Sonntag, 9. August 2015

Von der Vergebung (»Der Schalksknecht«) (Mt 18:21-35)

Text

21 Da trat Petrus zu ihm und fragte: Herr, wie oft muss ich denn meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben? Genügt es siebenmal? 22 Jesus sprach zu ihm: Ich sage dir: nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal. 23 Darum gleicht das Himmelreich einem König, der mit seinen Knechten abrechnen wollte. 24 Und als er anfing abzurechnen, wurde einer vor ihn gebracht, der war ihm zehntausend Zentner Silber schuldig. 25 Da er's nun nicht bezahlen konnte, befahl der Herr, ihn und seine Frau und seine Kinder und alles, was er hatte, zu verkaufen und damit zu bezahlen. 26 Da fiel ihm der Knecht zu Füßen und flehte ihn an und sprach: Hab Geduld mit mir; ich will dir's alles bezahlen. 27 Da hatte der Herr Erbarmen mit diesem Knecht und ließ ihn frei und die Schuld erließ er ihm auch. 28 Da ging dieser Knecht hinaus und traf einen seiner Mitknechte, der war ihm hundert Silbergroschen schuldig; und er packte und würgte ihn und sprach: Bezahle, was du mir schuldig bist! 29 Da fiel sein Mitknecht nieder und bat ihn und sprach: Hab Geduld mit mir; ich will dir's bezahlen. 30 Er wollte aber nicht, sondern ging hin und warf ihn ins Gefängnis, bis er bezahlt hätte, was er schuldig war. 31 Als aber seine Mitknechte das sahen, wurden sie sehr betrübt und kamen und brachten bei ihrem Herrn alles vor, was sich begeben hatte. 32 Da forderte ihn sein Herr vor sich und sprach zu ihm: Du böser Knecht! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich gebeten hast; 33 hättest du dich da nicht auch erbarmen sollen über deinen Mitknecht, wie ich mich über dich erbarmt habe? 34 Und sein Herr wurde zornig und überantwortete ihn den Peinigern, bis er alles bezahlt hätte, was er ihm schuldig war. 35 So wird auch mein himmlischer Vater an euch tun, wenn ihr einander nicht von Herzen vergebt, ein jeder seinem Bruder.


Kommentar

Zusammenfassung

Mit einem Gleichnis verdeutlicht Jesus, dass es im Bezug auf die Vergebung nicht um die Frage von deren Grenzen geht, sondern vielmehr um unser Herz und damit um den in jeder Hinsicht unbegrenzten Anspruch Gottes an uns, seine Kirche, uns untereinander alle Tage und von Herzen zu vergeben, wo wir aneinander schuldig geworden sind. Wir alle werden am Ende aller Tage Gottes Urteil empfangen: Gnade und Barmherzigkeit, wo unser Herz durch Gottes Gnade und Barmherzigkeit weich und zur Vergebung bereit gemacht wurde und allezeit gerne vergibt. Oder die volle Härte des göttlichen Gerichts, welches uns mit eben dem Maßstab unserer eigenen Unbarmherzigkeit richten wird: ohne Gnade und Erbarmen. Die Wahl liegt bei uns.


Struktur

21-22 Die Frage Petri nach den Grenzen von Vergebung beantwortet Jesus mit dem Gebot der qualitativen und quantitativen Unbegrenztheit von Vergebung. Dies Gebot verdeutlicht er mit einem Gleichnis.

23-27 Im ersten Teil des Gleichnisses zeigt Er uns, was Barmherzigkeit heißt.

28-30 Im zweiten Teil des Gleichnisses zeigt Er uns, was Hartherzigkeit bedeutet.

31-34 Und im dritten und letzten Teil des Gleichnisses zeigt er uns deren Folgen.

35 Zum Schluss des Gleichnisses zieht Jesus die Parallele zum Leben in der Kirche: Gottes Wunsch ist es, dass wir so barmherzig miteinander umgehen und einander ebenso herzlich und gerne vergeben, wie Er uns vergeben hat.


Inhalt

21-22 Kaum, dass Jesus seine Jünger über die Zurechtweisung von sündigenden Geschwistern belehrt und sie mit der Vollmacht und dem göttlichen Vorrecht (Ps 51:6) versehen hatte, Sünden zu vergeben(!) oder zu behalten, da tritt Petrus - wie so oft, der Erste - an Jesus heran und will wissen, wann es denn genug ist mit dem Vergeben. Dabei setzt er die Obergrenze schon, aus menschlicher Sicht betrachtet, recht großzügig an: siebenmal will er einem Bruder, der an ihm schuldig geworden ist, vergeben, wenn er darum bittet. Mit der Sieben, der Zahl der Vollkommenheit deutet er dabei an, dass er bereit wäre vollkommen zu vergeben. 

Jesu Antwort gleichwohl macht deutlich, dass Gott im Hinblick auf Vergebung ganz andere Maßstäbe setzt. Es geht um unser Herz und dessen Beschaffenheit. Ist es weich oder verstockt? Sind wir, auch nach siebzigmal sieben Malen, in denen an uns gesündigt wurde, noch bereit zu vergeben? Mit der Zahl Siebzig, der Zahl der Vollständigkeit, bringt Jesus ein weiteres Element in das Konzept der Vergebung ein: nicht nur qualitativ vollkommen sollen wir vergeben, sondern auch quantitativ vollständig. Es geht eben nicht um eine Obergrenze von Vergebung, es geht um die Beschaffenheit unseres Herzens.

Um zu verdeutlichen, wie wichtig das ist, eben weil unsere Bereitschaft zu vergeben eine Wirkung der Beschaffenheit unserers Herzens ist, erzählt Jesus ein Gleichnis. Dieses Gleichnis verdeutlicht, wie Gott, der Regent des himmlischen Reiches, unser Herz und unser Verhalten beurteilt.


23-27 Der erste Teil dieses Gleichnisses handelt von einem König und Seinem Schuldner, einem Knecht, der ihm laut Abrechnung die unbezahlbar hohe Summe von 200.000 Jahregehältern schuldete und den der König, aufgrund seiner Zahlungsunfähigkeit rechtmäßig dazu verurteilte, dass sein Hab und Gut veräußert und er selbst und seine Familie in die Sklaverei verkauft würden, um damit dessen Schuld abzutragen. Vor allem aber handelt der erste Teil dieses Gleichnisses von der herzzerreißenden Hilflosigkeit des Schuldners, von Seinem Flehen um Gnade und vom Erbarmen Seines Königs, der ihn aus reiner Barmherzigkeit in die Freiheit entließ und ihm obendrein noch seine so überaus hohe Schuld erließ.


28-30 Der zweite Teil dieses Gleichnisses handelt, im scharfen Kontrast zum ersten, von gerade diesem Knecht des Königs, der ebenfalls einen Schuldner hatte; einen ihm gleich gestellten Knecht, der ihm jedoch lediglich 4 Monatsgehälter schuldig war. Diesem Schuldner aber geht der Knecht - angesichts von dessen Unfähigkeit die Schuld zu erstatten -, jenseits jeden ordentlichen Gerichts und außer sich vor Rage, ja in einer der Lynchjustiz gefährlich nahe kommenden Façon, an den Kragen. Und, ganz im Gegensatz zur Barmherzigkeit seines Herrschers, beantwortet er das demütige Flehen seines Schuldners nicht mit Gnade und Erbarmen, sondern mit grausamer und herzloser Härte; ließ seinen Schuldner verurteilen und inhaftieren, bis dass er, auf welche Weise auch immer, seine Schuld bezahlt hätte.


31-34 Im dritten Teil dieses Gleichnisses macht Jesus den Punkt: Was der herzlose Knecht getan hatte, blieb nicht unbeobachtet. Seine Kollegen hatten vielmehr sein Verhalten beobachtet und waren darüber von Herzen bekümmert und berichteten den Vorfall sogleich ihrem König. Dieser wiederum brachte den Fall auf den Punkt: Das Herz des Knechtes war böse. All Seine Schuld wurde ihm erlassen, allein weil er darum flehte. War er damit nicht moralisch dazu verpflichtet, seinem Mitknecht in der gleichen Weise mit herzlichem Erbarmen zu begegnen? Dieser Hochmut der Sünde, der nicht einmal angesichts der eigenen Vergebungsbedürftigkeit zerbricht, dieses Herz, dass nicht einmal angesichts der selbst erfahrenen Gnade weich wird, sondern hart und unbarmherzig bleibt, diese Sünde zieht den ganzen Zorn des Königs auf sich und endet damit, dass der Knecht sein eigenes Urteil erleidet: er wird der Gefängnisaufsicht überstellt, bis dass er, auf welche Weise auch immer, seine Schuld bezahlt hätte.


35 Zum Schluss zieht Jesus das Fazit, in dem er den König mit Seinem Vater im Himmel, unserem Gott, gleichsetzt und den Knecht unseren Geschwistern in der Gemeinde und damit die gesamte Moral der Geschichte auf uns in Anwendung bringt: 

Was Gott am Ende der Tage beurteilen wird, ist unser Herz und das Verhalten, zu dem es uns geleitet hat. Gott wünscht sich, dass es von Seiner großen Gnade und Barmherzigkeit, die uns unsere unermessliche Schuld am Kreuz vergab, weich wird, gerne vergibt und verzeiht und in Liebe und Frieden mit dem Nächsten leben will. Sollte Gott jedoch feststellen müssen, dass unser Herz - trotz aller von Ihm empfangener Liebe und Güte - hochmütig und hart geblieben ist und dass es, völlig verstockt, auch die Schuld des Nächsten nicht vergeben will, so wird uns unser eigenes Urteil treffen: das ewige Gericht (vgl. Mt 6:15).


Fragen und Anregungen zur praktischen Anwendung

  • Wie ist Dein Herz beschaffen?
  • Ist es weich, gnädig und barmherzig? Oder hart, verstockt und unbarmherzig?
  • Wie möchtest Du am Ende der Tage von Gott beurteilt werden?
    Nach dem Maßstab der Gnade Gottes oder
    nach dem Deiner eigenen Unbarmherzigkeit?