Montag, 9. Januar 2012

Ken Wilber und die Kirche: regressive Mythen und erstarrte Dogmen?


Im Zusammenhang mit dem Buch ‚Naturwissenschaft und Religion: Die Versöhnung von Wissen und Weisheit‘ von Ken Wilber (ISBN 978-3596186594) erreichte mich folgender Einwurf:

„...wenn Religion und Spiritualität einen Sinn geben wollen, dann muss man sich von den regressiven Mythologien der Religion trennen...“ ... „Die christliche Kirche erstarrt ... in den mythologischen Dogmen ... zu regressiver Unterwerfung im Sinne eines Machterhalts...“ 

Im Zentrum des Einwurfs steht die Überzeugung, dass der christliche Glaube voll ist von überholten und altertümlichen Mythologien, welche, wie die Dogmen von Schuld und Sünde von der Kirche als Mittel zur Erhaltung der eigenen Macht missbraucht wurden und noch missbraucht werden.

Dazu ist zuerst zu sagen, dass es in der Kirche, vor allem in der katholischen Kirche des Mittelalters, tatsächlich Schuld in Form von Unterdrückung und Ausbeutung der Gläubigen gegeben hat. Aus dem Tatbestand des Missbrauchs jedoch auf die Qualität der Dogmen zu schließen scheint mir ähnlich unangebracht, wie die Sinnhaftigkeit von Messern auszusprechen, weil es Menschen gibt, die diese benutzen um zu töten, anstatt damit ihr Obst zu schälen.

Denn: Die Dogmen sind keine Erfindung der Kirche und wurden auch nicht ersonnen, um gezielt durch ihre Kraft die Gläubigen zu knechten. Schuld und Sünde sind schlicht und einfach Fakten, die uns nicht nur in Gottes Wort historisch überliefert sind, sondern die uns im täglichen Leben – und zwar in unseren Mitmenschen – begegnen. Sei es in den Nachrichten, oder im Straßenverkehr: es ist kein Geheimnis, dass der Mensch kein Heiliger ist, das wissen wir alle.

Das diese Dogmen missbraucht wurden ist mehr als bedauerlich, aber es setzt sie nicht außer Kraft. Das menschliche Fehlverhalten beim Namen zu nennen ist auch nichts Falsches,oder Verwerfliches, sondern ein zur Korrektur notwendiges Übel: Im Gegensatz zur landläufigen Meinung soll uns die Predigt von Schuld und Sünde nämlich gar nicht klein machen, sondern lediglich die Augen für die Wahrheit öffnen: um uns die Möglichkeit zu geben uns selbst mit Gottes Augen zu betrachten, sozusagen im hellen Tageslicht Seiner vollkommenen Gebote – damit wir umkehren und gerettet werden – und fortan als von Gott Geliebte leben und von dieser Freude erhoben werden können.

Was die Historizität der biblischen Überlieferung angeht: sie ist vielfach archäologisch und literarisch belegt – die Glaubwürdigkeit und Authentizität[i] der überlieferten Ereignisse wurde von vielen biblischen Autoren gar mit dem Leben bezahlt. Zur Glaubwürdigkeit der Bibel hatte ich bereits einige Beiträge gepostet. Die dort berichteten Begebenheiten als ‚regressive Mythen‘ zu verstehen, wird jedoch weder der Literaturhistorie noch der Übereinstimmung mit geschichtlich bekannten Fakten oder archäologischen Funden gerecht.

Sicher sind viele der beschriebenen Ereignisse nicht so ohne Weiteres zu erklären.

Zumindest nicht, wenn man unausgesprochene landläufige Annahmen nicht offen aufdeckt und hinterfragt, das ist: Wenn man nicht klar sagt, dass man nicht an die Existenz eines realen und allmächtigen Gottes glaubt, bzw. daran, dass dieser Gott sich – wie historisch bezeugt – in Christus der Menschheit offenbart hat.

Ansonsten sind nämlich in der Tat alle Wunder, Heilungen und Totenerweckungen nur als Mythen zu verstehen, denn eines ist sicher: Kein Mensch kann das Rote Meer teilen, Gelähmte heilen, oder bereits verwesende Tote nach vier Tagen[ii] unversehrt aus dem Grab holen.

Doch wenn es diesen Gott wirklich gibt? Wenn er wirklich so allmächtig ist, dass er tatsächlich das ganze All mit seinen Myriaden von Galaxienhaufen samt der Vielfalt unserer Flora und Fauna erschaffen konnte?[iii] Was dann? Ist es auch dann noch unwahrscheinlich, dass sich die Naturgesetze demjenigen fügen, der sie erfunden hat? Dass Leben und Gesundheit demjenigen zu Gebote stehen, der selbst das Leben ist[iv]?

Die ganze Argumentation steht und fällt mit der Existenz Gottes auf der einen und mit der Menschwerdung Gottes auf der anderen Seite. Erstere ist weder direkt zu beweisen noch direkt zu widerlegen; hier kommen wir nur begrenzt weiter, auch wenn die Natur, unser Gewissen und das Handeln Gottes in der Geschichte uns Hinweise auf seine Existenz in Hülle und Fülle geben. Die Menschwerdung Gottes, sein Wirken, Sterben und seine Auferstehung sind jedoch historisch gut bezeugt.

Dürfen wir also, entgegen der Interpretation von Ken Wilbers, wirklich wörtlich glauben, was in der Bibel steht? Beurteilt am Maßstab der Heiligen Schrift nennt die klassisch-reformierte Theologie Ken Wilber zu Recht einen "Irrlehrer", vor welchen bereits Petrus warnte, dass sie: „...verderbliche Irrlehren einführen und verleugnen den Herrn, der sie erkauft hat...“[v] Nicht „Die christliche Kirche erstarrt ... in den mythologischen Dogmen und zu regressiver Unterwerfung im Sinne eines Machterhalts...“  sondern vielmehr sind wir Menschen erstarrt in unausgesprochenen Annahmen und Rebellion gegen die persönliche Umkehr von unserem gottlosen Leben – hin zu dem realen, uns über alles liebenden, personalen Gott.

Für eine Auseinandersetzung mit der Akzeptanz des Gedankenguts des "synkretistisch-mystischen New-Age Buddhisten" Ken Wilber, welches vor allem in letzter Zeit auch in der so genannten „Emerging Church“ Bewegung Verbreitung findet, eignet sich sicher folgende Buchbesprechung von Dr. Volker Hornschuch - Zitat: „Wer lesen möchte, wie sehr sich das emergente Denken in den evolutionären Panentheismus verstrickt hat und wie zurückgeblieben sein [christlicher] Erkenntnisstand ist, falls er noch an einen personalen Gott glaubt, sollte sich diese hilfreiche Buchbesprechung zu Gemüte führen.“.

In diesem Sinne: Viel Erkenntnis beim Studium der Buchbesprechung, offene Augen hinsichtlich der eigenen, unausgesprochenen und vielleicht nicht einmal bewussten Annahmen (d.i.: was wir glauben) und viel Mut und bei  der persönlichen Auseinandersetzung mit der Frage, welche Motive hinter unseren Annahmen stehen (d.i.: warum wir [nicht] glauben, was wir [nicht] glauben).

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