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Sonntag, 31. Mai 2026

In Anfechtung! Was tun? – Wie wir trotz Gegenwind erfrischt werden können (Psalm 57 + Matthäus 11,28-30)

 


Zusammenfassung

In dieser Predigt wirst Du mitgenommen in eine ehrliche Auseinandersetzung mit dem, was die Bibel „Anfechtung" nennt – jene Zeiten, in denen wir uns verklagt, bedroht und innerlich ausgehöhlt fühlen. Anhand von Psalm 57 und Matthäus 11,28–30 wird entfaltet, wie der Feind gezielt vorgeht, um uns in Erschöpfung und Verzweiflung zu treiben – und was die entscheidende Gegenbewegung ist: der Wechsel der Blickrichtung. Nicht mehr auf die eigene Schuld, die eigene Schwäche oder die dunklen Umstände zu schauen, sondern auf Christus, seine Gnade und seinen Charakter. Mit einem Wort Martin Luthers, und einem Vergleich aus der Physik mündet die Predigt in eine kraftvolle Ermutigung zur Einheit mit Gottes Willen und dem Einladungsruf Jesu an alle Erschöpften: Wir dürfen kommen, so wie wir sind – und finden Ruhe für unsere Seelen.

[Predigt als MP3]


Übersicht

Dieses ganze Thema aufzudröseln – das erste ist die Situation. Wie ist das eigentlich? Was ist Anfechtung? Wie fühlt sich das an? Verklagt sein, auf der Flucht sein, mit einem Herzen, das nach Hoffnung schreit, das Sehnsucht hat nach Gottes Schalom. Dann unser Gebet – und zwar auf Basis dessen, wer Gott ist und wie er ist, auf Basis seines Charakters, und was wir ihm bitten. Dann die Strategie des Feindes auch noch mal aufzudecken: Wie geht der eigentlich vor? Wie genau stellt er uns das Bein, damit wir das vielleicht beim nächsten Mal besser erkennen? Und dann die beiden zentralen Punkte: einmal die Wendung, nämlich etwas über den Wechsel unserer Blickrichtung. Und dazu dann auch noch ein paar Gedanken vom guten alten Martin Luther – also das ist auch einer von denen, wo ich mich schon darauf freue, den im Himmel mal zu sehen. Dem habe ich das eine oder andere zu sagen. Unter anderem, dass ich ihm dankbar bin für viele kernige Dinge, die er gesagt hat. Und last but not least das Eigentliche: der Blick auf Christus, wozu er uns einlädt, was er für uns tun will und was er uns rät. Und ganz zum Schluss möchte ich dann direkt in den Lobpreis überleiten. Das heißt, wenn ihr das Gefühl habt, so langsam aber sicher kommt der Michi jetzt wahrscheinlich zum Ende – Jochen, dann könnt ihr vielleicht schon mal vorgehen. Weil das wäre schön, wenn das so ein nahtloser Übergang werden könnte, denn die Lieder bringen, denke ich, ganz wunderbar zum Ausdruck, was Inhalt der Predigt ist.


Textlesungen

Psalm 57,1

Ein Güldenes Kleinod Davids, vorzusingen nach der Weise: Vertilge nicht. Als er vor Saul in die Höhle floh. „Sei mir gnädig, Gott, sei mir gnädig. Denn auf dich traut meine Seele. Und unter dem Schatten deiner Flügel habe ich Zuflucht, bis das Unglück vorübergehe. Ich rufe zu Gott, dem Allerhöchsten, zu Gott, der meine Sache zum guten Ende führt. Er sende vom Himmel und helfe mir von der Schmähung dessen, der mir nachstellt. Sela. Gott sende seine Güte und Treue. Ich liege mitten unter Löwen. Verzehrende Flammen sind die Menschen. Ihre Zähne sind Spieße und Pfeile und ihre Zungen scharfe Schwerter. Erhebe dich, Gott, über den Himmel, und deine Herrlichkeit über alle Welt. Sie haben meinen Schritten ein Netz gestellt und meine Seele gebeugt. Sie haben vor mir eine Grube gegraben und fallen doch selbst hinein. Sela. Mein Herz ist bereit, Gott, mein Herz ist bereit, dass ich singe und lobe. Wach auf, meine Seele! Wach auf, Psalter und Harfe! Ich will das Morgenrot wecken. Herr, ich will dir danken unter den Völkern. Ich will dir lobsingen unter den Leuten, denn deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen. Erhebe dich, Gott, über den Himmel und deine Herrlichkeit über alle Welt." 


Matthäus 11,28–30

„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig. So werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen, denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht." Danke, Felix.


Die Situation

Verklagt

Anhand der Verse, die wir gerade gehört haben aus Psalm 57 und auch aus dem Matthäusevangelium, möchte ich mit euch jetzt durchgehen durch diese Punkte: wie sich das anfühlt, wenn man angefochten ist, und wie gesagt, was wir tun können. 

Ich finde es schon ganz interessant, wie der Psalm überhaupt anfängt. Da steht ja ganz am Anfang: „Nach der Weise: Vertilge nicht." Und ich weiß nicht, wie es euch geht – mir geht es in Zeiten der Anfechtung oft so, dass man dieses Gefühl hat, man wird vertilgt, man wird aufgefressen, man wird – ja, weiß ich nicht – weggehext. Es gibt Zeiten in unserem Leben, da verklagt uns der Feind so sehr, und zwar ganz egal, ob wir gesündigt haben oder nicht, dass wir uns fürchten, Gott könnte zulassen, dass er uns verschlingt. Er heißt ja nicht umsonst der Verkläger der Brüder. Und es heißt auch nicht zuletzt deswegen in 1. Petrus 5, Vers 8: „Seid nüchtern und wacht, denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge." Der Feind droht uns. Er macht uns Angst – entweder indem er uns unsere Schuld vorhält oder unsere Schwachheit. 

Auf der Flucht

David war damals auf der Flucht vor Saul, der geistig – würde ich jetzt mal sagen – nicht mehr ganz auf der Höhe war. Das wissen wir alle. Der hat ja David verfolgt, und David hat sich damals in einer Höhle versteckt. Und ich denke, so geht es uns auch, wenn wir angefochten sind: dass wir uns am liebsten verstecken wollen, dass wir uns vor diesem Ansturm der Anklagen, vor dem Ansturm der Drohungen irgendwo bergen wollen, dass wir Schutz suchen. 

Unser Herzensschrei

Und so wie David beten wir dann sicher auch: „Sei mir gnädig, Gott, sei mir gnädig" – weil wir uns nichts anderes wünschen, als dass das endlich aufhört. Wir bitten um Erbarmen. Viele kennen das vielleicht aus den Landeskirchen noch: Kyrie eleison – das ist auf Griechisch nichts anderes als „Herr, erbarme dich." 

Unsere Hoffnung und Sehnsucht

Und letztlich ist das unsere Hoffnung und unsere Sehnsucht, dass wir unter dem Schutz seiner Flügel Zuflucht finden, bis dieser schreckliche, feurige Ansturm der Anklagen des Feindes vorüber ist. Ich muss bei diesem Vers „unter dem Schatten seiner Flügel" immer an die schwerste Zeit in meinem Leben denken. Ich war damals in der Nähe von Frankfurt, drei Monate lang auf Kur. Angstzustände, schwerste Depressionen, Selbstmordgedanken. Und irgendwann in dieser Zeit kommt ein junger Mann – ich glaube, der kam irgendwo aus Hamburg oder aus der Ecke. Der hat sich ans Klavier gesetzt und hat ein selbstkomponiertes Lied gespielt. Und das hieß: „Unter dem Schatten deiner Flügel." Und das ist mir seither ein schönes Bild geworden: unter dem Schatten der Flügel Gottes Zuflucht suchen zu können, bis der feurige Ansturm der Anklagen des Feindes vorüber ist.


Unser Gebet

Gottes Wesen: Allmächtig und Gnädig

Und das wünsche ich uns allen, dass wir in diesen Zeiten uns bei Gott bergen können, Schutz finden, bei ihm geborgen – Geborgenheit. Denn das, was wir suchen in dieser Zeit, ist Frieden, ist Schutz, ist Geborgenheit, ist Heil, Gottes Schalom. Und irgendwie denke ich, wissen wir das auch alle: Der Feind Gottes ist uns zu mächtig, um ihn zu besiegen. Ganz egal, ob er uns verklagt, ob er uns droht oder ob er uns die Zukunft mit dunklen Bildern vor Augen malt – ihn zu besiegen braucht es einen, der mächtiger ist als er, nämlich Gott selbst, den Allerhöchsten. Dazu braucht es einen, der meine Sache zu einem guten Ende führt. Ich denke, das zentrale Element dabei ist Gottes Wesen, sein Charakter – dass er ein Gott ist, der, weil er so ist wie er ist, unsere Sache zum guten Ende führen wird. Egal, was wir verbockt haben. Egal, wie schwach wir sind – oder vielleicht sogar gerade weil er weiß, wie schwach wir sind – trotz aller Widerstände. 

Unsere Bitte

In solchen Zeiten beten wir, dass Gott diese Anklagen wegnimmt, dass er diese Angst wegnimmt, dass er diese Drohungen wegnimmt, dass er uns von diesen verheerenden und niederschmetternden Bildern befreit – Bildern von unserer Schuld, Bildern von unserer Unzulänglichkeit, von unserem Versagen, unserer Schwäche – und dass er uns von unserem angeblich drohenden Schicksal befreit. Wir beten, dass wir, statt auf unsere Schwäche und unsere Schuld starren zu müssen, wieder auf ihn schauen können: auf seine Güte, auf seine Treue, auf seine nie endende Liebe. Und damit müsste das doch eigentlich erledigt sein, oder? 


Die Strategie des Feindes: Versuchung, Anklage & Zermürbung

Versuchung

Ich weiß nicht, wie ihr das erlebt. Aber ich erlebe das oft anders – weil der Feind nicht untätig ist und eine perfide Strategie hat. Am Anfang steht die Versuchung – entweder die Versuchung zur Sünde oder die Versuchung, auf die Umstände zu schauen oder, noch moderner gesagt, auf die Gefühle. Er versucht, uns zur Sünde zu verführen oder dazu, auf die Umstände zu schauen, auf unsere Gefühle – statt auf Gottes Wort, statt auf seine Verheißung. Und genau damit stellt er uns ein Bein, gräbt uns eine Grube, stellt uns eine Falle. Und so fängt das Elend immer an: Der Feind führt uns in Versuchung und wartet nur darauf, dass wir seinen Köder schlucken – dass wir anfangen, unseren Gefühlen mehr zu vertrauen als Gottes Wort, dass wir andere Wege gehen als die, die Gott für uns gewollt hat, dass wir hereinfallen auf seine Täuschung. 

Anklage

Und kaum haben wir angebissen – haben gesündigt oder auf die Umstände geschaut –, geht er schon zu Stufe zwei seiner bösartigen Strategie über. Denn jetzt wird verklagt: „Schau dir an, was du gemacht hast!" Oder es wird gedroht: „Schau dir an, wie deine Zukunft aussehen könnte!" Alles wird dunkel. Es wird Angst gemacht. Und ganz ehrlich, ihr Lieben: In dieser Welt, so wie sie ist – sie ist gefallen, sie ist kaputt –, das habe ich gerade in den letzten Monaten noch tiefer erfahren, auch durch meinen besten Freund, der auf eine schlimme Art krank geworden ist. Wo man einfach merkt: Der Zerbruch dieser Welt geht so tief, dass es Dinge gibt, die vielleicht nicht mehr zu heilen sind.

Und da ist es nicht ohne, wenn der Feind dann kommt und uns die Zukunft düster ausmalt: Was wird werden? Dunkle Bilder, dunkle Gefühle. Oder wir werden verklagt. Und da ist es ganz egal, ob das direkt geschieht, weil der Feind uns böse Gedanken schickt, oder ob er das indirekt macht, indem er böse Menschen gebraucht, die schlecht über uns reden oder schlecht mit uns reden. Was wir dann empfinden, ist genau das, was David in seinem Psalm so beschreibt – nämlich, dass unsere Seele wie von den Zähnen wilder Löwen zerfleischt wird, wie von Spießen und Pfeilen durchbohrt und von scharfen Schwertern durchdrungen. Und nichts wünschen wir uns dann mehr, als dass Gott sich von seinem Thron erhebt und einschreitet – endlich einschreitet –, dass sein Reich komme, so wie im Himmel, so auch auf Erden. Oder dass wir mit David beten: „Erhebe dich, Gott, über den Himmel und deine Herrlichkeit über alle Welt." 

Zermürbung

Aber damit ist der Feind immer noch nicht fertig. Er klagt nicht einmal kurz an und geht dann wieder. Er will uns fertig machen. Er heißt auch nicht umsonst „ein Menschenmörder von Anfang an"! Er will uns zermürben. Er will unsere Seele beugen und uns die letzte Kraft rauben. Er hört einfach nicht von selber auf. Und wenn wir ihn lassen, dann ist das Ergebnis immer das gleiche: dass er unsere Seele niederbeugt, zur Verzweiflung treibt und ihr jede Kraft raubt.


Und dass er uns in eine Traurigkeit stürzt, die kein gutes Ende nehmen will. Alles, was wir dann noch sehen können, ist die Grube, die er uns gegraben hat. Und irgendwann merkst du dann vielleicht, dass du keine Kraft mehr hast, dagegen anzukämpfen. Dann denkst du nicht mehr nach, dann funktionierst du nur noch. Du ziehst dich zurück. Und wenn es ganz schlimm kommt, dann zweifelst du nicht mal mehr an seinen Anklagen, an seinen Drohungen, an seinen dunklen Bildern, sondern fängst innerlich an, ihm zuzustimmen. Ich finde, das ist das Schlimmste. 


Die Wendung

Der Blickwechsel

Doch der Teufel hat die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Denn am Ende wird er es sein, der in die Grube fällt, die er uns gegraben hat. Doch nicht so schnell. Wie kommt es jetzt zu dieser Wendung? David schreibt in seinem Psalm: „Mein Herz ist bereit, Gott, mein Herz ist bereit, dass ich singe und lobe." Und an dieser Stelle – auch nach 40 Jahren, wenn ich den Psalm lese – muss ich immer wieder anhalten. Weil ich mir denke: Hallo. Wenn es dir wirklich so dreckig geht, David, wie kommst du darauf? Wie kommst du jetzt darauf, dass dein Herz bereit wird, Gott zu loben? Und wenn man genau hinschaut und genau liest, sieht man, was dort im Stillen passiert ist. David hat seinen Fokus geändert. Er schaut nicht mehr auf die Umstände. Er schaut nicht mehr auf seine Gefühle. Er schaut auf Gott, auf sein Wesen, auf seine Macht. Und er wird bereit, Gott zu loben. 

Das heißt, um die Frage zu beantworten, wie unsere Seele dahin kommt, dass sie trotz all der Umstände, trotz der ganzen Anfechtung Gott loben kann: Die Seele muss die Augen öffnen, muss endlich von sich selber wegsehen hin auf den, der allein ihr helfen kann. Muss auf den hören, der allein trösten und heilen kann. Und genau dazu möchte ich dann Matthäus 11,28–30 anschauen – um den Blick wegzukriegen von uns, von den Umständen, hin auf Christus; weg von unserer Misere, hin auf das, was Christus uns zu sagen hat; weg von unseren Gefühlen, hin auf Gottes Wort, auf seine Zusagen, auf seinen Rat, auf sein Wesen, auf seine Person. 

Martin Luther

Ich habe witzigerweise in der Zeit der Predigtvorbereitung letzte Woche – in den täglichen Andachten aus einem Andachtsbuch von Martin Luther etwas gelesen, das er nicht selber geschrieben hat, sondern wo jemand 365 Auslegungen einzelner Verse von Martin Luther zusammengetragen hat – und an dem Tag ging es um 1. Petrus 4, Vers 19. Dort steht: „Welche da leiden nach Gottes Willen, die sollen ihre Seelen ihm anbefehlen als dem treuen Schöpfer in guten Werken." Ich lese es noch mal: „Welche da leiden nach Gottes Willen, die sollen ihm ihre Seelen befehlen als dem treuen Schöpfer in guten Werken." Und Martin Luther schreibt in seiner unvergleichlichen Art zu diesem Vers Folgendes: „Das ist der Christen Kunst, daran wir alle zu lernen haben, dass wir aufs Wort sehen und tun weit aus den Augen alle anliegende, beschwerende Not und Leiden. Und es ist des Teufels Art eben, dass er das Wort weit aus den Augen rückt, dass einer nicht mehr sieht als ihn – die Not, die vorhanden ist. Aber das soll nicht sein. Wer sich nach dem Fühlen richtet, der verliert. Nur das Kreuz und Leiden, so sehr du immer kannst, aus dem Herzen und Sinne geschlagen. Sonst, wenn man lange drüber nachdenkt, so wird das Übel ärger." 

Also diese ganz klare Ansage: Wechsele deine Blickrichtung. Schau weg von den Umständen, schau weg von diesen Bildern, von diesen Gedanken, von deinen Gefühlen. Schau hin aufs Wort, schau hin auf das, was Gott dir zu sagen hat, auf das, was er dir verspricht, auf seine Verheißung. Schau hin auf sein Wesen, auf seine Art, auf seinen Plan.


Der Blick auf Christus

Aber das ist leichter gesagt als getan. Denn selbst wenn wir das wissen, dass es darum geht, den Blick wegzurichten von dem Dunklen und hinzurichten auf Gott, kann der Teufel uns so fertig machen, dass wir manchmal meinen, wir dürften Gott gar nicht mehr unter die Augen treten. Und deshalb möchte ich noch einen kleinen Umweg machen, bevor wir uns wirklich Matthäus 11 anschauen. Ich möchte mit uns eine Passage aus dem Hebräerbrief lesen, weil dort etwas ganz Wichtiges steht – nämlich, dass es völlig egal ist, was wir verbockt haben, dass es völlig egal ist, wie schwach wir sind, weil wir immer, immer, immer zu Jesus kommen dürfen. Immer. 

Die Erlaubnis

In Hebräer 4, Verse 14 bis 16 steht – ich habe jetzt mal die Gute Nachricht als Übersetzung genommen –: „Lasst uns also festhalten an der Hoffnung, zu der wir uns bekennen. Wir haben doch einen überragenden obersten Priester, der alle Himmel durchschritten hat und sich schon bei Gott im himmlischen Heiligtum befindet – Jesus, den Sohn Gottes. Dieser oberste Priester ist nicht einer, der kein Mitgefühl für unsere Schwächen haben könnte. Er wurde ja genau wie wir auf die Probe gestellt. Aber er blieb ohne Sünde. Darum wollen wir mit Zuversicht vor den Thron unseres gnädigen Gottes treten. Dort werden wir, wenn wir Hilfe brauchen, stets Liebe und Erbarmen finden." Weil es so wichtig ist, möchte ich diese letzten beiden Sätze noch mal lesen. Darum – weil das so ist, weil Christus genauso gelitten hat wie wir, weil er genau weiß, wie es uns geht, weil er das alles selber gefühlt hat –: „Darum wollen wir mit Zuversicht vor den Thron unseres gnädigen Gottes treten. Dort werden wir, wenn wir Hilfe brauchen, stets Liebe und Erbarmen finden."

Die Einladung

Und genau darum geht es in Matthäus 11,28 und folgende. Was sagt uns Jesus da? Was sagt er zu dir? Er sagt: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid." Was ist das – mühselig sein? Mühselig mit deinen Werken der Buße, der Reue? Ich weiß nicht, kennt ihr das: dass man meint, man müsste sich erst wieder schön machen, damit man Gott vor die Augen treten darf? Diese verzweifelten Versuche, sich selber besser zu machen. Oder wenn man Angst hat: diese verzweifelten Versuche, sich selbst zu helfen. Diese verzweifelten Versuche, Gott gnädig zu stimmen, ihm zu gefallen oder sich selber gut zuzureden. So funktioniert das nicht. Das macht mühselig. Das erschöpft nur die Seele und lässt dich am Ende erschöpft und in Verzweiflung zurück. Beladen – was heißt das? Das heißt, dass wir am Ende des Tages mit all unseren Selbstversuchen immer noch diese Last spüren – entweder von Schuld oder von Angst –, was die Verzweiflung noch viel größer macht. 

Die Erquickung

Aber was sagt Jesus dazu? Er sagt: „Ich – ich will euch erquicken." Genau da will Jesus uns rausholen – mit seinem Rat und mit seiner Hilfe, mit seiner Gnade, mit seiner Vergebung. Er braucht unsere ganzen verzweifelten Anstrengungen, ihm zu gefallen, nicht. Er braucht auch nicht unsere Anstrengungen, die Lage besser zu machen. Er ist längst für dich. Er ist – Römer 5, Vers 8 – für dich gestorben, als du noch Sünder warst. Ich finde es einen der schönsten Verse in der ganzen Schrift: Gott ist für uns ans Kreuz gegangen, als wir ihm nichts zu bringen hatten als Dreck. Was für eine Liebe! Und da glaubst du, wenn du mit deiner Hilflosigkeit oder mit deiner Schuld gefallen bist, dass du nicht mehr kommen darfst? Nein. Er ist für dich gestorben, als du noch Sünder warst. Und er liebt dich heute wie am ersten Tag. Er liebt dich so sehr, dass er bereit war, für dich zu sterben, lange bevor du das erste Mal an Umkehr gedacht hast. Er kennt dich durch und durch. Er kennt deine Stärken, er kennt deine Schwächen. Er hat dich gemacht. Er kennt all deine Ängste. Er kennt all deine Sehnsüchte, all deine Träume. Er ist dein Schöpfer. Er kennt das Drama deines Lebens besser als du selbst, weil er alles sieht. Und alles, was er will, ist: dich erlösen, dich befreien, dich heilen, dir helfen, dich stärken. 

Die Therapie

Und das hier ist seine Therapie: „Nehmt auf euch mein Joch." Das bedeutet: Nimm deinen Platz ein. Stell dich mir zur Verfügung. Nicht mehr, nicht für mich. Gott will nicht, dass wir für ihn ackern. Er möchte, dass wir uns ihm zur Verfügung stellen, damit er an uns, in uns und durch uns wirken kann. Eine Geige spielt sich nicht selbst. Alles, was sie tun muss, ist sich dem Geiger zur Verfügung stellen – der spielt dann die schöne Melodie. „Stell dich mir zur Verfügung. Fang damit an, gemeinsam mit mir, neben mir, in mir mein Reich zu bauen." 

Und „lern von mir", sagt Jesus. Lern von mir. Was heißt das – lernen von mir? Das heißt: Lass dir etwas sagen. Das heißt: Höre auf die Führung meines Geistes. Nimm dir ein Beispiel an meinem Vorbild. Jesus sagt: „Ich bin sanftmütig." Und was das bedeutet – da möchte ich ganz besonders darauf eingehen: „Sanftmütig und von Herzen demütig." Das bedeutet: Ich bin eins mit dem Willen Gottes. Ich folge der Führung seines Geistes. Ich schmiege mich ein. Ich rebelliere nicht gegen den Willen Gottes. Ich ordne mich ihm unter. 

Ihr Lieben, ich denke, das ist der zentrale Punkt: auf ihn schauen, auf ihn hören. Sein Wort wahrnehmen und eins werden – das war Jesu großes Gebet. Johannes 17, das letzte Gebet: dass wir eins werden mit ihm, so wie er mit dem Vater eins ist. Was meint er damit? Ich will jetzt keine Physikvorlesung halten, aber das beste Bild, das ich dafür kenne, ist ein Laser. Ich denke, wir alle wissen: Laserlicht ist das stärkste Licht, das wir kennen. Mit einem guten Laser kann man Stahl schneiden. Aber wie funktioniert ein Laser? Ein Laser ist eigentlich nichts weiter als ein Gerät, in dem eine Lichtquelle so synchron erzeugt und gespiegelt wird, dass eine entstehende Welle die nächste entstehende Welle verstärkt – immer verstärkt –, weil sie alle in der gleichen Phase sind. Stellt euch das einfach mal vor wie Wasserwellen. Ihr habt eine Welle, die ist vielleicht nur einen Meter hoch. Und wenn jetzt die nächste Welle genau synchron über diese Welle geht, werden sich beide Wellenberge addieren – die Welle wird stärker. Gehen die Wellen auseinander in ihrer Frequenz, wird die Welle flach, dann ist keine Kraft mehr da. Aber bleibt es synchron, dann entsteht eine Kraft, die ist unvorstellbar. 

„Lernt von mir. Lasst euch etwas sagen. Denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig. Ich bin eins mit dem Willen Gottes." Ihr Lieben, das ist, was Gott sich für uns wünscht – und auch, was er sich von uns wünscht: dass wir eins werden mit ihm, eins werden mit seinem Willen. So, sagt Jesus, „so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen" – wenn unser Wille eins geworden ist mit Gottes Willen.

Und dann sagt er: „Denn mein Joch ist sanft." Das bedeutet: mit Jesus zu gehen, seinem Willen zu folgen, sich in diesen Willen einzuschmiegen – das hat nichts mit Zwang zu tun, hat nichts damit zu tun, gezwungen oder unterdrückt zu werden. Denn Gottes Führung ist eine Führung, die uns immer Freiheit lässt. Er inspiriert uns, er lockt uns, er zieht uns – aber er wird uns niemals zwingen. Wir haben immer die Wahl, ob wir mit ihm synchron oder ohne ihn und nicht synchron leben wollen. Synchron mit seiner Kraft, nicht synchron – ohne seine Kraft. Er wird uns niemals zwingen, denn er ist die Liebe in Person. 

Und deswegen sagt er zum Schluss: „Meine Last ist leicht." Denn das, was Gott von uns will, das ist nicht schwer. Was er von uns will, ist nichts anderes, als dass wir das große Doppelgebot der Liebe halten, dass wir uns, wie es in Hosea 11, Vers 4 steht, in Seilen der Liebe ziehen lassen. Das ist so, wie Gott sich die Beziehung zu uns vorstellt: eine Liebesbeziehung. Im Alten Testament wird die Beziehung Gottes zu seinem Volk oft mit dem Bild einer Ehe beschrieben. Ihr Lieben, was ist denn eine Ehe – eine gute Ehe? Da zwingt ja keiner den anderen. Sondern da schaut man, dass man synchron wird, dass man übereinstimmt, dass man gemeinsam in Einheit durchs Leben geht. Und das möchte Gott: dass wir gemeinsam mit ihm, im Einklang, in Einheit mit ihm sein Reich der Liebe bauen.


Schluss

Ich komme zum Schluss. Wenn wir also da angekommen sind, wo wir vor Gott kapitulieren, wo wir zu ihm kommen mit unserer Hilflosigkeit oder mit unserer Schuld – was es auch ist –, wo wir begreifen, dass alles, was wir ihm bringen können, wir selbst sind, und zwar so, wie wir sind: nicht besser, nicht schöner, nicht stärker, egal, ob wir beladen sind mit Schuld und Sünde oder ob wir voller Angst sind und uns fürchten, ächzend und stöhnend unter der Mühsal unserer Versuche, uns vor ihm schön oder besser zu machen. Wenn wir in völliger Klarheit darüber sind, wie verloren wir ohne ihn sind – so dürfen wir kommen, so wie wir sind. 

Und wenn wir dann erkennen – oder zum tausendsten Mal erkennen –, wie unfassbar groß seine Gnade und Treue zu uns sind: dass er uns vergeben will, immer und immer wieder, dass er uns helfen will, immer und immer wieder, dass er uns haben will, so wie wir sind, dass er mit uns sein will. 

Wenn wir da angekommen sind, ihr Lieben – wo wir bereit werden, gemeinsam mit ihm sein Reich der Liebe zu bauen, uns ihm zur Verfügung zu stellen, uns von ihm führen zu lassen –, 

wenn wir da angekommen sind, dann kehrt nicht nur Frieden ein, sondern ein unbändiges Lob. Das Lob, das Gott verdient hat für seine Gnade und für seine Treue und für seine Vergebung und für seine unerschütterliche Liebe zu uns. 

Und das klingt dann so, wie wir im nächsten Lied singen werden: Lasst uns aufstehen und Gott loben.

Lied: Ich will Dir danken


Donnerstag, 15. Juni 2017

Echte Hingabe - Matthäus 26,39


Einleitung
Manchmal stehen wir im Leben vor Krisen, von denen wir nicht wissen, wie wir sie je überwinden sollen. Krisen, die so tief gehen, uns so sehr ans Herz reichen, dass wir nicht mehr verstehen können, warum Gott so etwas überhaupt zulässt. Warum er nicht antwortet. Warum er unsere Gebete nicht erhört. Und wir erkennen dabei nicht, dass nicht Gott es ist, der uns im Wege steht, sondern wir selbst. Wir erkennen oft nicht, dass die größten Steine, die in unserem Lebensweg liegen, zutiefst etwas mit uns zu tun haben, dass sie begründet sind in unserer ganz persönlichen Lebensgeschichte mit all ihren Prägungen, Verletzungen und in unserem sündigen Wesen und in der Art, wie wir mit den Problemen in unserem Leben umgehen. 


Worum es heute gehen wird
Ich möchte uns heute anhand von drei biblischen Lebensgeschichten (von Hiob, Abraham & Sarah und von Jakob & Esau) aufzeigen, was die Hintergründe unserer Krisen sind, und warum es Gottes Barmherzigkeit ist, die uns nicht einfach aus der Krise entlässt: Weil Gott sich wünscht, dass wir umgestaltet werden in Sein Bild, das Ebenbild Christi. Weil Gott sich wünscht, dass wir im tiefsten unseres Herzens frei werden von diesen unguten Zusammenhängen und im wahrsten Sinne des Wortes "gottlosen" Vorgängen in unserem Inneren, die uns quälen und binden.

Anhand der Lebensgeschichten von Hiob, Abraham und Jakob möchte ich uns mit hinein nehmen in das Grundproblem dieser Welt: den Schmerz. Unseren Schmerz. Und hinein in unsere Methoden, mit diesem Schmerz umzugehen. Ich möchte beleuchten, wohin uns dieser Schmerz und unsere gottlosen Methoden der Selbsthilfe führen. Und wie Gott uns in Seiner Gnade an eben diesen unseren Methoden scheitern lässt.

Und ich möchte aufzeigen, dass es einen Weg gibt. Keinen einfachen. Keinen leichten. Sondern einen Weg nach Gottes Willen. Einen Weg, der uns vielleicht alles, das für uns Höchste, das für uns Tiefste, das für uns Allerwertvollste, abverlangt. Ein echtes Opfer. Echte Hingabe. Einen Weg, der nur möglich ist durch das feste Vertrauen darauf, dass Gott sein Wort hält. Einen Weg, der uns letztlich an einen Ort bringt, an dem wir schon immer zu sein wünschten: den Ort, an dem sich Gottes Verheißungen erfüllen. An dem wir am Ende wirklich frei sind. Christus ähnlich. Umgestaltet in Gottes sein Bild.
 

Unser Schmerz
Hiob: Beginnen wir mit Hiob. Was war sein Schmerz? Und ich meine hier nicht die Krise, durch die ihn Gott hat gehen lassen. Sondern ein viel tiefer liegender Schmerz, der ihn zu dem machte, der er war: "fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und meidet das Böse." (Hi 1:8). 

In Hiob 1:4-5 lesen wir: "Und seine Söhne gingen hin und machten ein Gastmahl, ein jeder in seinem Hause an seinem Tag, und sie sandten hin und luden ihre drei Schwestern ein, mit ihnen zu essen und zu trinken. Und wenn die Tage des Mahles um waren, sandte Hiob hin und heiligte sie und machte sich früh am Morgen auf und opferte Brandopfer nach ihrer aller Zahl; denn Hiob dachte: Meine Söhne könnten gesündigt und Gott abgesagt haben in ihrem Herzen. So tat Hiob allezeit.“ 

Hiob opferte. Hiob war fromm. Aber warum? Hiob hatte Angst. Angst vor der Sünde. Angst vor Gottes Zorn. Bitte versteht mich richtig: es ist gut, die Sünde zu hassen. Es ist Gottes Gebot. Und Gott lobt ja auch den Hiob und sagt "Hast du achtgehabt auf meinen Knecht Hiob? Denn es ist seinesgleichen nicht auf Erden [...]" (Hiob 1:8). Aber in Hiobs Angst ist ein Element enthalten, das nichts mit wahrer Gottesfurcht zu tun hat, denn "Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus. Denn die Furcht rechnet mit Strafe; wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe." (1Joh 4:18). Lassen wir das einfach einmal so stehen. 


Abram und Sarai: Schauen wir auf Abram und Sarai. Was war ihr Schmerz? In 1Mo 11:30 lesen wir: "Aber Sarai war unfruchtbar und hatte kein Kind." Nur, wer einen herzlichen Kinderwunsch hat der unbeantwortet bleibt - und glaubt mir: ich weiß, wovon ich rede! - der weiß auch, was es bedeutet, dass sich diese tiefste Sehnsucht nicht erfüllt. Welchen Schmerz es bereitet, um sich glückliche Eltern zu sehen und zu wissen, dass man nicht weiß, wie es sich anfühlt, so einen kleinen Wurm in den eigenen Armen zu halten. Dass man nicht erlebt, wie einen so ein Sonnenschein anstrahlt, als sei man das Größte auf der ganzen Welt. So ging es Abram und Sarai. Sie hatten kein Kind. Lassen wir auch das erst einmal so stehen und schauen auf Jakob und Esau.


Jakob: Was war Jakobs Schmerz? In 1Mo 25,28 lesen wir: "Und Isaak hatte Esau lieb und aß gern von seinem Wildbret; Rebekka aber hatte Jakob lieb." Gott sei Dank hatte ich einen Vater, der mich geliebt hat. Das durfte ich, vor allen in seinen letzten Jahren, immer deutlicher erleben. Doch es gab auch Momente, in denen er meine Sohnschaft in Frage stellte. Nie werde ich den Satz vergessen: "Wenn Du nicht [dies und das tust] dann bist Du nicht mehr mein Sohn!“ Wie muss es Jakob geschmerzt haben, zu spüren, dass die Zuneigung seines Vaters, sein wohlwollender Blick, an ihm vorüber strich und auf Esau ruhen blieb. Wie sehr muss Jakob sich ersehnt haben, die Anerkennung und Wertschätzung seines Vaters zu erlangen.Und wie groß muss sein Neid gegenüber Esau gewesen sein, dem Erstgeborenen, dem heldenhaften Jäger, dem, der es in den Augen seines Vaters immer recht machte. 

Jakobs Schmerz lag in der Geringschätzung. Solche Schmerzen, solche Prägungen können sich wiederholen und sich im Laufe der Zeit verstärken. Mein großer Schmerz ist es, verlassen zu werden. Allein zu sein. Nicht gewollt. Bei der Geburt meines Bruders wurde ich für einige Wochen weggegeben und konnte nachher nicht mehr richtig sprechen. Nach der Scheidung meiner Eltern wurde ich von meiner Mutter verlassen. Meine erste große Liebe hat mich betrogen und verlassen. Und so ging es mir auch in meiner ersten Ehe: ich wurde betrogen und verlassen. So wird die Kerbe tiefer.


Unsere Selbsthilfe
Hiob: Wie gehen wir nun damit um? Wie reagieren wir? Was tun wir gegen diesen Schmerz? Nur zu oft versuchen wir, unserem alten Wesen folgend, das Problem ohne Gott zu lösen. Schauen wir auf Hiob. Hiob hatte Angst. Angst vor der Sünde. Angst vor Gottes Zorn. Und wie schützte er sich davor? Er wurde religiös. Bitte richtig verstehen: "[Hiob] war fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und mied das Böse." (Hiob 1:1) Doch seine Frömmigkeit reichte nicht bis in den Kern seines Wesens. Er hatte weder die Liebe und Barmherzigkeit Gottes in der Tiefe erkannt, noch die Sündhaftigkeit seiner eigenen Seele. Den Hochmut, zu dem sich seine Frömmigkeit mit der Zeit entwickelt hatte. 

Hören wir ihm zu in der Zeit seiner Krise: "Doch ich wollte gern zu dem Allmächtigen reden und wollte rechten mit Gott. Siehe, ich bin zum Rechtsstreit gerüstet; ich weiß, dass ich recht behalten werde. Wer ist, der mit mir rechten könnte? Denn dann wollte ich schweigen und zugrunde gehen." (Hiob 13:3.18.19) Hiob glaubt tatsächlich, sich in seiner frommen Werkgerechtigkeit mit Gott auf eine Stufe stellen zu können; ja, mit Gott rechten zu können. Ja, noch mehr: er glaubt, gegenüber dem Allmächtigen, gegenüber dem Allwissenden, gegenüber dem Gerechten, ja gegenüber dem HERRN des Universums, Recht behalten zu können. Lasst uns diesen Gedanken festhalten: unser Selbstschutz, unsere Selbsthilfe, hat einen Haken. 


Abram und Sarai: Auch bei Abram und Sarai. Auch Abram und Sarai versuchten, sich selbst zu helfen. In 1Mo 16:2 lesen wir: "Und Sarai sprach zu Abram: Siehe, der HERR hat mich verschlossen, dass ich nicht gebären kann. Geh doch zu meiner Magd, ob ich vielleicht durch sie zu einem Sohn komme. Und Abram gehorchte der Stimme Sarais."

Abram's und Sarai's Schmerz ist ihre Kinderlosigkeit und die draus entspringende, tiefe Traurigkeit. Und die Methode ihrer Selbsthilfe ist Eigenmächtigkeit: sie nehmen ihre Familienplanung einfach selber in die Hand - und zwar vorbei an Gottes Plan - und vorbei an Gottes Verheißung, wie wir später noch sehen werden. Und auch ihr Selbstschutz und ihre Selbsthilfe gehen nach hinten los. In 1Mo 16:5, keine 3 Verse später, lesen wir: "Da sprach Sarai zu Abram: Das Unrecht, das mir geschieht, komme über dich! Ich habe meine Magd dir in die Arme gegeben; nun aber, da sie sieht, dass sie schwanger geworden ist, bin ich gering geachtet in ihren Augen." Lasst uns diesen Gedanken weiter festhalten: unser Selbstschutz, unsere Selbsthilfe, hat einen Haken. 


Jakob: Auch bei Jakob. Jakobs Schmerz war die fehlende Liebe, Achtung und Wertschätzung seines Vaters und sie mündete im Neid gegenüber seinem Bruder. Doch wie versuchte Jakob seinen Schmerz zu überwinden? Wir wissen: Er erschlich sich das Recht der Erstgeburt durch einen massiven Betrug: er gab sich, seinem schon auf dem Sterbebett liegenden! Vater gegenüber, als Esau aus. Dreimal belügt er ihn. Dazu täuscht er ihn durch Verkleidung, durch Verstellen seiner Stimme und ein verlogenes letztes Abendessen. Er lügt und betrügt, dass sich die Balken biegen. 

Und auch hier geht der Schuss nach hinten los: "Als Esau diese Worte seines Vaters hörte, schrie er laut und wurde über die Maßen sehr betrübt und sprach zu seinem Vater: Segne mich auch, mein Vater! Er aber sprach: Dein Bruder ist gekommen mit List und hat deinen Segen weggenommen. Da sprach er: Er heißt mit Recht Jakob [=Betrüger], denn er hat mich nun zweimal überlistet. Meine Erstgeburt hat er genommen und siehe, nun nimmt er auch meinen Segen." und "Und Esau war Jakob gram um des Segens willen, mit dem ihn sein Vater gesegnet hatte, und sprach in seinem Herzen: Es wird die Zeit bald kommen, dass man um meinen Vater Leid tragen muss; dann will ich meinen Bruder Jakob umbringen." (1Mo 27:34-36.41). Jakobs Selbsthilfe-Methode ist die List. Und sie führt ihn in einen bald unüberwindlichen Zwist mit seinem Bruder Esau, der ihn wegen seines Betruges so sehr hasste, dass er plante, ihn kaltblütig zu ermorden.   

Nach diesen Ereignissen floh Jakob nach Haran zu seinem Onkel Laban. Zwanzig Jahre sollte er dort bleiben. Und zwanzig Jahre lang kam er durch mit seiner List, mit seinen verschlagenen Methoden, die ihn am Ende all die Anerkennung und das Ansehen eingebracht zu haben schienen, die er schon immer erstrebt hatte, so dass es von ihm hieß "[So] wurde der Mann über die Maßen reich [...]" Zwanzig Jahre sollte es dauern - bis Gott ihn in die Krise führte. 


Die Krise
Hiob: Wie lange es bei Hiob dauerte, wissen wir nicht. Aber wir wissen, dass die Krise ihn an die Grenzen menschlicher Leidensfähigkeit brachte. Was war Hiob's Krise? Den Gipfel seiner Krise erlebte Hiob, als seine Gebete unerhört blieben. Seine ganze Frömmigkeit und Redlichkeit nützen ihm nichts mehr. Sie funktionieren nicht. Sein Selbstschutz - seine Selbsthilfemaßnahmen versagten: Gott blieb verborgen. Und das machte Hiob Angst. Oder besser: Es verschärfte die Angst, die er schon von Anfang an hatte: dass Gott ihn straft. Und es trieb ihn zur Verzweiflung, dass seine Methode nicht mehr funktionierte. Sein Weltbild brach zusammen.

Ich glaube den Höhepunkt seiner Krise -  den tiefsten Schmerz seiner Seele - finden wir im 23. Kapitel, wo es heißt: "Ach dass ich wüsste, wie ich ihn finden und zu seiner Stätte kommen könnte! So würde ich ihm das Recht darlegen und meinen Mund mit Beweisen füllen und erfahren die Reden, die er mir antworten, und vernehmen, was er mir sagen würde. Würde er mit großer Macht mit mir rechten? Nein, er selbst würde achthaben auf mich. Dort würde ein Redlicher mit ihm rechten, und für immer würde ich entrinnen meinem Richter! Aber gehe ich nach Osten, so ist er nicht da; gehe ich nach Westen, so spüre ich ihn nicht. Wirkt er im Norden, so schaue ich ihn nicht; verbirgt er sich im Süden, so sehe ich ihn nicht. Er aber kennt meinen Weg gut. Er prüfe mich, so will ich befunden werden wie das Gold. Denn ich hielt meinen Fuß auf seiner Bahn und bewahrte seinen Weg und wich nicht ab und übertrat nicht das Gebot seiner Lippen und bewahrte die Reden seines Mundes bei mir. Doch er hat's beschlossen, wer will ihm wehren? Und er macht's, wie er will. Ja, er wird vollenden, was mir bestimmt ist, und hat noch mehr derart im Sinn. Darum erschrecke ich vor seinem Angesicht, und wenn ich darüber nachdenke, so fürchte ich mich vor ihm. Gott ist's, der mein Herz mutlos gemacht, und der Allmächtige, der mich erschreckt hat; denn nicht der Finsternis wegen muss ich schweigen, und nicht, weil Dunkel mein Angesicht deckt." (Hiob 23:1-17) Das ist Hiobs Krise: Seine Frömmigkeit und seine Redlichkeit versagen. Er kann sich aus der Krise nicht selbst befreien. 


Abram + Sarai: Auch Abraham und Sarah ging es so. Sie werden immer älter. Auch ihr Selbstschutzmechanismus ist nach hinten los gegangen. Und als Abraham schließlich 99 Jahre alt ist, scheint alle Hoffnung verloren. Die Krise von Abraham und Sarah liegt im Wettlauf gegen die Zeit. Sie sind ihrer Kinderlosigkeit mit fortschreitendem Alter immer hilfloser ausgeliefert. Sie können an Sarah's Unfruchtbarkeit nichts ändern. 


Jakob: Und auch Jakob muss sich seinen Methoden stellen. Auch ihn führt Gott in die Krise. Jakob erfährt, dass sein Bruder Esau, den er um sein Erstgeburtsrecht betrogen hatte, ihm mit einem ganzen Heer entgegen zieht: "Die Boten kamen zu Jakob zurück und sprachen: Wir kamen zu deinem Bruder Esau, und er zieht dir auch entgegen mit vierhundert Mann. Da fürchtete sich Jakob sehr und ihm wurde bange." (1Mo 32:7-8). So groß war Jakobs Angst, dass er betete: "Gott meines Vaters Abraham und Gott meines Vaters Isaak [...] Errette mich von der Hand meines Bruders, von der Hand Esaus; denn ich fürchte mich vor ihm, dass er komme und schlage mich, die Mutter samt den Kindern." (1Mo 32:10-12) So sehr hat sich der Zwist mit seinem Bruder Esau inzwischen ausgeweitet, dass Jakob befürchten muss, dass eine tödliche kriegerische Auseinandersetzung mit Esau, ihn und seine Familie das Leben kosten könnte. Und er weiß keinen Ausweg mehr - er fürchtet um sein Leben. 

An dieser Stelle möchte ich kurz anhalten, und Dich fragen: Was ist Dein Schmerz? Was ist Dein Selbstschutz? Was ist Deine Selbsthilfe? Was ist Deine Krise? An welcher Stelle versagt Dein Weltbild? An welcher Stelle versagen Deine Methoden? An welcher Stelle verstehst Du Gott nicht mehr? Ist es ein unerfüllter Heilungswunsch? Oder ein unerfüllter Kinderwunsch? Sind es scheinbar unüberwindliche Familien oder Eheprobleme? Ist es der nicht verwundene Verlust eines geliebten Menschen? Oder eine unüberwindliche Sucht? Ist es Dein Charakter? Was auch immer es ist --- lass es los!


Echte Hingabe
Doch ist das nicht genau das eigentliche Problem? Ist das nicht der eigentliche Grund, aus dem uns Gott überhaupt in diese Krise gestellt hat? Dass wir nicht loslassen wollen? Dass wir unseren Willen, ohne Gott mit allem fertig zu werden, gar nicht aufgeben wollen? 

Doch, was ist der Grund dafür? Ich denke, es ist die Angst. Angst vor den Schmerzen, die dieses Loslassen bedeuten würde. Die Angst vor der Ungewissheit. Die Angst vor dem, was passieren könnte (und dürfte!) wenn ich wirklich die Kontrolle an Gott abgebe. Die Angst, was er wohl tun würde, wenn ich tatsächlich vollkommen hilflos und abhängig dem Plan des Allmächtigen ausgeliefert wäre. Doch genau darum geht es. Martin Luther hat es damals so formuliert: "Du bittest, ich soll dich erlösen; laß dir nicht leid sein; lehre du mich nicht, lehre dich auch nicht, laß dich mir, ich will dir Meisters genug sein, ich will dich führen den Weg, darin du mir gefällig wandelst. Dich dünkt, es sei verderbt, wenn es nicht geht, wie du denkst; dein Denken ist dir schädlich und hindert mich, es muß gehen nicht nach deinem Verstande, sondern über deinen Verstand. Senke dich in Unverstand, so gebe ich dir meinen Verstand. Unverstand ist der rechte Verstand; nicht wissen, wohin du gehst, das ist recht wissen, wohin du gehst. Es ist der Weg des Kreuzes, den kannst du nicht finden, sondern ich muß dich führen als einen Blinden; darum nicht du, nicht ein Mensch, nicht eine Kreatur, sondern ich, ich selbst will dich unterweisen durch meinen Geist und Wort den Weg, darin du wandeln sollst; nicht das Werk, das du erwählst, nicht das Leiden, das du erdenkst, sondern das dir wider dein Denken, Erwählen, Begehren zukommt, da folge, da rufe ich, da sei Schüler; da ist es Zeit, dein Meister ist da; da sei nicht ein Pferd oder unvernünftiges Tier."  Es ist der Weg des Kreuzes.
 

Echte Hingabe
Es ist der Weg, den Jesus ging. Es ist der Weg, auf den ER uns ruft: "Da sprach Jesus zu seinen Jüngern: Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir." (Mt 16:24) Es ist die Entscheidung, nicht den eigenen Willen festzuhalten, nicht die eigene Gerechtigkeit und Frömmigkeit, nicht die eigene Macht und Fähigkeit, nicht die eigene List und Tücke. Es ist die Entscheidung, Christus nachzufolgen, im ähnlich zu werden, so zu entscheiden, wie er. Es ist die Entscheidung, ihm nachzusprechen, was Er, auf Seinem Angesicht liegend und zu Gott flehend, in Gethsemane betete: "Mein Vater, ist's möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst!" (Mt 26:39)

Gottes Verheißung
Vielleicht geht es Dir jetzt, wie mir: Du sagst in Deinem Herzen: "Sorry! Das ist echt zu viel verlangt. Das kann ich nicht. Das will ich auch gar nicht. Ich habe Angst! Wie soll ich die je überwinden? Wie ich das jemails schaffen?" Und in gewisser Hinsicht hast Du Recht: Du kannst es nicht. Jesus selbst hat es gesagt: "[...] ohne mich könnt ihr nichts tun." (Joh 15:5). 

Aber ER kann es. "Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich." (Lk 1:37). Es braucht nicht Deine Kraft, Deine Willensanstrengung, Deine Überwindung. Es braucht ein Wunder. Ein Wunder, dass nur Gott wirken kann, wenn Du ihn lässt. Er zwingt Dich nicht. Er wartet. Alles was er will ist, dass Du ihm erlaubst, Sein Werk zu tun. Und dass Du ihm vertraust. Seinem Wort vertraust. 

Die Krisen unseres Lebens meistern wir nicht aus eigener Kraft. Wir meistern sie in der Erkenntnis Gottes' Wesens: dass ER gut ist - und dass ER Sein Wort hält. Weil er gar nicht anders kann. Weil ER der ist: der "Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben." (Gal 2:20). ER "ist wahrhaftig" (Röm 3:4) Wir meistern die Krisen unseres Lebens im Vertrauen auf Gottes Wort, auf Seine unumstößlichen Zusagen, im Vertrauen auf Seine Verheißungen, die ER uns gegeben hat --- Sein "Wort ist die Wahrheit." (Joh 17:17).


Hiob: So erlebte es Hiob. Das Vertrauen auf Gottes Wesen und Sein Wort war es, das ihm die Hoffnung gab, auszurufen: „[...] ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben. Und ist meine Haut noch so zerschlagen und mein Fleisch dahingeschwunden, so werde ich doch Gott sehen. Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust.“ – und so kam es tatsächlich: Gott begegnete ihm.


Abraham + Sarah: Das war die Hoffnung Abrahams und Sarahs, denn sie vertrauten darauf, dass GOTT tun kann, was sie nie hätten tun können – und dass ER halten würde, was ER versprach: "Du sollst Sarai, deine Frau, nicht mehr Sarai nennen, sondern Sara soll ihr Name sein. Denn ich will sie segnen, und [...] von ihr will ich dir einen Sohn geben; ich will sie segnen, und Völker sollen aus ihr werden und Könige über viele Völker." (1.Mo 17:15)

 
Jakob: Auch Jakob hätte sich seine eigenen Listen und Betrügereien sparen können, hatte Gott doch schon seiner Mutter prophezeit: "Zwei Völker sind in deinem Leibe, und zweierlei Volk wird sich scheiden aus deinem Schoß; und ein Volk wird dem andern überlegen sein, und der Ältere wird dem Jüngeren dienen." (1Mo 25:23) Diese Verheißung an Jakob erneuerte Gott in Bethel und sprach: "Ich bin der HERR, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich Dir und Deinen Nachkommen geben. Und Dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, [...] durch Dich und Deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, [...]. [...] ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe." (1Mo 27:10-15) 

Und auch dieses Versprechen löste Gott ein: Am Jabbok, direkt vor seiner Begegnung mit Esau, erfährt Jakob das Wunder: Gott erlöst sein Wesen und gibt ihm zum Zeichen einen neuen Namen: "Er sprach: Du sollst nicht mehr Jakob [„Betrüger“] heißen, sondern Israel [„Gott möge schützen“] Und er segnete ihn daselbst. Und Jakob nannte die Stätte Pnuël [...] Und als er an Pnuël vorüberkam, ging ihm die Sonne auf; [...]" (1Mo32:29-32) Und er versöhnte sich mit Esau. 

Ihr Lieben! Unser Gott ist gut und treu! ER hält Sein Wort. Immer. Amen.
 

Fazit / Aufruf
Was willst Du? Was willst Du loslassen? Was ist Deine ‚Lösung‘? Was ist Deine Verheißung?

Samstag, 22. November 2014

Hat Gott sein Volk verstoßen? (Ps 44:1-27)

Text

1
"Eine Unterweisung der Söhne Korach, vorzusingen." 2 Gott, wir haben mit unsern Ohren gehört, / unsre Väter haben's uns erzählt, was du getan hast zu ihren Zeiten, in alten Tagen. 3 Du hast mit deiner Hand die Heiden vertrieben, sie aber hast du eingesetzt; du hast die Völker zerschlagen, sie aber hast du ausgebreitet. 4 Denn sie haben das Land nicht eingenommen durch ihr Schwert, und ihr Arm half ihnen nicht, sondern deine Rechte, dein Arm und das Licht deines Angesichts; denn du hattest Wohlgefallen an ihnen. 5 Du bist es, mein König und mein Gott, der du Jakob Hilfe verheißest. 6 Durch dich wollen wir unsre Feinde zu Boden stoßen, in deinem Namen niedertreten, die sich gegen uns erheben. 7 Denn ich verlasse mich nicht auf meinen Bogen, und mein Schwert kann mir nicht helfen; 8 sondern du hilfst uns von unsern Feinden und machst zuschanden, die uns hassen. 9 Täglich rühmen wir uns Gottes und preisen deinen Namen ewiglich. "SELA". 10 Warum verstößest du uns denn nun / und lässest uns zuschanden werden und ziehst nicht aus mit unserm Heer? 11 Du lässest uns fliehen vor unserm Feind, dass uns berauben, die uns hassen. 12 Du gibst uns dahin wie Schlachtschafe und zerstreust uns unter die Heiden. 13 Du verkaufst dein Volk um ein Nichts und hast mit ihrem Kaufgeld nichts gewonnen. 14 Du machst uns zur Schmach bei unsern Nachbarn, zu Spott und Hohn bei denen, die um uns her sind. 15 Du machst uns zum Sprichwort unter den Heiden, lässt die Völker das Haupt über uns schütteln. 16 Täglich ist meine Schmach mir vor Augen, und mein Antlitz ist voller Scham, 17 weil ich sie höhnen und lästern höre und muss die Feinde und Rachgierigen sehen. 18 Dies alles ist über uns gekommen; und wir haben doch dich nicht vergessen, an deinem Bund nicht untreu gehandelt. 19 Unser Herz ist nicht abgefallen noch unser Schritt gewichen von deinem Weg, 20 dass du uns so zerschlägst am Ort der Schakale und bedeckst uns mit Finsternis. 21 Wenn wir den Namen unsres Gottes vergessen hätten und unsre Hände aufgehoben zum fremden Gott: 22 würde das Gott nicht erforschen? Er kennt ja unsres Herzens Grund. 23 Doch um deinetwillen werden wir täglich getötet und sind geachtet wie Schlachtschafe. 24 Wache auf, Herr! Warum schläfst du? Werde wach und verstoß uns nicht für immer! 25 Warum verbirgst du dein Antlitz, vergissest unser Elend und unsre Drangsal? 26 Denn unsre Seele ist gebeugt zum Staube, unser Leib liegt am Boden. 27 Mache dich auf, hilf uns und erlöse uns um deiner Güte willen!


Kommentar

Zusammenfassung

Gottes Gnade, nicht eigene Kraft waren der Grund früherer Siege, so lehrt dieser Weisheitspsalm das Volk Gottes anhand der Überlieferung von der Landnahme - und das aus gutem Grund: Wegen seines Glaubens verfolgt, erleidet das Volk Gottes Niederlagen, Spott und Hohn in solchem Ausmaß, dass es scheint, Gott habe sie vergessen. So lenkt denn der Psalm, in der Bitte um Erlösung des Volkes, dessen Besinnung auf das verlässlichste Gut: die Gnade und Barmherzigkeit Gottes: sein gütiges Wohlgefallen.


Struktur

1 Der von den Korahleviten verfasste Psalm dient der Unterweisung der Gemeinde

2-4
Zu Beginn preist der Psalmisst Gottes Taten bei der Landnahme unter Josua

4-9 Die Gnade ihres lobenswerten Gottes, nicht eigene Kraft, war und ist ihre Hilfe

10-13 Klage über scheinbare Gottesferne: Niederlage, Plünderung und Vetreibung

14-17
Schmach & Schande, Spott & Hohn der heidnischen Nachbarn sind die Folge

18-20 Vernichtung und Verzweiflung machen keinen Sinn: Das Volk war nicht gottlos

21-23
Gott ist Zeuge: sein Volk ist treu und wird nur um des Glaubens willen verfolgt

24-27 Eindringlichstes Gebet: Gott möge 'erwachen' und sie aus Gnaden erlösen


Inhalt

1 Dieses Psalmlied soll der Gemeinde Gottes als Gesang zur Unterweisung vorgetragen werden. Die als Komponisten und Dichter genannten "Söhne Korach" sind dabei nicht die leiblichen Söhne Korachs, welcher durch ein Gottesurteil das Leben verlor (vgl. 4. Mose 16:32). Es sind die Korahleviten, deren Amtsnachfolger.

2-4 Der vorliegende Psalm spricht zu Beginn von Gottes Großtaten aus längst vergangener Zeit (*), die in Form von Erzählungen von den Vätern an die Söhne und von diesen an wieder deren Söhne überliefert wurde und welche von Gottes mächtigem Handeln während des Einzugs des Volkes Israel ins gelobte Land berichtet: von der Zerschlagung und Vertreibung der heidnischen Völker und der Einsetzung Israels, wie wie im Buch Josua beschrieben sind.

4-9 Dabei weist dieser zur Erlangung von Weisheit gedichtete Psalm gleich zu Beginn auf den Schlüssel zur Wahrheit hin: Nicht durch eigene Waffengewalt oder menschliche Stärke wurden die Schlachten vor Alters her gewonnen, sondern durch Gottes Stärke und vor allem aufgrund Seiner Gnade. Sein gnädiges Wohlgefallen und seine Barmherzigkeit waren es, Seine Allmacht und die strahlende Herrlichkeit  Seines Angesichts (vgl. Mt 17:2, Offb 1:16), welche die Landnahme begründeten.

Ganz persönlich bekennt es der Psalmist - und mit ihm die singende Gemeinde - Wer Der ist, von Dem sie sich Beistand versprechen: Es ist ER, der Allmächtige, der ewige König (1Tim 1:17). Doch trotz Seiner Allmacht und Königsherrschaft ist Er nicht ein fremder Gott oder ein ferner König. Dem Psalmisten ist Er vertraut; Er ist ihm lieb und teuer. Er nennt ihn "Du", "*mein* König" und "*mein* Gott".

Mit Ihm und durch Ihn will er, gemeinsam mit Gottes Volk, diejenigen stürzen, die ihnen feindlich gesinnt sind. In Seinem Auftrag will er diejenigen unterwerfen, die gegen ihn und sein Volk in den Kampf ziehen. Und - wie seine Vorfahren - will er sich nicht auf seine eigene Waffengewalt verlassen, sondern in dem Wissen und Bewusstsein kämpfen, dass es ER ist, der herrliche und allmächtige und gnädige Gott, der für sie eintritt und ihren Feinden wehrt und diejenigen vernichtet, die ihn und Sein Volk hassen.

Diese unverdiente Liebe und freundliche Gnade, diese barmherzige Hilfe und treue Fürsorge Gottes drängen die Seele des Psalmisten und der singenden Gemeinde zum täglichen Lob ihres Gottes und dazu, Seinen herrlichen Namen in alle Ewigkeit zu preisen.

10-13
Mit dem Schwenk der Blickrichtung, weg von der glorreichen Vergangenheit hin zur leidvollen Gegenwart, ändert sich die Färbung der Worte unseres Psalms. Aus anbetendem Dank und herzlichem Lob werden fragende Klagen und schmerzvolle Feststellungen:

Die Truppen Israels unterliegen im Gefecht und werden besiegt und es sieht so aus, als seien sie von Gott verlassen. Sie werden in die Flucht geschlagen und der Feind, voller Hass gegen Gottes Volk, plündert und raubt den Besitz der Israeliten. Diese leidvolle Erfahrung lässt den Psalmisten mit dem Eindruck zurück, Gott habe ihn und sein Volk verstoßen (was doch nicht sein kann, siehe 1Mo 17:7, Ri 2:1, 1Chr 16:17, Ps 105:8ff, Ps 111:5.9, Jes 55:3, Mt 28:20, Rö 8:35-39, etc.).

Angesichts des Leidens stellt der Psalmist, wie schon Hiob vor ihm (Hi 3:11ff) und die Jünger nach ihm (Joh 9:1ff), die Frage nach dem 'Warum?': Aus der menschlichen Perspektive, aus unserer so begrenzten und oft selbstsüchtigen Sicht scheint es so sinnlos zu sein, was ihnen widerfährt: Das Volk Gottes wird abgeschlachtet wie Schafe und unter die Heiden zerstreut. Was ist der Sinn, was ist das Ziel dieses Leidens? Was hat, so fragt der Psalmist, Gott damit gewonnen? Nichts, so scheint es; als hätte Er sein Volk in die Sklaverei verkauft, ohne dass Er zumindest einen Kaufpreis dafür zurück erhalten hätte.

14-17 Doch nicht nur das äußere Leid setzt dem Psalmisten zu, auch dessen Folgen betrüben das Innere seiner Seele: aufgrund der Schande seiner Niederlage ist das Volk Gottes nun auch der Verachtung, dem Hohn und dem Spott seiner heidnischen Nachbarländer ausgeliefert, die dessen Niederlage mit abfälligem Kopfschütteln und beschämenden Spottversen quittieren.

Jeden Tag aufs Neue steht dem Psalmisten sein erniedrigtes Ansehen vor Augen; jeden Tag aufs Neue treibt ihm die Niederlage die Schamesröte ins Gesicht. Denn jeden Tag aufs Neue muss er den Hohn und die Lästerungen seiner Feinde ertragen; den Anblick derer, die allein Vergeltung im Sinn haben.

18-20 Und wieder setzt das Unverständnis ein, ist doch kein Sinn-Zusammenhang zwischen dem erfahrenen Leid und eigener Schuld zu erkennen: was über das Volk hereingebrochen ist, das weiß der Psalmist, hat ganz gewiss keinen Grund in einer etwaigen Gottlosigkeit des Volkes Israel selbst. Sie haben Gott noch stets in ihren Gedanken und haben Ihn, der in Abraham den Bund mit Ihnen schloss (1Mo 15:18), nicht verlassen. Noch immer sind sie mit ihren Herzen bei Ihm und tun nach Seinen Geboten. Und dennoch werden sie in unwirtlicher Wildnis vernichtend zerdroschen und erleiden schmerzvoll, dass Hoffnungslosigkeit sich - wie ein dunkler, schwerer Vorhang - über sie senkt.

21-23 So gewiss ist sich der Psalmist über die Schuldlosigkeit seines Volkes, dass er Gott selbst zu seinem Zeugen beruft: Hätte Er, der Allwissende (Ps 139:1-3), der unsere Gedanken von ferne und unsere Herzen kennt (1Kö 8:39, Lk 16:15b, Apg 1:24 und 15:8), nicht bemerkt, wenn sein Volk Ihm den Rücken gekehrt und fremde Götzen angebetet hätte? Das kann der Grund nicht sein. Und so bleibt nur noch die eine Alternative: um ihres Gottes willen werden sie täglich zu Tode gebracht und um ihres Glaubens willen, sieht man sie an, wie Schlachtvieh.

24-27 Und so ruft der Psalmist samt der ganzen Gemeinde laut zu Gott, der doch nicht schläft noch schlummert (Ps 121:4), so eindringlich, als schliefe Er doch: Der Herr der Heerscharen möge von Seinem Schlaf erwachen. Verwundert, ja fast trotzig wie ein Kind rütteln sie ihn wach mit der Frage nach dem 'warum': Wie kann Er schlafen und Seinem Volk Seine tröstende Gegenwart entziehen? Wie kann Er, der doch nie etwas vergisst (Ps 33:11) so viel Bedrängnis und Not Seiner Kinder vergessen?

Und so dringen sie weiter in Ihn: Er möge doch erwachen und ihrer Verlassenheit ein Ende bereiten, denn sie sind seelisch und körperlich völlig am Ende. Er möge sich selbst anschicken und Seinem Volk zur Hilfe kommen und es freikaufen. Und für die Erhörung dieser Bitte, das weiß der Psalmist aus der Überlieferungen seiner Ahnen, gibt es auf der ganzen Welt nur einem Grund: nicht eigene Kraft oder Gerechtigkeit, sondern allein das gnädige Wohlgefallen Gottes - seine barmherzige Güte.


Fragen zur praktischen Anwendung


1. Für welche herrliche, barmherzige Hilfe Gottes kannst Du Ihm von Herzen danken?

2. In welcher Situtation wünscht Du Dir Gottes allmächtigen und gnädigen Beistand?

3. Welche Not möchtest Du Deinem Dich liebenden Gott im Gebet herausschreien?

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* Die Datierung einzelner Psalmen ist schwierig, da der gesamte Psalter in einer Zeitspanne von fast 1.000 Jahren entstand. Die ältesten Psalmen gehen dabei auf Mose (1525 - 1405 v. Chr.) zurück. Jüngere, wie z.B. Ps. 137, reichen bis zur babylonischen Gefangenschaft (597 - 538 v. Chr.).