Sonntag, 10. November 2013

Cessationismus: eine mit 1. Kor 13 begründbare Position?

Vorwort

In diesem Post geht es um das Thema "Continationismus vs. Cessationismus". Anlass der Erstellung war eine Diskussion im Facebook-Forum Cessation vs. Continuation of NT Charismata in deren Verlauf sich zeigte, dass die Stelle in 1. Korinther 13, insbesondere die Verse 8-13 eine Schlüsselposition in Bezug auf diese Fragestellung einnimmt.

Zuerst einmal zur Klärung der Begriffe: Der Cessationismus vertritt die Position, dass die 'Wunder Gaben' (bestimmte Charismata) des Heiligen Geistes nach der Zeit der Apostel aufgehört haben. Dagegen der Continationismus vertritt die Position, dass die Gaben nicht aufgehört haben zu existieren, sondern, dass man sie auch heute noch beobachten kann. Motiv & Ziel der unterschiedlichen Positionen dürften nach meiner Wahrnehmung unter anderem die folgenden gewesen sein:

Cessationismus 
  • Hochhalten der Devise 'Sola Scriptura'
  • Schutz des Kanons der Heiligen Schrift vor einer widergöttlichen Manipulation
  • Schutz der Gläubigen vor 'Schwärmertum' (vs. schriftgemäßer Glaubenspraxis)
  • ...
Continuationismus  
  • Hochhalten der Devise 'Sola Scriptura' 
  • Schutz der Übereinstimmung von empirischer Beobachtung mit der Heiligen Schrift
  • Schutz des Wunsches nach ganzheitlich gelebter Spiritualität (vs. einseitiger Schriftfixierung)
  • ...
Den Cessationisten ist es aus gutem Grund wichtig, festzuhalten, dass die Gaben der Apostel aufgehört haben zu existieren. Denn wäre es anders, dann könnte womöglich der Kanon der Schrift in Frage stehen. Auch ist es ihnen wichtig, die Kirche Christi vor Schwarmgeistern zu bewahren, die unbiblische Praktiken als 'Geistesgaben' ausgeben und damit die Kinder Gottes verführen, wie wir es bei Televangelisten, wie z.B. Joyce Meyer und anderen nur allzuoft zu beklagen haben.

Den Continuationisten ist es wichtig, die empirisch erfahrbare Wirklichkeit nicht zugunsten eines Dogmas auszublenden, sondern zuzulassen, dass "der Wind weht, wo er will" (Joh 3:8). Auch auf ihrer Seite der Diskussion finden sich Menschen, die die Devise 'Sola Scriptura' hochhalten und denen eine saubere, weil schriftzentrierte Theologie am Herzen liegt.

Die wahre Schwierigkeit wird wohl darin liegen, das "Wehen des Geistes" zu akzeptieren und dennoch an den glaubensbestimmenden Dogmen festzuhalten. Den Kanon zu bewahren und dennoch die Wirklichkeit als die wahrzunehmen, die sie ist. Die Geschwister im Glauben vor Irrlehre zu bewahren und dennoch das Kinde nicht mit dem Bade auszuschütten, indem 'wegdefiniert' wird, was Gott schenken will.

Dieser Post wird sich dabei allein auf die Fragestellung beschränken, inwiefern 1. Korinther 13:8-13 dazu geeignet ist, die cessationistische Position zu begründen.


Analyse
 
Von daher war es mir wichtig, einmal genau hinzusehen und zu schauen, was 1Kor 13, insbesondere die Verse 8-13, uns genau zu sagen haben, da sich hier offenbar die Geister der Exegeten scheiden. Dabei bin ich fest davon überzeugt, dass eine schriftgemäße Auslegung dieser Stelle den Schlüssel und die Antwort auf unsere Frage birgt. 

Der Text

Zuerst einmal möchte ich den Text aus der Übersetzung Martin Luthers zitieren: 
"Die Liebe hört niemals auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird. Denn unser Wissen ist Stückwerk und unser prophetisches Reden ist Stückwerk. Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören. Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin. Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen."

Eine Exegese

Was sagt uns nun dieser Text? Ich denke es sind, bezogen auf unsere Fragestellung, verschiedene Ebenen und Detailgrade von Aussagen über einige der Charismen. 

1. Einige Charismen bleiben - andere Charismen hören auf

Zum Ersten einmal sind es ganz einfach Aussagen darüber, dass einige Charismen bleiben und dass andere Charismen aufhören. Konkret sagt, der Text (Vers 8), dass folgende Charismen:
bleiben
  • die Liebe bleibt / hört niemals auf
  • der Glaube bleibt
  • die Hoffnung bleibt
aufhören
  • das prophetische Reden hört auf
  • das Zungenreden hört auf
  • die Erkenntnis hört auf

2. Was aufhört ist Stückwerk - was vollkommen ist, bleibt 

Die nächste Frage ist die nach der Begründung: "Warum hören manche Charismen auf?"
Antwort: 
  • sie sind Stückwerk (Vers 9)
  • Umkehrschluss: was „jetzt“ keinen Stückwerkcharakter hat, bleibt auch „dann“
Interessant hierbei ist, dass Paulus hier von unser prophetisches Reden und unser Wissen redetsich selbst und seine apostolische Gabe der Prophetie und Erkenntnis also miteinbezieht. Dies zu erinnern wird wichtig sein für die weitere Auslegung.


3. Das Stückwerk hört auf - wenn das Vollkommene kommt

Die nächste und m.E. entscheidende Frage ist die nach dem "Wann?". 

Die Schlüsselstelle zur Exegese ist hier 1Kor 13:10 in Verbindung mit 13:12. 
Antwort:
  • Wenn „das Vollkommene“ kommen wird (V. 10) 

4. Das Vollkommene - was ist das?
Was aber ist dieses Vollkommene? Das fragliche Wort (teleioi/teleiois) kommt auch noch in 1Kor 2:6 und 1Kor 14:20 vor. Dort wird es mit „die Vollkommenen“ (tois teleiois: die Gereiften, die Vollendeten, die Erwachsenen), bzw. „vollkommen“ (teleioi: erwachsen) im Gegensatz zu „Kindern“ übersetzt.

Doch tauchen Begriffe des Wortstammes teleiois noch an anderen Stellen auf:
  • Mt 5:48 „Darum sollt ihr vollkommen sein, gleichwie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“
    (hier im Sinne von ‚ohne Mangel‘ = ‚vollkommen‘)
  • Php 3:15 „Wie viele nun unser vollkommen sind...“
    (hier im Sinne von ‚gereift‘ = ‚erwachsen‘)
  • Col 4:12  „...auf daß ihr bestehet vollkommen und erfüllt mit allem Willen Gottes.“
    (hier wieder im Sinne von ‚ohne Mangel‘ = ‚vollkommen‘)
  • Jas 1:4  „...auf daß ihr seid vollkommen und ganz und keinen Mangel habet.“
    (auch hier wieder im Sinne von ‚ohne Mangel‘, diesmal sogar explizit)
Wenn man das Zeugnis nicht nur von 1. Korinther sondern auch der Schrift darüber hinaus betrachtet, so ist keineswegs aus der Wortwurzel allein eindeutig abzulesen, ob die Übersetzung eher in Richtung von ‚erwachsen‘ oder eher in Richtung von ‚vollendet‘ gehen sollte. 


4b. Das Vollkommene - was könnte es sein?

So gibt es in Bezug auf 1Kor 13:10 mehrere, auch gegenwärtig noch immer diskutierte Möglichkeiten, die ich hier einmal wie folgt zusammenfassen möchte:
  1. Die Vollendung des Kanons des NT 
  2. Die Reife des Leibes Christi
  3. Die direkte Begegnung mit Gott (bei der Parousie, im Himmel, etc.)

5a. Das Vollkommene - wann kommt es?
Bemühen wir uns, die Bedeutung von to teleion in 1Kor 13:10 anhand der Optionen durch Analyse zu beantworten, so zeigt sich, dass der im direkten Kontext stehende Vers 12 den Vers 10 weiter konkretisiert, denn er beantwortet zwei wesentliche Fragen:

Erstens: "Wann kommt dieses Vollkommene?"
Antwort:
  • "dann" (Vers 12)

5b. Das Vollkommene - wann kommt es genau?

Das klingt natürlich nun etwas lapidar. Die Frage, die daher zu beantworten bleibt, ist: 
Zweitens: "Woran kann das Eintreffen dieses "dann" erkannt werden?"

Auch hier gibt Vers 12 Aufschluss: Es präzisiert das bereits Gesagte, indem es das "dann" in Bezug setzt zum "jetzt" und diesen Bezug anhand von konkreten Propositionen klar herausarbeitet, indem er die für das "jetzt" geltenden Propositionen den für das "dann" geltenden Propositionen gegenüberstellt:
"jetzt":
  • Blick durch einen Spiegel ein dunkles Bild
  • nur stückweise Erkenntnis (apostolische mit eingeschlossen! siehe oben)
"dann":
  • Blick "von Angesicht zu Angesicht"
  • Erkenntnis "wie ich erkannt bin"
Der wahre Schlüssel liegt also im "dann", denn es bezieht sich auf den Zeitpunkt an dem das Stückwerk aufhört und das "Vollkommene" kommt. Und dieses „dann“ wird konkretisiert und damit erkennbar an der Bewahrheitung von zwei Propositionen, die im „jetzt“ eben noch nicht bewahrheitet sind: 
  1. Der Blick von Angesicht [Gottes] zu Angesicht [des Menschen] und 
  2. die Erkenntnis, die von der Qualität ist, mit der ich [von Gott] erkannt bin.

6. Das Vollkommene - was es nicht ist

Nun da klar ist, woran sich der Zeitpunkt des "dann" erkennen lässt, an welchem die unvollkommenen Charismen aufhören werden, weil sie Stückwerk sind, nämlich an der direkten Begegnung mit Gott und, damit einhergehend, mit der unmittelbaren Erkenntnis Gottes, können wir versuchen die vor uns liegenden Optionen anhand der Propositionen einzuordnen in ein „jetzt“ und das „dann“:
1. Die Vollendung des Kanons des NT
Die Vollendung des Kanons des NT kann nicht gemeint sein, den sie impliziert keine Begegnung „von Angesicht zu Angesicht“, wie sie seit Mose (2Mo 33:11) niemandem mehr zuteil geworden ist (5Mo 34:10). Vielmehr begegnen wir Gott „jetzt“ „in einem dunkeln Wort“. Wie ‚dunkel‘, das merken wir daran, dass es dieses Postes hier bedarf, um etwas ‚Licht‘ in die ‚Dunkelheit‘ zu bringen.
2. Die Reife des Leibes Christi
Das Gleiche gilt für die Reife des Leibes Christi. Auch sie impliziert keine Begegnung „von Angesicht zu Angesicht“. Es ist also exegetisch nicht haltbar, das Vollkommene mit der Reife des Leibes Christi gleichzusetzen.
Das Vollkommene tritt also ganz sicher nicht schon bereits hier auf Erden ein.

Denn: wir „alle haben durch den Glauben Zeugnis überkommen und [noch] nicht empfangen die Verheißung" (Heb 11:39-40), vielmehr „sind [wir] wohl selig, doch in der Hoffnung. Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man des hoffen, das man sieht? So wir aber des hoffen, das wir nicht sehen, so warten wir sein durch Geduld.“ (Rö 8:24).


7. Das Vollkommene - was es ist

3. Die direkte Begegnung mit Gott (bei der Parousie, im Himmel, etc.)
Ganz sicher werden wir erst „dann“, das ist in der direkten Begegnung, Gott „von Angesicht zu Angesicht“ sehen. Ja die Begegnung mit Gott wird so unmittelbar und direkt sein, dass er alle Tränen von unseren Augen abwischen wird (Off 7:17, 21:4)
Auch werde ich „jetzt“ Gott nicht mehr „in einem dunklen Wort“ nur Bruchstückhaft erkennen (ginosko), sondern ich werde ihn vollständig (epi-ginosko) erkennen.
Allerdings werden wir in unserer Erkenntnis niemals an einen Punkt gelangen, wo wir Gott „zu Ende erkannt“ haben, denn ER ist unendlich. Jedoch werden wir im Himmel, wenn auch verherrlichte, so doch noch immer begrenzte Geschöpfe sein. Und doch werden wir Ihn „dann“ auf eine Weise erkennen, wie ER uns schon „jetzt“ erkennt. Unmittelbar und nicht mehr „durch einen Spiegel“.

Das Vollkommene muss also der Ewigkeitszustand sein, wenn wir in der Herrlichkeit Gott von Angesicht zu Angesicht begegnen und in der neuen, ewigen Schöpfung zur vollen Erkenntnis gelangt sind.

Erst dort wird es heißen: „Und es wird kein Verbanntes mehr sein. Und der Stuhl Gottes und des Lammes wird darin sein; und seine Knechte werden ihm dienen und sehen sein Angesicht; und sein Name wird an ihren Stirnen sein.“ (Offb 22:4)

Kommentare:

  1. Zuallerst einmal Danke für diese Ausarbeitung und den Versuch den Cessationismus zu widerlegen. Leider halten die Argumente nicht ganz, da Sie vergessen haben zu bedenken, dass trotz alledem, wenn "das Vollkommene" kommt, ebenfalls Glaube, Hoffnung und Liebe verbleiben. Wenn wir also bei "dem Vollkommenen" die Begegnung mit Gott meinen, dann brauchen wir Glaube und Hoffnung nicht mehr, denn "Der Glaube aber ist eine Wirklichkeit dessen, was man hofft, ein Überführtsein von Dingen, die man nicht sieht." (Hebräer 11,1) und "Eine Hoffnung aber, die gesehen wird, ist keine Hoffnung. Denn wer hofft, was er sieht?" (Römer 8,24). Wenn also im Himmel der Glaube und die Hoffnung blieben, hieße das entweder, wir würden Gott im Himmel nicht sehen oder, dass Ihre Auslegung gewaltig ins Leere geht. Zudem will ich Sie aufmerksam machen, dass der Begriff "das Vollkommene" gr. "to teleion" nie im Bezug zu Jesus Christus oder seiner Wiederkunft verwendet wird, noch im Bezug zum Himmel. Sondern im Bezug dazu, dass wir zur vollen Mannesreife gelangen sollen (teleion kann auch Erwachsen bedeuten) oder im Bezug zum vollkommenen Gesetz Gottes (siehe Jak 1,25).
    "Das Vollkommene" steht im Bezug zum "Stückweisen", das bedeutet, das Vollkommene ist die vollkommene uns gegebene Weissagung/Erkenntnis Gottes, welches die Bibel, Gottes Wort ist, denn die Apostel haben den ganzen Ratschluss Gottes verkündigt (vgl. Apg 20,27) und mit dem Buch der Offenbarung die letzten Weissagungen ausgesprochen mit dem Verbot Weiteres hinzuzufügen (siehe Offb 22,18-19), gäbe es also noch Weissagung müsste man sie dem Wort Gottes hinzufügen und daran will ich mich nicht beteiligen.
    Gott befohlen,
    Galavar

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  2. Zur Vollkommenheit von Gottes Wort
    Zurerst einmal möchte ich mich bedanken für diesen wunderbar offenen und ehrlichen Kommentar. Auch dafür, dass ihm, das geistlich lobenswerte Motiv abzuspüren ist, Gottes Wort in seiner Ganzheit zu bewahren - ihm nichts hinzuzufügen und auch nichts hinweg zu nehmen.
    Auch ich glaube fest daran, dass Gottes Wort fertig ist und dass ihm nichts hinzuzufügen ist und auch nichts hinweggenommen werden darf. Insofern bin ich der festen Überzeugung, dass es keine solchen Weissagungen mehr geben kann, die der (Lehr-)grundlage unseres Glaubens, egal in welcher Weise oder in welchem Umfang, etwas hinzufügen könnten. Gottes Wort ist vollkommen.
    Der Cessationismus hat - meiner Erfahrung nach - oft eben dieses Motiv: diese Vollkommenheit zu schützen. Und das ist ehrenwert. Gleichwohl denke ich auch, dass hier gelegentlich "das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird": Dass Gottes *Wort* vollkommen ist und ihm grundlegend nichts mehr hinzuzufügen ist, heißt noch nicht, dass es nicht Offenbarungen geben könnte, die sich *innerhalb* des vollkommenen Rahmens abspielen könnten (ohne diesen zu weiten oder zu verengen), sondern vielmehr *konkretisieren*, was Gottes Wort uns lehrt.
    Ein Beispiel: Gottes Wort lehrt uns, Gott und unseren Nächsten zu lieben, ja selbst unsere Feinde. Insofern halte ich es für möglich, dass Gottes Geist uns - *innerhalb* des Rahmens dieses Gebotes - auch heute noch einen ganz klaren Auftrag geben kann, wie damals Hananias: "Steh auf und geh in die Straße, die die Gerade heißt, und frage in dem Haus des Judas nach einem Mann mit Namen Saulus von Tarsus. Denn siehe, er betet und hat in einer Erscheinung einen Mann gesehen mit Namen Hananias, der zu ihm hereinkam und die Hand auf ihn legte, damit er wieder sehend werde." (Apg 9,11-12).
    Mit einer solchen Offenbarung wird das Wort Gottes weder verkürzt, noch erweitert. Vielmehr wird es - vom Heiligen Geist, der Dritten Person Gottes angeregt - praktisch angewendet und in die Tat umgesetzt. Gegen eine solche Offenbarung ist, auch wenn ich so etwas persönlich noch nie in dieser Klarheit erlebt habe, aus meiner Sicht nichts einzuwenden.
    Insofern bin ich der Überzeugung, dass es noch Weissagung geben kann, ohne dass daraus die Notwendigkeit folgert, dass man dem Wort Gottes etwas hinzufügen müsste - denn daran will auch ich mich nicht beteiligen.

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  3. Warum wir Glauben, Hoffnung und Liebe auch im Himmel bleiben
    Wir sind nach Gottes Ebenbild geschaffen. Und doch sind wir endliche Geschöpfe. Wir haben einen Anfang. Und wir haben Grenzen. Gott jedoch ist unendlich in jeder nur denkbaren Weise. Wenn es in der Schrift also heißt, "Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin." (1Kor 13,12) oder gar "Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen aber: wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist." (1Joh 3,2), dann bedeutet das ganz sicher *nicht*, dass wir *Gott* sein werden.
    Vielmehr bedeutet es, dass wir ihm *gleich* oder Ihm *ähnlich* sein werden - womit ja auch der Schöpfungsgedanke - "Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei [...]" (1Mo 1,26 ) - zu seiner letztendlichen Erfüllung und Bestimmung kommt. Wir werden Ihm also gleich sein in unserer moralischen Reinheit und Heiligkeit, denn es ist die Absicht Christi, das Er seine Gemeinde "[...] vor sich stelle als eine Gemeinde, die herrlich sei und keinen Flecken oder Runzel oder etwas dergleichen habe, sondern die heilig und untadelig sei." (Eph 5,27). Wir werden Ihm jedoch nicht gleich sein in Seiner Allmacht oder Seinem Allwissen, etc. Kurz: wir werden nicht in *jedem* Aspekt so sein, wie Er. Wir werden also nicht *Er* sein, sondern - in einigen Aspekten - *wie* Er.
    Wenn wir aber an Seiner Allmacht und Seinem Allwissen nicht zu 100% teilhaben werden, dann bedeutet das aber auch, dass wir Sein unendliches Wesen, selbst wenn uns (was der Fall ist!) Äonen von Äonen zur Verfügung stehen, Ihn jemals voll und ganz erkennen werden. Ja, es ist wahr: wir "[...] wir ihm gleich sein [...]" und "[...] wir werden ihn sehen, wie er ist." (1 Joh 3:2), aber nirgends steht, dass wir Ihn in Seiner ganzen Fülle - sozusagen mit einem Mal - voll und ganz erkennen werden. Vielmehr werden wir aller Ewigkeiten Ewigkeit brauchen, um auch nur den Zipfel Seiner Heiligkeit zu erfassen.
    Es wird also noch genügend Raum bleiben für den Glauben (pistis, von peitho: Grundbedeutung: das Treueverhältnis von Bündnisspartnern und die Zuverlässigkeit ihrer Zusagen. Im aktiven Sinn: der vertrauende Glaube, ausgeübter Glaube, Vertrauen das man hat), denn Gott ist und bleibt treu. Insofern werden wir auch im Himmel, auch, wenn wir Gott bereits sehen können, auf Ihn und Seine in Ewigkeit bleibende Treue vertrauen und damit glauben dürfen.
    Auch die Hoffnung wird bleiben. Zwar könnte man meinen, dass, weil Rö 8:24 steht "Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man des hoffen, das man sieht?", wäre der Hoffnung in der Ewigkeit jede Grundlage entzogen. Doch dort steht nur, dass man nur das hoffen kann, was man noch nicht sieht. Wie jedoch oben schon gesagt, werden wir Gott zwar sehen, wie Er ist (ganz gewiss!), aber wir werden Ihn (eben weil wir endlich sind und bleiben, Er aber unendlich ist und bleibt) immer noch mehr so erkennen, wie er ist - es wird also Raum bleiben, so dass wir in alle Ewigkeit - gerade *weil* wir Gott sehen - immer neue und immer noch schönere Züge Seiner Heiligkeit und Herrlichkeit entdecken.
    Falls dieses Argument noch nicht ausreichend sein sollte, möchte ich zu bedenken geben, dass "Christi Jesu [...] unsre Hoffnung ist" (1Tim 1,1). Er wird ganz sicher bleiben. Auch, dass die Liebe in alle Ewigkeit bleiben wird, muss nicht weiter begründet werden, denn: "Gott ist Liebe." (1Jo 4:8+16).

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  4. Wie „to teleion“ zu verstehen ist
    Es ist richtig, dass der Begriff "das Vollkommene" gr. "to teleion" nicht im Bezug zu Jesus Christus oder seiner Wiederkunft verwendet wird, noch im Bezug zum Himmel. Sondern im Bezug dazu, dass wir zur vollen Mannesreife gelangen sollen (teleion kann auch Erwachsen bedeuten) oder im Bezug zum vollkommenen Gesetz Gottes (siehe Jak 1,25).
    Ich habe daher auch nicht geschrieben, dass "to teleion" seiner *Bedeutung* nach mit "Wiederkunft" oder "Christus" zu übersezten sei. Vielmehr ist richtig, dass "to teleion" nicht allein die Bedeutung von "Mannesreife" oder "erwachsen" in sich trägt, sondern auch die Bedeutung von "ohne Mangel" oder "vollkommen" (siehe Mt 5:48, Kol 4:12, Jak 1:4).
    In 1Kor 13:10 jedoch wird "teleois" in eben dieser Weise gebraucht: "zum Ende oder Ziel gebracht; vollendet; vollständig; nichts mehr brauchend zur Vollendung; perfekt". Dass diese Vollendung aber noch *vor* uns liegt, wie sie auch vor den Gläubigen aus dem AT lag, wird klar aus Heb 11:40, wo steht, daß "Gott etwas Besseres für uns zuvor ersehen hat, daß sie [die Gläubigen aus dem AT] nicht ohne uns vollendet [teleioo] würden." Wir werden gemeinsam vollendet werden, wie auch 1Thess 4,17 steht: "Danach werden wir, die wir leben und übrig bleiben, zugleich mit ihnen entrückt werden auf den Wolken in die Luft, dem Herrn entgegen; und so werden wir bei dem Herrn sein allezeit." Diese Vollendung liegt also noch *vor* allen Gläubigen beider Testamente. Und sie ist es, von der 1Kor 13:10 spricht: "Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören.".

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  5. Zusammenfassung
    Mit "to teleion" ist, das zeigt der Kontext überdeutlich, also ganz klar die Vervollkommnung von Gottes Schöpfung und damit ein Zeitpunkt nach unserem irdischen Leben gemeint. Das bedeutet aber auch, dass mit "to teleion" eben nicht die "Vollendung des Kanons des NT" und auch nicht "Die Reife des Leibes Christi" gemeint ist, sondern eben die "Die direkte Begegnung mit Gott (bei der Parousie, im Himmel, etc.)". Insofern steht die Argumentation nach wie vor, dass das "dann" (1Kor 13:12) und das "wenn" (1Kor 13:10) den entscheidenen Ausschlag geben für die richtige Auslegung.
    Diese Auslegung steht nicht im Widerspruch mit dem bleiben von Glauben, Hoffnung und Liebe. Nicht nur, weil es im Kontext 1Kor 13:13 sogar ganz explizit steht: es "bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei". Nicht nur, weil Christus unsere Hoffnung ist - und der "lebt für immer" (Hebr 7,25). Nicht nur, weil Gott die Liebe ist - "der da lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit" (Offb 15:7) sondern auch, weil wir als endliche Geschöpfe, selbst dann, wenn wir verherrlicht sein werden, Gott zwar "von Angesicht zu Angesicht" sehen werden und "wie Er ist" - aber eben aufgrund unserer Geschöpflichkeit und Seiner Unendlichkeit nie bis ins Letzte. vor allem aber, weil die Treue Gottes auch im Himmel nicht aufhören wird und uns so für alle Ewigkeit genügend Grund geben wird, auf ihn zu vertrauen; an Ihn zu glauben. Es wird also auch im Himmel Raum bleiben für Glaube, Hoffnung und Liebe.
    Es ist nicht nötig, nicht hilfreich und daher auch nicht erlaubt, Gottes Wort etwas hinzuzufügen oder etwas davon wegzunehmen. Das jedoch ist kein Hindernis für das Wirken des Geistes Gottes, der als 3. Person der Gottheit niemals der 2. Person der Gottheit (Christus, dem Wort) widersprechen würde. Vielmehr wird der Geist Gottes immer im Einklang mit dem Wort Gottes handeln. Wenn es also heißt: "Ihr Lieben, glaubt nicht einem jeden Geist, sondern prüft die Geister, ob sie von Gott sind [...]" (1Joh 4,1, vgl. Eph 5,10 und 1Thess 5,21), so ist diese Prüfung immer anhand des Wortes Gottes als Grundlage und Maßstab zu vollziehen.
    In gleicher Weise ist aber auch die Warnung Offb 22,18 "Ich bezeuge allen, die da hören die Worte der Weissagung in diesem Buch: Wenn jemand etwas hinzufügt, so wird Gott ihm die Plagen zufügen, die in diesem Buch geschrieben stehen." keine Eingrenzung für das Wirken des Geistes Gottes. Insofern ist auch 1Kor 13 "so wird das Stückwerk aufhören" nicht so zu verstehen, als ob die Weissagung *mit der Bildung des Kanons* der Schrift (also ca. im 4. Jhd. nach Christus) aufhören würde. Vielmehr gibt uns das "wenn" in 1Kor 13:10 Auskunft darüber, welcher Zeitpunkt allein gemeint sein kann. Nämlich der Zeitpunkt, an dem wir Gott erkennen werden "von Angesicht zu Angesicht". Und das ist sicher nicht die Zeit unseres irdischen Daseins, sondern wir 1Kor 13 ganz klar zeigt, die Zeit im Himmel.

    Fazit
    Gottes Wort ist vor Veränderungen auf's Äußerste zu schützen. Dieser Schutz darf jedoch nicht zu einer dogmatischen Eingrenzung des Wirkens des Heiligen Geistes gehen, der "weht wo er will", doch immer im Einklang mit dem Wort Gottes. 1Kor 13 ist ein klares Zeugnis dafür, dass die Gaben erst aufhören, wenn das "Vollkommene" kommt - und das ist nicht die Bildung des Kanons, sondern das "Schauen von Angesicht zu Angesicht" im Himmel. Bis dahin hat Gott Seiner Gemeinde Seine Gaben gegeben. "Gottes Gaben [aber ...] können ihn nicht gereuen." (Röm 11,29).

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