Deine Überwindung. Es braucht ein Wunder. Ein Wunder, dass nur Gott wirken kann, wenn Du ihn lässt. Er zwingt Dich nicht. Er wartet. Alles was er will ist, dass Du ihm erlaubst, Sein Werk zu tun. Und dass Du ihm vertraust. Seinem Wort vertraust. 

Die Krisen unseres Lebens meistern wir nicht aus eigener Kraft. Wir meistern sie in der Erkenntnis Gottes' Wesens: dass ER gut ist - und dass ER Sein Wort hält. Weil er gar nicht anders kann. Weil ER der ist: der "Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben." (Gal 2:20). ER "ist wahrhaftig" (Röm 3:4) Wir meistern die Krisen unseres Lebens im Vertrauen auf Gottes Wort, auf Seine unumstößlichen Zusagen, im Vertrauen auf Seine Verheißungen, die ER uns gegeben hat --- Sein "Wort ist die Wahrheit." (Joh 17:17).


Hiob: So erlebte es Hiob. Das Vertrauen auf Gottes Wesen und Sein Wort war es, das ihm die Hoffnung gab, auszurufen: „[...] ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben. Und ist meine Haut noch so zerschlagen und mein Fleisch dahingeschwunden, so werde ich doch Gott sehen. Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust.“ – und so kam es tatsächlich: Gott begegnete ihm.


Abraham + Sarah: Das war die Hoffnung Abrahams und Sarahs, denn sie vertrauten darauf, dass GOTT tun kann, was sie nie hätten tun können – und dass ER halten würde, was ER versprach: "Du sollst Sarai, deine Frau, nicht mehr Sarai nennen, sondern Sara soll ihr Name sein. Denn ich will sie segnen, und [...] von ihr will ich dir einen Sohn geben; ich will sie segnen, und Völker sollen aus ihr werden und Könige über viele Völker." (1.Mo 17:15)

 
Jakob: Auch Jakob hätte sich seine eigenen Listen und Betrügereien sparen können, hatte Gott doch schon seiner Mutter prophezeit: "Zwei Völker sind in deinem Leibe, und zweierlei Volk wird sich scheiden aus deinem Schoß; und ein Volk wird dem andern überlegen sein, und der Ältere wird dem Jüngeren dienen." (1Mo 25:23) Diese Verheißung an Jakob erneuerte Gott in Bethel und sprach: "Ich bin der HERR, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich Dir und Deinen Nachkommen geben. Und Dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, [...] durch Dich und Deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, [...]. [...] ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe." (1Mo 27:10-15) 

Und auch dieses Versprechen löste Gott ein: Am Jabbok, direkt vor seiner Begegnung mit Esau, erfährt Jakob das Wunder: Gott erlöst sein Wesen und gibt ihm zum Zeichen einen neuen Namen: "Er sprach: Du sollst nicht mehr Jakob [„Betrüger“] heißen, sondern Israel [„Gott möge schützen“] Und er segnete ihn daselbst. Und Jakob nannte die Stätte Pnuël [...] Und als er an Pnuël vorüberkam, ging ihm die Sonne auf; [...]" (1Mo32:29-32) Und er versöhnte sich mit Esau. 

Ihr Lieben! Unser Gott ist gut und treu! ER hält Sein Wort. Immer. Amen.
 

Fazit / Aufruf
Was willst Du? Was willst Du loslassen? Was ist Deine ‚Lösung‘? Was ist Deine Verheißung?

Sonntag, 20. Dezember 2015

Die Herrlichkeit der Reichen ist Trug und Schein (Ps 49:1-21)

Text

1 "Ein Psalm der Söhne Korach, vorzusingen, nach der Weise »Jugend«." 2 Höret zu, alle Völker; merket auf, alle, die in dieser Zeit leben, 3 einfache Leute und Herren, Reich und Arm, miteinander! 4 Mein Mund soll Weisheit reden, und was mein Herz sagt, soll verständig sein. 5 Ich will einem Spruch mein Ohr neigen und mein Rätselwort kundtun beim Klang der Harfe. 6 Warum sollte ich mich fürchten in bösen Tagen, wenn mich die Missetat meiner Widersacher umgibt, 7 die sich verlassen auf Hab und Gut und pochen auf ihren großen Reichtum? 8 Kann doch keiner einen andern auslösen oder für ihn an Gott ein Sühnegeld geben 9 - denn es kostet zu viel, ihr Leben auszulösen; er muss davon abstehen ewiglich -, 10 damit er immer weiterlebe und die Grube nicht sehe. 11 Nein, er wird sehen: Auch die Weisen sterben, / so wie die Toren und Narren umkommen; sie müssen ihr Gut andern lassen. 12 Gräber sind ihr Haus immerdar, ihre Wohnung für und für, und doch hatten sie große Ehre auf Erden. 13 "Ein Mensch in seiner Herrlichkeit kann nicht bleiben," "sondern" "muss davon wie das Vieh." 14 Dies ist der Weg derer, die so voll Torheit sind, und das Ende aller, denen ihr Gerede so wohl gefällt. "SELA". 15 Sie liegen bei den Toten wie Schafe, der Tod weidet sie; aber die Frommen werden gar bald über sie herrschen, und ihr Trotz muss vergehen; bei den Toten müssen sie bleiben. 16 Aber Gott wird mich erlösen aus des Todes Gewalt; denn er nimmt mich auf. "SELA". 17 Lass es dich nicht anfechten, wenn einer reich wird, wenn die Herrlichkeit seines Hauses groß wird. 18 Denn er wird nichts bei seinem Sterben mitnehmen, und seine Herrlichkeit wird ihm nicht nachfahren. 19 Er freut sich wohl dieses guten Lebens, und man preist dich, wenn es dir gut geht. 20 Aber doch fahren sie ihren Vätern nach und sehen das Licht nimmermehr. 21 "Ein Mensch in seiner Herrlichkeit kann nicht bleiben," "sondern muss davon wie das Vieh."


Kommentar

Zusammenfassung

Dieser letzte im zweiten Buch der Psalmen aufgeführte Psalm der Korahleviten verkündet der ganzen Welt, ungeachtet deren Stand und Vermögen, Weisheit: es ist die Antwort auf die rätselhafte Frage nach dem Umgang des Gottesfürchtigen mit der Bosheit der Gewaltigen. Die Antwort lautet: Der Böse wird vergehen, Du aber bleibst - dank der erlösenden Gnade - in alle Ewigkeit bei Gott. Darum lass Dich nicht erbittern und fürchte Dich nicht.


Struktur

1 Auch dieses, als letztes im zweiten Psalmenbuch verzeichnete, Vortragslied der Korahleviten ist dem Chorleiter gewidmet.

2-5 Der Psalmist ruft, ungeachtet des Standes, der ganzen Welt zu, seine Botschaft zu hören: der weisen Antwort auf eine rätselhafte Frage, über die er lange nachgedacht hat.

6-7 Die Frage ist: Warum sollten wir uns vor der Bosheit der Gewaltigen fürchten?

8-13 Die Antwort: Wir sollten uns nicht fürchten. Denn selbst der Mächtigste kann sich nicht selbst vom Urteil Gottes über seine Sünde erlösen. Vielmehr wird er sterben, wie das Vieh.

14-16 Doch so sicher der Gottlose sterben muss und bessere nach ihm kommen, so sicher wird der Gottesfürchtige von Gott erlöst werden; von des Todes Gewalt zum ewigen Leben.

17-21 Das Fazit: Das Drohen der Mächtigen soll uns, im Angesicht der Ewigkeit, nicht anfechten. Denn sie werden mitsamt ihrem Reichtum, ihrer Macht und ihrem Ansehen vergehen.


Inhalt

1 Auch Psalm 49 (Buber: "ein Harfenlied"), das letzte dem zweiten Psalmbuch zugeordnete Vortragslied der Korahleviten, ist dem Chorleiter gewidmet. Schon in den Psalmen 44-47 und so auch hier müsste es also zu Beginn heißen: "Dem Chorleiter." und hier weiter: "Von den Söhnen Korach. Ein Psalm."

In der Übersetzung Luthers jedoch fehlt diese Widmung. Zudem geht der angefügte Hinweis "nach der Weise »Jugend«" nicht auf Luther, der sich auf den hebräischen Urtext stützte, zurück - sie ist in den Ausgaben von 1545 und auch in der Revision von 1912 nicht zu finden - sondern wurde erst mit der Revision von 1984 eingefügt.

2-5 Wie ein Herold die Bürger einer Stadt auf den Marktplatz ruft, um seines Königs Willen zu verkünden, so ruft der Psalmist allen Völkern seiner Zeit zu, ihm ihr Gehör und ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Ganz egal, ob es einfache Bürger sind oder die oberen Zehntausend, egal ob sie arm sind oder reich, so bedeutungsvoll ist die Botschaft, dass alle miteinander hören sollen, was der Psalmdichter zu sagen hat:

Die Weisheit, die er in einem Sprichwort, dem er aufmerksam lauschte, vernommen und in seinem Herzen bewegt hat, will er in verständlicher Weise darlegen. Es ist die Antwort auf eine rätselgleiche Frage, die ihm dabei in den Sinn gekommen ist. Und diese Frage ist es, die er zur Musik der Harfe beantworten will.

6-7 Die Frage lautet: "Warum sollte ich mich in schlechten Zeiten fürchten? Warum sollte ich mich fürchten, wenn ich von der Bosheit meiner Feinde umgeben bin? Von prahlerischen Menschen, die sich auf ihr Vermögen verlassen und viel Wind um ihre Besitztümer machen?"

8-13 Die Antwort des Psalmisten liegt in der Zeit, in der Hilflosigkeit des sündigen Menschen gegenüber Gottes gerechtem Urteil über die Sünde und in der noch unsichtbaren Ewigkeit:

Wieviel Geld sie auch haben mögen, als Lösegeld für's ewige Leben wird es nicht reichen. Kein sündiger Mensch kann eines anderen Sünden sühnen oder ihn - schon gar nicht mit Geld - vor Gott freikaufen von seiner gerechten Strafe, das ist: vom Grab und vom ewigen Tod.

Von diesem Gedanken kann er sich für ewig verabschieden, ist doch offensichtlich, dass alle Menschen sterben müssen. Alle trifft das gleiche Los. Egal ob sie Narren oder Weise waren, ihr Vermögen, mit dem sie sich so brüsteten, können sie nicht mitnehmen, sondern müssen es anderen überlassen.

Vielmehr ist es so, dass, egal wie berühmt sie zu Lebzeiten gewesen sein mochten (selbst wenn ganze Länder nach ihnen benannt worden sein sollten, vgl. NeÜ), sie zu Grabe fahren und sie für immer im Totenreich ihre Heimat haben werden. Der Kehrvers fasst die Antwort des Psalmisten auf die Frage nach dem Sinn der Furcht vor der Bosheit der Mächtigen so brillant zusammen: "Ein Mensch in seiner Herrlichkeit kann nicht bleiben, sondern muss davon wie das Vieh."

14-16 Noch einmal bestätigt der Psalmist das soeben Gesagte, so wichtig ist ihm seine Botschaft: Genau so wird es allen Narren gehen, genau so werden alle Prahlhanse enden: sie werden sterben und ihr Leib wird zerfallen (Luther: "ihr Trotz muss vergehen"). Die Herde ihrer Gräber hütet der Tod, dort müssen sie bleiben. Und schon morgen werden Aufrichtige an ihrer Stelle herrschen.

Doch für die Gottesfürchtigen besteht Hoffnung über den Tod hinaus: Gott selbst wird es sein, der Allmächtige persönlich, der uns aus den Krallen des Todes reißt und unser Leben vom Verderben erlöst. Und, Gott sei Dank!, das ist nun geschehen! Im Markusevangelium lesen wir von Jesus Christus, dem Mensch gewordenen Gott: "Denn ... der Menschensohn ist ... gekommen, ... dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele." (Mk 10:45)

In Seiner Erlösungstat allein liegt unsere Hoffnung auf ewiges Leben, ein Leben, welches uns, befreit von aller Schuld und damit von der Macht des Todes (Röm 8:2, 2Tim 1:10, Hebr 2:14, Offb 20:6) und welches gekrönt wird mit der herzlichen Güte Gottes, der uns bei sich aufnimmt, damit wir, mit herrlichen Wohnungen beschenkt, da sind, wo Er ist, der uns geliebt hat his in den Tod (vgl. Joh 14:2, Joh 17:24).

17-21 In den letzten Versen fasst der Psalmdichter das Gesagte noch einmal zusammen: Es soll uns nicht ärgern, wenn ein Mensch zu großem Wohlstand kommt und sein öffentliches Ansehen wächst. Angesichts der Ausgangsfrage: "Wozu sollte ich mich in schlechten Zeiten fürchten - in Zeiten, wenn ich von der Bosheit prahlerischer Menschen umgeben bin, die auf ihr Vermögen pochen?" ist nun klar: der Mächtige und Reiche, der Prahlhans und Narr wird nichts mitnehmen, wenn er stirbt und auch sein weltlicher Ruhm und sein Reichtum werden ihm nicht ins Grab folgen.

Wohl mag er sich dieses Lebens gefreut und nach dem Motto gelebt haben: "Lass es Dir gut gehen, dann schmeichelt man Dir!" und doch muss er, wie seine Vorfahren, sterben und sind in ihrer Gottlosigkeit für immer und ewig abgeschnitten von Christus, dem Licht der Welt und des Lebens (Joh 8:12).

Noch einmal bringt es der Kehrvers auf den Punkt: Solche Menschen sind am Ende ihres Lebens nicht besser daran, als das Vieh. Und dann gilt endlich, was schon Salomo sagte: "dem Menschen, der ihm gefällt, gibt [Gott] Weisheit, Verstand und Freude; aber dem Sünder gibt er ..., dass er sammle und häufe und es doch dem gegeben werde, der Gott gefällt. Auch das ist eitel und Haschen nach Wind." (Pred 2:26)


Fragen und Anregungen zur praktischen Anwendung
  • Gibt es gottlose Menschen in Deinem Leben, die Dich bedrängen und ängstigen?
  • Vertraue auf Gott, der Dich erlöst hat und aus Liebe zu Dir am Kreuz Sein Leben ließ.
  • Und sieh auf das Ende der Geschichte in der Herrlichkeit: Sieh auf zu Christus, "den Anfänger und Vollender des Glaubens, der um der vor ihm liegenden Freude willen die Schande nicht achtete und das Kreuz erduldete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes." (Heb 12:2, ELB)

Samstag, 22. November 2014

Hat Gott sein Volk verstoßen? (Ps 44:1-27)

Text

1
"Eine Unterweisung der Söhne Korach, vorzusingen." 2 Gott, wir haben mit unsern Ohren gehört, / unsre Väter haben's uns erzählt, was du getan hast zu ihren Zeiten, in alten Tagen. 3 Du hast mit deiner Hand die Heiden vertrieben, sie aber hast du eingesetzt; du hast die Völker zerschlagen, sie aber hast du ausgebreitet. 4 Denn sie haben das Land nicht eingenommen durch ihr Schwert, und ihr Arm half ihnen nicht, sondern deine Rechte, dein Arm und das Licht deines Angesichts; denn du hattest Wohlgefallen an ihnen. 5 Du bist es, mein König und mein Gott, der du Jakob Hilfe verheißest. 6 Durch dich wollen wir unsre Feinde zu Boden stoßen, in deinem Namen niedertreten, die sich gegen uns erheben. 7 Denn ich verlasse mich nicht auf meinen Bogen, und mein Schwert kann mir nicht helfen; 8 sondern du hilfst uns von unsern Feinden und machst zuschanden, die uns hassen. 9 Täglich rühmen wir uns Gottes und preisen deinen Namen ewiglich. "SELA". 10 Warum verstößest du uns denn nun / und lässest uns zuschanden werden und ziehst nicht aus mit unserm Heer? 11 Du lässest uns fliehen vor unserm Feind, dass uns berauben, die uns hassen. 12 Du gibst uns dahin wie Schlachtschafe und zerstreust uns unter die Heiden. 13 Du verkaufst dein Volk um ein Nichts und hast mit ihrem Kaufgeld nichts gewonnen. 14 Du machst uns zur Schmach bei unsern Nachbarn, zu Spott und Hohn bei denen, die um uns her sind. 15 Du machst uns zum Sprichwort unter den Heiden, lässt die Völker das Haupt über uns schütteln. 16 Täglich ist meine Schmach mir vor Augen, und mein Antlitz ist voller Scham, 17 weil ich sie höhnen und lästern höre und muss die Feinde und Rachgierigen sehen. 18 Dies alles ist über uns gekommen; und wir haben doch dich nicht vergessen, an deinem Bund nicht untreu gehandelt. 19 Unser Herz ist nicht abgefallen noch unser Schritt gewichen von deinem Weg, 20 dass du uns so zerschlägst am Ort der Schakale und bedeckst uns mit Finsternis. 21 Wenn wir den Namen unsres Gottes vergessen hätten und unsre Hände aufgehoben zum fremden Gott: 22 würde das Gott nicht erforschen? Er kennt ja unsres Herzens Grund. 23 Doch um deinetwillen werden wir täglich getötet und sind geachtet wie Schlachtschafe. 24 Wache auf, Herr! Warum schläfst du? Werde wach und verstoß uns nicht für immer! 25 Warum verbirgst du dein Antlitz, vergissest unser Elend und unsre Drangsal? 26 Denn unsre Seele ist gebeugt zum Staube, unser Leib liegt am Boden. 27 Mache dich auf, hilf uns und erlöse uns um deiner Güte willen!


Kommentar

Zusammenfassung

Gottes Gnade, nicht eigene Kraft waren der Grund früherer Siege, so lehrt dieser Weisheitspsalm das Volk Gottes anhand der Überlieferung von der Landnahme - und das aus gutem Grund: Wegen seines Glaubens verfolgt, erleidet das Volk Gottes Niederlagen, Spott und Hohn in solchem Ausmaß, dass es scheint, Gott habe sie vergessen. So lenkt denn der Psalm, in der Bitte um Erlösung des Volkes, dessen Besinnung auf das verlässlichste Gut: die Gnade und Barmherzigkeit Gottes: sein gütiges Wohlgefallen.


Struktur

1 Der von den Korahleviten verfasste Psalm dient der Unterweisung der Gemeinde

2-4
Zu Beginn preist der Psalmisst Gottes Taten bei der Landnahme unter Josua

4-9 Die Gnade ihres lobenswerten Gottes, nicht eigene Kraft, war und ist ihre Hilfe

10-13 Klage über scheinbare Gottesferne: Niederlage, Plünderung und Vetreibung

14-17
Schmach & Schande, Spott & Hohn der heidnischen Nachbarn sind die Folge

18-20 Vernichtung und Verzweiflung machen keinen Sinn: Das Volk war nicht gottlos

21-23
Gott ist Zeuge: sein Volk ist treu und wird nur um des Glaubens willen verfolgt

24-27 Eindringlichstes Gebet: Gott möge 'erwachen' und sie aus Gnaden erlösen


Inhalt

1 Dieses Psalmlied soll der Gemeinde Gottes als Gesang zur Unterweisung vorgetragen werden. Die als Komponisten und Dichter genannten "Söhne Korach" sind dabei nicht die leiblichen Söhne Korachs, welcher durch ein Gottesurteil das Leben verlor (vgl. 4. Mose 16:32). Es sind die Korahleviten, deren Amtsnachfolger.

2-4 Der vorliegende Psalm spricht zu Beginn von Gottes Großtaten aus längst vergangener Zeit (*), die in Form von Erzählungen von den Vätern an die Söhne und von diesen an wieder deren Söhne überliefert wurde und welche von Gottes mächtigem Handeln während des Einzugs des Volkes Israel ins gelobte Land berichtet: von der Zerschlagung und Vertreibung der heidnischen Völker und der Einsetzung Israels, wie wie im Buch Josua beschrieben sind.

4-9 Dabei weist dieser zur Erlangung von Weisheit gedichtete Psalm gleich zu Beginn auf den Schlüssel zur Wahrheit hin: Nicht durch eigene Waffengewalt oder menschliche Stärke wurden die Schlachten vor Alters her gewonnen, sondern durch Gottes Stärke und vor allem aufgrund Seiner Gnade. Sein gnädiges Wohlgefallen und seine Barmherzigkeit waren es, Seine Allmacht und die strahlende Herrlichkeit  Seines Angesichts (vgl. Mt 17:2, Offb 1:16), welche die Landnahme begründeten.

Ganz persönlich bekennt es der Psalmist - und mit ihm die singende Gemeinde - Wer Der ist, von Dem sie sich Beistand versprechen: Es ist ER, der Allmächtige, der ewige König (1Tim 1:17). Doch trotz Seiner Allmacht und Königsherrschaft ist Er nicht ein fremder Gott oder ein ferner König. Dem Psalmisten ist Er vertraut; Er ist ihm lieb und teuer. Er nennt ihn "Du", "*mein* König" und "*mein* Gott".

Mit Ihm und durch Ihn will er, gemeinsam mit Gottes Volk, diejenigen stürzen, die ihnen feindlich gesinnt sind. In Seinem Auftrag will er diejenigen unterwerfen, die gegen ihn und sein Volk in den Kampf ziehen. Und - wie seine Vorfahren - will er sich nicht auf seine eigene Waffengewalt verlassen, sondern in dem Wissen und Bewusstsein kämpfen, dass es ER ist, der herrliche und allmächtige und gnädige Gott, der für sie eintritt und ihren Feinden wehrt und diejenigen vernichtet, die ihn und Sein Volk hassen.

Diese unverdiente Liebe und freundliche Gnade, diese barmherzige Hilfe und treue Fürsorge Gottes drängen die Seele des Psalmisten und der singenden Gemeinde zum täglichen Lob ihres Gottes und dazu, Seinen herrlichen Namen in alle Ewigkeit zu preisen.

10-13
Mit dem Schwenk der Blickrichtung, weg von der glorreichen Vergangenheit hin zur leidvollen Gegenwart, ändert sich die Färbung der Worte unseres Psalms. Aus anbetendem Dank und herzlichem Lob werden fragende Klagen und schmerzvolle Feststellungen:

Die Truppen Israels unterliegen im Gefecht und werden besiegt und es sieht so aus, als seien sie von Gott verlassen. Sie werden in die Flucht geschlagen und der Feind, voller Hass gegen Gottes Volk, plündert und raubt den Besitz der Israeliten. Diese leidvolle Erfahrung lässt den Psalmisten mit dem Eindruck zurück, Gott habe ihn und sein Volk verstoßen (was doch nicht sein kann, siehe 1Mo 17:7, Ri 2:1, 1Chr 16:17, Ps 105:8ff, Ps 111:5.9, Jes 55:3, Mt 28:20, Rö 8:35-39, etc.).

Angesichts des Leidens stellt der Psalmist, wie schon Hiob vor ihm (Hi 3:11ff) und die Jünger nach ihm (Joh 9:1ff), die Frage nach dem 'Warum?': Aus der menschlichen Perspektive, aus unserer so begrenzten und oft selbstsüchtigen Sicht scheint es so sinnlos zu sein, was ihnen widerfährt: Das Volk Gottes wird abgeschlachtet wie Schafe und unter die Heiden zerstreut. Was ist der Sinn, was ist das Ziel dieses Leidens? Was hat, so fragt der Psalmist, Gott damit gewonnen? Nichts, so scheint es; als hätte Er sein Volk in die Sklaverei verkauft, ohne dass Er zumindest einen Kaufpreis dafür zurück erhalten hätte.

14-17 Doch nicht nur das äußere Leid setzt dem Psalmisten zu, auch dessen Folgen betrüben das Innere seiner Seele: aufgrund der Schande seiner Niederlage ist das Volk Gottes nun auch der Verachtung, dem Hohn und dem Spott seiner heidnischen Nachbarländer ausgeliefert, die dessen Niederlage mit abfälligem Kopfschütteln und beschämenden Spottversen quittieren.

Jeden Tag aufs Neue steht dem Psalmisten sein erniedrigtes Ansehen vor Augen; jeden Tag aufs Neue treibt ihm die Niederlage die Schamesröte ins Gesicht. Denn jeden Tag aufs Neue muss er den Hohn und die Lästerungen seiner Feinde ertragen; den Anblick derer, die allein Vergeltung im Sinn haben.

18-20 Und wieder setzt das Unverständnis ein, ist doch kein Sinn-Zusammenhang zwischen dem erfahrenen Leid und eigener Schuld zu erkennen: was über das Volk hereingebrochen ist, das weiß der Psalmist, hat ganz gewiss keinen Grund in einer etwaigen Gottlosigkeit des Volkes Israel selbst. Sie haben Gott noch stets in ihren Gedanken und haben Ihn, der in Abraham den Bund mit Ihnen schloss (1Mo 15:18), nicht verlassen. Noch immer sind sie mit ihren Herzen bei Ihm und tun nach Seinen Geboten. Und dennoch werden sie in unwirtlicher Wildnis vernichtend zerdroschen und erleiden schmerzvoll, dass Hoffnungslosigkeit sich - wie ein dunkler, schwerer Vorhang - über sie senkt.

21-23 So gewiss ist sich der Psalmist über die Schuldlosigkeit seines Volkes, dass er Gott selbst zu seinem Zeugen beruft: Hätte Er, der Allwissende (Ps 139:1-3), der unsere Gedanken von ferne und unsere Herzen kennt (1Kö 8:39, Lk 16:15b, Apg 1:24 und 15:8), nicht bemerkt, wenn sein Volk Ihm den Rücken gekehrt und fremde Götzen angebetet hätte? Das kann der Grund nicht sein. Und so bleibt nur noch die eine Alternative: um ihres Gottes willen werden sie täglich zu Tode gebracht und um ihres Glaubens willen, sieht man sie an, wie Schlachtvieh.

24-27 Und so ruft der Psalmist samt der ganzen Gemeinde laut zu Gott, der doch nicht schläft noch schlummert (Ps 121:4), so eindringlich, als schliefe Er doch: Der Herr der Heerscharen möge von Seinem Schlaf erwachen. Verwundert, ja fast trotzig wie ein Kind rütteln sie ihn wach mit der Frage nach dem 'warum': Wie kann Er schlafen und Seinem Volk Seine tröstende Gegenwart entziehen? Wie kann Er, der doch nie etwas vergisst (Ps 33:11) so viel Bedrängnis und Not Seiner Kinder vergessen?

Und so dringen sie weiter in Ihn: Er möge doch erwachen und ihrer Verlassenheit ein Ende bereiten, denn sie sind seelisch und körperlich völlig am Ende. Er möge sich selbst anschicken und Seinem Volk zur Hilfe kommen und es freikaufen. Und für die Erhörung dieser Bitte, das weiß der Psalmist aus der Überlieferungen seiner Ahnen, gibt es auf der ganzen Welt nur einem Grund: nicht eigene Kraft oder Gerechtigkeit, sondern allein das gnädige Wohlgefallen Gottes - seine barmherzige Güte.


Fragen zur praktischen Anwendung


1. Für welche herrliche, barmherzige Hilfe Gottes kannst Du Ihm von Herzen danken?

2. In welcher Situtation wünscht Du Dir Gottes allmächtigen und gnädigen Beistand?

3. Welche Not möchtest Du Deinem Dich liebenden Gott im Gebet herausschreien?

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* Die Datierung einzelner Psalmen ist schwierig, da der gesamte Psalter in einer Zeitspanne von fast 1.000 Jahren entstand. Die ältesten Psalmen gehen dabei auf Mose (1525 - 1405 v. Chr.) zurück. Jüngere, wie z.B. Ps. 137, reichen bis zur babylonischen Gefangenschaft (597 - 538 v. Chr.).

Sonntag, 12. Oktober 2014

Verlangen nach Gott aus fremdem Land (Ps 42:1-12 & Ps 43:1-5)


Text


1 Eine Unterweisung der Söhne Korach, vorzusingen. 2 Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir. 3 Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott. Wann werde ich dahin kommen, daß ich Gottes Angesicht schaue? 4 Meine Tränen sind meine Speise Tag und Nacht, weil man täglich zu mir sagt: Wo ist nun dein Gott? 5 Daran will ich denken und ausschütten mein Herz bei mir selbst: wie ich einherzog in großer Schar, mit ihnen zu wallen zum Hause Gottes mit Frohlocken und Danken in der Schar derer, die da feiern. 6 Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, daß er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist. 7 Mein Gott, betrübt ist meine Seele in mir, darum gedenke ich an dich aus dem Land am Jordan und Hermon, vom Berge Misar. 8 Deine Fluten rauschen daher, und eine Tiefe ruft die andere; alle deine Wasserwogen und Wellen gehen über mich. 9 Am Tage sendet der HERR seine Güte, und des Nachts singe ich ihm und bete zu dem Gott meines Lebens. 10 Ich sage zu Gott, meinem Fels: Warum hast du mich vergessen? Warum muß ich so traurig gehen, wenn mein Feind mich dränget? 11 Es ist wie Mord in meinen Gebeinen, wenn mich meine Feinde schmähen und täglich zu mir sagen: Wo ist nun dein Gott? 12 Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, daß er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist. 1 Gott, schaffe mir Recht und führe meine Sache wider das unheilige Volk und errette mich von den falschen und bösen Leuten! 2 Denn du bist der Gott meiner Stärke: Warum hast du mich verstoßen? Warum muß ich so traurig gehen, wenn mein Feind mich dränget? 3 Sende dein Licht und deine Wahrheit, daß sie mich leiten und bringen zu deinem heiligen Berg und zu deiner Wohnung, 4 daß ich hineingehe zum Altar Gottes, zu dem Gott, der meine Freude und Wonne ist, und dir, Gott, auf der Harfe danke, mein Gott. 5 Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, daß er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.


Kommentar

Zusammenfassung

Aus der Not des Leidens - verfolgt, verhöhnt und verspottet von seinen Feinden - aus der empfundenen Gottesferne schreit der Beter zu Gott wie ein wildes Tier. Er bittet um Recht und Rettung, Linderung und Leitung. Vor allem aber quält ihn die Frage nach dem 'Warum', auf die er keine Antwort findet. Er blickt auf der Suche nach Trost zurück in die unwiederbringliche Vergangenheit und in die unbestimmte Zukunft. Doch den wahren Trost findet er erst in der lebendigen Hoffnung auf Gottes Ewigkeit, zu der allein Sein Wort ihn leitet.


Struktur

3 Strophen - mit je 4 Versen: 3 Aussageschwerpunkten und einem Kehrreim.

1.Strophe (Psalm 42, Verse 2-6)

2-3 Unaussprechlich gewaltige Sehnsucht nach der innigen Offenbarung Gottes
4 Tiefe Traurigkeit angesichts von Spott und Hohn in der Fremdlingschaft
5 Erinnerung der Seele an die fröhlichen Zeiten gemeinschaftlicher Wallfahrt
6 Kehrreim: Trost der Seele & deren Ermutigung auf den treuen Gott zu warten.

2. Strophe (Psalm 42, Verse 7-12)

7-8 Auf dem Hermon von Leideswogen begraben, besinnt sich der Beter auf Gott.
9 Von Ihm erhofft er Güte in der Finsternis des Leidens: besingenswerte Linderung.
10-11 Von Ihm fühlt er sich schmerzlichst verlassen und der bohrenden Frage nach dem Grund seines Leides und dem bitteren Spott seiner Feinde hilflos ausgeliefert.
12 Kehrreim: Selbsterkenntnis & Ermutigung, auf den liebenden Gott zu warten.

3. Strophe (Psalm 43, Verse 1-5)

1-2a Der Beter bittet Gott, der seine Stärke ist, um Rechtsprechung und Errettung
2b Noch immer unbegreiflich bleibt ihm die Frage nach dem 'Warum'?
3-4 Er bittet um Leitung durch Gottes Wort und endliche Gemeinschaft mit Gott.
5 Kehrreim: Hoffnungsvoller Trost & Ermutigung der Seele zur Geduld zu Gott.


Inhalt

1 Dieses Psalmlied wurde von den Söhnen des Korach gedichtet und komponiert uns soll der Gemeinde Gottes zu deren Unterweisung als Gesang vorgetragen werden.

2-3 So mächtig und unstillbar groß ist der Durst des Psalmisten nach Gottes Gegenwart, so gewaltig sind seine Sehnsucht und sein Verlangen nach der Offenbarung des Lebendigen, dass seine Seele nicht anders kann, als Ihm diese Not der empfundenen Trennung herauszuschreien, wie ein durstendes Wild, das nach frischem, klarem Wasser zum Leben verlangt. Eine einzige Frage wühlt seine Seele auf und ist der Urgrund seines brennenden Verlangens: wie lange noch muss er ausharren, bis er am Ziel seines Glaubens angekommen ist? Bis er Gott, dessen innige Nähe er sich so sehr herbeisehnt, in der Vollendung endlich schauen darf? So, wie es Jesus (Mt 5:8) und Johannes (1Joh 3:2) verheißen haben - von Angesicht zu Angesicht? Seine Seele dürstet nach Gott und so streckt sie sich aus nach Ihm, wie der Apostel Paulus nach dem vorgesteckten Ziel (Phil 3:10a.13a). 

4 Doch als sei des innerlichen Leidens an der Ferne Gottes noch nicht genug, so rühren die Spötter an jedem neuen Tag an eben diese wunde Stelle. Ihre Frage ist wie Gift für die Seele. Sie vermehrt den inneren Schmerz und verpestet ihn mit nagendem Zweifel. Zweifel an der Güte Gottes. Seinem liebenden Wesen. Zweifel an Ihm, der selbst Mensch wurde und weit mehr unter dieser Welt litt, als wir (Jes 53:7) es jemals werden. Zweifel an Ihm, der doch in all unserer Schwachheit mit uns leidet und in allem geprüft wurde, wie wir (Hebr 4:15). 

Die Frage, "Wo ist nun Dein Gott?", trieft nur so vor Hohn und wirft den Psalmisten in geradezu diabolischer Weise zurück in eine scheinbar sinn- und hoffnungslose Einsamkeit. Dort quält den Psalmisten das Leid von innen und außen zu täglichen Tränen. Und doch verhüllen ihm die Verborgenheit Gottes (vgl. Jes 45:15) und sein vertagtes Gericht (vgl. Ps 73:17-20) eine viel tiefere Wahrheit. Denn unser unsichtbarer und verborgener Gott hat uns hoch und heilig versprochen: "»Ich will dich nicht verlassen und nicht von dir weichen.«" (Hebr 13:5, Jos 1:5). Ja, Er "verzögert nicht die Verheißung, ... sondern er hat [vielmehr] Geduld ... und will nicht, dass jemand verloren werde, sondern dass jedermann zur Buße finde" (2Petr 3:9).

5 Im Angesicht seiner inneren und äußeren Not, seiner empfundenen Einsamkeit und dem Hohn der Spötter, geht dem Psalmisten bei der Erinnerung an bessere Tage das Herz über: Nicht an seine Not musste er damals denken, nicht an seinen Schmerz oder an den Spott der Gottlosen. Sondern vielmehr an das Gute, das ihm widerfuhr: wie er - in der fröhlichen Gemeinschaft seiner Glaubensgeschwister, einem großen, feiernden Festzug, erfüllt von Freude und Dank, ja mit Jubelrufen - unterwegs war zum Tempel in Jerusalem.

6 Und so schließt die erste Strophe mit dem Kehrreim und durch ihn mit der Frage an die eigene Seele: wozu all die Traurigkeit und innere Unrast? Wozu sich selbst beschweren mit einer untragbaren Bürde? Und gibt uns als Antwort darauf und als Aufruf mit auf den Weg: "Sei langmütig!", "Erdulde die Not!", "Warte auf Gott!". 

Doch kein sinnloser Stoizismus ist hier gefragt, sondern eine lebendige Hoffnung (1Pe 1:3). Eine Hoffnung, die sich gründet in eben diesem Wissen: Der Tag *wird* kommen, an dem wir erleben werden, dass Gott selbst unsere Hilfe ist. Nur darum heißt es: "Siehe, wir preisen selig, die erduldet haben. Von der Geduld Hiobs habt ihr gehört und habt gesehen, zu welchem Ende es der Herr geführt hat; denn der Herr ist barmherzig und ein Erbarmer" (Jak 5,11). 

7-8 An welchem Ort dieser innere Kampf sich zuträgt, ist unklar. 'Misar' heißt nicht mehr und nicht weniger als 'klein' und meint damit entweder eine kleine Bergkuppe im Hermon-Massiv, oder eine poetische Verniedlichung des Hermon, welcher trotz seiner Höhe von über 2.800 Metern im Hinblick auf seine religiöse Wichtigkeit vor dem viel bedeutsameren Zion, dem heiligen Berg Gottes, verblasst. Wahrscheinlich ist, im Gesamtzusammenhang der Beschreibung "Land am Jordan und Hermon", wohl tatsächlich eine kleinere Erhebung in der Bergkette des Hermon gemeint. Hier also ist der Schauplatz des inneren Ringens an dem dieser Psalm uns - in poetischer Vollendung - Anteil gibt.

Wieder überwältigt der innere Schmerz den Psalmisten: unendlich traurig ist seine Seele, ja er empfindet die Macht seiner Anfechtungen, wie reißende Fluten die ihn überrollen und ihn, wie unter den gewaltige Tiefen des Meeres, zu begraben drohen. Ohne Ende und ohne Zahl scheinen seine Leiden über ihn hereinzubrechen und so fasst er den Entschluss, sich auf Gott zu besinnen. Wegen seines Leidens will er Gottes gedenken in all seiner schmerzvollen und trostlosen Einsamkeit - vielleicht in der Hoffnung, dass die Gedanken an seinen Erlöser ihm die ersehnte Linderung bringen.
9 Und so leuchtet der eigentlich im Futur verfasste Vers 9 inmitten der Finsternis der Verse 8 und 10 wie ein Silberstreif der Hoffnung in den Gedanken des Psalmisten auf: Es wird der Tag kommen, an dem der Ewige Gott ihn aus der Fülle der "Herrlichkeit seines Erbes für die Heiligen" (Eph 1:18), nämlich aus dem Reichtum Seines göttlichen Herzens, mit herzlicher Freundlichkeit und Seinem liebenden Wohlwollen beschenkt. Dies wird die Zeit sein, in der der Psalmist selbst in der Nacht noch voller Dank Gott singen und Ihm, dem Herrscher über sein Leben, im Gebet sein Herz ausschütten will.

10-11 Und so betet der Psalmist zu Gott. Zu Ihm, dem allmächtigen Schöpfer von Himmel und Erde. Er ist doch der feste Boden unter seinen Füßen, der Felsen, auf dem er in aller seiner Not noch sicher stehen kann. Und doch quält ihn diese Frage: Warum? Warum hat Er, der doch sein einziges Heil ist, ihn vergessen? Was ist der Grund und was das Ziel? Was ist der Sinn in all dem Leid? Verzweifelt fragt der Beter: Was nur ist geschehen, dass der Allwissende seinen Getreuen - der Ihn in inniger Liebe *mein* Fels nennt - vergaß? Was ist die Ursache dafür, dass er nun gezwungen ist, seinen Lebensweg in solcher Verfassung zu gehen? So betrübt und verängstigt, so kraftlos und mutlos, so hilflos und hoffnungslos. Vom Feind bedrängt, bedrückt und in die Ecke getrieben. Sein Leiden fühlt der Beter so intensiv, als ob ihn jemand ums Leben brächte. Es tut so weh. Wie ein inneres Brennen und Ziehen, eine Sehnsucht nach Erlösung und dem Ende der Qualen, eine zerreißende Spannung im Herzen und in der Seele: täglich geschmäht und verspottet, verachtet und ausgegrenzt, ja lächerlich gemacht zu werden. Weil Gott noch immer nicht eingegriffen hat. Und dann die giftig beißende Frage des Hohns: "Wo ist nun Dein Gott?". "Wo ist er? Es ist doch nichts zu sehen!".

12 Und wieder befragt der Psalmist im seelsorgerlichen Selbstgespräch die eigene Seele. Hinterfragt die Motivation und das Ziel der eigenen Gefühle. Warum und wozu die Traurigkeit und Betrübnis? Wozu die innere Unruhe und Rastlosigkeit? Doch nicht nur Selbsterkenntnis ist dem Beter ein Anliegen, sondern vor allem die Offenbarung der Herrlichkeit Gottes. Und so ermahnt er seine Seele erneut, in Geduld auf den treuen Gott zu warten. In der Hoffnung auf Sein Wirken - entsprechend Seinen Verheißungen - mit dem tröstenden Zukunftsbild vor Augen: es wird die Zeit kommen, da ich Ihm danken werde. Es ist zwar zur Zeit von der Hilfe Gottes nichts zu sehen. Doch dieses "nichts" ist kein reines "nichts", sondern viel mehr ein "noch nicht": Denn die Zeit wird kommen, da man es sehen kann. Dann endlich ist die Zeit zum Danken da. Dann wird offenbar werden, wer Gott wirklich ist: nicht irgendein Gott. Kein unpersönliches, fernes Wesen. Sondern *mein* Gott, der Gott *meiner* Hilfe. Ja, der Gott der "meines Angesichts Hilfe" ist. Der Gott, der mich erkannt hat und liebt. Der mein Angesicht kennt und mich freundlich anblickt. Der mich mit Liebe anschaut und mir hilft. Ja, der sich meiner von Herzen erbarmt, denn: "Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über die, die ihn fürchten. (Ps 103,13)".

1-2a Nicht seiner eigenen Kraft vertraut der Beter, sondern er betet zu Gott um die Hilfe, die er nötig hat. Für seinen Streitfall wünscht er sich Gerechtigkeit: Gott selbst möge ihn als sein Anwalt vertreten und als Richter über die Taten seiner bösen, verlogenen Mitbürger urteilen. Gott selbst möge ihn retten vor der Lüge und Bosheit seiner Landsleute und dem Recht zum Durchbruch verhelfen. Es betet zu Gott, denn er weiß um die allmächtige Kraft Gottes und um Dessen Liebe zu ihm. Denn diese Liebe macht Gottes Stärke zu seiner Stärke, so dass er singen kann: "Du Gott *meiner* Stärke". 

2b Und wieder quält ihn die unbeantwortete Frage aller Leidenden seit Hiob, die Frage nach dem 'Warum'. Warum hat Gott, der doch seine einzige Rettung ist, ihn scheinbar verstoßen? Was ist der Grund und was der Sinn? Was ist nur geschehen, dass der Allwissende ihn zu vergessen scheint? Was ist der Grund, dass er nun in solcher Verfassung leben muss? So traurig und von seinen Widersachern bedrängt? Der Grund und der Sinn seines Leidens sind dem Beter unbegreiflich. Und doch ist es Gott selbst, der uns in Seinem Wort die Antwort darauf gibt, nämlich: damit wir "am bösen Tag bedenke[n]: Diesen hat Gott geschaffen wie jenen, damit der Mensch nicht wissen soll, was künftig ist. (Pred 7:14)", ja viel mehr noch: damit wir uns "rühmen ... der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist." (Rö 5:3b-5).

3-4 Angesichts seiner Not betet der Psalmist ein drittes und letztes Mal, nicht allein um Rechtsprechung und Rettung, sondern um das wirklich Bedeutsame und zuletzt Wesentliche: die Gemeinschaft mit Gott. Nichts wünscht er sich sehnlicher, als dass Gott ihm Sein heiliges Wort sendet; das Licht der Erkenntnis (Ps 119:105) und Seine Wahrheit (Ps 119:160, Joh 17:17). Alleine wagt er nicht zu hoffen, den rechten Weg zu finden und so betet er zu Gott, Er selbst möge ihn auf seinem Weg führen; durch Sein Licht und Seine Wahrheit, die in Seinem Wort verborgen liegen. Das Ziel seiner Hoffnung ist Jerusalem: Zion, der heilige Berg Gottes (Jo 4:17), die Wohnung Gottes auf Erden. Hier möchte er eintreten, ja direkt zum Ort des Opfers vordringen, dem Altar Gottes. Hier möchte er sein Lob- und Dankopfer bringen (3Mo 7:11.13.15, 3Mo 22:21) und Seinem Gott ein Loblied singen, Ihm zum Klang der Harfe danken. Denn Er allein ist das Ziel Seiner Träume: Der ewige, herrliche Gott. Der Urquell allen Seins und aller Freude. Der Gott unserer Wonne und Glückseligkeit. 

5 Nach diesem Ausblick klingt der dritte Kehrreim in einem hoffnungsvollereren Tenor. Es sind dieselben Worte und doch scheint die Betonung verschoben: Nicht mehr so sehr auf der Betrübnis liegt der Schwerpunkt der Verse oder auf der Unruhe der Seele. Vielmehr klingt einen neue Hoffnung durch auf das "ich werde ihm noch danken", ein Ausblick auf die göttliche Hilfe. Und so wird die Frage des Kehrreims an die eigene Seele verwandelt in einen beruhigenden Trost: Wozu sich betrüben und so unruhig sein? Gott macht ja doch am Ende alles gut. Es wird die Zeit noch kommen, bestimmt noch kommen, an der es offenbar werden wird: "Der Herr ist barmherzig und ein Erbarmer (Jak 5,11)." Denn es ist wahr, was uns Sein Wort verspricht: "Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!" (Offb 21:4-5).


Praktische Anwendung

1. "Leidet jemand unter euch, der bete." (Jak 5:13)
2. "Seid ... geduldig, liebe Brüder, bis zum Kommen des Herrn." (Jak 5:7ff)
3. "Umgürtet die Lenden eures Gemüts, seid nüchtern und setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch angeboten wird in der Offenbarung Jesu Christi." (1Petr 1:13)