Mittwoch, 7. Dezember 2011

„Ist die Bibel wirklich ‚Gottes Wort‘?“ – Teil 1a: Glaubwürdigkeit aus literaturhistorischer Sicht (Fragen & Antworten)

In Antwort auf den Blog-Eintrag „Fragen an den christlichen Glauben: „Ist die Bibel wirklich ‚Gottes Wort‘?“ – Teil 1: Glaubwürdigkeit aus literaturhistorischer Sicht“ erreichten mich einige Fragen und Anmerkungen, die in einem simplen Kommentar – vor allem unter der von mir gewünschten Angabe von Literaturhinweisen und Querverweisen – nicht zu beantworten waren.
Daher möchte ich die Fragen & Anmerkungen, sowie die darauf gegebenen Antworten & Hinweise hier als eigenständigen Blog-Eintrag vorstellen:

Fragen & Anmerkungen
  • «Was sind „fragliche Zeilen“ [im Sinne der Überlieferungsgenauigkeit des NT]?»
  • «Abschriften des NT existieren in der Überzahl, weil die Kirche alles andere unterdrückt hat.»
  • «Die zeitliche Nähe der Abfassung sollte eher mit > 150 Jahren angegeben werden, da die Kanonisierung der Bücher des NT erst „um 180 n.Chr.“ stattfand.»
  • «Die Jünger/Schreiber der Evangelien waren ‚Nutznießer‘ des „industriellen Komplexes Kirche.“»
  • «Man schließt ..., dass Jesus den ... Satz [zum Scheidungsrecht der Frauen] ... nicht geäußert haben [kann].»
  • «...der Vergleich der Bibel mit der Ilias ist gut gewählt... In beiden werden Freiheiten des Autors (der Autoren) mit historischen Elementen vermischt und zu Kernaussagen im Rahmen einer Erzählung verdichtet.»
  • «Für eine Vorschrift, wie ich mein Leben ausrichten sollte, benötige ich mehr Fundierung.»

Antworten & Hinweise
Fragliche Zeilen
„Fragliche Zeilen“ sind solche, die aufgrund fragmentarischer Schriftstücke nicht, oder nur ungenau übersetzt werden können. Die Zahlen stammen von Norman Geisler, Theologe und Philosoph (B.A, M.A., Th.B., and Ph.D in Philosophie), sowie William Nix, Professor am Christian Heritage College.

Norman Geisler, William Nix, “A General Introduction to the Bible”, 1968, Chicago, Moody Press, S. 366+367. ISBN-13: 978-0802429162.

Überzahl der Abschriften
Sicher hat die Kirche, insbesondere im Mittelalter, durch schwere Verstöße gegen das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe, sowie der Vorenthaltung der Wahrheit, Geldgier und anderer Sünden schwerste Schuld auf sich geladen.
Das ist eine wichtige, schwerwiegende und vor allem berechtigte Kritik an der Kirche.

Dennoch macht sie keine Aussage über die Genauigkeit der Überlieferung, bzw. über die Historizität archäologischer Funde: Bei den genannten Texten handelt es sich nicht allein um Abschriften aus der „Machtzeit“ der Kirche, sondern auch um überlieferte griechische Handschriften. Die Anzahl noch vorhandener griechischer Handschriften beläuft sich dabei auf 5.686. Das sind ca. 9x (!) so viele Handschriften, wie Abschriften von der Ilias Homers existieren (siehe auch: Josh McDowell, „Die Fakten des Glaubens“, 2003, S.118 (ISBN-10:
3-7751-1869-1).
In den Anfangsjahren, das bezeugen auch außerbiblische Geschichtsschreiber, war die Kirche nicht der gemeinhin bekannte „Machtkoloss“ heutiger oder mittelalterlicher Tage, der die Redaktion der historischen Geschichtsschreibung hätte beeinflussen können. Vielmehr wurden die Christen im ersten und angehenden zweiten Jahrhundert, z.B. von Sueton eher als „lästige Sekte“ empfunden. Dieses ‚Aberglaubens‘, so glaubte z.B. noch Plinius der Jüngere, könne man sich durch Folter(!) und erzwungene Abgötterei entledigen (siehe „Außerchristliche Notizen zu Jesus von Nazareth“ in Wikipedia).

[NOTIZ: Die restlichen >19.284 Manuskripte sind Abschriften in verschiedensten Sprachen – über 10.000 davon in lateinischer Sprache. Eine
Handschriftenliste kann bei der Universität Münster / Westf. eingesehen werden.]

Zeitliche Nähe der Abfassung
Die zeitliche Nähe zur Abfassung ergibt sich nicht aus der Kanonisierung – die ab 140 n.Chr. bis ins 4. Jahrhundert stattfand und mit dem Osterbrief des Athanasius 367 n.Chr. verbindlich festgeschrieben wurde (siehe Bechhaus) – sondern aus der Differenz des Datums der Abfassung der archäologischen Fundstücke und dem Zeitpunkt der darin beschriebenen Ereignisse.
Der Zeitpunkt ihrer Aufnahme in den biblischen Kanon ist für die Betrachtung der „zeitlichen Nähe zur Abfassung“ also belanglos. Vielmehr datieren die ältesten dieser Handschriften auf ca. 36 Jahre nach Christi Tod, wurden also bereits zu Lebzeiten der Augenzeugen abgefasst und nicht 150 Jahre später.

Die Jünger/Evangelisten als ‚Nutznießer‘
Die Schreiber der Evangelien waren nicht zwingend Jünger, so, wie etwa Matthäus oder Johannes und auch nicht zwingend Apostel, wie allein Johannes, sondern z.B. Gefolgsleute der Apostel, wie Markus oder Historiker & Arzt, wie Lukas.

Die ersten Christen wurden ihres Glaubens wegen zu Tode gefoltert (siehe „Außerchristliche Notizen zu Jesus von Nazareth“ in
Wikipedia) und – wie allgemein bekannt – in den römischen Arenen zum Spektakel der Massen an die Löwen verfüttert.

Auch von den 12 Aposteln starben alle bis Johannes den Märtyerertod, d.h. sie wurden auf grausame Art und Weise zu Tode gefoltert, weil sie an der Wahrheit dessen fest hielten, was sie beobachtet hatten und bezeugten: das Jesus der Christus ist; Gott in Menschlicher Gestalt:
„Das Wort, das zum Leben führt, war von Anfang an da. Wir haben es selbst gehört. Ja, wir haben es sogar mit unseren eigenen Augen gesehen und mit unseren Händen berührt. Dieses Leben hat sich uns gezeigt. Wir haben es gesehen und können es bezeugen. Deshalb verkünden wir die Botschaft vom ewigen Leben. Es ist von Gott, dem Vater, gekommen, und er hat es uns gezeigt. Was wir nun selbst gesehen und gehört haben, das geben wir euch weiter, damit ihr mit uns im Glauben verbunden seid.“ (1. Joh 1:1-3a)

Inwiefern man angesichts von Märtyrertoden von ‚Nutznießern‘ oder ‚ Vorteilsnehmern‘ reden kann oder sollte, scheint angesichts des historischen Blutvergießens äußerst fragwürdig.

Markus, Jesus und die Scheidungsfrage
Das Markus-Evangelium wurde „vorwiegend für eine heidenchristliche Gemeinde niedergeschrieben“, es wird jedoch angenommen, „dass auch judenchristliche Gemeindemitglieder zu den Hörern/Lesern Markus' zählten“ (siehe Wikipedia).

Für die betrachtete Scheidungsfrage macht das jedoch keinen Unterschied.

Die im NT gelehrte Gleichstellung von Mann und Frau – „...in dem Herrn ist weder die Frau etwas ohne den Mann noch der Mann etwas ohne die Frau...“ (1. Kor. 11:11) – wurde im Leben Christi schon allein dadurch deutlich, dass er Frauen zu seinen ‚Jüngern‘ (=Schülern!) zählte, was unter damaligen Rabbis absolut undenkbar war.

Die Schlussfolgerung ist also falsch. Markus hat sich nicht geirrt, sondern er zitiert lediglich Jesus, der auch schon vor der Niederschrift des NT sehr frauenfreundlich war. Wer das NT gelesen hat, ist über diese Tatsache nicht erstaunt, sondern weiß um diese Dinge.

Vergleich von Bibel und Ilias
Der Vergleich der Bibel mit der Ilias stammt von F.F. Bruce, Professor für Bibelkritik und Exegese an der Universität von Manchester sowie Bruce M. Metzger, Professor für Neutestamentliche Sprache und Literatur des Princeton Theological Seminary.
Der Vergleich wurde übrigens angestellt, um die Genauigkeit der Überlieferung zu vergleichen – und nicht um beide Texte dem Genre der Erzählung zuzuordnen. Für die ‚Ilias‘ scheint diese Zuordnung jedoch zutreffend zu sein.
F.F. Bruce war einer der einflussreichsten Neutestamentler in der britischen Theologie des 20. Jahrhunderts (weitere Infos zu F.F. Bruce, siehe Wikipedia).
Metzger war einer der führenden Experten für die Textkritik des Neuen Testaments und hat an mehreren Bibelübersetzungen mitgewirkt. Er gehörte zu den Editoren des Nestle-Aland Novum Testamentum Graece (weitere Infos zu Bruce M. Metzger, siehe Wikipedia).

Die Autorität der Schrift
Wenn das übereinstimmende Zeugnis der Evangelien, wie die innere Harmonie der verschiedenen Bücher der Heiligen Schrift (und das trotz der Jahrtausende währenden Geschichte und der Unzahl verschiedener Autoren), das minutiöse Eintreffen göttlicher Prophetie, die überwältigende Anzahl erhaltener Handschriften, das übereinstimmende Zeugnis von Archäologie und biblischen Angaben, etc. pp. nicht ausreichen, dann scheint mir das Problem nicht an einem „Mangel an Fundierung“ zu liegen.
Und das bringt mich zu meinem wichtigsten Punkt:
Immer wieder ist festzustellen, dass von Kritikern Argumente ins Feld geführt werden, die den Anschein erwecken, dass das Objekt der Betrachtung, trotz aller geäußerten Kritik, entweder gar nicht oder zumindest nicht vollständig studiert wurde. In solcher Weise Kritik zu üben ist jedoch unwissenschaftlich; und das aus gutem Grund:

Zur Kritik an einer Sache berechtigt vor allem die Kenntnis der Sache selbst – und nicht die Aussage von Meinungen über die Sache. Kein Wissenschaftler würde es wagen, Einsteins Relativitätstheorie so scharf zu kritisieren, nur weil die Zeitdilatation – nach Meinung einer überwältigenden Mehrheit – nicht in die altbekannte Vorstellungswelt Newtons hinein zu passen scheint. Vielmehr ist es zu Recht gängige Praxis, zuerst die Quellen zu studieren, sodann Sekundärliteratur zu bemühen, um erst am Ende zu einem Urteil zu kommen; in diesem Falle: dass Einstein Recht hat. Somit würde ich mir eben genau das für die Zukunft dieses Blogs wünschen: Die Äußerung von Kritik, die sich auf eingehende und persönliche Kenntnisse der Sache stützt – und, wo dieses Wissen noch nicht vorhanden ist, Fragen zu stellen. Nur so ist eine fundierte Auseinandersetzung auch öffentlich möglich. Ziel dieses Blogs ist nicht der polemische Meinungsabtausch, sondern die aufrichtige Suche nach Wahrheit – basierend auf wissenschaftlich nachweisbaren Fakten.
In diesem Sinne: Anbei die Stimmen etlicher renommierter Wissenschaftler namhafter Universitäten, welche sich, nach zum Teil jahrzehntelangem Studium der Fakten, zum Thema „Glaubwürdigkeit des Neuen Testaments“ zu äußern wagten. Ihr Urteil ist einhellig: Dass es sich bei den Berichten des NT nicht, wie oft vermutet, um eine mythische Erzählung wie der ‚Ilias‘ handelt, sondern um einen Bericht historischer Tatsachen:

Stimmen renommierter Wissenschaftler
C.S. Lewis, Professor für Literatur in Cambridge
Lewis war Literaturwissenschaftler und lehrte am Magdalen College. Dort hatte er den Lehrstuhl für englische Literatur des Mittelalters und der Renaissance an der University of Cambridge inne. Lewis nahm Stellung gegen jene, die meinten, die Evangelien würden aus erfundenen Legenden bestehen:
"Als Literaturhistoriker bin ich restlos davon überzeugt, dass die Evangelien keine Legenden sind - was immer sie auch sonst sein mögen. Ich habe sehr viele Legenden gelesen, und es ist für mich eindeutig, dass die Jesusgeschichten nicht in diese Gattung passen. Sie sind nicht kunstvoll genug, um Legenden zu sein. In der Darstellung ihrer Inhalte sind sie unbeholfen, sie arbeiten die Dinge nicht sauber heraus. Der größte Teil des Lebens Jesu bleibt uns genau so unbekannt wie das Leben irgendeines seiner Zeitgenossen. Kein Volk, das einen seiner Helden zum legendären Heiligen erheben wollte, würde so etwas zulassen. Auch kenne ich, außer einigen Teilen aus den platonischen Dialogen, in der Literatur des Altertums keinerlei Gespräche, wie sie etwa im Johannesevangelium vorkommen. Bis fast in unsere Zeit gab es sie einfach nicht. Erst vor etwa hundert Jahren, mit dem Aufkommen des realistischen Romans, fand das Gespräch Eingang in die Literatur. Und noch ein anderer Aspekt: In der Geschichte von der Ehebrecherin wird uns erzählt, Jesus habe sich gebückt und mit dem Finger etwas in den Staub gekritzelt. [„Dies aber sagten sie, ihn zu versuchen, damit sie etwas hätten, um ihn anzuklagen. Jesus aber bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf die Erde.“ (Joh 8:6)] Dieser Hinweis bringt nichts ein. Niemand hat je eine Lehre darauf gegründet. Aber solch kleine unbedeutende Details nur zu erfinden - das wäre ein ganz moderner Kunstgriff. Ist nicht die einzige Erklärung für diese Schilderung die, dass es sich wirklich so zugetragen hat? Der Schreiber erzählte es, einfach weil er es gesehen hatte."
C.S. Lewis, „Gott auf der Anklagebank“, Kap 9: „Was sollen wir mit Jesus Christus anfangen?“, S. 96. (vgl. „Sind die Evangelien wirklich Legenden?“). Im engl. Original ist dieses Essay entnommen aus „Asking Them Questions“, Third series, herausgegeben von Ronald Selby Wright (Oxford University Press, 1950), S.95-104. ISBN-13 der deutschen Ausgabe: 978-3765534720.

Will Durant – Philosoph, Historiker & Pulitzer-Preisträger
Der Historiker Will Durant besaß große Erfahrung im Umgang mit der Überprüfung historischer Ereignisse und analysierte sein Leben lang antike Aufzeichnungen. Er schrieb über die Meinung einiger, die Evangelien seien erfunden worden:
"Obwohl die Schreiber der Evangelien sich ganz klar zu Jesus bekennen, berichten sie doch von vielen Begebenheiten, die verschwiegen worden wären, wenn es sich bei den Evangelien um reine Dichtung handeln würde, zum Beispiel das Buhlen der Apostel um die höchsten Plätze im Himmelreich [Mt 20,20–28; Mk 10,35–45], ihre Flucht nach Jesu Festnahme [Mt 26,47-56; Mk 14,43–50], die Verleugnung des Petrus [Mt 26,69-75; Mk 14,66–72; Lk 22,56–62; Joh 18,15–18.25–27], die Bemerkungen einiger Zuhörer Jesu gegenüber bezüglich seines möglichen Wahnsinns [Mk 3,21; Joh 10,20], sein verzweifelter Schrei am Kreuz [Mt 27,46; Mk 15,34]. Beim Lesen spürt man, wie real die Szenen und Handelnden beschrieben werden. Sollte eine Handvoll einfacher Männer tatsächlich eine solch gewaltige Persönlichkeit wie Jesus, eine solch erhabene Ethik und eine solch beeindruckende Idee von Brüderschaft unter den Menschen aus dem Nichts erfunden haben, grenzte dies an ein weit unglaublicheres Wunder als irgendein in den Evangelien beschriebenes Wunder. Auch nach zwei Jahrhunderten historischer Bibelkritik sind das Leben, Reden und Wesen Christi unbeschadet geblieben. Er ist die faszinierendste Person in der Geschichte der westlichen Welt."
Will Durant, Caesar and Christ, the Story of Civilisation, New York, 1944, S.557. Deutsch: Caesar und Christus (Die Geschichte der Zivilisation, Band 3), Bern 1949. ASIN der deutschen Auflage von 1957 (Bernd Francke Verlag): B006ECBE2Q.

F.F. Bruce – Professor für Bibelkritik und Exegese an der Universität von Manchester
"Wir haben viel mehr Unterlagen für die neutestamentlichen Schriften als für die meisten Schriften der klassischen Autoren, deren Echtheit anzuzweifeln niemand einfallen würde. Wäre das Neue Testament eine Sammlung von weltlichen Schriften, so wäre seine Echtheit im Allgemeinen über allen Zweifel hoch erhaben. Es ist eine seltsame Tatsache, dass Historiker den neutestamentlichen Schriften oft viel bereitwilliger Vertrauen geschenkt haben als viele Theologen."
F.F. Bruce, „Das Neue Testament: glaubwürdig, wahr, verläßlich“, Verlag der Liebenzeller Mission, Bad Liebenzell, 1997, übs. des engl. Originals: The New Testament Documents - are they reliable?, 1943. ISBN-13: 978-3880026421.

Prof. Kurt Aland – Institut für neutestamentliche Textforschung an der Universität Münster
Nach 40jähriger Forschungsarbeit stellte Prof. Kurt Aland vom Institut für neutestamentliche Textforschung an der Universität Münster zur Überlieferung des Neuen Testaments fest: "Der Text des Neuen Testaments ist hervorragend überliefert, besser als der jeder anderen Schrift der Antike; die Aussicht, dass sich Handschriften finden, die seinen Text grundlegend verändern, ist gleich Null."
Kurt Aland, Das Neue Testament zuverlässig überliefert. Die Geschichte des neutestamentlichen Textes und die Ergebnisse der modernen Textforschung, Reihe: Wissenswertes zur Bibel, Teil 4, Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart, 1986, S.28. ASIN der Ausgabe von 1993: B0052U73C6.

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