Sonntag, 31. Mai 2026

In Anfechtung! Was tun? – Wie wir trotz Gegenwind erfrischt werden können (Psalm 57 + Matthäus 11,28-30)

 


Zusammenfassung

In dieser Predigt wirst Du mitgenommen in eine ehrliche Auseinandersetzung mit dem, was die Bibel „Anfechtung" nennt – jene Zeiten, in denen wir uns verklagt, bedroht und innerlich ausgehöhlt fühlen. Anhand von Psalm 57 und Matthäus 11,28–30 wird entfaltet, wie der Feind gezielt vorgeht, um uns in Erschöpfung und Verzweiflung zu treiben – und was die entscheidende Gegenbewegung ist: der Wechsel der Blickrichtung. Nicht mehr auf die eigene Schuld, die eigene Schwäche oder die dunklen Umstände zu schauen, sondern auf Christus, seine Gnade und seinen Charakter. Mit einem Wort Martin Luthers, und einem Vergleich aus der Physik mündet die Predigt in eine kraftvolle Ermutigung zur Einheit mit Gottes Willen und dem Einladungsruf Jesu an alle Erschöpften: Wir dürfen kommen, so wie wir sind – und finden Ruhe für unsere Seelen.

[Predigt als MP3]


Übersicht

Dieses ganze Thema aufzudröseln – das erste ist die Situation. Wie ist das eigentlich? Was ist Anfechtung? Wie fühlt sich das an? Verklagt sein, auf der Flucht sein, mit einem Herzen, das nach Hoffnung schreit, das Sehnsucht hat nach Gottes Schalom. Dann unser Gebet – und zwar auf Basis dessen, wer Gott ist und wie er ist, auf Basis seines Charakters, und was wir ihm bitten. Dann die Strategie des Feindes auch noch mal aufzudecken: Wie geht der eigentlich vor? Wie genau stellt er uns das Bein, damit wir das vielleicht beim nächsten Mal besser erkennen? Und dann die beiden zentralen Punkte: einmal die Wendung, nämlich etwas über den Wechsel unserer Blickrichtung. Und dazu dann auch noch ein paar Gedanken vom guten alten Martin Luther – also das ist auch einer von denen, wo ich mich schon darauf freue, den im Himmel mal zu sehen. Dem habe ich das eine oder andere zu sagen. Unter anderem, dass ich ihm dankbar bin für viele kernige Dinge, die er gesagt hat. Und last but not least das Eigentliche: der Blick auf Christus, wozu er uns einlädt, was er für uns tun will und was er uns rät. Und ganz zum Schluss möchte ich dann direkt in den Lobpreis überleiten. Das heißt, wenn ihr das Gefühl habt, so langsam aber sicher kommt der Michi jetzt wahrscheinlich zum Ende – Jochen, dann könnt ihr vielleicht schon mal vorgehen. Weil das wäre schön, wenn das so ein nahtloser Übergang werden könnte, denn die Lieder bringen, denke ich, ganz wunderbar zum Ausdruck, was Inhalt der Predigt ist.


Textlesungen

Psalm 57,1

Ein Güldenes Kleinod Davids, vorzusingen nach der Weise: Vertilge nicht. Als er vor Saul in die Höhle floh. „Sei mir gnädig, Gott, sei mir gnädig. Denn auf dich traut meine Seele. Und unter dem Schatten deiner Flügel habe ich Zuflucht, bis das Unglück vorübergehe. Ich rufe zu Gott, dem Allerhöchsten, zu Gott, der meine Sache zum guten Ende führt. Er sende vom Himmel und helfe mir von der Schmähung dessen, der mir nachstellt. Sela. Gott sende seine Güte und Treue. Ich liege mitten unter Löwen. Verzehrende Flammen sind die Menschen. Ihre Zähne sind Spieße und Pfeile und ihre Zungen scharfe Schwerter. Erhebe dich, Gott, über den Himmel, und deine Herrlichkeit über alle Welt. Sie haben meinen Schritten ein Netz gestellt und meine Seele gebeugt. Sie haben vor mir eine Grube gegraben und fallen doch selbst hinein. Sela. Mein Herz ist bereit, Gott, mein Herz ist bereit, dass ich singe und lobe. Wach auf, meine Seele! Wach auf, Psalter und Harfe! Ich will das Morgenrot wecken. Herr, ich will dir danken unter den Völkern. Ich will dir lobsingen unter den Leuten, denn deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen. Erhebe dich, Gott, über den Himmel und deine Herrlichkeit über alle Welt." 


Matthäus 11,28–30

„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig. So werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen, denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht." Danke, Felix.


Die Situation

Verklagt

Anhand der Verse, die wir gerade gehört haben aus Psalm 57 und auch aus dem Matthäusevangelium, möchte ich mit euch jetzt durchgehen durch diese Punkte: wie sich das anfühlt, wenn man angefochten ist, und wie gesagt, was wir tun können. 

Ich finde es schon ganz interessant, wie der Psalm überhaupt anfängt. Da steht ja ganz am Anfang: „Nach der Weise: Vertilge nicht." Und ich weiß nicht, wie es euch geht – mir geht es in Zeiten der Anfechtung oft so, dass man dieses Gefühl hat, man wird vertilgt, man wird aufgefressen, man wird – ja, weiß ich nicht – weggehext. Es gibt Zeiten in unserem Leben, da verklagt uns der Feind so sehr, und zwar ganz egal, ob wir gesündigt haben oder nicht, dass wir uns fürchten, Gott könnte zulassen, dass er uns verschlingt. Er heißt ja nicht umsonst der Verkläger der Brüder. Und es heißt auch nicht zuletzt deswegen in 1. Petrus 5, Vers 8: „Seid nüchtern und wacht, denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge." Der Feind droht uns. Er macht uns Angst – entweder indem er uns unsere Schuld vorhält oder unsere Schwachheit. 

Auf der Flucht

David war damals auf der Flucht vor Saul, der geistig – würde ich jetzt mal sagen – nicht mehr ganz auf der Höhe war. Das wissen wir alle. Der hat ja David verfolgt, und David hat sich damals in einer Höhle versteckt. Und ich denke, so geht es uns auch, wenn wir angefochten sind: dass wir uns am liebsten verstecken wollen, dass wir uns vor diesem Ansturm der Anklagen, vor dem Ansturm der Drohungen irgendwo bergen wollen, dass wir Schutz suchen. 

Unser Herzensschrei

Und so wie David beten wir dann sicher auch: „Sei mir gnädig, Gott, sei mir gnädig" – weil wir uns nichts anderes wünschen, als dass das endlich aufhört. Wir bitten um Erbarmen. Viele kennen das vielleicht aus den Landeskirchen noch: Kyrie eleison – das ist auf Griechisch nichts anderes als „Herr, erbarme dich." 

Unsere Hoffnung und Sehnsucht

Und letztlich ist das unsere Hoffnung und unsere Sehnsucht, dass wir unter dem Schutz seiner Flügel Zuflucht finden, bis dieser schreckliche, feurige Ansturm der Anklagen des Feindes vorüber ist. Ich muss bei diesem Vers „unter dem Schatten seiner Flügel" immer an die schwerste Zeit in meinem Leben denken. Ich war damals in der Nähe von Frankfurt, drei Monate lang auf Kur. Angstzustände, schwerste Depressionen, Selbstmordgedanken. Und irgendwann in dieser Zeit kommt ein junger Mann – ich glaube, der kam irgendwo aus Hamburg oder aus der Ecke. Der hat sich ans Klavier gesetzt und hat ein selbstkomponiertes Lied gespielt. Und das hieß: „Unter dem Schatten deiner Flügel." Und das ist mir seither ein schönes Bild geworden: unter dem Schatten der Flügel Gottes Zuflucht suchen zu können, bis der feurige Ansturm der Anklagen des Feindes vorüber ist.


Unser Gebet

Gottes Wesen: Allmächtig und Gnädig

Und das wünsche ich uns allen, dass wir in diesen Zeiten uns bei Gott bergen können, Schutz finden, bei ihm geborgen – Geborgenheit. Denn das, was wir suchen in dieser Zeit, ist Frieden, ist Schutz, ist Geborgenheit, ist Heil, Gottes Schalom. Und irgendwie denke ich, wissen wir das auch alle: Der Feind Gottes ist uns zu mächtig, um ihn zu besiegen. Ganz egal, ob er uns verklagt, ob er uns droht oder ob er uns die Zukunft mit dunklen Bildern vor Augen malt – ihn zu besiegen braucht es einen, der mächtiger ist als er, nämlich Gott selbst, den Allerhöchsten. Dazu braucht es einen, der meine Sache zu einem guten Ende führt. Ich denke, das zentrale Element dabei ist Gottes Wesen, sein Charakter – dass er ein Gott ist, der, weil er so ist wie er ist, unsere Sache zum guten Ende führen wird. Egal, was wir verbockt haben. Egal, wie schwach wir sind – oder vielleicht sogar gerade weil er weiß, wie schwach wir sind – trotz aller Widerstände. 

Unsere Bitte

In solchen Zeiten beten wir, dass Gott diese Anklagen wegnimmt, dass er diese Angst wegnimmt, dass er diese Drohungen wegnimmt, dass er uns von diesen verheerenden und niederschmetternden Bildern befreit – Bildern von unserer Schuld, Bildern von unserer Unzulänglichkeit, von unserem Versagen, unserer Schwäche – und dass er uns von unserem angeblich drohenden Schicksal befreit. Wir beten, dass wir, statt auf unsere Schwäche und unsere Schuld starren zu müssen, wieder auf ihn schauen können: auf seine Güte, auf seine Treue, auf seine nie endende Liebe. Und damit müsste das doch eigentlich erledigt sein, oder? 


Die Strategie des Feindes: Versuchung, Anklage & Zermürbung

Versuchung

Ich weiß nicht, wie ihr das erlebt. Aber ich erlebe das oft anders – weil der Feind nicht untätig ist und eine perfide Strategie hat. Am Anfang steht die Versuchung – entweder die Versuchung zur Sünde oder die Versuchung, auf die Umstände zu schauen oder, noch moderner gesagt, auf die Gefühle. Er versucht, uns zur Sünde zu verführen oder dazu, auf die Umstände zu schauen, auf unsere Gefühle – statt auf Gottes Wort, statt auf seine Verheißung. Und genau damit stellt er uns ein Bein, gräbt uns eine Grube, stellt uns eine Falle. Und so fängt das Elend immer an: Der Feind führt uns in Versuchung und wartet nur darauf, dass wir seinen Köder schlucken – dass wir anfangen, unseren Gefühlen mehr zu vertrauen als Gottes Wort, dass wir andere Wege gehen als die, die Gott für uns gewollt hat, dass wir hereinfallen auf seine Täuschung. 

Anklage

Und kaum haben wir angebissen – haben gesündigt oder auf die Umstände geschaut –, geht er schon zu Stufe zwei seiner bösartigen Strategie über. Denn jetzt wird verklagt: „Schau dir an, was du gemacht hast!" Oder es wird gedroht: „Schau dir an, wie deine Zukunft aussehen könnte!" Alles wird dunkel. Es wird Angst gemacht. Und ganz ehrlich, ihr Lieben: In dieser Welt, so wie sie ist – sie ist gefallen, sie ist kaputt –, das habe ich gerade in den letzten Monaten noch tiefer erfahren, auch durch meinen besten Freund, der auf eine schlimme Art krank geworden ist. Wo man einfach merkt: Der Zerbruch dieser Welt geht so tief, dass es Dinge gibt, die vielleicht nicht mehr zu heilen sind.

Und da ist es nicht ohne, wenn der Feind dann kommt und uns die Zukunft düster ausmalt: Was wird werden? Dunkle Bilder, dunkle Gefühle. Oder wir werden verklagt. Und da ist es ganz egal, ob das direkt geschieht, weil der Feind uns böse Gedanken schickt, oder ob er das indirekt macht, indem er böse Menschen gebraucht, die schlecht über uns reden oder schlecht mit uns reden. Was wir dann empfinden, ist genau das, was David in seinem Psalm so beschreibt – nämlich, dass unsere Seele wie von den Zähnen wilder Löwen zerfleischt wird, wie von Spießen und Pfeilen durchbohrt und von scharfen Schwertern durchdrungen. Und nichts wünschen wir uns dann mehr, als dass Gott sich von seinem Thron erhebt und einschreitet – endlich einschreitet –, dass sein Reich komme, so wie im Himmel, so auch auf Erden. Oder dass wir mit David beten: „Erhebe dich, Gott, über den Himmel und deine Herrlichkeit über alle Welt." 

Zermürbung

Aber damit ist der Feind immer noch nicht fertig. Er klagt nicht einmal kurz an und geht dann wieder. Er will uns fertig machen. Er heißt auch nicht umsonst „ein Menschenmörder von Anfang an"! Er will uns zermürben. Er will unsere Seele beugen und uns die letzte Kraft rauben. Er hört einfach nicht von selber auf. Und wenn wir ihn lassen, dann ist das Ergebnis immer das gleiche: dass er unsere Seele niederbeugt, zur Verzweiflung treibt und ihr jede Kraft raubt.


Und dass er uns in eine Traurigkeit stürzt, die kein gutes Ende nehmen will. Alles, was wir dann noch sehen können, ist die Grube, die er uns gegraben hat. Und irgendwann merkst du dann vielleicht, dass du keine Kraft mehr hast, dagegen anzukämpfen. Dann denkst du nicht mehr nach, dann funktionierst du nur noch. Du ziehst dich zurück. Und wenn es ganz schlimm kommt, dann zweifelst du nicht mal mehr an seinen Anklagen, an seinen Drohungen, an seinen dunklen Bildern, sondern fängst innerlich an, ihm zuzustimmen. Ich finde, das ist das Schlimmste. 


Die Wendung

Der Blickwechsel

Doch der Teufel hat die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Denn am Ende wird er es sein, der in die Grube fällt, die er uns gegraben hat. Doch nicht so schnell. Wie kommt es jetzt zu dieser Wendung? David schreibt in seinem Psalm: „Mein Herz ist bereit, Gott, mein Herz ist bereit, dass ich singe und lobe." Und an dieser Stelle – auch nach 40 Jahren, wenn ich den Psalm lese – muss ich immer wieder anhalten. Weil ich mir denke: Hallo. Wenn es dir wirklich so dreckig geht, David, wie kommst du darauf? Wie kommst du jetzt darauf, dass dein Herz bereit wird, Gott zu loben? Und wenn man genau hinschaut und genau liest, sieht man, was dort im Stillen passiert ist. David hat seinen Fokus geändert. Er schaut nicht mehr auf die Umstände. Er schaut nicht mehr auf seine Gefühle. Er schaut auf Gott, auf sein Wesen, auf seine Macht. Und er wird bereit, Gott zu loben. 

Das heißt, um die Frage zu beantworten, wie unsere Seele dahin kommt, dass sie trotz all der Umstände, trotz der ganzen Anfechtung Gott loben kann: Die Seele muss die Augen öffnen, muss endlich von sich selber wegsehen hin auf den, der allein ihr helfen kann. Muss auf den hören, der allein trösten und heilen kann. Und genau dazu möchte ich dann Matthäus 11,28–30 anschauen – um den Blick wegzukriegen von uns, von den Umständen, hin auf Christus; weg von unserer Misere, hin auf das, was Christus uns zu sagen hat; weg von unseren Gefühlen, hin auf Gottes Wort, auf seine Zusagen, auf seinen Rat, auf sein Wesen, auf seine Person. 

Martin Luther

Ich habe witzigerweise in der Zeit der Predigtvorbereitung letzte Woche – in den täglichen Andachten aus einem Andachtsbuch von Martin Luther etwas gelesen, das er nicht selber geschrieben hat, sondern wo jemand 365 Auslegungen einzelner Verse von Martin Luther zusammengetragen hat – und an dem Tag ging es um 1. Petrus 4, Vers 19. Dort steht: „Welche da leiden nach Gottes Willen, die sollen ihre Seelen ihm anbefehlen als dem treuen Schöpfer in guten Werken." Ich lese es noch mal: „Welche da leiden nach Gottes Willen, die sollen ihm ihre Seelen befehlen als dem treuen Schöpfer in guten Werken." Und Martin Luther schreibt in seiner unvergleichlichen Art zu diesem Vers Folgendes: „Das ist der Christen Kunst, daran wir alle zu lernen haben, dass wir aufs Wort sehen und tun weit aus den Augen alle anliegende, beschwerende Not und Leiden. Und es ist des Teufels Art eben, dass er das Wort weit aus den Augen rückt, dass einer nicht mehr sieht als ihn – die Not, die vorhanden ist. Aber das soll nicht sein. Wer sich nach dem Fühlen richtet, der verliert. Nur das Kreuz und Leiden, so sehr du immer kannst, aus dem Herzen und Sinne geschlagen. Sonst, wenn man lange drüber nachdenkt, so wird das Übel ärger." 

Also diese ganz klare Ansage: Wechsele deine Blickrichtung. Schau weg von den Umständen, schau weg von diesen Bildern, von diesen Gedanken, von deinen Gefühlen. Schau hin aufs Wort, schau hin auf das, was Gott dir zu sagen hat, auf das, was er dir verspricht, auf seine Verheißung. Schau hin auf sein Wesen, auf seine Art, auf seinen Plan.


Der Blick auf Christus

Aber das ist leichter gesagt als getan. Denn selbst wenn wir das wissen, dass es darum geht, den Blick wegzurichten von dem Dunklen und hinzurichten auf Gott, kann der Teufel uns so fertig machen, dass wir manchmal meinen, wir dürften Gott gar nicht mehr unter die Augen treten. Und deshalb möchte ich noch einen kleinen Umweg machen, bevor wir uns wirklich Matthäus 11 anschauen. Ich möchte mit uns eine Passage aus dem Hebräerbrief lesen, weil dort etwas ganz Wichtiges steht – nämlich, dass es völlig egal ist, was wir verbockt haben, dass es völlig egal ist, wie schwach wir sind, weil wir immer, immer, immer zu Jesus kommen dürfen. Immer. 

Die Erlaubnis

In Hebräer 4, Verse 14 bis 16 steht – ich habe jetzt mal die Gute Nachricht als Übersetzung genommen –: „Lasst uns also festhalten an der Hoffnung, zu der wir uns bekennen. Wir haben doch einen überragenden obersten Priester, der alle Himmel durchschritten hat und sich schon bei Gott im himmlischen Heiligtum befindet – Jesus, den Sohn Gottes. Dieser oberste Priester ist nicht einer, der kein Mitgefühl für unsere Schwächen haben könnte. Er wurde ja genau wie wir auf die Probe gestellt. Aber er blieb ohne Sünde. Darum wollen wir mit Zuversicht vor den Thron unseres gnädigen Gottes treten. Dort werden wir, wenn wir Hilfe brauchen, stets Liebe und Erbarmen finden." Weil es so wichtig ist, möchte ich diese letzten beiden Sätze noch mal lesen. Darum – weil das so ist, weil Christus genauso gelitten hat wie wir, weil er genau weiß, wie es uns geht, weil er das alles selber gefühlt hat –: „Darum wollen wir mit Zuversicht vor den Thron unseres gnädigen Gottes treten. Dort werden wir, wenn wir Hilfe brauchen, stets Liebe und Erbarmen finden."

Die Einladung

Und genau darum geht es in Matthäus 11,28 und folgende. Was sagt uns Jesus da? Was sagt er zu dir? Er sagt: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid." Was ist das – mühselig sein? Mühselig mit deinen Werken der Buße, der Reue? Ich weiß nicht, kennt ihr das: dass man meint, man müsste sich erst wieder schön machen, damit man Gott vor die Augen treten darf? Diese verzweifelten Versuche, sich selber besser zu machen. Oder wenn man Angst hat: diese verzweifelten Versuche, sich selbst zu helfen. Diese verzweifelten Versuche, Gott gnädig zu stimmen, ihm zu gefallen oder sich selber gut zuzureden. So funktioniert das nicht. Das macht mühselig. Das erschöpft nur die Seele und lässt dich am Ende erschöpft und in Verzweiflung zurück. Beladen – was heißt das? Das heißt, dass wir am Ende des Tages mit all unseren Selbstversuchen immer noch diese Last spüren – entweder von Schuld oder von Angst –, was die Verzweiflung noch viel größer macht. 

Die Erquickung

Aber was sagt Jesus dazu? Er sagt: „Ich – ich will euch erquicken." Genau da will Jesus uns rausholen – mit seinem Rat und mit seiner Hilfe, mit seiner Gnade, mit seiner Vergebung. Er braucht unsere ganzen verzweifelten Anstrengungen, ihm zu gefallen, nicht. Er braucht auch nicht unsere Anstrengungen, die Lage besser zu machen. Er ist längst für dich. Er ist – Römer 5, Vers 8 – für dich gestorben, als du noch Sünder warst. Ich finde es einen der schönsten Verse in der ganzen Schrift: Gott ist für uns ans Kreuz gegangen, als wir ihm nichts zu bringen hatten als Dreck. Was für eine Liebe! Und da glaubst du, wenn du mit deiner Hilflosigkeit oder mit deiner Schuld gefallen bist, dass du nicht mehr kommen darfst? Nein. Er ist für dich gestorben, als du noch Sünder warst. Und er liebt dich heute wie am ersten Tag. Er liebt dich so sehr, dass er bereit war, für dich zu sterben, lange bevor du das erste Mal an Umkehr gedacht hast. Er kennt dich durch und durch. Er kennt deine Stärken, er kennt deine Schwächen. Er hat dich gemacht. Er kennt all deine Ängste. Er kennt all deine Sehnsüchte, all deine Träume. Er ist dein Schöpfer. Er kennt das Drama deines Lebens besser als du selbst, weil er alles sieht. Und alles, was er will, ist: dich erlösen, dich befreien, dich heilen, dir helfen, dich stärken. 

Die Therapie

Und das hier ist seine Therapie: „Nehmt auf euch mein Joch." Das bedeutet: Nimm deinen Platz ein. Stell dich mir zur Verfügung. Nicht mehr, nicht für mich. Gott will nicht, dass wir für ihn ackern. Er möchte, dass wir uns ihm zur Verfügung stellen, damit er an uns, in uns und durch uns wirken kann. Eine Geige spielt sich nicht selbst. Alles, was sie tun muss, ist sich dem Geiger zur Verfügung stellen – der spielt dann die schöne Melodie. „Stell dich mir zur Verfügung. Fang damit an, gemeinsam mit mir, neben mir, in mir mein Reich zu bauen." 

Und „lern von mir", sagt Jesus. Lern von mir. Was heißt das – lernen von mir? Das heißt: Lass dir etwas sagen. Das heißt: Höre auf die Führung meines Geistes. Nimm dir ein Beispiel an meinem Vorbild. Jesus sagt: „Ich bin sanftmütig." Und was das bedeutet – da möchte ich ganz besonders darauf eingehen: „Sanftmütig und von Herzen demütig." Das bedeutet: Ich bin eins mit dem Willen Gottes. Ich folge der Führung seines Geistes. Ich schmiege mich ein. Ich rebelliere nicht gegen den Willen Gottes. Ich ordne mich ihm unter. 

Ihr Lieben, ich denke, das ist der zentrale Punkt: auf ihn schauen, auf ihn hören. Sein Wort wahrnehmen und eins werden – das war Jesu großes Gebet. Johannes 17, das letzte Gebet: dass wir eins werden mit ihm, so wie er mit dem Vater eins ist. Was meint er damit? Ich will jetzt keine Physikvorlesung halten, aber das beste Bild, das ich dafür kenne, ist ein Laser. Ich denke, wir alle wissen: Laserlicht ist das stärkste Licht, das wir kennen. Mit einem guten Laser kann man Stahl schneiden. Aber wie funktioniert ein Laser? Ein Laser ist eigentlich nichts weiter als ein Gerät, in dem eine Lichtquelle so synchron erzeugt und gespiegelt wird, dass eine entstehende Welle die nächste entstehende Welle verstärkt – immer verstärkt –, weil sie alle in der gleichen Phase sind. Stellt euch das einfach mal vor wie Wasserwellen. Ihr habt eine Welle, die ist vielleicht nur einen Meter hoch. Und wenn jetzt die nächste Welle genau synchron über diese Welle geht, werden sich beide Wellenberge addieren – die Welle wird stärker. Gehen die Wellen auseinander in ihrer Frequenz, wird die Welle flach, dann ist keine Kraft mehr da. Aber bleibt es synchron, dann entsteht eine Kraft, die ist unvorstellbar. 

„Lernt von mir. Lasst euch etwas sagen. Denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig. Ich bin eins mit dem Willen Gottes." Ihr Lieben, das ist, was Gott sich für uns wünscht – und auch, was er sich von uns wünscht: dass wir eins werden mit ihm, eins werden mit seinem Willen. So, sagt Jesus, „so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen" – wenn unser Wille eins geworden ist mit Gottes Willen.

Und dann sagt er: „Denn mein Joch ist sanft." Das bedeutet: mit Jesus zu gehen, seinem Willen zu folgen, sich in diesen Willen einzuschmiegen – das hat nichts mit Zwang zu tun, hat nichts damit zu tun, gezwungen oder unterdrückt zu werden. Denn Gottes Führung ist eine Führung, die uns immer Freiheit lässt. Er inspiriert uns, er lockt uns, er zieht uns – aber er wird uns niemals zwingen. Wir haben immer die Wahl, ob wir mit ihm synchron oder ohne ihn und nicht synchron leben wollen. Synchron mit seiner Kraft, nicht synchron – ohne seine Kraft. Er wird uns niemals zwingen, denn er ist die Liebe in Person. 

Und deswegen sagt er zum Schluss: „Meine Last ist leicht." Denn das, was Gott von uns will, das ist nicht schwer. Was er von uns will, ist nichts anderes, als dass wir das große Doppelgebot der Liebe halten, dass wir uns, wie es in Hosea 11, Vers 4 steht, in Seilen der Liebe ziehen lassen. Das ist so, wie Gott sich die Beziehung zu uns vorstellt: eine Liebesbeziehung. Im Alten Testament wird die Beziehung Gottes zu seinem Volk oft mit dem Bild einer Ehe beschrieben. Ihr Lieben, was ist denn eine Ehe – eine gute Ehe? Da zwingt ja keiner den anderen. Sondern da schaut man, dass man synchron wird, dass man übereinstimmt, dass man gemeinsam in Einheit durchs Leben geht. Und das möchte Gott: dass wir gemeinsam mit ihm, im Einklang, in Einheit mit ihm sein Reich der Liebe bauen.


Schluss

Ich komme zum Schluss. Wenn wir also da angekommen sind, wo wir vor Gott kapitulieren, wo wir zu ihm kommen mit unserer Hilflosigkeit oder mit unserer Schuld – was es auch ist –, wo wir begreifen, dass alles, was wir ihm bringen können, wir selbst sind, und zwar so, wie wir sind: nicht besser, nicht schöner, nicht stärker, egal, ob wir beladen sind mit Schuld und Sünde oder ob wir voller Angst sind und uns fürchten, ächzend und stöhnend unter der Mühsal unserer Versuche, uns vor ihm schön oder besser zu machen. Wenn wir in völliger Klarheit darüber sind, wie verloren wir ohne ihn sind – so dürfen wir kommen, so wie wir sind. 

Und wenn wir dann erkennen – oder zum tausendsten Mal erkennen –, wie unfassbar groß seine Gnade und Treue zu uns sind: dass er uns vergeben will, immer und immer wieder, dass er uns helfen will, immer und immer wieder, dass er uns haben will, so wie wir sind, dass er mit uns sein will. 

Wenn wir da angekommen sind, ihr Lieben – wo wir bereit werden, gemeinsam mit ihm sein Reich der Liebe zu bauen, uns ihm zur Verfügung zu stellen, uns von ihm führen zu lassen –, 

wenn wir da angekommen sind, dann kehrt nicht nur Frieden ein, sondern ein unbändiges Lob. Das Lob, das Gott verdient hat für seine Gnade und für seine Treue und für seine Vergebung und für seine unerschütterliche Liebe zu uns. 

Und das klingt dann so, wie wir im nächsten Lied singen werden: Lasst uns aufstehen und Gott loben.

Lied: Ich will Dir danken


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