Samstag, 22. Juni 2019

„Hüte Deine Zunge!“ - 2. Timotheus 2,14-17a

[Predigt als MP3]

Inhalt

Beim Durcharbeiten des Textes hat sich die folgende Struktur der Predigt ergeben:

  • Einleitung
  • Text
  • Das Problem
    • Was war passiert? Was war das Problem?
    • Die Motivation hinter dem Problem
    • Die Folgen des Problems
    • Die Lösung: 
      • Was sollte passieren? Was ist das Ziel?
      • Wie geht man mit so einem Problem um? Was ist der Weg?
      • Was ist die Motivation für diesen Weg? 
  • Und zu guter Letzt: Was heißt das für mich? 2 Fragen an Dein Herz


Einleitung

Kennt ihr den Unterschied zwischen einem Messer und einem Messer? Überlegt mal: Wenn ich mit einem Messer herumfuhrwerke, um zu töten, wird wahrscheinlich etwas anderes dabei herauskommen, als wenn ich versuche, damit in Ruhe Kartoffeln zu schälen. Das Messer selber ist dabei nur ein Werkzeug. Ebenso verhält es sich mit Worten: ich kann mit ihnen herumhantieren, um vor einem Publikum Eindruck zu schinden oder ich kann sie verwenden, um Menschen aus Liebe im Glauben aufzurichten, um sie zu ermuntern, Gutes zu tun. Meine Worte sind dabei nur ein Werkzeug. Die Motivation und das Ziel dahinter aber bestimmen über das Ergebnis; nicht das Instrument, mit dem ich hantiere. Von daher müsste unsere heutige Predigt eigentlich heißen: „Hüte Dein Herz!“ Aber als mir das aufgefallen ist, war es schon zu spät... ;)

Das, was in unserem Herzen ist, bestimmt also darüber, wie wir mit unseren Worten umgehen – und damit darüber, was unsere Worte anrichten – oder was sie Gutes tun. Oder, um es mit den Worten von Jesus zu sagen: „Was aber aus dem Mund herauskommt, das kommt aus dem Herzen, und das macht den Menschen unrein. Denn aus dem Herzen kommen böse Gedanken [...]“ (Mt 15,18f)

Ich möchte in dieser Predigt daher nicht allein auf den Inhalt der in Ephesus grassierenden Irrlehren eingehen, oder auf die griechische Vorliebe für Diskussionen und Philosophie (also auf die konkreten Worte oder Instrumente), sondern ich möchte vor allem den Streitern und falschen Lehrern ins Herz schauen, von denen Paulus hier spricht. Ich möchte mit Euch hineinschauen in das Herz von Paulus und das Ziel seiner Aufforderungen an Timotheus.  Wir werden also nicht nur sehen, was in Ephesus alles schief gelaufen ist, sondern uns auch das Ziel und die Motivation dahinter anschauen.

Dabei denke ich, dass es im heutigen Text – sozusagen „hinter den Kulissen“ – um 2 verschiedene Motivationen oder Ziele geht: um die Prahlerei und um die Liebe. Im 1. Korintherbrief lesen wir dazu im 8. Kapitel: „Die Erkenntnis bläht auf; aber die Liebe baut auf.“ (1Kor 8,1) – und im 13. Kapitel: „die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern [...] sie freut sich aber an der Wahrheit;“ (1Kor 13,4-6).

Die Frage ist also nicht nur: "Was genau ist eigentlich in Ephesus passiert?" Sondern auch: "Was war das Motiv der Irrlehrer?" Und: "Was sollte Timotheus‘ Motiv und Ziel sein?" Oder mit anderen Worten: Was ist eigentlich das Problem? Und wie kann man es lösen? Diese Fragen werden uns am Ende zu der Frage führen: "Was hat das alles mit mir zu tun?" 

Aber der Reihe nach.  Lesen wir erst einmal den Text...

Unser Text (2Tim 2,14-17a)

dort heißt es: „Daran erinnere sie und ermahne sie inständig vor Gott, daß sie nicht um Worte streiten, was zu nichts nütze ist, als die zu verwirren, die zuhören. Bemühe dich darum, dich vor Gott zu erweisen als einen rechtschaffenen und untadeligen Arbeiter, der das Wort der Wahrheit recht austeilt. Halte dich fern von ungeistlichem losem Geschwätz; denn es führt mehr und mehr zu ungöttlichem Wesen, und ihr Wort frißt um sich wie der Krebs.“  (2Tim 1,14-17a)

Das Problem – Was war passiert?

Ungeistliches loses Geschwätz: Bei der Formulierung „ungeistliches, loses Geschwätz“ musste ich erst an Gerüchte, anzügliche Witze oder sexistische Bemerkungen denken. Einige Bibelkommentare später ist mir dann aufgefallen, dass der Kontext das gar nicht hergibt. Denn hier geht es ja ganz konkret um Häresien und Sonderlehren.

Und die entstehen ganz offenbar nicht im „luftleeren Raum“, sondern hinter ihnen steht eine treibende Kraft: die Zurschaustellung der eigenen „Kompetenz“. Und so eine schiefe Motivation macht auch die beste Theologie kaputt. Wo ich mich nicht mehr bemühe, Gottes Wort zu verstehen und mir von ihm etwas sagen zu lassen, sondern vielmehr versuche, vor anderen etwas darzustellen – am besten indem ich etwas modernes oder neues von mir gebe, weil das einfach besser wirkt, als dieses altmodische „Wort Gottes“, da geht alles den Bach runter, was dieses Wort Gottes eigentlich bezwecken will – oder wie der Schweizer Reformator es ausdrückte: «[...] wo sich ein ehrgeiziger Wunsch nach Wohlgefallen durchsetzt, gibt es keinen starken Wunsch nach Erbauung mehr.» (Calvin) 

Das falsche Motiv zerstört also das gewünschte Ergebnis: Am Ende steht dann der Beifall der Menge – statt dem Glauben und dem Trost für den Anderen oder die Gemeinde. 

Um Worte streiten: Um zu verstehen, was in Ephesus geschehen war, hilft ein Blick in den 1. Brief des Paulus an den Timotheus – dort steht: „Du weißt, wie ich dich ermahnt habe, in Ephesus zu bleiben, als ich nach Mazedonien zog, und einigen zu gebieten, daß sie nicht anders lehren, auch nicht achthaben auf die Fabeln und Geschlechtsregister, die kein Ende haben und eher Fragen aufbringen, als daß sie dem Ratschluß Gottes im Glauben dienen.“ (1Tim 1,3-4)

Zum einen ging es also in Ephesus um völlig irrelevante theologische Randgebiete und außerhalb des Glaubens befindliche Sonderlehren. Dem stellt Paulus das eigentliche Ziel des Glaubens gegenüber: „Liebe aus reinem Herzen und aus gutem Gewissen und aus ungefärbtem Glauben.“ (1Tim 1,5)

Weiter ist im 1Timotheusbrief zu lesen, „daß das Gesetz gut ist, wenn es jemand recht gebraucht, weil er weiß, daß dem Gerechten kein Gesetz gegeben ist, sondern den Ungerechten und Ungehorsamen, den Gottlosen und Sündern, den Unheiligen und Ungeistlichen  [...]“ (1Tim 1,9)

Es ging in Ephesus also auch darum, dass das Gesetz missbraucht wurde. Gesetzesgerechtigkeit kann dabei viele Blüten treiben. So zum Beispiel die, dass Gläubige das ganze Gesetz zu halten hätten. Gerecht vor Gott werden wir aber nicht, weil wir seine Gebote perfekt halten, sondern einzig und allein dadurch, dass Jesus - stellvertretend für uns - am Kreuz den Preis für unsere Schuld bezahlt hat und dass Er – der Auferstandene – uns mit dem Glauben an Ihn Seine vollkommene Gerechtigkeit schenkt. Umsonst! Ohne Leistung!

Zu guter Letzt lesen wir dann in 1Tim 6,3-5: „Wenn jemand anders lehrt und bleibt nicht bei den heilsamen Worten unseres Herrn Jesus Christus und bei der Lehre, die dem Glauben gemäß ist, der ist aufgeblasen und weiß nichts, sondern hat die Seuche der Fragen und Wortgefechte. Daraus entspringen Neid, Hader, Lästerung, böser Argwohn, Schulgezänk solcher Menschen, die zerrüttete Sinne haben und der Wahrheit beraubt sind, die meinen, Frömmigkeit sei ein Gewerbe.“ (1Tim 6,3-5)

Es ging in Ephesus also auch darum, dass falsche Lehrer aufgetreten waren, die – wie heutzutage einige Fernsehprediger – der Ansicht waren, das Evangelium zu predigen sei vor allem profitabel. Es ging also in Ephesus – statt um die gute Nachricht, dass Gott uns liebt und uns unsere Schuld vergibt – um Sonderlehren und Irrlehren (z.B., dass die Auferstehung schon geschehen sei; siehe 2Tim 2,18) – um Werkgerechtigkeit und um prahlerische Zurschaustellung und um Profit.

All das führte zu endlosen Wortgefechten und zu Zank und Streit in der Gemeinde.

Das Problem – Die Motivation dahinter

Die Frage ist jetzt natürlich: warum streiten sich Menschen um Worte? Das Wort, was Paulus hier gebraucht, könnte man auch übersetzen mit „Krieg der Worte“ oder „Wortgefecht“. Es ging also bei den Streitereien gar nicht um die Wahrheit – um das „Vorbild der heilsamen Worte“ – also um das Evangelium. 

Es geht bei solchen Wortgefechten meist um kleinkarierte Wortklaubereien und spitzfindige Auslegungen, die nur die Selbstprofilierung und Angeberei der Streitenden zum Ziel haben – nicht aber die Erbauung des Nächsten oder der Gemeinde – und schon gar nicht geschieht ein solches Wortgefecht aus Liebe – oder in Liebe.

Das eigentliche Motiv hinter einem „Wortgefecht“ ist meistens Frage, wer dieses Gefecht gewinnt, also die Frage: „Wer hat Recht?“ – und vor allem: „Wer behält Recht?“ – „Wer steht am Ende besser da?“ – „Wer sieht nachher klüger aus?“ – „Wer gewinnt?“ Das eigentliche Motiv hinter der ganzen Streiterei sind Hochmut und Besserwisserei. – Und die führen nicht nur zu Streit, sondern – weil das Motiv schief ist – am Ende auch zu einer „schiefen Theologie“. Das richtige Ergebnis wird durch den Missbrauch der Mittel verfehlt. So, wie beim Küchenmesser... Streiten macht also schlechte Theologen!

Die Lösung – Das Ziel

Die beste Chance auf Heilung bei Krebs ist bekanntlich immer noch, ihn so früh, wie möglich zu erkennen und zu behandeln. Und dafür hat Paulus drei ganz konkrete Methoden parat:
  • Die Aufforderung, die Gemeinde an das Evangelium zu erinnern und es zu predigen
  • Die inständige Ermahnung, sich nicht zu streiten
  • Die Aufforderung, den Besserwissern aus dem Weg zu gehen

Daran erinnere sie: Wenn Paulus sagt: „Daran erinnere sie“, dann meint er damit das Evanglium (Vers 8). Das Evangelium von Gottes Wesen und Werk – unserer Sünde und unserer Begnadigung – von Gottes unfassbarer Liebe am Kreuz – und von der absoluten Glückseligkeit und ewigen Herrlichkeit, die auf uns warten. 

Und es ist wichtig, dass wir an das Evangelium erinnert werden. Wir sind nämlich sehr vergesslich. Kaum haben wir am Sonntag die Predigt gehört, haben wir sie auch schon wieder vergessen. Darum haben wir es nötig, dass die wichtigsten Dinge – immer und immer wieder – wiederholt werden. So prägen sie sich über die Zeit dann doch ein – trotz unserer Vergesslichkeit. 

Das Wort der Wahrheit recht austeilen: Und wenn es um das Evangelium geht, dann ist es Paulus wichtig, dass es so gepredigt wird, wie es ist. Ohne Gesetzlichkeit und ohne Gesetzlosigkeit. Ohne Angst vor dem Gericht und ohne Lauheit in der Heiligung. Was Paulus sich wünscht ist, dass Timotheus das Evangelium „gerade schneidet“. So, dass es am Ende nicht krumm und schief wird. 

Damit es von Gottes Wahrheit im Evangelium am Ende nicht heißen muss «Einige verstümmeln sie, andere zerreißen sie, andere foltern sie, andere zerbrechen sie in Stücke, andere halten sie an der Außenseite, (wie wir gesagt haben) kommen nie zum Kern der Lehre.» (Calvin)  Der Kern der Lehre aber ist die Liebe!

und ermahne sie inständig vor Gott: Paulus will aber nicht nur, dass Timotheus die Gemeinde an das Evangelium erinnert – und dass er das Evangelium dabei nicht verzerrt –, er will auch, dass er die Gemeinde ermahnt – sie inständig ermahnt! 

Die Geschwister sollen sich nicht über Nichtigkeiten oder gar Irrlehren streiten. Das ist ihm so superwichtig, weil er weiß, dass nicht nur das komplette Gemeindeklima und das harmonische Zusammenleben darunter leiden, sondern das bei Irr- und Sonderlehren vor allem der Frieden im Gewissen und der Trost des Glaubens in Gefahr sind.  

Die Lösung – Das Ziel

Halte Dich fern: Zu guter Letzt aber hilft nicht nur das erinnern und ermahnen der Guten, es ist auch wichtig, mit den Bösen richtig umzugehen. Jetzt könnte man mit Adolf Schlatter fragen: «Könnte man ihren Verfechtern nicht helfen, wenn man ihre Meinungen eingehend mit ihnen verhandelte? Paulus verneint das. Ihre Wurzel ist krank, und aus dieser wird nichts Gesundes erwachsen.“ Daher „braucht [Timotheus] solche Theorien nicht zu ewägen oder zu widerlegen. Je weniger Aufmerksamkeit ihnen gewährt wird, um so besser.» (Adolf Schlatter)

Die goldene Regel im Umgang mit christlichen Posern ist also: „Nimm nicht an ihren Wortgefechten teil; gehe ihnen einfach dem aus dem Weg!“ {Beispiel: Peter, mein alter Exec VP: Er sagte einmal auf meine Frage, warum er auf eine gewisse Unverschämtheit nicht reagiert habe: „Darauf antworte ich gar nicht. So viel Aufmerksamkeit hat der gar nicht verdient.“ Und siehe da, das Thema beruhigte sich.}

Selbstverständlich muss man, was den Umgang mit geistlichen Fragen angeht, die Motive gut unterscheiden, denn – ich zitiere noch mal Schlatter –: «ob die Anstöße und Bedenken aus treuem Herzen kommen und ein aufrichtiger Sinn zweifelt oder ob ein gottloser Wille theologisiert, dazu braucht es den bewährten Arbeiter und jene geschickte Hand, die „gerade schneidet“.» (Adolf Schlatter)

Die Lösung – Die Motivation

Bemühe dich: Erinnern, ermahnen und aus dem Weg gehen. Das sind die Anweisungen von Paulus in einer solchen Situation. Doch was soll die Motivation hinter diesen Anweisungen sein? 

Es ist – wer hätte das gedacht – das Gegenteil von Menschenfurcht und Prahlerei: es sind die Ehrfurcht vor Gott und der Wunsch, ihm zu gefallen. «Kurz gesagt, [Paulus] bittet Timotheus fleißig zu arbeiten, damit er sich vor Gott nicht schämen muss; während ehrgeizige Menschen nur diese Art von Scham fürchten, um nichts von ihrem Ruf für Scharfsinn oder tiefes Wissen zu verlieren.» (Calvin) 

Rechtschaffen und untadelig: Mit „rechtschaffen“ und „untadelig“ meint Paulus dabei, sich so zu verhalten, dass man vor Gott ein gutes Gewissen haben kann. So zu leben, dass man sich vor Gott nicht schämen muss; – nicht rot zu werden braucht. Wir müssen uns nicht, wie die ungeistlichen Streiter davor fürchten, in einem Streit den Kürzeren zu ziehen – oder etwas nicht zu wissen. Es kann uns Wurscht sein, was die Menschen über uns denken. Wichtig und entscheidend ist nur, das wir aus Lieben handeln – und was Gott dann über uns denkt! 

Das also ist die alles entscheidende Frage: Was ist Dein Motiv? 

Willst Du vor Gott gut dastehen oder vor den Menschen? Willst Du Recht behalten oder willst Du in der Liebe bleiben? (2x)

Die Entscheidung liegt allein bei Dir!

2 Fragen an Dein Herz

  • Ist mein Motiv die Liebe? 
    • Strebe ich nach Wahrheit, Heilung und Hilfe? 
    • Oder will ich nur Recht behalten und gut dastehen?
  • Wo bin ich beteiligt an unnützem Streit? 
    • Was  will ich konkret tun, damit dieser Krebs nicht
      weiter wächst und Charakter und Glauben zerfrisst?

„Die Liebe ist langmütig und freundlich [...] 
Sie eifert nicht [...] 
sie bläht sich nicht auf [...] 
Sie sucht nicht das Ihre“  
(1Kor 13,4-5)