Sonntag, 10. November 2013

Cessationismus: eine mit 1. Kor 13 begründbare Position?

Vorwort

In diesem Post geht es um das Thema "Continationismus vs. Cessationismus". Anlass der Erstellung war eine Diskussion im Facebook-Forum Cessation vs. Continuation of NT Charismata in deren Verlauf sich zeigte, dass die Stelle in 1. Korinther 13, insbesondere die Verse 8-13 eine Schlüsselposition in Bezug auf diese Fragestellung einnimmt.

Zuerst einmal zur Klärung der Begriffe: Der Cessationismus vertritt die Position, dass die 'Wunder Gaben' (bestimmte Charismata) des Heiligen Geistes nach der Zeit der Apostel aufgehört haben. Dagegen der Continationismus vertritt die Position, dass die Gaben nicht aufgehört haben zu existieren, sondern, dass man sie auch heute noch beobachten kann. Motiv & Ziel der unterschiedlichen Positionen dürften nach meiner Wahrnehmung unter anderem die folgenden gewesen sein:

Cessationismus 
  • Hochhalten der Devise 'Sola Scriptura'
  • Schutz des Kanons der Heiligen Schrift vor einer widergöttlichen Manipulation
  • Schutz der Gläubigen vor 'Schwärmertum' (vs. schriftgemäßer Glaubenspraxis)
  • ...
Continuationismus  
  • Hochhalten der Devise 'Sola Scriptura' 
  • Schutz der Übereinstimmung von empirischer Beobachtung mit der Heiligen Schrift
  • Schutz des Wunsches nach ganzheitlich gelebter Spiritualität (vs. einseitiger Schriftfixierung)
  • ...
Den Cessationisten ist es aus gutem Grund wichtig, festzuhalten, dass die Gaben der Apostel aufgehört haben zu existieren. Denn wäre es anders, dann könnte womöglich der Kanon der Schrift in Frage stehen. Auch ist es ihnen wichtig, die Kirche Christi vor Schwarmgeistern zu bewahren, die unbiblische Praktiken als 'Geistesgaben' ausgeben und damit die Kinder Gottes verführen, wie wir es bei Televangelisten, wie z.B. Joyce Meyer und anderen nur allzuoft zu beklagen haben.

Den Continuationisten ist es wichtig, die empirisch erfahrbare Wirklichkeit nicht zugunsten eines Dogmas auszublenden, sondern zuzulassen, dass "der Wind weht, wo er will" (Joh 3:8). Auch auf ihrer Seite der Diskussion finden sich Menschen, die die Devise 'Sola Scriptura' hochhalten und denen eine saubere, weil schriftzentrierte Theologie am Herzen liegt.

Die wahre Schwierigkeit wird wohl darin liegen, das "Wehen des Geistes" zu akzeptieren und dennoch an den glaubensbestimmenden Dogmen festzuhalten. Den Kanon zu bewahren und dennoch die Wirklichkeit als die wahrzunehmen, die sie ist. Die Geschwister im Glauben vor Irrlehre zu bewahren und dennoch das Kinde nicht mit dem Bade auszuschütten, indem 'wegdefiniert' wird, was Gott schenken will.

Dieser Post wird sich dabei allein auf die Fragestellung beschränken, inwiefern 1. Korinther 13:8-13 dazu geeignet ist, die cessationistische Position zu begründen.


Analyse
 
Von daher war es mir wichtig, einmal genau hinzusehen und zu schauen, was 1Kor 13, insbesondere die Verse 8-13, uns genau zu sagen haben, da sich hier offenbar die Geister der Exegeten scheiden. Dabei bin ich fest davon überzeugt, dass eine schriftgemäße Auslegung dieser Stelle den Schlüssel und die Antwort auf unsere Frage birgt. 

Der Text

Zuerst einmal möchte ich den Text aus der Übersetzung Martin Luthers zitieren: 
"Die Liebe hört niemals auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird. Denn unser Wissen ist Stückwerk und unser prophetisches Reden ist Stückwerk. Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören. Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin. Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen."

Eine Exegese

Was sagt uns nun dieser Text? Ich denke es sind, bezogen auf unsere Fragestellung, verschiedene Ebenen und Detailgrade von Aussagen über einige der Charismen. 

1. Einige Charismen bleiben - andere Charismen hören auf

Zum Ersten einmal sind es ganz einfach Aussagen darüber, dass einige Charismen bleiben und dass andere Charismen aufhören. Konkret sagt, der Text (Vers 8), dass folgende Charismen:
bleiben
  • die Liebe bleibt / hört niemals auf
  • der Glaube bleibt
  • die Hoffnung bleibt
aufhören
  • das prophetische Reden hört auf
  • das Zungenreden hört auf
  • die Erkenntnis hört auf

2. Was aufhört ist Stückwerk - was vollkommen ist, bleibt 

Die nächste Frage ist die nach der Begründung: "Warum hören manche Charismen auf?"
Antwort: 
  • sie sind Stückwerk (Vers 9)
  • Umkehrschluss: was „jetzt“ keinen Stückwerkcharakter hat, bleibt auch „dann“
Interessant hierbei ist, dass Paulus hier von unser prophetisches Reden und unser Wissen redetsich selbst und seine apostolische Gabe der Prophetie und Erkenntnis also miteinbezieht. Dies zu erinnern wird wichtig sein für die weitere Auslegung.


3. Das Stückwerk hört auf - wenn das Vollkommene kommt

Die nächste und m.E. entscheidende Frage ist die nach dem "Wann?". 

Die Schlüsselstelle zur Exegese ist hier 1Kor 13:10 in Verbindung mit 13:12. 
Antwort:
  • Wenn „das Vollkommene“ kommen wird (V. 10) 

4. Das Vollkommene - was ist das?
Was aber ist dieses Vollkommene? Das fragliche Wort (teleioi/teleiois) kommt auch noch in 1Kor 2:6 und 1Kor 14:20 vor. Dort wird es mit „die Vollkommenen“ (tois teleiois: die Gereiften, die Vollendeten, die Erwachsenen), bzw. „vollkommen“ (teleioi: erwachsen) im Gegensatz zu „Kindern“ übersetzt.

Doch tauchen Begriffe des Wortstammes teleiois noch an anderen Stellen auf:
  • Mt 5:48 „Darum sollt ihr vollkommen sein, gleichwie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“
    (hier im Sinne von ‚ohne Mangel‘ = ‚vollkommen‘)
  • Php 3:15 „Wie viele nun unser vollkommen sind...“
    (hier im Sinne von ‚gereift‘ = ‚erwachsen‘)
  • Col 4:12  „...auf daß ihr bestehet vollkommen und erfüllt mit allem Willen Gottes.“
    (hier wieder im Sinne von ‚ohne Mangel‘ = ‚vollkommen‘)
  • Jas 1:4  „...auf daß ihr seid vollkommen und ganz und keinen Mangel habet.“
    (auch hier wieder im Sinne von ‚ohne Mangel‘, diesmal sogar explizit)
Wenn man das Zeugnis nicht nur von 1. Korinther sondern auch der Schrift darüber hinaus betrachtet, so ist keineswegs aus der Wortwurzel allein eindeutig abzulesen, ob die Übersetzung eher in Richtung von ‚erwachsen‘ oder eher in Richtung von ‚vollendet‘ gehen sollte. 


4b. Das Vollkommene - was könnte es sein?

So gibt es in Bezug auf 1Kor 13:10 mehrere, auch gegenwärtig noch immer diskutierte Möglichkeiten, die ich hier einmal wie folgt zusammenfassen möchte:
  1. Die Vollendung des Kanons des NT 
  2. Die Reife des Leibes Christi
  3. Die direkte Begegnung mit Gott (bei der Parousie, im Himmel, etc.)

5a. Das Vollkommene - wann kommt es?
Bemühen wir uns, die Bedeutung von to teleion in 1Kor 13:10 anhand der Optionen durch Analyse zu beantworten, so zeigt sich, dass der im direkten Kontext stehende Vers 12 den Vers 10 weiter konkretisiert, denn er beantwortet zwei wesentliche Fragen:

Erstens: "Wann kommt dieses Vollkommene?"
Antwort:
  • "dann" (Vers 12)

5b. Das Vollkommene - wann kommt es genau?

Das klingt natürlich nun etwas lapidar. Die Frage, die daher zu beantworten bleibt, ist: 
Zweitens: "Woran kann das Eintreffen dieses "dann" erkannt werden?"

Auch hier gibt Vers 12 Aufschluss: Es präzisiert das bereits Gesagte, indem es das "dann" in Bezug setzt zum "jetzt" und diesen Bezug anhand von konkreten Propositionen klar herausarbeitet, indem er die für das "jetzt" geltenden Propositionen den für das "dann" geltenden Propositionen gegenüberstellt:
"jetzt":
  • Blick durch einen Spiegel ein dunkles Bild
  • nur stückweise Erkenntnis (apostolische mit eingeschlossen! siehe oben)
"dann":
  • Blick "von Angesicht zu Angesicht"
  • Erkenntnis "wie ich erkannt bin"
Der wahre Schlüssel liegt also im "dann", denn es bezieht sich auf den Zeitpunkt an dem das Stückwerk aufhört und das "Vollkommene" kommt. Und dieses „dann“ wird konkretisiert und damit erkennbar an der Bewahrheitung von zwei Propositionen, die im „jetzt“ eben noch nicht bewahrheitet sind: 
  1. Der Blick von Angesicht [Gottes] zu Angesicht [des Menschen] und 
  2. die Erkenntnis, die von der Qualität ist, mit der ich [von Gott] erkannt bin.

6. Das Vollkommene - was es nicht ist

Nun da klar ist, woran sich der Zeitpunkt des "dann" erkennen lässt, an welchem die unvollkommenen Charismen aufhören werden, weil sie Stückwerk sind, nämlich an der direkten Begegnung mit Gott und, damit einhergehend, mit der unmittelbaren Erkenntnis Gottes, können wir versuchen die vor uns liegenden Optionen anhand der Propositionen einzuordnen in ein „jetzt“ und das „dann“:
1. Die Vollendung des Kanons des NT
Die Vollendung des Kanons des NT kann nicht gemeint sein, den sie impliziert keine Begegnung „von Angesicht zu Angesicht“, wie sie seit Mose (2Mo 33:11) niemandem mehr zuteil geworden ist (5Mo 34:10). Vielmehr begegnen wir Gott „jetzt“ „in einem dunkeln Wort“. Wie ‚dunkel‘, das merken wir daran, dass es dieses Postes hier bedarf, um etwas ‚Licht‘ in die ‚Dunkelheit‘ zu bringen.
2. Die Reife des Leibes Christi
Das Gleiche gilt für die Reife des Leibes Christi. Auch sie impliziert keine Begegnung „von Angesicht zu Angesicht“. Es ist also exegetisch nicht haltbar, das Vollkommene mit der Reife des Leibes Christi gleichzusetzen.
Das Vollkommene tritt also ganz sicher nicht schon bereits hier auf Erden ein.

Denn: wir „alle haben durch den Glauben Zeugnis überkommen und [noch] nicht empfangen die Verheißung" (Heb 11:39-40), vielmehr „sind [wir] wohl selig, doch in der Hoffnung. Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man des hoffen, das man sieht? So wir aber des hoffen, das wir nicht sehen, so warten wir sein durch Geduld.“ (Rö 8:24).


7. Das Vollkommene - was es ist

3. Die direkte Begegnung mit Gott (bei der Parousie, im Himmel, etc.)
Ganz sicher werden wir erst „dann“, das ist in der direkten Begegnung, Gott „von Angesicht zu Angesicht“ sehen. Ja die Begegnung mit Gott wird so unmittelbar und direkt sein, dass er alle Tränen von unseren Augen abwischen wird (Off 7:17, 21:4)
Auch werde ich „jetzt“ Gott nicht mehr „in einem dunklen Wort“ nur Bruchstückhaft erkennen (ginosko), sondern ich werde ihn vollständig (epi-ginosko) erkennen.
Allerdings werden wir in unserer Erkenntnis niemals an einen Punkt gelangen, wo wir Gott „zu Ende erkannt“ haben, denn ER ist unendlich. Jedoch werden wir im Himmel, wenn auch verherrlichte, so doch noch immer begrenzte Geschöpfe sein. Und doch werden wir Ihn „dann“ auf eine Weise erkennen, wie ER uns schon „jetzt“ erkennt. Unmittelbar und nicht mehr „durch einen Spiegel“.

Das Vollkommene muss also der Ewigkeitszustand sein, wenn wir in der Herrlichkeit Gott von Angesicht zu Angesicht begegnen und in der neuen, ewigen Schöpfung zur vollen Erkenntnis gelangt sind.

Erst dort wird es heißen: „Und es wird kein Verbanntes mehr sein. Und der Stuhl Gottes und des Lammes wird darin sein; und seine Knechte werden ihm dienen und sehen sein Angesicht; und sein Name wird an ihren Stirnen sein.“ (Offb 22:4)